Ottobock hat auf der Weltleitmesse OTWorld in Leipzig ein Prothesenknie vorgestellt, das sich an eine bislang schlecht versorgte Gruppe richtet: aktive Jugendliche und leichte Erwachsene. Das Modell dynion explore soll die Lücke zwischen der Kinderprothese und dem teuren Hightech-Knie schließen. Dahinter steckt mehr als ein Produkt, nämlich eine Strategie für die gesamte Versorgungsbiografie.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas dynion explore von Ottobock richtet sich an Menschen bis 60 Kilogramm Körpergewicht, die ihre Prothese im Sport stark beanspruchen. Genau in dieser Spanne sind viele junge Amputierte bisher zwischen zwei Systemen hindurchgefallen. Der Weltmarktführer aus Duderstadt will das ändern und junge Nutzer früh an das eigene Hightech-Knie binden.
Das Wichtigste in Kürze
- dynion explore ist ein hydraulisches Kniegelenk mit Standphasenkontrolle für Nutzer bis 60 Kilogramm.
- Zielgruppe sind aktive Jugendliche und leichte Erwachsene, die klassische Kinderknie entwachsen sind.
- Premiere war auf der OTWorld 2026 in Leipzig, die Auslieferung startet in Europa, den USA und China.
- Strategischer Kern ist der frühe Einstieg in die mikroprozessorgesteuerte Prothetik von Ottobock, etwa das Genium X4.
Warum Jugendliche zwischen zwei Prothesen-Welten stehen

Ein zwölfjähriges Kind wächst, wiegt wenig und beansprucht seine Prothese hart. Kinderkniegelenke sind darauf ausgelegt, doch mit dem Wachstum werden sie zu klein. Die mikroprozessorgesteuerten Knie für Erwachsene, etwa das Genium X4, sind für einen 45 Kilogramm leichten Teenager dagegen zu schwer, zu groß und zu teuer.
In dieser Spanne entsteht eine Versorgungslücke. Ist ein Nutzer zu leicht für das Erwachsenensystem und zugleich zu alt für die Kinderprothese, bleibt oft nur ein technischer Kompromiss. Genau an diesem Problem hinter der Meldung setzt Ottobock mit einem eigenen Zwischenprodukt an. Was Bionik und Robotik für die Medizintechnik leisten, ordnet unser Überblick für Entscheider ein.
Was das dynion explore technisch leistet
Das neue Gelenk arbeitet mit einer Hydraulik, die eine kontrollierte Standphase ermöglicht. Unter Last beugt es dosiert nach, sodass Treppen und Rampen sicherer werden. Eine manuelle Sperre erlaubt festes Stehen, ein Knopf schaltet in den Radfahrmodus.
Robust ist das Aluminiumgelenk auch im Wasser, ob Süß-, Salz- oder Chlorwasser. Kombinieren lässt es sich mit 3D-gedruckten Silikonlinern der Reihe iconiq, dem Quickchange-Adapter sowie den Prothesenfüßen Taleo und Evanto.
Der eigentliche Clou liegt im Bewegungslernen. Ein früher Umgang mit Standphasenkontrolle gewöhnt junge Nutzer an ein Gangmuster, das den späteren Umstieg auf ein mikroprozessorgesteuertes Knie erleichtert.[1] „Wir wollen hochwertige Mobilitätslösungen über alle Lebensphasen hinweg verfügbar machen“, sagt Arne Jörn, COO und CTO von Ottobock.
Das dynion explore ist kein bloßes Nischenprodukt, sondern ein Türöffner. Ottobock bindet junge Patienten früh an das eigene Ökosystem und sichert sich damit die Versorgung über Jahrzehnte.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Das dynion explore von Ottobock in Zahlen
Was der Griff in die Lücke über Ottobocks Strategie verrät
Die Rechnung dahinter ist die einer Versorgungsbiografie. Vom Kinderknie über das dynion explore bis zum Genium X4 bleibt der Nutzer im selben System, was wiederkehrende Umsätze über Jahrzehnte sichert.
Diese Logik erklärt auch den Börsengang: Im Oktober 2025 hat Ottobock in Frankfurt rund 808 Millionen Euro eingesammelt, den größten deutschen Börsengang des Jahres, und ist mit etwa 4,2 Milliarden Euro bewertet worden.[2] 2024 hat der Konzern 1,6 Milliarden Euro umgesetzt und beschäftigt heute rund 9.300 Menschen weltweit.
Das Muster reicht über die Prothetik hinaus. Mit dem Zukauf von Fesia baut Ottobock die Neuro-Orthetik aus, parallel treibt die Branche Exoskelette voran, etwa das stärkste der Welt von German Bionics. Auch klassische Industriekonzerne besetzen das Feld, wenn Bosch und Schunk gemeinsam die Roboterhand bauen.
Für den Standort zählt der regulatorische Rahmen. Die EU-Medizinprodukteverordnung MDR hat die Zulassung gerade für Nischenprodukte verteuert, während Prothesen in Deutschland als Hilfsmittel über die gesetzliche Krankenversicherung erstattet werden. Für die medizinisch notwendige Versorgung Jugendlicher ist das ein Vorteil, den kleinere Anbieter ohne eigenes Ökosystem schwerer heben.
Für Sanitätshäuser und Kostenträger lohnt der genaue Blick: Das dynion explore verschiebt die Auswahl bei jungen Amputierten und bindet sie früh an einen Hersteller. In der Beschaffung sollten Ökosystem-Bindung und Erstattungsfähigkeit zusammen bewertet werden, nicht allein der Einzelpreis.
Quellen
[1] Ottobock: Produktankündigung „dynion explore“ (Newsroom) ↩
[2] Ottobock Investor Relations: Börsengang und Kennzahlen ↩
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