Miele-Chef Reinhard Zinkann bringt ein Reizthema der deutschen Industrie auf den Punkt: Kunden zahlen kaum noch einen Aufpreis für deutsche Qualität. Für Unternehmer steht damit mehr auf dem Spiel als eine Marge, nämlich das Geschäftsmodell „Premium aus Deutschland“.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenAm Standort Deutschland wird die Rechnung gerade neu aufgemacht: 5,16 Milliarden Euro Umsatz hat Miele für 2025 gemeldet, ein Plus von 2,3 Prozent, und trotzdem läuft parallel ein Sparprogramm mit Stellenabbau.[1] Diese Kombination zeigt das eigentliche Problem vieler Hersteller, ein Wachstum, das die hohen Kosten im Inland nicht mehr deckt.
Das Wichtigste in Kürze
- Miele-Gesellschafter Zinkann warnt, dass die Zahlungsbereitschaft für „Made in Germany“ sinkt und der Rabattkampf das Qualitätsversprechen verdrängt.
- 5,16 Milliarden Euro Umsatz 2025 bei rund 23.000 Beschäftigten weltweit und einem Sparprogramm über 500 Millionen Euro bis 2028.
- Der Fall reiht sich in eine breite Welle ein: Festo, ZF, BMW und Bertelsmann kürzen oder verlagern gerade.
- Für Anbieter zählt jetzt Differenzierung statt Preisnachlass, getragen von Digitalisierung, Effizienz und belegbarem Mehrwert.
Warum bröckelt der Aufpreis für „Made in Germany“?

Kurz gesagt: Die Kosten im Inland steigen schneller als die Bereitschaft der Kunden, dafür zu zahlen. Zinkann sieht die Zahlungsbereitschaft für Qualität schwinden, während Steuern, Abgaben und Energiepreise die Fertigung in Deutschland verteuern.
Der Mechanismus dahinter ist eine Zangenbewegung. Auf der einen Seite drücken hohe Standortkosten auf die Herstellkosten, auf der anderen weichen Verbraucher in der Fläche auf Rabatte und günstigere Marken aus. Der Preisabstand, den Premium bisher gerechtfertigt hat, lässt sich so nicht mehr durchsetzen.
Reinhard Zinkann, geschäftsführender Gesellschafter von Miele, hat es im Interview mit der WirtschaftsWoche zugespitzt: „Die Deutschen sind nicht mehr bereit, für deutsche Qualität zu zahlen.“ Das Reformpaket der Bundesregierung nennt er dabei nur einen ersten Schritt, der die Wettbewerbslücke noch nicht schließt.
Miele ist kein Einzelfall
Der Standort-Alarm ist zum Muster geworden. Quer durch die Industrie fallen dieselben Entscheidungen, und sie treffen längst nicht mehr nur die Verlierer des Marktes.
Der Automatisierer Festo verlagert seinen Spritzguss in die Türkei, ZF streicht tausende Stellen, und der Zulieferer Aumovio fordert die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich. Das gemeinsame Motiv ist immer die Kostenschere, nicht ein schwaches Produkt.
Miele selbst hat sein Performance-Programm 2024 gestartet und will bis 2028 rund 500 Millionen Euro einsparen, über Stellenabbau, Standortverlagerungen und Effizienz. Zugleich investiert der Konzern etwa 300 Millionen Euro in deutsche Werke, ein Doppelsignal aus Treue zum Standort und wachsendem Druck.[1]
Premium aus Deutschland verkauft sich nicht mehr über das Etikett, sondern über einen Nutzen, den der Kunde sofort spürt. Alles andere landet früher oder später im Preiskampf.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was deutsche Anbieter jetzt tun können
Über den Preis gewinnt Deutschland diesen Wettbewerb nicht. Die realistische Antwort liegt im Mehrwert, den ein Produkt oder Dienst nachweisbar liefert, und in Prozessen, die günstiger werden, ohne die Qualität zu opfern.
Konkret heißt das Differenzierung: vernetzte, softwaregestützte Produkte, effizientere Fertigung durch Automatisierung und Datenanalyse sowie Services, die aus einem Einmalkauf eine Kundenbeziehung machen. Wo das gelingt, rechtfertigt sich ein Aufpreis wieder, wie der Ausbau am Beiersdorf-Standort Leipzig zeigt.
Für die Politik bleibt die Kostenseite die eigentliche Baustelle, von Energiepreisen bis zur Steuerlast, wie auch der Investitionsstopp bei Boehringer zeigt. Ob sich der Standort Deutschland noch retten lässt, hängt an genau diesen Stellschrauben. Entscheider sollten ihre Preisposition jetzt aktiv verteidigen, statt sie dem Rabatt zu überlassen.
Quelle
[1] Miele: „Miele Geschäftsjahr 2025: Moderates Wachstum trotz Gegenwinds“
Mehr Newshunger?
- 8.000 Stellen bei BMW: Der Abbau trifft die Verwaltung, nicht die Fertigung
- Porsche streicht 5.000 weitere Stellen: Was die Jobgarantie bis 2035 kostet
- Bertelsmann schließt Vogel Druck: Warum der gedruckte Katalog verschwindet
- Als die Aufträge ausblieben: Dürrs 100-Millionen-Abschreibung auf BBS Automation
- Standort Deutschland: Was das WM-Aus wirklich verrät?