Drei Physiker aus Portsmouth und Covilhã deuten Einsteins Brücken von 1935 neu und sehen im Urknall den Übergang aus einer früheren Phase. Ihr Modell passt laut eigener Rechnung 650-mal besser zu den Planck-Daten als die Standardtheorie. Ein Beweis ist das nicht, eine prüfbare Vorhersage dagegen schon.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen„Also meine ich damit etwa Beweise? Oh ja, ich meine damit Beweise.“ Mit diesem Satz verspricht der YouTube-Kanal Entropy ein Universum vor dem Urknall.[1] Der Fachaufsatz dahinter erschien im Januar 2026 in Classical and Quantum Gravity und nennt die Daten ein überzeugendes Indiz.[2]
Das Wichtigste in Kürze
- Enrique Gaztañaga, K. Sravan Kumar und João Marto deuten Einstein-Rosen-Brücken als Naht zwischen zwei Zeitrichtungen.
- Der Urknall wäre in diesem Bild ein Rückprall aus einer schrumpfenden Vorphase.
- Ein Muster im ältesten Licht des Alls passt laut den Autoren 650-mal besser zu ihrem Modell.
- Die Zahl beschreibt einen Modellvergleich, keinen Nachweis.
Was wollten Einstein und Rosen 1935 eigentlich?

Albert Einstein und Nathan Rosen suchten keinen Weg zu fernen Galaxien, sondern störten sich an Singularitäten, also an Stellen, an denen die Gleichungen der Relativitätstheorie unendliche Werte liefern. Ihre Lösung fügte zwei Kopien der Raumzeit an genau dieser Stelle zusammen. Zum Tunnel wurde die Konstruktion erst in der Science-Fiction.
Einen anderen Ausweg aus der Singularität rechneten im Juni zwei Frankfurter Physiker mit ihren Gravasternen vor.
Gaztañaga und Kumar von der Universität Portsmouth sowie Marto von der Universidade da Beira Interior lesen die Brücke als Verbindung zweier gespiegelter Bereiche der Raumzeit, in denen die Zeit in entgegengesetzte Richtungen läuft. Aufs ganze Universum übertragen wird der Urknall zum Rückprall aus einer Phase, in der sich das All zusammenzog.
Der Urknall werde so „zum Durchgang, nicht zum Anfang“, schreibt Gaztañaga (übersetzt aus dem Englischen). Unser Universum könnte demnach im Inneren eines Schwarzen Lochs liegen.[3]
Was bedeutet der Faktor 650?
Prüfstein ist die kosmische Hintergrundstrahlung, ausgesandt rund 380.000 Jahre nach dem Urknall. In den Planck-Daten von 2018 zeigt sich auf großen Winkelskalen ein Ungleichgewicht zwischen gegenüberliegenden Punkten des Himmels, das die gängige Inflationstheorie schlecht erklärt. Das Spiegelmodell sagt genau so eine Asymmetrie voraus.
Die 650 ist ein Bayes-Faktor, also das Verhältnis der Wahrscheinlichkeiten beider Modelle angesichts der Daten. Für den Quadrupol, die gröbste Struktur am Himmel, kommt die Standardtheorie auf 0,09 %, das Spiegelmodell auf 3,3 %.[2] Die Autoren betonen selbst, dass ihr Ansatz von der üblichen Praxis der Kosmologen abweicht. Zudem traten nur zwei Kandidaten gegeneinander an. Messfehler, Staub der Milchstraße oder Zufall standen in dieser Rechnung nicht zur Wahl.
Ein Präzedenzfall ist BICEP2: Das Team meldete 2014 Spuren urzeitlicher Gravitationswellen, eine gemeinsame Analyse mit Planck-Daten erklärte das Signal Anfang 2015 auch mit Staub der Milchstraße.[4] Selbst der Entropy-Sprecher räumt am Ende des Videos ein, dass endgültige Beweise fehlen.
Ein Faktor 650 entscheidet zwischen zwei Modellen, die richtige Erklärung kann trotzdem ein drittes sein.
Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Wie lässt sich das Spiegelmodell prüfen?
Das Modell sagt eine Asymmetrie auch für die Polarisation der Hintergrundstrahlung voraus. Genau dieses Signal soll der Satellit LiteBIRD der japanischen Raumfahrtagentur JAXA vermessen.[5] Fehlt das Muster dort, verliert das Modell seinen stärksten Beleg.
Ein Bayes-Faktor funktioniert ähnlich wie die Auswertung eines A/B-Tests im Marketing und zeigt, welche von zwei Varianten besser zu den Daten passt, aber nicht, ob beide danebenliegen. Auf großen Winkelskalen liegen nur wenige unabhängige Messwerte vor, wie bei einem Test mit kleiner Stichprobe. Bei Videos mit Titeln wie „Der Urknall war kein Anfang“ lohnt deshalb der Blick in die Originalarbeit, weitere Prüffragen liefert der Ratgeber Studien kritisch lesen.
Quellen
5 Quellen anzeigenQuellen ausblenden
- YouTube-Kanal Entropy (Wissenschaft Schnell Erklärt)Der Urknall war kein Anfang … (Video, zitierte Stelle ab 10:30)
- Enrique Gaztañaga, K. Sravan Kumar, João Marto„A new understanding of Einstein-Rosen bridges“, Classical and Quantum Gravity 43 (2026) 015023, frei lesbar auf arXiv
- Enrique Gaztañaga, University of PortsmouthWormholes may not exist …, Gastbeitrag für The Conversation
- Center for Astrophysics, Harvard & SmithsonianBICEP2 and Planck Joint Study: Gravitational Waves Remain Elusive (2015)
- JAXA, Institute of Space and Astronautical ScienceMissionsseite LiteBIRD
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