Ohne hochreines Quarzglas verlässt kein Wafer die Fabrik. Ein Werkstoff, den kaum jemand kennt, wird zum Nadelöhr der Chipfertigung, und Heraeus fährt dafür eine bereits stillgelegte Produktion wieder an.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenQuarzglas steht in keinem Datenblatt eines KI-Chips, und doch hängt jede Waferfertigung daran. Als die Chipnachfrage 2024 einbrach, ging bei Heraeus in Greppin bei Bitterfeld eine Linie in den Stillstand. Jetzt läuft sie wieder an, wie die Mitteldeutsche Zeitung berichtet, und der Grund sitzt in den Rechenzentren.
Das Wichtigste in Kürze
- Heraeus fährt in Greppin bei Bitterfeld eine zuvor stillgelegte Quarzglasproduktion wieder hoch.
- Hochreines Quarzglas ist unverzichtbar für Tiegel, Rohre und Träger in der Waferfertigung.
- SEMI erwartet bis 2028 ein Kapazitätsplus von 69 Prozent bei fortschrittlichen Chips, getrieben von KI.
- Für Europa ist der Werkstoff ein strategisches Nadelöhr, das kaum jemand auf dem Schirm hat.
Warum läuft ein stillgelegtes Werk wieder an?

Der Auslöser liegt nicht in Greppin, sondern in der Auftragslage der Chipindustrie. Nach dem Einbruch von 2024 zieht die Nachfrage nach Fertigungsmaterial wieder scharf an, und Quarzglas gehört zu den Verbrauchsgütern, die jede Fabrik laufend nachordert. Eine Produktion, die im Abschwung gedrosselt wurde, rechnet sich damit erneut.
Anders als eine ganze Chipfabrik lässt sich eine solche Glaslinie vergleichsweise schnell reaktivieren. Eine wieder angeworfene Linie taugt so als Frühindikator: Ihr Anlauf signalisiert anhaltende Nachfrage, kein kurzes Zwischenhoch. Damit reiht sich Quarzglas in andere versteckte Engpässe des KI-Booms ein, von den Schaltanlagen bis zur Stromversorgung der Rechenzentren.
Was hat Quarzglas mit dem KI-Boom zu tun?
Hochreines Quarzglas ist der unsichtbare Werkstoff der Halbleiterfertigung. Tiegel, Rohre, Glocken und Träger, in denen Wafer bei über 1.000 Grad diffundiert, oxidiert und beschichtet werden, bestehen aus geschmolzenem Quarz. Kein anderer Werkstoff hält diese Reinheit und Temperatur zugleich aus.
Genau hier schlägt die KI-Nachfrage durch. SEMI rechnet bis 2028 mit 69 Prozent mehr Kapazität für fortschrittliche Chips, und die fortschrittliche Fertigungskapazität überschreitet 2026 erstmals eine Million Wafer pro Monat.[1] Jede zusätzliche Fabrik verbraucht mehr Quarzglas, ähnlich wie sich die Autoindustrie zuletzt Microns Speicherchips gesichert hat, und der Markt teilt sich auf wenige Anbieter auf.
Der eigentliche Engpass des KI-Zeitalters sind selten die Chips selbst, sondern die Vorprodukte, die niemand auf der Rechnung hat. Ein Anbieter, der Quarzglas kontrolliert, kontrolliert ein Stück der Fertigung.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was bedeutet das für den Standort Europa?
Für die europäische Chippolitik ist der Werkstoff ein blinder Fleck. Der EU Chips Act zielt auf Fabriken und Fördergelder, doch ohne Materiallieferanten wie Heraeus bleibt jede geförderte Fabrik von wenigen Zulieferern abhängig, viele davon in Japan. Souveränität endet nicht beim Chipdesign, das inzwischen sogar Software allein übernehmen kann.
Für Entscheider im deutschen Mittelstand liegt die Lehre eine Ebene tiefer, bei der Lieferkette vor dem Endprodukt. Investitionen in Halbleiter, Sensorik oder Leistungselektronik verlangen einen Blick auf die Verfügbarkeit der Vorprodukte, nicht nur auf die der Chips, wie es sich beim Aus- und Umbau der SiC-Fertigung zeigt.
Ob Greppin dauerhaft ausgelastet bleibt, hängt am Investitionszyklus der Fabriken. Bis dahin gilt: Der stille Werkstoff verdient in jeder Standort- und Beschaffungsstrategie einen Platz, den er bisher nicht hat.
Quelle
[1] SEMI: „SEMI Forecasts 69% Growth in Advanced Chipmaking Capacity Through 2028 Due to AI“
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