Über die gekaperten Länderendungen .gh, .sl und .as erhielten Angreifer gültige TLS-Zertifikate für mehrere Google-Domains sowie weitere große Dienste. Die Zertifizierungsstellen hielten sich dabei an jede Regel. Google hat die Zertifikate in Chrome gesperrt und rät Domaininhabern zu zwei Schutzschritten, die auch deutschen Firmen offenstehen.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenGefälschte TLS-Zertifikate kennt die Branche vor allem aus Einbrüchen bei Zertifizierungsstellen, diesmal reichte die Kontrolle über drei Domain-Registries. Am 6. Oktober legte Google offen, wie die Angreifer vorgingen. Bemerkt hatte das Chrome-Team die Übernahmen in Ghana (.gh), Sierra Leone (.sl) und Amerikanisch-Samoa (.as) in der Woche davor.[1]
Das Wichtigste in Kürze
- Über drei gekaperte Länderendungen bestanden Angreifer die Domainprüfung und erhielten echte Zertifikate für Google und weitere Marken.
- Chrome blockiert die bekannten Zertifikate, andere Browser und Apps schützt diese Sperre nicht.
- Google empfiehlt die Überwachung der Certificate-Transparency-Logs und restriktive CAA-Einträge im DNS.
- Für .de-Domains bietet die DENIC zusätzlich ein Registry Lock an.
Wie kamen die Angreifer an gültige Zertifikate?

Kontrolle über das DNS. Mit dem Zugriff auf die Registries änderten die Angreifer die autoritativen DNS-Einträge und Nameserver-Delegationen ausgewählter Domains unter den drei Endungen. Eine Zertifizierungsstelle prüft vor der Ausstellung nur, ob der Antragsteller die Domain kontrolliert, etwa über einen DNS-Eintrag oder eine Datei auf dem Webserver. Beide Prüfungen bestanden die Angreifer, weil die Anfragen bei ihren eigenen Servern ankamen. Google sieht deshalb keinen Fehler bei den Zertifizierungsstellen.[1]
Regelkonform ausgestellt. Der Unterschied zum Fall DigiNotar von 2011 liegt in der Prüfkette. Damals brachen Angreifer in die niederländische Zertifizierungsstelle selbst ein. Diesmal funktionierte die Prüfkette wie vorgesehen, nur bewies die bestandene Prüfung nichts mehr. Google betreibt unter allen drei Endungen eigene Länderableger wie google.com.gh. Welche Adressen betroffen waren, sagt der Konzern nicht. Auch die übrigen Opfer, laut Google mehrere führende Weltmarken und verbreitete Onlinedienste, bleiben ungenannt.
Warum schützt CAA erst nach dem Angriff?
Gecachte Prüfungen. Ein CAA-Eintrag im DNS legt fest, welche Zertifizierungsstellen für eine Domain ausstellen dürfen. Während einer Übernahme schreiben Angreifer diesen Eintrag einfach um. Nützlich wird CAA danach: Zertifizierungsstellen dürfen eine erfolgreiche Domainprüfung zwischenspeichern und für spätere Zertifikate wiederverwenden. Seit dem 15. März 2026 gilt dafür eine Obergrenze von 200 Tagen, ab März 2029 gelten nur noch 10 Tage.[2] Innerhalb dieser Frist könnten Angreifer mit der zwischengespeicherten Prüfung auch nach der Übernahme neue Zertifikate beziehen, sofern kein restriktiver CAA-Eintrag die Ausstellung stoppt.
Bindung ans Konto. Wirksamer ist ein CAA-Eintrag mit den Parametern accounturi und validationmethods nach RFC 8657.[3] Damit darf nur Ihr eigenes ACME-Konto bei der gewählten Zertifizierungsstelle Zertifikate beziehen, ausschließlich über die erlaubte Prüfmethode. Verpflichtend auswerten müssen Zertifizierungsstellen diese Parameter erst ab dem 15. März 2027.[2] Die Angriffsmethode kennen Fachleute seit Jahren: Bei der Kampagne Sea Turtle kaperten Angreifer zwischen 2017 und 2019 über Registrare und Registries die DNS-Einträge von mindestens 40 Organisationen in 13 Ländern und besorgten sich unter anderem Zertifikate von Let’s Encrypt.[4] Wie eine verwaiste DNS-Delegation ganze Telefonzonen in fremde Hände brachte, zeigte im August ein Fall auf Diego Garcia.
Die Domainprüfung bestätigt nur, wem das DNS gerade gehorcht. Vergessene Länderdomains öffnen Angreifern deshalb dieselbe Tür wie die Hauptdomain.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
So verkürzt die Branche Laufzeit und Wiederverwendung
Was sollten Unternehmen jetzt prüfen?
Sperre nur in Chrome. Chrome blockiert die bekannten Zertifikate über seine Sperrlisten, die CRLSets. In anderen Browsern, Mail-Programmen und Apps wirkt nur der Widerruf durch die Zertifizierungsstellen, den Google für die eigenen Zertifikate veranlasst hat. Ob die Analyse jede betroffene Domain erfasst hat, kann der Konzern nach eigener Aussage nicht garantieren.[1] Vier Maßnahmen helfen:
- Certificate-Transparency-Logs für das gesamte Domain-Portfolio überwachen, ausdrücklich auch geparkte Adressen und Länderdomains. Ein Monitor meldet neue Ausstellungen fast in Echtzeit.
- CAA-Einträge auf die tatsächlich genutzte Zertifizierungsstelle beschränken und mit accounturi an das eigene ACME-Konto binden.
- Für wichtige .de-Domains das kostenpflichtige Registry Lock der DENIC beim Provider beantragen. Ändert jemand Nameserver oder Inhaberdaten, muss ein hinterlegter Sperrkontakt per Token zustimmen.[5]
- Länderdomains ausmisten, die nur noch umleiten. Jede davon hängt an der Sicherheit einer fremden Registry, wie auch die gerichtliche Sperre in der .com-Registry zeigte.
Kürzere Laufzeiten begrenzen den Schaden künftig, weil erschlichene Prüfungen schneller verfallen. Wie stark sich der Zertifikatsmarkt bewegt, zeigt auch Cloudflares Plan einer eigenen Zertifizierungsstelle. Fachbegriffe erklärt das Cybersecurity-Glossar. Planen Sie die CAA-Prüfung am besten zusammen mit der DMARC-Richtlinie ein, beide Einträge liegen im selben DNS.
Quellen
[1] Google, Chrome Secure Web and Networking Team: „Chrome’s Response to Recent ccTLD Registry Hijacks“ (06.10.2026)
[2] CA/Browser Forum: „Baseline Requirements for the Issuance and Management of Publicly-Trusted TLS Server Certificates“ (Abschnitte 4.2.1, 4.2.2.1.2, 6.3.2)
[4] Cisco Talos: „DNS Hijacking Abuses Trust In Core Internet Service“ (17.04.2019)
[5] DENIC: „.de Registry Lock“
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