Europas eigenes Satellitennetz IRIS² geht in die Bauphase. Die größte Überraschung steht im Auftragsbuch: Nicht der Luftfahrtkonzern Airbus baut den Großteil der 348 Satelliten, sondern das belgische Start-up Aerospacelab. Diese Verteilung ordnet Europas Raumfahrt neu.

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen

Die EU-Kommission und das Betreiberkonsortium SpaceRISE haben den Ausbau von IRIS² am 7. August 2026 besiegelt und die Konstellation auf 348 Satelliten aufgestockt.[1] Wenige Tage später wurde bekannt, wer die Hardware liefert. Die Antwort verschiebt die Gewichte in Europas Raumfahrtindustrie spürbar.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das belgische Start-up Aerospacelab baut laut Handelsblatt bis zu 264 der 348 IRIS²-Satelliten, im Wert von mindestens 1,8 Milliarden Euro.
  • Der deutsche Hersteller OHB übernimmt die 18 größeren MEO-Satelliten für rund 1 Milliarde Euro.
  • Airbus baut nur noch die 66 militärischen Ka-Band-Satelliten und verliert den Großteil des Serienbaus.
  • Das Gesamtprogramm kostet inzwischen 15,6 Milliarden Euro, fast 50 Prozent mehr als vor zwei Jahren geschätzt.

Wie fällt der Auftrag für IRIS² aus?

Zwei Satellitenmodelle stehen auf einem weißen Siegerpodest vor hellem Hintergrund
IRIS² Satellitennetz mit 348 Satelliten ab 2029 für abhörsichere Kommunikation von Behörden, Militär und Krisendiensten in Europa

Das Satellitennetz IRIS² soll Europa eine eigene, abhörsichere Verbindung für Behörden, Militär und Krisendienste geben, unabhängig von kommerziellen Anbietern. Nach der Einigung vom 7. August 2026 umfasst die Konstellation 348 Satelliten, davon 330 im niedrigen und 18 im mittleren Erdorbit.[1] Die ersten Starts rückten auf 2029 vor.[1]

Den größten Brocken sicherte sich nach einem Bericht des Handelsblatts Aerospacelab, ein erst 2018 gegründetes Start-up aus Belgien: bis zu 264 der 348 Satelliten für mindestens 1,8 Milliarden Euro. OHB aus Bremen baut die 18 anspruchsvolleren MEO-Satelliten für rund 1 Milliarde Euro. Für Airbus bleiben die 66 militärischen Ka-Band-Satelliten. Offiziell bestätigt sind die genauen Anteile noch nicht.

Warum verliert Airbus gegen ein Start-up?

Der Grund liegt im Produktionsmodell. Aerospacelab baut in Charleroi eine sogenannte Megafactory, die bis zu 500 kleine Satelliten pro Jahr am Fließband fertigt, standardisiert und in Stückzahlen. Dieses Prinzip der industriellen Serienfertigung hat SpaceX mit Starlink groß gemacht. Standardisierte Kleinsatelliten unterbieten die klassische, weitgehend handwerkliche Fertigung großer Einzelsatelliten deutlich beim Preis.

Airbus dominierte den europäischen Satellitenbau jahrzehntelang mit großen, teuren Plattformen. Genau dieses Modell gerät nun unter Druck, weil IRIS² auf viele günstige Standardsatelliten setzt. Der Konzern behält mit den militärischen Ka-Band-Satelliten die technisch heikelste Nutzlast, verliert aber den lukrativen Serienbau der Masse.

Europa lernt gerade, dass Souveränität im Orbit nicht dem größten Namen gehört, sondern dem effizientesten Fließband. Dass Airbus beim eigenen Prestigeprojekt nur noch die Militärnutzlast baut, ist ein Weckruf für die gesamte europäische Raumfahrt.

— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
IRIS²: Wer baut Europas Satellitenflotte?
348 Satelliten, 15,6 Milliarden Euro Gesamtkosten, erste Starts ab 2029
264
von 348 Satelliten
Aerospacelab (Belgien), Serienbau, mindestens 1,8 Milliarden Euro
18
MEO-Satelliten
OHB (Bremen), größere Höhe, rund 1 Milliarde Euro
66
Militärsatelliten
Airbus, Ka-Band-Nutzlast, bisheriger Marktführer beim Serienbau
Ergebnis der Bauphase: 60 Prozent mehr sichere Regierungskapazität in der EU, weitgehend unabhängig von außereuropäischen Netzen wie Starlink.

Was bedeutet IRIS² für Europas Souveränität?

Für Europas digitale Souveränität ist der Auftrag ein doppeltes Signal. OHB sichert sich mit den MEO-Satelliten den technologisch anspruchsvollen Teil und stärkt den Standort Bremen. Auch anderswo in Deutschland entstehen inzwischen Fabriken für die Serienfertigung von Satelliten. Zugleich zeigt der Zuschlag an ein belgisches Start-up, dass industrielle Skalierung in der Raumfahrt inzwischen mehr zählt als Konzerngröße.

Bis IRIS² 2029 die ersten Satelliten in den Orbit bringt, bleibt Europa auf kommerzielle Netze wie Starlink angewiesen. Das Programm ist mit inzwischen 15,6 Milliarden Euro fast 50 Prozent teurer als vor zwei Jahren geplant. Für Entscheider in sicherheitskritischen Branchen heißt das: Eine wirklich souveräne europäische Alternative kommt, aber erst gegen Ende des Jahrzehnts.

Was ist IRIS²?

IRIS² (Infrastructure for Resilience, Interconnectivity and Security by Satellite) ist das geplante Satellitennetz der Europäischen Union für sichere, staatlich kontrollierte Kommunikation. Die Konstellation umfasst 348 Satelliten in niedriger und mittlerer Erdumlaufbahn und soll Behörden, Militär und Krisendiensten eine von außereuropäischen Anbietern unabhängige Verbindung bieten. Die ersten Satelliten sollen 2029 starten.

Wer baut die IRIS²-Satelliten?

Den Großteil baut laut Handelsblatt das belgische Start-up Aerospacelab: bis zu 264 der 348 Satelliten für mindestens 1,8 Milliarden Euro. Der Bremer Hersteller OHB übernimmt die 18 größeren MEO-Satelliten für rund 1 Milliarde Euro, Airbus baut die 66 militärischen Ka-Band-Satelliten. Offiziell bestätigt sind die genauen Anteile noch nicht.

Was kostet das IRIS²-Programm?

Das Gesamtprogramm kostet nach aktuellem Stand rund 15,6 Milliarden Euro, fast 50 Prozent mehr als die Schätzung von vor zwei Jahren. Finanziert wird IRIS² gemeinsam aus dem EU-Haushalt, von Mitgliedstaaten und dem Betreiberkonsortium SpaceRISE aus SES, Eutelsat und Hispasat.

Quelle

[1] Europäische Kommission: „The European Union is accelerating and reinforcing IRIS²“ (7. August 2026)

Mehr Newshunger?

4,3 17 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?