Frankreichs Programm für sechs EPR2-Reaktoren kommt samt Finanzierung auf 153,6 Milliarden Euro, gerechnet mit den Zahlen des Haushaltsentwurfs 2027. 2020 lag die Schätzung für den Bau noch bei 46 Milliarden. Die Schweiz bekommt damit vor ihrer AKW-Abstimmung eine frische Preisliste.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenFür den EPR2 hat Frankreichs Regierung Anfang Oktober die Zinsen beziffert: 53,6 Milliarden Euro für den staatlich garantierten Kredit, im mittleren Szenario.[1] Die Umweltorganisation Agir pour l’environnement rechnet die Baukosten in laufenden Euro hinzu und kommt auf 153,6 Milliarden.[2]
Das Wichtigste in Kürze
- Den Bau der sechs EPR2 veranschlagt EDF auf 72,8 Milliarden Euro in Preisen von 2020, in laufenden Euro auf 100 Milliarden.
- Für den Kredit rechnet Paris je nach Szenario mit 44,2 bis 89 Milliarden Euro Zinsen.
- Je Reaktor sind das samt Zinsen 25,6 Milliarden Euro, Flamanville 3 kostete samt Bauzinsen 23,7 Milliarden.
- In der Schweiz gilt eine Volksabstimmung über neue Kernkraftwerke als sicher.
Wie kommen 153,6 Milliarden Euro zustande?

EDF legte im Dezember 2025 einen Kostenvoranschlag von 72,8 Milliarden Euro vor, gerechnet in Preisen von 2020 und ohne Finanzierung. 2022 hatte der Konzern im Dossier für die öffentliche Debatte noch 51,7 Milliarden genannt.[2] Hochgerechnet auf die Bauzeit bis 2043 macht die Regierung daraus 100 Milliarden Euro in laufenden Preisen.[1]
Die Finanzierung legt gut die Hälfte drauf. 60 Prozent der Baukosten, höchstens 60 Milliarden Euro, leiht der Fonds d’épargne der Staatsbank Caisse des dépôts, gespeist aus regulierten Sparbüchern. Der Zins folgt dem Satz des Sparbuchs Livret A. Bei 1,5 Prozent fallen über die Laufzeit 44,2 Milliarden Euro an, bei 2 Prozent 53,6 Milliarden, bei 3 Prozent 70,7 Milliarden, mit sieben Jahren Verzug 89 Milliarden.[1]
Während des Baus übernimmt der Staat die Zinsen ganz, geschätzt 14,4 Milliarden Euro. Im Betrieb zahlt die Projektgesellschaft 3 Prozent, die Differenz zu einem höheren Kreditzins übernimmt der Haushalt.
Warum wird der EPR2 nicht billiger als Flamanville?
Der EPR2 sollte die vereinfachte, günstigere Serienversion des Reaktors von Flamanville werden.[2] Flamanville 3 startete mit zwölf Jahren Verspätung, der Rechnungshof setzt die Gesamtkosten auf 23,7 Milliarden Euro an, in Preisen von 2023 und samt Bauzinsen.[3] Auf sechs Reaktoren verteilt, kostet ein EPR2 samt allen Zinsen 25,6 Milliarden Euro. Agir pour l’environnement folgert daraus, ein EPR2 werde teurer als Flamanville.
Ganz sauber ist der Vergleich nicht: Die EPR2-Summe enthält Zinsen bis in die 2080er-Jahre und steht in laufenden Euro. Ohne Finanzierung kostet ein EPR2 in Preisen von 2020 rund 12,1 Milliarden Euro. Der versprochene Serieneffekt schrumpft trotzdem: Seit 2022 stieg der Voranschlag um gut 40 Prozent,[2] noch bevor EDF die endgültige Investitionsentscheidung trifft, geplant bis Ende 2026.[1]
Allein die Zinsen für den EPR2 übersteigen die 46 Milliarden Euro, die 2020 für den ganzen Bau veranschlagt waren.
Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was bedeutet die Rechnung für die Schweiz und Deutschland?
In der Schweiz hat das Parlament im Juni das Neubauverbot für Atomkraftwerke aufgehoben, im Nationalrat denkbar knapp.[4] Bis Jahresende soll das Departement von Energieminister Albert Rösti die finanziellen Folgen neuer Reaktoren skizzieren. Ein Bündnis aus Parteien und Verbänden hat mehr als 125.000 Unterschriften für ein Referendum gesammelt.[5] Auch Italien plant die Rückkehr zur Atomkraft, die USA genehmigten den Bau des ersten Kleinreaktors vom Typ BWRX-300.
Für Unternehmen zählt der Strompreis: Der Differenzvertrag mit dem Staat sichert 40 Jahre lang einen Zielpreis ab, gedeckelt bei 100 Euro je Megawattstunde in Preisen von 2024.[1] Nehmen Sie diesen Wert gerne als Messlatte, sobald Ihnen ein Versorger einen langfristigen Liefervertrag mit Atomstrom anbietet. Strom aus neuen Reaktoren planen Sie am besten nicht vor 2038 ein, dem Starttermin des ersten EPR2. Am früheren Atomstandort Philippsburg baut EnBW einen Batteriespeicher.
Quellen
[1] Assemblée nationale: „Projet de loi de finances pour 2027. Évaluations préalables des articles“, Artikel 69 und Artikel 48 (Oktober 2026)
[2] Agir pour l’environnement: „EPR2 : Agir pour l’environnement dénonce l’envolée des coûts du programme“ (7. Oktober 2026)
[3] Cour des comptes: „La filière EPR : une dynamique nouvelle, des risques persistants“, Synthese (14. Januar 2025)
[4] Schweizer Parlament: „Parlament hebt AKW-Neubauverbot nach Marathondebatte auf“ (18. Juni 2026)
[5] Greenpeace Schweiz: „Über 125’000 Unterschriften gegen neue AKW“ (19. September 2026)
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