Einen Bauplan für den Weltfrieden legte Immanuel Kant schon 1795 vor. Trotzdem zählten Konfliktforscher der Universität Uppsala für das Jahr 2025 genau 65 bewaffnete Konflikte mit staatlicher Beteiligung, den höchsten Wert seit Beginn der Zählung 1946. Wie nah die Menschheit dem ewigen Frieden kommen kann, zeigen Knochenfunde, Schimpansenstudien und Rüstungsetats.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDrei Jahrzehnte lang haben Unternehmen den Frieden in Europa eingeplant wie stabiles Wetter. Seit dem Angriff der USA und Israels auf Iran am 28. Februar 2026 kostet diese Planungsannahme Geld, über den Ölpreis, den Leitzins und gekappte Lieferwege durch die Straße von Hormus. Wer heute für zehn Jahre investiert, braucht eine Antwort auf eine sehr alte Frage.
Das Wichtigste in Kürze
- Menschen töten einander in Gruppen seit mindestens 13.400 Jahren, einen angeborenen Kriegstrieb hat die Forschung aber nicht gefunden. Ob Gruppen Krieg führen, bestimmen Kultur und Institutionen.
- Seit 1953 haben Großmächte keinen Krieg mehr gegeneinander geführt, als Gründe gelten Demokratie, Handel, internationale Organisationen und atomare Abschreckung. Ein Krieg vom Ausmaß des Zweiten Weltkriegs ist trotzdem möglich: Bei gleichbleibender Kriegsgefahr beziffert der Informatiker Aaron Clauset seine Wahrscheinlichkeit binnen 100 Jahren auf 43 Prozent.
- Für 2025 zählte das Uppsala Conflict Data Program 65 Konflikte mit staatlicher Beteiligung, acht davon zwischen Staaten. Gewalt kostet die Welt nach Berechnungen des Institute for Economics & Peace 10,5 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung.
- Zwischen Deutschland und Frankreich gilt Krieg heute als undenkbar. Ein Zeitalter ohne großen Krieg zwischen Staaten ist erreichbar, ein Zeitalter ganz ohne bewaffnete Konflikte nicht in Sicht.
1 Wie weit reichen Belege für tödliche Gewalt zwischen Gruppen mindestens zurück? Aufklappen ↓
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2 Welche Menschenaffen führten in Gombe in Tansania einen Vierjahreskrieg? Aufklappen ↓
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3 Wie viele bewaffnete Konflikte mit staatlicher Beteiligung zählte das Uppsala Conflict Data Program für 2025? Aufklappen ↓
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4 Welchen Anteil ihrer Wirtschaftsleistung gab die Bundesrepublik 2015 für das Militär aus? Aufklappen ↓
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5 Seit welchem Jahr ist Schweden an keinem Krieg mehr beteiligt gewesen? Aufklappen ↓
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Seit wann führen Menschen Krieg?

Tödliche Gewalt zwischen Gruppen ist mindestens 13.400 Jahre alt, das belegen Skelette von einem Friedhof am Nil. Mit der Sesshaftigkeit kamen Massengräber und später Schlachtfelder hinzu. In der überlieferten Geschichte zählten die Historiker Will und Ariel Durant nur 268 von 3.421 Jahren ohne Krieg.
Einer der ältesten Befunde stammt aus dem Niltal. Auf dem Friedhof von Jebel Sahaba im Norden des heutigen Sudan weisen 41 von 61 Toten verheilte oder unverheilte Verletzungen auf, mindestens die Hälfte davon durch Geschosse. Ein Team um die Anthropologin Isabelle Crevecoeur datierte die Gräber 2021 im Fachblatt Scientific Reports auf ein Alter von mindestens 13.400 Jahren. Die Forscher deuten die Wunden als Spuren wiederkehrender Überfälle und Hinterhalte zwischen Gruppen, vermutlich ausgelöst durch starke Klimaschwankungen.
Mehrere tausend Jahre jünger ist ein Fund aus Kenia. Bei Nataruk, rund 30 Kilometer westlich des Turkana-Sees, bargen Forscher der Universität Cambridge die Überreste von 27 Menschen, darunter mindestens acht Frauen und sechs Kinder. Die Toten starben vor 9.500 bis 10.500 Jahren. Zehn der zwölf weitgehend erhaltenen Skelette zeigen Spuren eines gewaltsamen Todes, vier Tote hatten vermutlich gefesselte Hände. Das Team deutete den Fund 2016 als Massaker unter nomadischen Jägern und Sammlern, andere Fachleute halten diesen Schluss für verfrüht.
Aus der Jungsteinzeit, als die Menschen in Mitteleuropa sesshaft wurden, stammen Massengräber, die kollektive Gewalt belegen. Das Grab im baden-württembergischen Talheim bei Heilbronn wurde um 5070 vor Christus angelegt und enthielt mindestens 34 Tote. An 20 Schädeln fanden Anthropologen unverheilte Verletzungen. Im hessischen Schöneck-Kilianstädten starben vor rund 7.000 Jahren mindestens 26 Menschen durch Schläge und Pfeile, den Toten wurden systematisch die Unterschenkel gebrochen.
Aus der Bronzezeit stammt das älteste bekannte Schlachtfeld Mitteleuropas. Im Tollensetal in Mecklenburg-Vorpommern trafen um 1250 vor Christus vermutlich mehr als 2.000 Kämpfer aufeinander, Archäologen haben Knochen von über 140 Menschen dokumentiert. Das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege geht von mehreren hundert, wenn nicht mehreren tausend Toten aus.
Will und Ariel Durant zählten 1968 in ihrem Buch „The Lessons of History“ unter den vergangenen 3.421 Jahren nur 268 ohne Krieg. Eine Herleitung legten die Durants nicht vor. Selbst die gerühmte Pax Romana von Augustus bis Mark Aurel war laut Encyclopaedia Britannica nur eine Zeit relativer Ruhe, in diese Epoche fällt auch die Varusschlacht im Jahr 9 nach Christus. In absoluten Zahlen erreichte die Gewalt ihren Höhepunkt im Zweiten Weltkrieg, in dem nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung 55 bis 70 Millionen Menschen starben, in der Mehrzahl Zivilisten.
- Frühe Spuren: Geschosswunden aus Jebel Sahaba belegen tödliche Gewalt zwischen Gruppen vor mindestens 13.400 Jahren.
- Wachsende Dimension: Vom Massengrab in Talheim bis zum Tollensetal wuchs die Zahl der Beteiligten mit den Gesellschaften.
- Seltene Pausen: Laut Will und Ariel Durant blieben in 3.421 Jahren nur 268 ohne Krieg.
Ist der Mensch von Natur aus kriegerisch?

Einen Kriegstrieb fand die Forschung nicht. Der Mensch kann Gewalt planen wie ein Schimpanse, doch ob daraus Krieg wird, entscheiden Kultur und Institutionen. Bei nomadischen Jägern und Sammlern gingen fast zwei Drittel der Tötungen auf Unfälle, Familienstreit, Hinrichtungen oder persönliche Motive zurück.
Wie tief die Gewalt in der Abstammung wurzelt, hat ein spanisches Team um den Ökologen José María Gómez 2016 im Fachblatt Nature berechnet. Die Forscher werteten Daten zu mehr als vier Millionen Toten bei 1.024 Säugetierarten aus, dazu Angaben aus rund 600 menschlichen Populationen. Beim Menschen ist demnach ein Anteil tödlicher Gewalt von 2 Prozent aller Todesfälle stammesgeschichtlich zu erwarten, bei Säugetieren insgesamt liegt der Wert bei 0,3 Prozent. Häuptlingstümer lagen in der Auswertung über dem Erwartungswert von 2 Prozent, Gesellschaften mit einem Staat darunter.
Unsere nächsten Verwandten verhalten sich gegensätzlich. Schimpansen überfallen gezielt Artgenossen. Ein Team um den Anthropologen Michael Wilson zählte 2014 in Nature 152 Tötungen in 15 von 18 langjährig beobachteten Gemeinschaften. Im tansanischen Gombe verfolgten die Forscher um Jane Goodall von 1974 bis 1978 einen Vierjahreskrieg, in dem die Hauptgruppe eine abgespaltene Nachbargruppe zerschlug. Bei vier beobachteten Bonobo-Gemeinschaften fanden Wilson und seine Kollegen nur einen einzigen Verdachtsfall, obwohl Bonobo-Männchen sogar häufiger aufeinander losgehen als Schimpansen-Männchen.
Die amerikanische Anthropologin Margaret Mead nannte den Krieg schon 1940 eine Erfindung wie die Schrift, die Ehe oder das Kochen. Die Sevilla-Erklärung zur Gewalt, 1986 von Wissenschaftlern verfasst und 1989 von der UNESCO-Generalkonferenz angenommen, nennt die Behauptung wissenschaftlich falsch, die Menschheit habe die Neigung zum Krieg von tierischen Vorfahren geerbt. Krieg sei eine rein menschliche Erscheinung, schrieben die Verfasser, denn die wenigen tödlichen Gruppenkämpfe unter Tieren kämen ohne Waffen aus. Gegen Ende steht der Gedanke, dieselbe Spezies, die den Krieg erfunden habe, sei auch fähig, den Frieden zu erfinden.
Auch die Berichte von Ethnologen über Jäger und Sammler der jüngeren Vergangenheit sprechen gegen den geborenen Krieger. Die Forscher Douglas Fry und Patrik Söderberg von der Åbo Akademi in Finnland werteten 2013 im Fachblatt Science 148 Tötungen in 21 nomadischen Wildbeutergesellschaften aus. Mehr als die Hälfte der Taten beging jeweils ein Einzeltäter, fast zwei Drittel gingen auf Unfälle, Familienstreit, Hinrichtungen innerhalb der Gruppe oder persönliche Motive zurück, etwa die Rivalität um eine Frau. Allein auf die Tiwi in Nordaustralien entfallen 69 Fälle. Ohne die Tiwi betrafen laut dem Forschungsprojekt Peaceful Societies der University of North Carolina in Greensboro nur 15 Prozent der Tötungen Mitglieder verschiedener Gruppen.
Warum der Mensch zugleich friedfertig und kriegsfähig ist, erklärt der Harvard-Anthropologe Richard Wrangham mit zwei Arten von Aggression. Zu impulsiven Wutausbrüchen neigt der Mensch nach Wranghams Befund wenig, zu geplanter Gewalt dagegen so stark wie ein Schimpanse. Tötungen im Krieg sind nach Wrangham meist geplant. Wir sehen darin eine gute Nachricht für den Weltfrieden: Geplante Gewalt folgt Kalkül, Anreizen und Regeln, und genau diese Größen lassen sich verändern.
Die Neigung zu tödlicher Gewalt gehört zum Erbe des Menschen, ein Zwang zum Krieg folgt daraus nicht. Gesellschaften mit einem Staat liegen beim Anteil gewaltsamer Tode bereits unter dem stammesgeschichtlichen Erwartungswert.
Warum führen Staaten Krieg, obwohl er sich selten rechnet?

Weil Verhandlungen an drei Stellen scheitern können: Die Konfliktparteien täuschen einander über ihre Stärke, können einander keine glaubwürdigen Zusagen geben oder halten den Streitgegenstand für unteilbar. So erklärt der Politologe James Fearon, warum Staaten den teuren Krieg einer Einigung vorziehen.
In seinem 1832 erschienenen Werk „Vom Kriege“ nannte der preußische General Carl von Clausewitz den Krieg „eine bloße Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln“. Gemeint war der Satz nüchtern: Kriege dienen einem politischen Zweck, etwa dem Gewinn von Territorium, Macht oder Sicherheit. Weil ein Krieg Menschenleben, Material und Wohlstand vernichtet, müsste eine Einigung für beide Seiten fast immer günstiger sein als ein Kampf mit ungewissem Ausgang.
Der Stanford-Politologe James Fearon fragte 1995 in der Fachzeitschrift International Organization, warum rational handelnde Staatsführungen trotzdem kämpfen. Fearons erste Antwort: Die Gegner kennen die Stärke und die Entschlossenheit der anderen Seite nicht, zudem hat jede Seite Anreize, die andere über die eigene Stärke zu täuschen. Das zweite Hindernis heißt in der Forschung Bindungsproblem: Verschieben sich die Kräfteverhältnisse, setzt keine Instanz die Zusagen von gestern durch. Fearon selbst hielt die dritte Erklärung, einen unteilbaren Streitgegenstand, für weniger überzeugend als die ersten beiden.
Unternehmern ist dieses Muster vertrauter, als ihnen lieb sein dürfte. Ein Preiskrieg schadet beiden Anbietern. Trotzdem brechen Preiskriege aus, weil keiner weiß, wie lange der andere durchhält, und keiner dem Versprechen traut, die Preise nach einer Einigung stabil zu halten. In Fearons Lesart ist der Krieg ein gescheitertes Geschäft, dessen Rechnung beide Seiten bezahlen.
Wie wenig ökonomische Vernunft allein ausrichtet, zeigt der Brite Norman Angell. In seinem Buch „The Great Illusion“ von 1910 legte Angell dar, dass militärische Macht einer Nation keinen wirtschaftlichen Vorteil verschafft. Vier Jahre später begann der Erste Weltkrieg. Das Nobelkomitee verlieh Angell 1934 nachträglich den Friedensnobelpreis für 1933, weil er die Illusion des Krieges entlarvt habe.
Besonders gefährlich wird die Lage, sobald eine aufstrebende Macht eine etablierte herausfordert. Der Harvard-Politologe Graham Allison fand in den vergangenen 500 Jahren 16 solcher Rivalitäten, zwölf davon endeten im Krieg. Allison nennt das Muster nach dem griechischen Historiker die Thukydides-Falle, und der Kandidat für den nächsten Fall ist offensichtlich: Chinas Aufstieg zur Wirtschaftsmacht, historisch betrachtet eine Rückkehr, fordert die USA heraus.
- Verhandlungsfehler: Kriege entstehen dort, wo Täuschung und fehlende Garantien eine Einigung verhindern.
- Vernunft genügt nicht: Norman Angell zeigte 1910, dass sich Eroberung nicht lohnt, 1914 begann trotzdem der Weltkrieg.
- Machtwechsel: In zwölf von 16 Fällen der vergangenen 500 Jahre endete die Rivalität zwischen aufstrebender und etablierter Macht im Krieg.
Was hat den großen Krieg seit 1945 verhindert?

Die Forschung nennt ein Geflecht aus vier Kräften. Demokratie, Handel und internationale Organisationen senken gemeinsam das Kriegsrisiko, Atomwaffen machen einen Krieg zwischen Supermächten zur Gefahr für das Überleben beider. Seit dem Ende des Koreakriegs 1953 führten Großmächte keinen Krieg mehr gegeneinander.
In seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ entwarf der Königsberger Philosoph Immanuel Kant 1795 einen Bauplan für den dauerhaften Frieden mit drei Bedingungen. Die Verfassung jedes Staates soll republikanisch sein, das Völkerrecht auf einem Bund freier Staaten beruhen, und jeder Fremde soll ein Besuchsrecht genießen, ohne feindselig behandelt zu werden. Besonders viel traute Kant dem Handel zu: „Es ist der Handelsgeist, der mit dem Kriege nicht zusammen bestehen kann, und der früher oder später sich jedes Volks bemächtigt.“
Schon Montesquieu hatte 1748 notiert, die natürliche Wirkung des Handels sei der Frieden, weil zwei Nationen, die miteinander Geschäfte machen, voneinander abhängig werden. Die amerikanischen Politologen Bruce Russett und John Oneal erweiterten 2001 in ihrem Buch „Triangulating Peace“ die These vom demokratischen Frieden zu einem Dreieck. Nach der Auswertung der beiden Forscher senken Demokratie, wirtschaftliche Verflechtung und internationale Organisationen gemeinsam die Gefahr eines Krieges deutlich.
Im Briand-Kellogg-Pakt verzichteten am 27. August 1928 in Paris 15 Staaten, darunter Deutschland, auf den Krieg als Mittel ihrer Politik, 47 weitere schlossen sich später an. Elf Jahre danach überfiel Deutschland Polen. Die Charta der Vereinten Nationen verbietet seit 1945 in Artikel 2 jede Androhung oder Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Unversehrtheit oder die politische Unabhängigkeit eines Staates. Dieses Gewaltverbot gilt für alle 193 Mitgliedstaaten.
| Friedenskraft | Grundidee | Quelle oder Indiz | Schwachstelle |
|---|---|---|---|
| Demokratie | Republiken scheuen den Krieg, weil die Bürger seine Kosten tragen | Kant 1795, Russett und Oneal 2001 | Wirkt zwischen Demokratien, kaum gegenüber Autokratien |
| Handel | Gegenseitige Abhängigkeit macht Krieg teuer | Montesquieu 1748, Kant 1795 | Hat weder 1914 noch 2022 einen Krieg verhindert |
| Institutionen | Regeln und Foren entschärfen Streit | Briand-Kellogg-Pakt 1928, UN-Charta 1945 | Der Sicherheitsrat ist gelähmt, sobald eine Vetomacht selbst Krieg führt |
| Abschreckung | Atomwaffen machen den großen Krieg zum Selbstmord | Seit 1953 kein Krieg zwischen Großmächten (Gaddis, Pinker) | Ein einziger Fehler kann katastrophal enden |
Die vierte Kraft, die atomare Abschreckung, ist in der Forschung umstritten. Der Historiker John Lewis Gaddis nannte die Epoche nach 1945 den „Langen Frieden“. Obwohl sich die USA und die Sowjetunion jahrzehntelang gegenseitig mit Atomwaffen bedrohten, blieb der direkte Krieg zwischen beiden aus. Ob die Bombe den Frieden bewahrt hat oder die Welt nur Glück hatte, lässt sich nicht beweisen, denn für diesen Test steht nur eine einzige Weltgeschichte zur Verfügung.
Aus deutscher Sicht hat die Handelskraft am stärksten enttäuscht. Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine stammten laut Bundeswirtschaftsministerium im Mittel 55 Prozent der deutschen Gasimporte aus Russland, die Politik setzte jahrzehntelang auf Wandel durch Handel. Das Scheitern hätte Kant vermutlich nicht überrascht: Sein erster Definitivartikel verlangt republikanische Verfassungen, nicht bloß volle Auftragsbücher.
- Recht ohne Durchsetzung: Elf Jahre nach dem Briand-Kellogg-Pakt überfiel Deutschland Polen.
- Umstrittene Abschreckung: Ob Atomwaffen den Langen Frieden gesichert haben, bleibt unbeweisbar.
- Handel ohne Demokratie: Die Gasabhängigkeit von Russland hat den Angriff auf die Ukraine nicht verhindert.
Wird die Welt friedlicher, oder täuscht die Statistik?

Beides lässt sich belegen. Gemessen an der Weltbevölkerung sterben heute weit weniger Menschen in Kriegen als im Zweiten Weltkrieg. Hat sich die Kriegsgefahr aber nicht grundlegend verändert, droht laut Aaron Clauset binnen 100 Jahren mit 43 Prozent Wahrscheinlichkeit ein weiterer Krieg dieses Ausmaßes.
Die optimistische These vertritt der Harvard-Psychologe Steven Pinker seit seinem Buch „The Better Angels of Our Nature“ von 2011. Die weltweite Rate der Kriegstoten fiel nach Pinkers Rechnung von fast 300 je 100.000 Menschen im Zweiten Weltkrieg auf weniger als einen in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts. Nach den UCDP-Zahlen für 2025 liegt der Wert inzwischen wieder bei knapp zwei. Westeuropa habe 600 Jahre lang im Schnitt zwei neue Kriege pro Jahr begonnen und seit 1945 keinen einzigen mehr. Nach Pinker haben das staatliche Gewaltmonopol, die Demokratie, der Handel und internationale Normen die Gewalt zurückgedrängt.
Der Statistiker Pasquale Cirillo und der Risikoforscher Nassim Nicholas Taleb halten dagegen. Kriegsopfer verteilen sich extrem ungleich: Wenige gewaltige Kriege bestimmen die Bilanz, die vielen kleinen fallen kaum ins Gewicht. In solchen Verteilungen mit schweren Rändern, Statistiker sprechen von Fat Tails, unterschätzt der Durchschnitt vergangener Jahrzehnte das Risiko erheblich. Einen Trend zu längeren Pausen zwischen den großen Kriegen fanden die beiden Forscher 2016 nicht.
Clauset, Informatiker an der University of Colorado in Boulder, prüfte 2018 die Kriege zwischen Staaten aus der Datenbank Correlates of War von 1823 bis 2003. Sein Befund: Der lange Frieden nach 1945 passt zu einem Prozess, in dem sich die Kriegsgefahr nie verändert hat. Ein statistisch belastbarer Trend wäre die Ruhe erst nach weiteren 100 bis 140 friedlichen Jahren. Unter dieser Annahme liegt die Wahrscheinlichkeit, dass binnen eines Jahrhunderts mindestens ein Krieg mit so vielen Gefallenen wie im Zweiten Weltkrieg ausbricht, bei 43 Prozent.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt der Politologe Bear Braumoeller von der Ohio State University. In seinem Buch „Only the Dead“ fand der Forscher 2019 für keine Kennzahl einen langfristigen Rückgang des Krieges. Auch das Risiko, dass ein kleiner Krieg zu einem großen eskaliert, blieb unverändert. Bei weiterhin rund 50 Kriegen pro Jahrhundert liegt laut Braumoeller die Wahrscheinlichkeit, dass binnen 100 Jahren ein Krieg mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung tötet, bei etwa 13 Prozent. Ein solcher Krieg würde mindestens 70 Millionen Menschenleben fordern.
Selbst Pinker räumte in einer Replik auf Taleb ein, dass zwei Aussagen zugleich stimmen können: Die Kriegsgefahr ist gesunken, und der Schaden des schlimmsten denkbaren Krieges ist größer als früher. Pinker beschreibt damit das Wetter der vergangenen Jahrzehnte, Clauset, Cirillo und Taleb das Klima, in dem ein Jahrhundertsturm jederzeit möglich bleibt. Ein ruhiges Jahrzehnt beweist kein friedliches Jahrhundert.
Im Verhältnis zur Weltbevölkerung sterben heute viel weniger Menschen in Kriegen als im Zweiten Weltkrieg, einen Rückgang des Risikos sehr großer Kriege finden Clauset und Braumoeller aber nicht. Seriöse Risikoplanung rechnet die seltene Katastrophe deshalb mit ein.
Warum nehmen Kriege seit 2010 wieder zu?

Weil fremde Mächte sich häufiger in Bürgerkriege einmischen, Kriege seltener mit einem Vertrag enden, Drohnen den Luftkrieg verbilligen und zuletzt auch Staaten wieder direkt gegeneinander kämpfen. Für 2025 zählte das Uppsala Conflict Data Program 65 Konflikte mit staatlicher Beteiligung, so viele wie nie seit 1946.
Die schwedischen Konfliktforscher erfassen jeden Streit um die Regierungsmacht oder um Territorium, in dem mindestens ein Staat kämpft und im Jahr mindestens 25 Menschen in Gefechten sterben. Ab 1.000 Kampftoten jährlich gilt ein Konflikt als Krieg. Diese Schwelle überschritten 2025 genau 13 Konflikte, laut UCDP der höchste Wert seit 1992. Die Zahl der Konflikte zwischen Staaten hat sich zweimal in Folge verdoppelt, von zwei im Jahr 2023 auf acht im Jahr 2025.
Unter den acht Fällen stehen der russisch-ukrainische und der iranisch-israelische Krieg, dazu die indisch-pakistanischen sowie die israelisch-syrischen Gefechte. Insgesamt starben 2025 rund 244.600 Menschen durch organisierte Gewalt, das zweitblutigste Jahr seit dem Völkermord in Ruanda 1994. Allein der russisch-ukrainische Krieg forderte mindestens 94.700 Kampftote, rund 62 Prozent aller Kampftoten weltweit.
Das Friedensforschungsinstitut Oslo sieht den Trend 2026 bestätigt. Am 28. Februar griffen die USA und Israel Iran an, seitdem ist die Straße von Hormus weitgehend gesperrt, durch die vor dem Krieg täglich 120 bis 150 Schiffe fuhren. Eine zweiwöchige Waffenruhe im April und eine Vorvereinbarung Mitte Juni verschafften nur kurze Atempausen, Anfang September feuerte Iran erneut auf seine Nachbarn am Golf. Der Krieg in der Ukraine läuft im fünften Jahr. Eine dreitägige Feuerpause im Mai brach nach kurzer Zeit zusammen.
Gezählt werden bewaffnete Konflikte mit mindestens einer Regierung als Kriegspartei und mindestens 25 Kampftoten im Jahr. Nach dem Tiefpunkt von 2010 hat sich ihre Zahl mehr als verdoppelt.
staatliche Konflikte im Jahr 2025, der höchste Wert seit Beginn der Zählung
Konflikte zwischen zwei oder mehr Staaten, mehr als in jedem Jahr seit 1946
Kriege mit jeweils mindestens 1.000 Kampftoten im Jahr 2025
Tote durch organisierte Gewalt im Jahr 2025, das zweitblutigste Jahr seit 1994
Staatliche Konflikte pro Jahr, 1946 bis 2025
Jeder Balken steht für ein Jahr. Hervorgehoben sind 1946, 1991, 2010 und 2025.
Hinter den Rekordzahlen stecken neben den Kriegen zwischen Staaten drei weitere Verschiebungen. Fremde Mächte mischen sich häufiger in Bürgerkriege ein. Laut Global Peace Index 2026 wuchs die Zahl solcher internationalisierten Konflikte seit 2010 um mehr als 175 Prozent. 103 Staaten waren in den vergangenen fünf Jahren an Konflikten jenseits ihrer Grenzen beteiligt, 2008 lag die Zahl bei 59. Zugleich enden Kriege seltener am Verhandlungstisch. In den 1970er Jahren mündeten noch 23 Prozent der staatlichen Konflikte in ein Friedensabkommen, in den 2010er Jahren etwa 4 Prozent.
Die dritte Verschiebung ist technischer Natur und nach unserer Einschätzung die folgenreichste. Laut Global Peace Index stieg die Zahl der Drohnenangriffe zwischen 2018 und 2025 um rund 11.500 Prozent, 565 bewaffnete Gruppen setzten die Fluggeräte mindestens einmal ein. Für Luftangriffe brauchen Milizen heute weder Kampfjets noch Piloten. Die Zeit zwischen Zielerfassung und Schuss schrumpfte zugleich von einem Tag bei den Marschflugkörpern der 1990er Jahre auf fünf Sekunden bei einem russischen Zielsystem.
- Rekordjahr 2025: Die Zahl der Konflikte zwischen Staaten hat sich binnen zwei Jahren vervierfacht, von zwei auf acht.
- Zähe Kriege: In den 2010er Jahren endete nur noch etwa jeder 25. staatliche Konflikt mit einem Friedensabkommen.
- Billige Luftkriege: Drohnen bringen Luftangriffe in die Reichweite von Milizen und verkürzen die Zeit bis zum Schuss auf Sekunden.
Was kostet der Unfrieden die Wirtschaft?

Der Unfrieden kostet rund ein Zehntel der weltweiten Wirtschaftsleistung. Das Institute for Economics & Peace beziffert die wirtschaftlichen Folgen von Gewalt für 2025 auf 10,5 Prozent des globalen BIP. Fast drei Viertel davon entfallen auf Ausgaben für Militär und innere Sicherheit.
Das Institut mit Sitz in Sydney rechnet 18 Kostenarten zusammen: Armee, Polizei, Justiz und private Sicherheitsdienste ebenso wie Kriegstote, Morde, Terror, Flucht und die Wirtschaftsleistung, die ein Krieg zerstört. Allein auf die Streitkräfte entfallen 43 Prozent der Summe. Am schnellsten wuchs seit 2008 ein anderer Posten: Die Kosten der Kriegstoten stiegen im Modell des Instituts um 459 Prozent.
Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI beziffert die weltweiten Militärausgaben für 2025 auf umgerechnet rund 2,53 Billionen Euro. Real waren das 2,9 Prozent mehr als im Vorjahr, der elfte Anstieg in Folge. Seit 2016 wuchsen die Ausgaben um 41 Prozent. Europa legte um 14 Prozent zu. Deutschland hatte nach SIPRI-Abgrenzung mit umgerechnet rund 100 Milliarden Euro die viertgrößten Militärausgaben der Welt, hinter den USA, China und Russland.
Die Friedensdividende nach dem Kalten Krieg ist damit aufgebraucht. Die alte Bundesrepublik gab 1989 nach SIPRI-Daten 2,5 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für das Militär aus, das vereinte Deutschland 2015 nur noch 1,1 Prozent. 2025 lag der Anteil mit 2,3 Prozent erstmals seit 1990 wieder über der Zwei-Prozent-Marke. Die Bundesregierung will schon 2029 rund 152 Milliarden Euro ausgeben und damit das neue Nato-Ziel von 3,5 Prozent für die Kernverteidigung erreichen, das die Allianz für 2035 vereinbart hat.
Anteil der Militärausgaben an der Wirtschaftsleistung nach SIPRI. Nach der Wiedervereinigung sank der Wert bis 2015 fast durchgehend, seit 2022 steigt er steil an.
Anteil am BIP 1990, im Jahr der Wiedervereinigung
Tiefpunkt 2015, der niedrigste Wert seit der Wiedervereinigung
Anteil 2025, erstmals seit 1990 wieder über zwei Prozent
Zielwert für 2029, der Verteidigungsetat soll auf rund 152 Milliarden Euro steigen
Militärausgaben in Prozent des BIP, 1989 bis 2025
Jeder Balken steht für ein Jahr. Die gestrichelte Linie markiert das Nato-Ziel von 3,5 Prozent für die Kernverteidigung bis 2035.
Wie schnell ein Krieg in der Kalkulation eines Mittelständlers ankommt, zeigt das Jahr 2026. Nach dem Angriff auf Iran verteuerte sich die Nordseesorte Brent binnen sechs Wochen um gut 90 Prozent. Die Europäische Zentralbank hob ihren Leitzins im Juni und im September um jeweils 0,25 Prozentpunkte an. Beide Male verwies die Notenbank auf den Inflationsdruck aus dem Nahostkrieg. Warum der Ölpreisschock vom Frühjahr 2026 trotzdem milder ausfiel als die Ölkrisen der 1970er Jahre, haben wir im Juni in vier Lektionen zusammengefasst.
Deutschland hat die Verteidigung 25 Jahre lang auf Sparflamme gefahren und die Friedensdividende als Standortvorteil kassiert, 2015 flossen nur noch 1,1 Prozent der Wirtschaftsleistung ins Militär. Diese Subvention ist vorbei, und kein Businessplan sollte so tun, als käme sie zurück.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Von allem, was weltweit für die Eindämmung von Gewalt ausgegeben wird, fließen laut IEP nur 0,3 Prozent in Friedensförderung und Friedenseinsätze der Vereinten Nationen. Die Welt versichert sich fast ausschließlich über Armeen, Polizei und Wachdienste. Ökonomisch gleicht diese Aufteilung dem Budget eines Unternehmens, das seinen gesamten Sicherheitsetat in Wachleute steckt und keinen Cent in den Brandschutz.
Gewalt kostet die Welt jedes Jahr rund ein Zehntel ihrer Wirtschaftsleistung, und die Friedensdividende der 1990er Jahre ist aufgebraucht. Nur 0,3 Prozent der weltweiten Ausgaben gegen Gewalt fließen in Friedensförderung und Friedenseinsätze der Vereinten Nationen.
Wo ist Krieg heute schon undenkbar?

Überall dort, wo Nachbarstaaten eine Sicherheitsgemeinschaft bilden, rechnet niemand mehr mit einem Krieg. Deutschland und Frankreich führten von 1870 bis 1945 drei Kriege gegeneinander, 2012 nannte das Nobelkomitee einen Krieg zwischen beiden undenkbar.
Bekannt machte den Begriff ein Team um den Politikwissenschaftler Karl W. Deutsch, das 1957 Gruppen von Staaten untersuchte, deren Mitglieder sich fest darauf verlassen können, dass Streit untereinander ohne Waffen beigelegt wird. Das Team nannte zwei Zutaten: ein Gemeinschaftsgefühl und Institutionen, die stark genug sind, um über lange Zeit die verlässliche Erwartung friedlichen Wandels zu sichern. Nach dieser Definition ist die Europäische Union mit 27 Mitgliedstaaten eine Sicherheitsgemeinschaft. Das Nobelkomitee zeichnete die EU 2012 mit dem Friedensnobelpreis aus, weil die Gemeinschaft über sechs Jahrzehnte zu Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa beigetragen habe.
Das Musterbeispiel einer Sicherheitsgemeinschaft bilden Deutschland und Frankreich. Am 22. Januar 1963 unterzeichneten Charles de Gaulle und Konrad Adenauer den Élysée-Vertrag, der neben regelmäßigen Regierungstreffen eine enge Abstimmung in Außen-, Sicherheits-, Jugend- und Kulturpolitik vorsieht. Das im selben Jahr gegründete Deutsch-Französische Jugendwerk ermöglichte laut Auswärtigem Amt bis 2023 mehr als 9,5 Millionen jungen Menschen einen Austausch.
Schweden ist laut dem Schwedischen Institut, der Auslandsagentur des Landes, seit einem kurzen Krieg gegen Norwegen 1814 an keinem Krieg mehr beteiligt gewesen. Die Schweiz erlebte 1847 ihren letzten Bürgerkrieg. Der Sonderbundskrieg dauerte 25 Tage und kostete 93 Soldaten das Leben. Costa Rica schaffte seine Armee am 1. Dezember 1948 ab und verbot 1949 in Artikel 12 seiner Verfassung ein Heer als dauerhafte Einrichtung.
| Land oder Region | Ohne Krieg seit | Womit der Frieden abgesichert ist |
|---|---|---|
| Schweden | 1814 | Lange bündnisfrei, seit dem 7. März 2024 Mitglied der Nato |
| Schweiz | 1847, Ende des Sonderbundskriegs | Bewaffnete Neutralität, 1815 von den Großmächten als immerwährend anerkannt |
| Costa Rica | 1948 Armee abgeschafft | Verbot eines stehenden Heeres in Artikel 12 der Verfassung von 1949 |
| Island | ohne eigene Streitkräfte | Gründungsmitglied der Nato 1949, Verteidigungsabkommen mit den USA seit 1951 |
| Deutschland und Frankreich | 1945 | Élysée-Vertrag von 1963, Europäische Union, gemeinsame Nato-Mitgliedschaft |
Warum der Krieg in solchen Zonen verschwindet, erklärt der amerikanische Politologe John Mueller mit einem Wandel der Ideen. In seinem Buch „Retreat from Doomsday“ verglich Mueller 1989 den Krieg zwischen Industriestaaten mit der Sklaverei und dem Duell. Sklaverei und Duell verschwanden nach Muellers Befund, sobald die Menschen diese Praktiken ablehnten, obwohl beide Einrichtungen praktisch und wirtschaftlich noch funktionierten. Frankreich und Deutschland, schreibt der Politologe, ziehen einen Krieg gegeneinander gar nicht mehr in Betracht, so wie zerstrittene Adlige irgendwann nicht mehr an ein Duell dachten. Wir halten diese Diagnose für die ermutigendste der Friedensforschung, denn der Wandel, den Mueller beschreibt, setzt keinen neuen Menschen voraus.
Fast alle Friedensinseln stützen sich allerdings auf Waffen, eigene oder die von Verbündeten. Schweden gab nach dem russischen Überfall auf die Ukraine seine Bündnisfreiheit auf und trat 2024 der Nato bei. Island hat als einziges Nato-Mitglied keine eigenen Streitkräfte. Seit 1951 schützt ein Verteidigungsabkommen mit den USA das Land. Frieden in einer Zone setzt nach unserer Lesart voraus, dass jemand ihre Grenzen nach außen verteidigen kann, die Staaten der Zone selbst oder deren Verbündete.
- Sicherheitsgemeinschaft: Zwischen Staaten, die Streit verlässlich friedlich lösen, verschwindet der Krieg als Option.
- Lange Linien: Schweden lebt seit 1814 ohne Krieg, Deutschland und Frankreich seit 1945 miteinander in Frieden.
- Schutz nach außen: Fast jede Friedensinsel stützt sich auf eigene Waffen oder auf Verbündete.
Wie planen Unternehmen in einer Welt ohne Friedensgarantie?

Vorausschauende Betriebe planen mit Szenarien und sichern Lieferketten, Energiekosten sowie Finanzierung gegen Kriegsschocks ab. Die Abwehr von Cyberangriffen wird zur Chefsache. Im Frühsommer 2026 nannten laut DIHK 70 Prozent der Betriebe Energie- und Rohstoffpreise als Risiko, nach 48 Prozent zu Jahresbeginn.
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer wertete für ihre Konjunkturumfrage rund 23.000 Antworten aus. Die Kammer spricht von einer Doppelkrise: Der Nahostkonflikt trifft auf die strukturellen Schwächen des Standorts. In der Industrie stieg der Anteil der Betriebe, die Energie- und Rohstoffpreise als Risiko sehen, binnen weniger Monate von 59 auf 81 Prozent. Für Gründer mit schmalem Finanzpolster kommt der steigende Leitzins hinzu. Jede neue Kreditlinie wird teurer.
Der Krieg erreicht deutsche Firmen auch ohne Schuss. Laut der Bitkom-Studie zum Wirtschaftsschutz 2026 kosteten Datendiebstahl, Industriespionage und Sabotage die deutsche Wirtschaft zuletzt 211 bis 270,8 Milliarden Euro. Von den sicher betroffenen Unternehmen verfolgten 52 Prozent mindestens einen Angriff nach China zurück, 49 Prozent nach Russland. Iran spielt eine wachsende Rolle: 9 Prozent fanden dort eine Spur, nach 4 Prozent im Vorjahr.
Für die Beschaffung gilt die alte Regel, dass ein einziger Lieferant in der Krise so gut wie keiner ist. Klumpenrisiken lauern bei Rohstoffen aus nur einer Region und bei Seerouten durch eine einzige Meerenge. Ebenso riskant ist ein Kundenstamm aus nur einem Machtblock. Welche Hebel Europa zwischen Washington, Peking und Moskau bleiben, haben wir in einem eigenen Beitrag über das Machtspiel der Großmächte durchgespielt.
Zugleich entsteht ein neuer Markt. Europäische Start-ups aus Verteidigung, Sicherheit und Resilienz sammelten 2025 laut Dealroom sowie dem Nato-Innovationsfonds umgerechnet rund 7,6 Milliarden Euro Wagniskapital ein, 55 Prozent mehr als im Vorjahr. Rund 1,8 Milliarden Euro davon flossen nach Deutschland. Der Münchner Rüstungs-KI-Entwickler Helsing wurde laut Defense News im Juli 2026 mit umgerechnet rund 15,8 Milliarden Euro bewertet. Der Drohnenhersteller Quantum Systems aus Gilching ist nach der jüngsten Finanzierungsrunde laut eigenen Angaben umgerechnet rund 7 Milliarden Euro wert.
Für junge Unternehmen folgt daraus keine Pflicht, in die Rüstung einzusteigen, wohl aber die Pflicht, den Unfrieden als feste Größe in die Planung aufzunehmen. Vier Fragen gehören nach unserer Überzeugung in jede Strategierunde:
- Welche Lieferanten, Rohstoffe und Transportwege hängen an einer einzigen Region oder Meerenge?
- Welchen Anstieg bei Energiepreisen und Zinsen verkraftet die Liquiditätsplanung, bevor das Geschäftsmodell kippt?
- Welche Person im Team verantwortet die Abwehr von Cyberangriffen, und wann wurde der Notfallplan zuletzt geübt?
- Schließen Ihre Versicherungspolicen Schäden durch Krieg oder staatlich gesteuerte Cyberangriffe aus?
Kriege treffen deutsche Unternehmen über Energiepreise, Zinsen und Cyberangriffe, lange bevor ein Schuss in ihrer Nähe fällt. Robust planen heißt Klumpenrisiken abbauen und Kriegsszenarien durchrechnen, bevor die Bank danach fragt.
Wird es also jemals ein Zeitalter ohne Kriege geben?

Ein Zeitalter ganz ohne bewaffnete Konflikte ist nicht in Sicht. Erreichbar ist eines, in dem der große Krieg zwischen Staaten so undenkbar wird wie heute zwischen Deutschland und Frankreich. Ob dieses Zeitalter kommt, hängt an Demokratie, Handel, Institutionen und Abschreckung, nicht an der menschlichen Natur.
Drei der vier Bausteine hat Kant schon vor 231 Jahren beschrieben, den vierten, die Atombombe, lieferte das 20. Jahrhundert. Ob genügend Staaten die Bausteine gleichzeitig zusammensetzen, weiß niemand. Aus der Forschung lassen sich drei Pfade für die kommenden Jahrzehnte ableiten, die wir für plausibel halten.
Szenario 1: Die Friedenszonen wachsen
Europa hat gezeigt, wie aus Erbfeinden Partner werden. Wächst der Kreis der Staaten mit demokratischer Verfassung, dichtem Handel und gemeinsamen Institutionen, schrumpft der Raum für Kriege zwischen diesen Staaten. Der Krieg verlöre dann Schritt für Schritt seinen Rang als Mittel der Politik, so wie das Duell seinen Rang als Mittel der Ehre verloren hat. Kriege innerhalb von Staaten und an den Rändern der Friedenszonen verschwänden damit allerdings nicht.
Szenario 2: Bewaffneter Frieden zwischen Blöcken
Die Großmächte schrecken einander ab wie im Kalten Krieg und meiden den direkten Krieg, während in den Pufferzonen zwischen den Blöcken Stellvertreterkriege toben. Die Zahlen seit 2010 sprechen dafür, dass die Welt derzeit auf diesem Pfad unterwegs ist. Die Zahl internationalisierter Bürgerkriege wächst, Staaten kämpfen wieder direkt gegeneinander. 2025 stiegen die Militärausgaben laut SIPRI in allen Weltregionen außer Nord- und Südamerika.
Szenario 3: Der große Krieg kehrt zurück
Nach den Rechnungen von Clauset und Braumoeller bleibt ein Krieg vom Ausmaß der Weltkriege im Lauf eines Jahrhunderts eine ernst zu nehmende Möglichkeit. Mit Atomwaffen hätte ein solcher Krieg Folgen ohne Beispiel in der Geschichte. Diese Aussicht mahnte die Supermächte im Kalten Krieg zur Vorsicht, etwa in der Kubakrise 1962, und bleibt das stärkste Argument gegen jede Politik, die Konflikte zwischen Großmächten eskalieren lässt.
Für Unternehmer folgt aus allen drei Szenarien dieselbe Konsequenz, die Kant schon 1795 formuliert hat: Der Friedenszustand unter Menschen ist kein Naturzustand, er „muß also gestiftet werden“. Ein Zeitalter ohne Kriege bleibt damit ein Projekt, an dem auch die Wirtschaft mitbaut, über offene Märkte, verlässliche Verträge und Lieferketten, die keinen Staat erpressbar machen.
Glossar: 17 wichtige Fachbegriffe zu Krieg und Frieden

Abschreckung
Abschreckung bezeichnet eine Sicherheitspolitik, die einen Gegner durch die Aussicht auf unannehmbare Verluste von einem Angriff abhalten soll. Im Kalten Krieg drohten die USA und die Sowjetunion einander mit der atomaren Vernichtung. Ob diese Drohung den direkten Krieg zwischen beiden Supermächten verhindert hat, lässt sich nicht beweisen.
Bindungsproblem
Bindungsproblem heißt in der Politikwissenschaft die Schwierigkeit, eine Zusage über die Zukunft glaubwürdig zu machen, solange keine höhere Instanz die Einhaltung erzwingt. Verschieben sich die Kräfteverhältnisse, fürchtet die schwächer werdende Seite, dass der Gegner Vereinbarungen später bricht. James Fearon zählt das Bindungsproblem, englisch commitment problem, zu den Hauptursachen von Kriegen.
Briand-Kellogg-Pakt
Briand-Kellogg-Pakt heißt der Vertrag, mit dem 15 Staaten am 27. August 1928 in Paris den Krieg als Mittel nationaler Politik ächteten, darunter Deutschland, Frankreich und die USA. Später schlossen sich die meisten Staaten der Welt an. Eine Möglichkeit, Vertragsbrüche zu bestrafen, sah der Pakt nicht vor, schon 1931 marschierte Japan in die Mandschurei ein.
Demokratischer Frieden
Demokratischer Frieden bezeichnet den Befund, dass Demokratien untereinander so gut wie nie Krieg führen. Die Idee geht auf Immanuel Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ von 1795 zurück. Gegen Autokratien haben Demokratien immer wieder Kriege geführt, der Effekt gilt also nur zwischen Staaten mit demokratischer Verfassung.
Fat Tails
Fat Tails, auf Deutsch schwere Ränder, heißen in der Statistik die stark besetzten Enden einer Verteilung, in der extreme Ereignisse viel häufiger vorkommen als in einer Normalverteilung. Bei Kriegen bestimmen wenige gewaltige Konflikte die Gesamtzahl der Toten. Der Durchschnitt ruhiger Jahrzehnte unterschätzt deshalb das Risiko des nächsten großen Krieges, argumentieren Pasquale Cirillo und Nassim Nicholas Taleb.
Friedensdividende
Friedensdividende heißt der finanzielle Spielraum, den Staaten nach dem Ende des Kalten Krieges durch sinkende Militärausgaben gewannen. Deutschland senkte den Anteil der Verteidigung an der Wirtschaftsleistung nach SIPRI-Daten von 2,5 Prozent im Jahr 1990 auf 1,1 Prozent im Jahr 2015. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine steigen die Ausgaben wieder deutlich.
Gewaltmonopol
Gewaltmonopol bezeichnet das alleinige Recht des Staates, körperlichen Zwang auszuüben, etwa durch Polizei, Justiz und Armee. Der Soziologe Max Weber machte das Gewaltmonopol zum Kennzeichen des modernen Staates. Nach der Studie von José María Gómez liegt der Anteil gewaltsamer Todesfälle in Gesellschaften mit einem Staat unter dem stammesgeschichtlich erwarteten Wert.
Gewaltverbot
Gewaltverbot heißt der Grundsatz aus Artikel 2 der UN-Charta, nach dem die Mitgliedstaaten in ihren internationalen Beziehungen auf die Androhung und Anwendung von Gewalt gegen andere Staaten verzichten. Ausnahmen gelten für die Selbstverteidigung und für Maßnahmen, die der UN-Sicherheitsrat beschließt. Das Verbot bindet alle 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen.
Global Peace Index
Global Peace Index heißt die jährliche Rangliste des Institute for Economics & Peace in Sydney, die 163 Staaten und Gebiete nach 23 Kriterien bewertet, von Konflikten über Kriminalität bis zu Militärausgaben. 2026 führt Island die Liste zum 19. Mal in Folge an. Deutschland fiel auf Rang 28, Russland belegt den letzten Platz.
Internationalisierter Bürgerkrieg
Internationalisierter Bürgerkrieg heißt in der Konfliktforschung ein Krieg innerhalb eines Staates, in den fremde Staaten mit eigenen Truppen eingreifen. Laut Global Peace Index 2026 stieg die Zahl solcher Konflikte seit 2010 um mehr als 175 Prozent. Beispiele der vergangenen Jahre sind die Kriege in Syrien und im Jemen.
Langer Frieden
Langer Frieden heißt nach dem Historiker John Lewis Gaddis die Zeit nach 1945, in der die Großmächte keinen direkten Krieg mehr gegeneinander führten. Als letzter Krieg mit direkter Beteiligung mehrerer Großmächte gilt der Koreakrieg, der 1953 endete. Kriege in anderen Weltregionen gingen in dieser Zeit weiter, oft als Stellvertreterkriege.
Pax Romana
Pax Romana bezeichnet die Zeit relativer Ruhe im Römischen Reich von Kaiser Augustus bis Mark Aurel, also etwa von 27 vor Christus bis 180 nach Christus. Ganz ohne Krieg verlief die Epoche nicht: Rom führte Grenzkriege und schlug Aufstände nieder, etwa in Judäa. Der Begriff steht heute allgemein für einen Frieden unter einer Vormacht.
Sicherheitsgemeinschaft
Sicherheitsgemeinschaft heißt nach der Definition eines Teams um den Politikwissenschaftler Karl W. Deutsch eine Gruppe von Staaten, deren Mitglieder Streit untereinander verlässlich ohne Gewalt beilegen. Voraussetzung sind ein Gemeinschaftsgefühl und Institutionen, die friedlichen Wandel über lange Zeit sichern. Die Europäische Union gilt als bekanntes Beispiel, Deutschland und Frankreich als ihr Musterfall.
Stellvertreterkrieg
Stellvertreterkrieg heißt ein Krieg, in dem Großmächte nicht selbst gegeneinander kämpfen, sondern verbündete Staaten oder Milizen mit Waffen, Geld und Beratern unterstützen. Für die Großmächte senkt diese Form das Risiko einer direkten Eskalation. Die Last des Krieges liegt bei den Menschen in den umkämpften Ländern.
Thukydides-Falle
Thukydides-Falle nennt der Harvard-Politologe Graham Allison die Kriegsgefahr, die entsteht, sobald eine aufstrebende Macht eine etablierte herausfordert. Der Name geht auf den griechischen Historiker Thukydides zurück, der den Peloponnesischen Krieg mit dem Aufstieg Athens und der Furcht Spartas erklärte. Allison fand in 500 Jahren 16 solcher Fälle, zwölf endeten im Krieg.
Uppsala Conflict Data Program
Uppsala Conflict Data Program, kurz UCDP, heißt die Konfliktdatenbank der schwedischen Universität Uppsala. Die Daten reichen bis 1946 zurück und umfassen alle bewaffneten Konflikte mit mindestens 25 Kampftoten im Jahr, an denen mindestens eine Regierung beteiligt ist. Ab 1.000 Kampftoten im Jahr gilt ein Konflikt als Krieg.
Wildbeuter
Wildbeuter heißen in der Ethnologie Gesellschaften, die ohne Ackerbau oder Viehzucht von der Jagd, dem Fischfang und dem Sammeln wilder Pflanzen leben. Nomadische Wildbeuter ziehen in kleinen Gruppen umher und legen kaum Vorräte an. Nach der Studie von Douglas Fry und Patrik Söderberg gingen fast zwei Drittel der Tötungen in solchen Gruppen auf Unfälle, Familienstreit, Hinrichtungen oder persönliche Motive zurück.
FAQ: Wird es jemals ein Zeitalter ohne Kriege geben?

Ist Weltfrieden möglich?
Ein Frieden ganz ohne bewaffnete Konflikte ist nach heutigem Stand der Forschung nicht in Sicht, ein Ende der großen Kriege zwischen Staaten dagegen erreichbar. Zwischen den einstigen Erbfeinden Deutschland und Frankreich ist ein Krieg heute undenkbar. Solche Sicherheitsgemeinschaften beruhen auf einem Gemeinschaftsgefühl und starken gemeinsamen Institutionen.
Wie viele Kriege werden aktuell auf der Welt geführt?
Das Uppsala Conflict Data Program zählte für 2025 insgesamt 65 bewaffnete Konflikte mit staatlicher Beteiligung, der höchste Wert seit Beginn der Zählung 1946. 13 davon erreichten mit mindestens 1.000 Kampftoten im Jahr die Schwelle zum Krieg. Acht der Konflikte wurden zwischen Staaten ausgetragen, darunter der russisch-ukrainische und der iranisch-israelische Krieg.
Warum brechen immer wieder Kriege aus?
Kriege brechen meist dort aus, wo Verhandlungen scheitern: Die Gegner führen einander über ihre Stärke in die Irre, trauen den Zusagen der anderen Seite nicht oder halten den Streitgegenstand für unteilbar. Diese Erklärung stammt vom Politologen James Fearon. Besonders gefährlich sind Machtverschiebungen, etwa wenn eine aufstrebende Macht eine etablierte herausfordert.
Welches Land hatte am längsten keinen Krieg?
Unter den heutigen Staaten wird meist Schweden genannt: Seit dem kurzen Krieg gegen Norwegen im Jahr 1814 ist das Land laut dem Schwedischen Institut an keinem Krieg mehr beteiligt gewesen. Die Schweiz erlebte 1847 mit dem Sonderbundskrieg ihren letzten Bürgerkrieg, Costa Rica schaffte seine Armee 1948 ab.
Welches ist das friedlichste Land der Welt?
Island führt den Global Peace Index 2026 zum 19. Mal in Folge an, vor Neuseeland und der Schweiz. Das australische Institute for Economics and Peace bewertet dafür 163 Staaten und Gebiete nach 23 Kriterien, von Konflikten über Kriminalität bis zu Militärausgaben. Deutschland liegt auf Rang 28, Russland auf dem letzten Platz.
Hat die Menschheit jemals eine Zeit ohne Krieg erlebt?
In der überlieferten Geschichte blieb Frieden die Ausnahme: Die Historiker Will und Ariel Durant kamen 1968 in 3.421 Jahren auf nur 268 Jahre ohne Krieg, legten für die Zahl aber keine Herleitung vor. Selbst unter der Pax Romana herrschte nur relative Ruhe. Belege für tödliche Gewalt zwischen Gruppen reichen mindestens 13.400 Jahre zurück.
Quellen
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