Knorr-Bremse rückt in China von der reinen Zulieferrolle ab und entwickelt künftig gemeinsam mit der Forschungsakademie CARS ganze Güterbahn-Systeme. Digitale Kupplungen, vorausschauende Wartung und Fahrerassistenz sollen längere und schwerere Züge sicher über das chinesische Netz bringen. Für Europas Schienengüterverkehr steckt in dem Pakt mehr, als der Standort Peking vermuten lässt.

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In Peking haben Knorr-Bremse und die China Academy of Railway Sciences am 15. September eine Absichtserklärung unterzeichnet, die ihre über zwanzigjährige Zusammenarbeit auf eine neue Stufe hebt. Statt einzelner Komponenten liefert der Münchner Konzern künftig komplette Systeme für den Schienengüterverkehr. Hinter dem Schritt steht Chinas Plan, den Fernverkehr von der Straße auf die Schiene zu verlagern.

Das Wichtigste in Kürze

  • Knorr-Bremse und die Forschungsakademie CARS entwickeln gemeinsam Technik für längere und schwerere Güterzüge.
  • Im Fokus stehen digitale Zugarchitektur, vorausschauende Wartung, Fahrerassistenz und die digitale automatische Kupplung.
  • Das langfristige Potenzial im Schienengütergeschäft beziffert Knorr-Bremse auf mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr.
  • Die Digitalkupplung bereitet der Konzern zugleich für Europa vor, wo rund 500.000 Güterwagen zur Nachrüstung anstehen.

Was steckt hinter dem Pakt mit China Railway?

Gegenüberstellung von angerosteter Kette mit Lasthaken und modernem High-Tech-Kupplungselement
Knorr-Bremse und das Innovationszentrum CARS der chinesischen Staatsbahn entwickeln künftig gemeinsam ganze Systeme statt einzelner Bauteile für Züge

Mitentwicklung statt Zulieferung: Knorr-Bremse und CARS, das Innovationszentrum der chinesischen Staatsbahn, wollen künftig an ganzen Systemen statt an einzelnen Bauteilen arbeiten. Nicolas Lange, im Vorstand für die Bahnsparte zuständig, nennt das den Sprung von der Produktzusammenarbeit zur gemeinsamen Entwicklung von Systeminnovationen.[1] Treiber ist die chinesische Politik, die Güter über weite Strecken von der Straße auf die Schiene holen will, um Emissionen und verstopfte Fernstraßen zu entlasten. Auf der Schiene selbst fehlt derweil digitale Leit- und Stellwerkstechnik, die Knorr-Bremse ebenfalls im Angebot hat.

Warum braucht die Güterbahn neue Technik?

Längere, schwerere Züge sind der Kern. Ein Zug mit 10.000 Tonnen über Tausende Kilometer verteilt seine Lokomotiven über den ganzen Zugverband und muss die Bremskraft genau dosieren, sonst reißen Kupplungen oder springen Wagen aus dem Gleis. Genau hier setzt das Bündnis an: eine Fahrerassistenz auf Basis der bereits in Europa, den USA und Australien erprobten LEADER-Technik, dazu Sensoren an den Wagen, die Schäden melden, bevor ein Zug liegen bleibt, ähnlich der Ultraschall-Diagnose, mit der Vossloh seine Schienensparte verstärkt.[1] Das Herzstück ist die digitale automatische Kupplung, die die rund 150 Jahre alte Handkupplung ablöst und Strom- sowie Datenleitungen durch den gesamten Zug legt.

Die eigentliche Wertschöpfung wandert vom einzelnen Bauteil zu den Daten, die jeder Güterwagen unterwegs funkt. China liefert Knorr-Bremse dafür das größte Testfeld der Welt.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was bedeutet das für Europa?

Europa profitiert mit. Die digitale automatische Kupplung bereitet Knorr-Bremse ausdrücklich für den europäischen Markt vor, wo rund 500.000 Güterwagen auf eine Umrüstung warten und der Nachrüstmarkt auf etwa 25 Milliarden Euro taxiert wird.[1] Damit trifft der Pakt einen wunden Punkt der EU, die ihren Schienengüterverkehr seit Jahren ausweiten will und an der veralteten Kupplungstechnik hängen bleibt. Wem die Daten aus diesen Wagen gehören, ist dabei so ungeklärt wie bei den Baumaschinen unter dem EU Data Act.

Partner und Rivale: Heikel bleibt die Doppelrolle. Chinas Bahnkonzerne treiben eigene Brems- und Signaltechnik voran und drängen als Wettbewerber auf jenen Weltmarkt, auf dem Knorr-Bremse mit dem Umbau zum Servicekonzern führt. Für Logistik- und Industrieentscheider im DACH-Raum zählt deshalb die Kupplungsnorm: Die Umrüstpläne der Waggonflotten und die EU-Förderung für die Digitalkupplung gehören schon jetzt in die Investitionsrechnung.

Die Güterbahn wird zum Systemgeschäft

Knorr-Bremse und CARS bauen ihre Zusammenarbeit von Bauteilen auf ganze Systeme aus.

25 Mrd. €
geschätzter europäischer Nachrüstmarkt für die Digitalkupplung
500.000
Güterwagen in Europa mit Umrüstbedarf
> 1 Mrd. €
langfristiges Jahrespotenzial im Schienengütergeschäft (Europa, China, USA)
20+ Jahre
bestehende Partnerschaft, jetzt auf Systemebene

FAQ: Knorr-Bremse und China Railway

Was ist die digitale automatische Kupplung?

Die digitale automatische Kupplung verbindet Güterwagen selbsttätig und führt Strom- und Datenleitungen durch den ganzen Zug. Sie ersetzt die seit rund 150 Jahren übliche manuelle Schraubenkupplung und ermöglicht automatisiertes Kuppeln, längere Züge und eine durchgehende Zugüberwachung.

Warum verlagert China Güter auf die Schiene?

China holt den Fernverkehr aus Klima- und Effizienzgründen von der Straße auf die Schiene. Längere und schwerere Züge senken die Kosten je Tonne und entlasten überlastete Fernstraßen. Für diesen Umbau braucht die Bahn moderne Brems-, Kupplungs- und Assistenzsysteme.

Was haben Knorr-Bremse und China Railway vereinbart?

Knorr-Bremse und die Forschungsakademie CARS haben am 15. September 2026 eine Absichtserklärung unterzeichnet. Sie entwickeln gemeinsam Technik für den Schienengüterverkehr, darunter digitale Zugarchitektur, vorausschauende Wartung, Fahrerassistenz und die digitale automatische Kupplung.

Welche Rolle spielt die Digitalkupplung für Europa?

In Europa stehen rund 500.000 Güterwagen zur Nachrüstung an, der Markt dafür wird auf etwa 25 Milliarden Euro geschätzt. Knorr-Bremse bereitet die digitale automatische Kupplung ausdrücklich für den europäischen Markt vor und nutzt die Erfahrung aus China als Vorlauf.

Quelle

[1] Knorr-Bremse: „Transforming rail freight in China: Knorr-Bremse and China Railway join forces to deliver next-gen technologies“

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