Ottobock übernimmt für rund 110 Millionen Euro das Versorgungsgeschäft des britischen Wettbewerbers Blatchford in Norwegen. Der Bionik-Konzern kauft damit keine Technologie, sondern die Kliniken, in denen seine Hightech-Prothesen an den Patienten kommen.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenOttobock setzt seine Einkaufstour im europäischen Versorgungsmarkt fort und übernimmt acht Standorte mit rund 200 Beschäftigten in Norwegen. Hinter dem Zukauf steckt eine Strategie, die weit über einen einzelnen Ländermarkt hinausreicht.
Das Wichtigste in Kürze
- Kaufpreis rund 110 Millionen Euro für das Patient-Care-Geschäft von Blatchford in Norwegen.
- Acht Standorte, rund 200 Beschäftigte, zuletzt etwa 40 Millionen Euro Umsatz.
- Nach Dänemark, den Niederlanden und Belgien der nächste nationale Marktführer im Versorgungsnetz.
- Der Prothesenhersteller sichert sich die Fachbetriebe, die seine eigenen Geräte anpassen.
Warum kauft ein Bionik-Konzern norwegische Kliniken?

Ottobock verkauft mikroprozessorgesteuerte Knie und myoelektrische Hände, doch Marge und Kundenkontakt entstehen erst in der Anpassung. Mit den Blatchford-Kliniken kauft der Konzern genau diese letzte Meile zwischen Gerät und Patient.
Ein Prothesenknie wird nicht im Regal verkauft, sondern über Wochen individuell angepasst, gewartet und nachjustiert. Diese Versorgung ist der Teil der Wertschöpfung mit wiederkehrendem Umsatz und direktem Draht zum Patienten.
Übernimmt der Hersteller die Versorgungsketten selbst, sichert er den Absatz seiner eigenen Geräte und erhält Rückmeldungen für die Produktentwicklung aus erster Hand.[1] Was Entscheider über das Zusammenspiel von Bionik und Robotik wissen müssen, ordnet unser Überblick ein.
Steckt hinter dem Zukauf ein Muster?
Ja. Norwegen ist nach Dänemark, den Niederlanden und Belgien bereits der vierte nationale Marktführer, den Ottobock in sein Versorgungsnetz holt. Der Konzern baut planmäßig einen paneuropäischen, vertikal integrierten Versorger auf.
Die Zukäufe reihen sich in eine dichte Folge: Anfang Juli ist Ottobock mit Fesia in die Neuro-Orthetik eingestiegen, Mitte Juli hat der Hersteller mit einem neuen Prothesenknie eine Versorgungslücke bei Jugendlichen geschlossen. Jeder Schritt zahlt auf dasselbe Ziel ein.
„Wir freuen uns, unsere lokale Präsenz mit 200 neuen Kolleginnen und Kollegen zu stärken und gemeinsam Patienten zu versorgen“, so Vorstandschef Oliver Jakobi. Das norwegische Geschäft ist zuletzt im hohen einstelligen Prozentbereich gewachsen.
Ottobock verkauft längst nicht mehr nur Prothesen, sondern kauft sich den direkten Zugang zum Patienten. Diese Vorwärtsintegration ist der eigentliche Hebel vor dem geplanten Börsengang.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was heißt das für Entscheider im DACH-Raum?
Ottobock, der Weltmarktführer aus dem niedersächsischen Duderstadt, macht sein Geschäft mit dem Klinik-Zukauf planbarer und stärkt so die Erzählung vor dem angekündigten Börsengang. Für andere Hardware-Anbieter zeigt der Fall, wie sich die Service-Marge verteidigen lässt.
Die Geräte selbst unterliegen der EU-Medizinprodukteverordnung (MDR), die Anpassung bleibt Sache zugelassener Fachbetriebe. Kauft ein Hersteller diese Betriebe auf, verschiebt sich die Frage nach neutraler Beratung und Wettbewerb im Versorgungsmarkt.
Für Entscheider lohnt der Blick auf das Prinzip dahinter: An margenschwacher Hardware verdienen Anbieter am Ende über die margenstarke Dienstleistung, die an ihr hängt. Ottobocks Weg vom Produkt zum Versorger taugt als Blaupause weit über die Medizintechnik hinaus.
Quelle
[1] Ottobock SE & Co. KGaA: „Ottobock continues strategic expansion of its Patient Care network with acquisition“ ↩
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