Ottobock übernimmt den spanischen Spezialisten Fesia Technology und holt sich damit funktionelle Elektrostimulation ins Haus. Für Entscheider in Medizintechnik und Reha ist das mehr als eine Personalie: Der Konzern baut planvoll eine Plattform für Neuro-Orthetik auf.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenNeuro-Orthetik ist der Bereich, in dem Ottobock 2026 am schnellsten zukauft. Mit rund 20 Beschäftigten im baskischen Donostia ist Fesia Technology ein Winzling, doch die Technik zielt auf einen Markt, der mit jeder alternden Gesellschaft wächst.
Das Wichtigste in Kürze
- Ottobock kauft den FES-Spezialisten Fesia Technology; das Closing wird in etwa sechs Monaten erwartet, der Kaufpreis bleibt vertraulich.
- Funktionelle Elektrostimulation schickt Stromimpulse an geschwächte Muskeln und löst Bewegung aus, statt das Gelenk nur passiv zu stützen.
- Der Zukauf reiht sich in eine Serie: erst der Mollii-Elektroanzug von Exoneural, jetzt Fesia.
- Zielgruppen sind Menschen nach Schlaganfall sowie mit Multipler Sklerose, Zerebralparese oder Rückenmarksverletzung.
Was unterscheidet funktionelle Elektrostimulation von einer klassischen Orthese?

Aktiv statt passiv: Eine klassische Orthese stabilisiert und korrigiert die Stellung eines Gelenks, bleibt dabei aber ein starrer Stützapparat. Funktionelle Elektrostimulation, kurz FES, setzt eine Ebene tiefer an.
Kleine Elektroden schicken gezielte Stromimpulse an gelähmte oder geschwächte Muskeln und lösen eine funktionale, möglichst natürliche Bewegung aus.[2] Nach Angaben von Ottobock fördert das zugleich den Aufbau neuer Nervenverbindungen.[1]
Neuroplastizität: Genau dieser zweite Effekt ist der eigentliche Hebel. Bei einer Fußheberschwäche nach dem Schlaganfall hebt der Impuls den Vorfuß im richtigen Moment des Schritts, während das Nervensystem den Ablauf neu einübt. Wie Bionik dem Körper Bewegung zurückgibt, ordnet unser Robotik-Ratgeber 2026 ein.
Warum kauft ein Milliardenkonzern ein 20-Personen-Startup?
Bausteine einer Plattform: Der Zukauf steht nicht allein. Anfang 2026 hat Ottobock bereits das schwedische Startup Exoneural Network samt dem Exopulse Mollii Suit integriert, einem Elektroanzug gegen Spastik. FES-Orthesen, Neuromodulation und die vorhandene Prothetik fügen sich so zum Versorgungskonzept Neuro-Mobility zusammen.
Kapitalmarktdruck: Ottobock hat 2024 einen Umsatz von 1,6 Milliarden Euro und 143,3 Millionen Euro EBIT erzielt, beschäftigt rund 9.300 Menschen in 45 Ländern und hält über 2.600 Patente.[1] Seit dem Börsengang im Oktober 2025, dem größten deutschen IPO des Jahres, zählt zusätzlich das Wachstumsversprechen an die Aktionäre.
Kleine, hochspezialisierte Teams liefern die Technologie, der Konzern den weltweiten Vertrieb. Fesia-Chef Haritz Zabaleta nennt genau das den Reiz des Deals: „Der Zusammenschluss mit Ottobock eröffnet uns die einzigartige Möglichkeit, diese Innovation weltweit zu skalieren.“
Ottobock kauft keine einzelnen Produkte, sondern setzt ein Betriebssystem für die neurologische Reha zusammen. Der Wettbewerb entscheidet sich künftig daran, welcher Anbieter die spezialisierten Technologieteams zuerst einsammelt.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Der Zukauf von Fesia Technology in Zahlen
Was bedeutet das für den DACH-Markt?
Regulatorik: FES-Systeme sind Medizinprodukte und fallen unter die EU-Medizinprodukteverordnung (MDR); die Erstattung läuft über das Hilfsmittelverzeichnis der Krankenkassen. Für Sanitätshäuser und Reha-Kliniken zählt daher nicht die Technik allein, sondern der bewilligungsfähige Versorgungsweg.
Konzentration: Je mehr Systeme unter einem Dach zusammenlaufen, desto stärker bündelt sich die Marktmacht in der neurologischen Reha bei wenigen Anbietern. Ein lernendes Exoskelett wie die German-Bionic-Exia zeigt, wie eng Bionik, Sensorik und Software inzwischen verzahnt sind; wie Forscher Robotern das Fühlen beibringen, beschreibt der Bionik-Boom in Dresden.
Entscheiderinnen und Entscheider in Klinik und Sanitätshaus sollten FES nicht länger als Nische behandeln. Sinnvoll ist, jetzt die Erstattungswege zu klären und die wachsende Abhängigkeit von einzelnen Herstellern bewusst zu bewerten, bevor ein einzelnes System zum Quasi-Standard wird.
Quellen
[1] Ottobock SE & Co. KGaA: „Ottobock setzt mit Akquisition strategischen Ausbau der Neuro-Orthetik fort“ (EQS-News, 7. Juli 2026) ↩
[2] Ottobock: „Funktionelle Elektrostimulation“ (Produktinformation) ↩
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