Audi will über Sparmaßnahmen im Werk Neckarsulm verhandeln und hat dafür die Schlechtwetterklausel aus dem Zukunftspakt gezogen. Vorstandschef Gernot Döllner kündigte den Schritt nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag auf der Betriebsversammlung an.[2] Bis Ende Juni 2027 soll der Standort mit mehr als 15.000 Beschäftigten ein Konzept für niedrigere Kosten vorlegen, andernfalls droht das Produktionsende.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenIm Audi-Werk Neckarsulm verfolgten rund 5.000 Beschäftigte die dritte Betriebsversammlung des Jahres, als Gast sprach VW-Konzernchef Oliver Blume. Döllner betonte dort, Audi könne Kosten, Qualität, Produktivität und Entscheidungstempo selbst beeinflussen, Geopolitik, Zölle und Regulierung dagegen nicht: „Aber Tradition allein sichert keine Zukunft.“[1]
Das Wichtigste in Kürze
- Audi hat laut dpa für Neckarsulm die Schlechtwetterklausel gezogen, die Verhandlungen über Sparmaßnahmen erzwingt.
- Der Betriebsrat prüft noch, ob die Voraussetzungen dafür erfüllt sind.
- Bis Ende Juni 2027 soll das Werk seine Kosten senken, sonst droht nach dpa-Angaben die Stilllegung.
- Die Jobgarantie bis Ende 2033 aus der Zukunftsvereinbarung von 2025 schließt betriebsbedingte Kündigungen weiter aus.
Was regelt die Schlechtwetterklausel?

Die Klausel stammt laut dpa aus dem Zukunftspakt von 2019. Verschlechtern sich wesentliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen deutlich, müssen Unternehmensleitung und Betriebsrat über Sparmaßnahmen verhandeln. Diese Bedingung hält Döllner für erfüllt. Betriebsratschef Alexander Reinhart nennt den Schritt grundsätzlich zulässig, verweist aber auf die laufende Prüfung: „Diese Überprüfung läuft aktuell.“[2] Zu Gesprächen sei der Betriebsrat erst bereit, sobald alle „Hausaufgaben“ erledigt seien.
Der Abbau steht damit auf der Stufe der Ankündigung. Audi verlangt Verhandlungen, eine Stellenzahl oder einen Beschluss gibt das Unternehmen bisher nicht bekannt. Beim letzten Einsatz der Klausel Ende 2019 forderte Audi nach dpa-Angaben ein niedrigeres Tarifentgelt, den Wegfall tariflicher Zulagen, eine kleinere Ergebnisbeteiligung und weniger hybrides Arbeiten. Der Betriebsrat nannte den Katalog damals eine „Liste des Grauens“.
Warum gerät Neckarsulm unter Druck?
Volkswagen beschloss laut dpa Anfang September einen Sparplan, der Neckarsulm ein Jahr Zeit für ein tragfähiges Kostenkonzept lässt. Die Wirtschaftswoche hatte zuvor berichtet, der Konzernvorstand wolle die Produktion in Neckarsulm bis 2034 auslaufen lassen. Blume sagte auf der Versammlung, viele Strukturen seien zu groß und die Kosten zu hoch, deshalb müssten viele Stellen wegfallen.[2]
Laut Konzernkreisen kostet die Fertigung eines Fahrzeugs in Neckarsulm etwas unter 6.000 Euro, die wettbewerbsfähigsten Werke Europas kommen mit rund 3.000 Euro aus. Nach Bereinigung bleibt laut dpa ein Nachteil von etwa 2.000 Euro je Fahrzeug.[4] Gebaut werden in Neckarsulm die Modelle A5, A6 und A8 sowie der e-tron GT. Schon im September forderte der Betriebsrat ein elektrisches Volumenmodell für das Werk.
Was schützt die Beschäftigten?
Betriebsbedingte Kündigungen schließt die Zukunftsvereinbarung vom März 2025 bis Ende 2033 aus. Im Gegenzug fallen bis 2029 bis zu 7.500 Stellen in indirekten Bereichen weg. Neckarsulm erhielt einen Standortfonds über 250 Millionen Euro für neue Fertigungsplattformen, ein weiteres Modell für das Werk wollte Audi damals prüfen.[3]
Verhandeln will Audi laut dpa über Stellenabbau und Arbeitsbedingungen. Im Mutterkonzern läuft dieselbe Debatte bereits: Volkswagen kündigte Ende September den Manteltarifvertrag und ließ die Jobgarantie bis 2030 stehen. Audi-Gesamtbetriebsratschef Jens Stammler kritisierte die Schließungspläne für Neckarsulm scharf und forderte für die Beschäftigten „Respekt“ und „Verlässlichkeit“.[1]
Was steht für die Region auf dem Spiel?
Oberbürgermeister Steffen Hertwig spricht von einem drohenden „Desaster für die Stadt“ und verweist auf „15.000 Arbeitsplätze, 15.000 Familien hier in der Stadt, die direkt betroffen wären“.[4] Rund 1.000 Zulieferer hängen nach dpa-Angaben an der Produktion. Wirtschaftsexperten rechnen bei einer Schließung mit dem Verlust von etwa 50.000 Arbeitsplätzen in der Region, ein Viertel der industriellen Wertschöpfung könnte wegbrechen.
Für Zulieferer im Raum Heilbronn wird Ende Juni 2027 damit zum Stichtag. Bis dahin sollten Abnahmemengen und Vertragslaufzeiten mit Audi geprüft sein. Auch Mercedes knüpft zwei deutsche Werke an sein Sparziel.
Quellen
[1] Audi: „Betriebsrat Neckarsulm fordert Zukunftsperspektive statt Standortdebatte“ (08.10.2026)
[2] Heilbronner Stimme (dpa): „Stellenabbau in Neckarsulm? Audi zieht Schlechtwetterklausel“ (08.10.2026)
[3] Audi: „Unternehmensleitung und Betriebsrat schließen Zukunftsvereinbarung“ (17.03.2025)
[4] Heilbronner Stimme (dpa): „Angst um Audi: Neckarsulm kämpft um sein Werk“ (08.10.2026)
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