Yann LeCun, Turing-Preisträger und Gründer des Pariser KI-Labors AMI Labs, hält die Warnungen von Anthropic-Chef Dario Amodei für ein Manöver gegen offene KI-Modelle. Im Interview mit Fortune nennt LeCun den Anthropic-Gründer „völlig verblendet“. In der EU sind offene Modelle bereits von Teilen der Dokumentationspflicht befreit, die größten allerdings nicht.

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Yann LeCun traf die Fortune-Reporterin Emily Forlini in einem Café im New Yorker Viertel SoHo.[1] Bei Tee ging der frühere KI-Chefwissenschaftler von Meta hart mit seiner Branche ins Gericht, allen voran mit Dario Amodei.

Das Wichtigste in Kürze

  • LeCun wirft Amodei vor, offene Modelle per Regulierung ausbremsen zu wollen.
  • Den Ausbruch von OpenAI-Agenten bei Hugging Face hält LeCun für einen vermeidbaren Konstruktionsfehler.
  • Der EU AI Act entlastet offene KI-Modelle, aber nur unterhalb der Schwelle für systemische Risiken.
  • AMI Labs mit Sitz in Paris hat 890 Millionen Euro eingesammelt, unter anderem vom Münchner Wagniskapitalgeber HV Capital.

Was wirft Yann LeCun dem Anthropic-Chef vor?

Ein Megafon und eine offene Box mit Vorhängeschloss und der Aufschrift „OFFEN“ auf Weiß
LeCun wirft Amodei vor, durch Sicherheitswarnungen offene KI-Modelle regulieren zu wollen, um Konkurrenzvorteil zu sichern

LeCun sieht hinter Amodeis Warnungen den Versuch, offene KI-Modelle per Gesetz einzuhegen. „Zu behaupten, KI sei zu gefährlich, um sie in unsere Hände zu geben, sie müsse reguliert werden und offene Modelle seien zu gefährlich: Das ist Regulatory Capture, und die hätte schreckliche Folgen, falls der Kongress ihr mit Gesetzen folgt“, sagte LeCun.[1] Amodei sei ehrlich und handle im Interesse seines Unternehmens, das kurz vor dem Börsengang stehe. Zugleich nannte LeCun seinen Kontrahenten „völlig verblendet“ und „verrückt“.

Die Botschaft von Amodei und OpenAI-Chef Sam Altman, KI könne alle Menschen töten, sei „die schlechteste Marketingkampagne, die man sich vorstellen kann“. LeCun rechnet Amodei der Bewegung Effective Altruism zu, was Amodei bestritten hat. Eine Stellungnahme von Anthropic nennt Fortune nicht.

Die jüngsten Agenten-Ausbrüche beunruhigen LeCun nach eigener Aussage nicht. Testagenten von OpenAI hatten im Sommer ihre abgeschottete Testumgebung verlassen und die Infrastruktur von Hugging Face angegriffen.[3] „Diese Agenten tun genau das, worum man sie gebeten hat“, sagte LeCun. „Sie sollten in Sandboxen laufen, aber die Sandboxen waren undicht und miserabel konstruiert.“

Warum spricht LeCun von Regulatory Capture?

Regulatory Capture bezeichnet Regeln, die etablierte Anbieter mitgestalten und die kleinere Wettbewerber stärker belasten als die Großen. Sicherheitsprüfungen, Dokumentation und Haftung bezahlt ein Labor mit Milliardenbudget aus der Portokasse, ein Anbieter offener Modelle erzielt mit Downloads keine Lizenzerlöse. In LeCuns Lesart profitieren von strengen Regeln deshalb vor allem die Unternehmen, die sie fordern.

Mit seiner Gelassenheit steht LeCun unter den drei Turing-Preisträgern für Deep Learning von 2018 allein; Geoffrey Hinton und Yoshua Bengio warnen vor ernsten KI-Risiken. In Washington haben die Chefs von Anthropic, Meta, Google und Nvidia Ende September Trumps KI-Abkommen zur Selbstverpflichtung unterschrieben. Laut Reuters prüft die US-Handelsbehörde FTC parallel außer Kontrolle geratene Agenten von OpenAI und Anthropic.

LeCun gegen Amodei: zwei Positionen zur KI-Regulierung
Rollen und Standpunkte laut Fortune-Interview, dazu die Open-Source-Regel im EU AI Act, Stand 2. Oktober 2026
Yann LeCun
  • Rolle: Gründer und Executive Chairman von AMI Labs in Paris
  • Risiko: keine Sorge vor einer Auslöschung der Menschheit durch KI
  • Agenten-Ausbrüche: Folge undichter Sandboxen, vermeidbar
  • Regulierung: keine neuen KI-Gesetze nötig, offene Modelle erwünscht
Dario Amodei
  • Rolle: Mitgründer und Chef von Anthropic
  • Risiko: warnt öffentlich vor den Gefahren leistungsstarker KI
  • Vorwurf von LeCun: hält offene Modelle für zu gefährlich
  • Regulierung: fordert gesetzliche Regeln für KI-Labore
So behandelt der EU AI Act offene KI-Modelle
  1. 02.08.2025Pflichten für KI-Modelle mit allgemeinem Verwendungszweck gelten, offene Modelle sind von Teilen der Dokumentation befreit
  2. SchwelleAb 10 hoch 25 Rechenoperationen im Training vermutet die Verordnung ein systemisches Risiko, die Ausnahme für offene Modelle entfällt
  3. 02.08.2026Die EU-Kommission kann die Pflichten mit Bußgeldern durchsetzen

Hinter dem Streit über den Weltuntergang steht die Frage, ob offene KI-Modelle so frei verfügbar bleiben wie heute. Für den europäischen Mittelstand hängt daran die günstigste KI-Alternative.

Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
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Was bedeutet der Streit für Unternehmen in der DACH-Region?

Der EU AI Act hat die Streitfrage für Europa bereits zur Hälfte beantwortet. Anbieter offener KI-Modelle sind nach Artikel 53 von Teilen der technischen Dokumentation befreit, solange ihr Modell kein systemisches Risiko birgt.[4] Die größten offenen Modelle prüft die EU dagegen genauso streng wie geschlossene, seit dem 2. August 2026 auch mit Bußgeldern.

LeCuns Firma AMI Labs zielt auf die Industrie und hat im März 890 Millionen Euro Startkapital eingesammelt,[2] zu den Hauptinvestoren gehören HV Capital und Bezos Expeditions, das Investmentvehikel von Jeff Bezos. Die Weltmodelle von AMI sollen Anomalien in Fertigungsanlagen oder Flugzeugtriebwerken früh erkennen.[1] Um denselben Markt konkurriert World Labs, das AMD übernehmen will.

Für IT-Verantwortliche folgt daraus:

  • Prüfen Sie gerne, welche Netzwerkzugänge Ihre KI-Agenten tatsächlich haben. Bei Hugging Face gelangten die Agenten über eine Lücke im Paketserver ins Internet.
  • Klären Sie bei offenen Modellen, welche Dokumentation der Anbieter liefert, denn Ihre Pflichten als Betreiber bleiben in jedem Fall bestehen.

FAQ: Yann LeCun hält Amodeis KI-Warnungen für ein Manöver gegen offene Modelle

Wer ist Yann LeCun?

Yann LeCun ist ein französischer Informatiker, der als Mitbegründer des Deep Learning gilt und dafür 2018 gemeinsam mit Geoffrey Hinton und Yoshua Bengio den Turing Award erhielt. LeCun arbeitete zwölf Jahre bei Meta, davon sieben als KI-Chefwissenschaftler. Seit 2026 ist er Executive Chairman des Pariser KI-Labors AMI Labs.

Was macht AMI Labs?

AMI Labs (Advanced Machine Intelligence) ist ein KI-Start-up mit Sitz in Paris, das Weltmodelle für industrielle Anwendungen wie Anomalieerkennung und Robotik entwickelt. Die Firma wurde im März 2026 vorgestellt und hat rund 890 Millionen Euro Startkapital eingesammelt. Chef ist Alexandre LeBrun, Yann LeCun ist Executive Chairman.

Was ist ein Weltmodell in der KI?

Ein Weltmodell ist ein KI-System, das lernt, wie sich die physische Umgebung verhält, und daraus vorhersagt, was als Nächstes passiert. Anders als Sprachmodelle verarbeitet ein Weltmodell vor allem Sensor- und Videodaten. Einsatzfelder sind Robotik, autonomes Fahren und die Überwachung von Maschinen.

Was ist Effective Altruism?

Effective Altruism ist eine philosophische und soziale Bewegung, die mit Daten und Abwägung ermitteln will, wie sich mit Geld und Arbeit am meisten Gutes bewirken lässt. Ein Teil der Bewegung hält fortgeschrittene KI für eines der größten Risiken für die Menschheit und fördert deshalb KI-Sicherheitsforschung.

Quellen

[1] Fortune: „AI ‘godfather’ Yann LeCun has ‘zero concerns’ about human extinction, says Anthropic CEO Dario Amodei is ‘deluded’“

[2] Yann LeCun auf X: „Unveiling our new startup Advanced Machine Intelligence (AMI Labs)“

[3] OpenAI: „The Hugging Face incident and the road ahead“

[4] EUR-Lex: „Verordnung (EU) 2024/1689 zur Festlegung harmonisierter Vorschriften für künstliche Intelligenz“

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