Über eine verwaiste DNS-Delegation gerieten die Telefonzonen von Diego Garcia, Ascension und St. Helena für zehn Euro Domaingebühr in fremde Hand. Rund 400.000 Abfragen mit vollständiger Rufnummer landeten dabei im Log eines privaten Nameservers. Im Elternverzeichnis von RIPE steht die Delegation bis heute.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDen Fund dokumentiert der Blog lina.sh.[1] Zwischen der ersten Meldung an britische Stellen und der Übergabe der Domain an das National Cyber Security Centre lag mehr als ein Jahr. Bewegung kam erst in die Sache, nachdem in der zweiten Meldung Militärstützpunkte auftauchten.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Zonen für die Vorwahlen +246, +247 und +290 verwiesen auf zwei Nameserver, von denen einer keine Adresse mehr hatte und der andere zu einer abgelaufenen Domain gehörte.
- Fünf Euro genügten für die Neuregistrierung dieser Domain und damit für die Kontrolle über jede DNS-Antwort der drei Telefonzonen.
- Rund 400.000 Abfragen mit Rufnummer und Zeitstempel landeten im Log, überwiegend aus US-Netzen.
- Eine eigene Abfrage vom 21. August 2026 zeigt 46 delegierte Ländervorwahlen unter e164.arpa, neun davon mit mindestens einem nicht auflösbaren Nameserver.
Wie gerät eine Telefonzone in fremde Hand?

Eine Delegation nennt Nameserver-Namen, keine Betreiber. Fällt die Domain hinter so einem Namen frei, bestimmt der nächste Käufer jede DNS-Antwort der Zone.[1]
ENUM dreht dafür eine Rufnummer um und hängt .e164.arpa an. Aus der Berliner Nummer +49 30 123456 wird 6.5.4.3.2.1.0.3.9.4.e164.arpa, ein NAPTR-Eintrag dort nennt die SIP-Adresse für den Anruf. RFC 6116 beschreibt das Verfahren, RIPE NCC verwaltet die Wurzel e164.arpa, die Ländervorwahlen liegen bei nationalen Registries. Als reine Infrastruktur-Endung taucht .arpa in keinem Verzeichnis der verkäuflichen Endungen auf.
Bei den drei britischen Gebietszonen standen dort zwei Server. Der erste, ns6.icb.co.uk, lieferte keine Adresse mehr, die Domain hinter dem zweiten war abgelaufen. Nach der Neuregistrierung für fünf Euro hätte jede Abfrage auf einen eigenen SIP-Server zeigen können, der das Gespräch annimmt und mit der Originalnummer weiterreicht.[1]
Protokolliert wurden am Ende Abfragen, keine geführten Gespräche. Der Server antwortete durchgehend mit NXDOMAIN, die Anrufe liefen über das normale Telefonnetz. Rufnummer, Zeitpunkt und anfragender Resolver ergeben trotzdem ein Verkehrsbild der beiden Stützpunkt-Vorwahlen.
Warum ist die abgelaufene Domain kein Einzelfall?
Eine Delegation, deren Nameserver nicht mehr antwortet, heißt lame delegation. Infoblox zählte 2024 über eine Million Domains, die sich an jedem beliebigen Tag genau darüber übernehmen ließen.[3]
Eine eigene Abfrage der Elternzone am 21. August 2026 zeigt 46 delegierte Länder- und Gebietsvorwahlen unter e164.arpa. Neun davon nennen mindestens einen Nameserver ohne A- oder AAAA-Eintrag, bei fünf Zonen antwortet kein einziger der eingetragenen Server. Neben den drei Gebietszonen trifft das Italien mit +39 und Vietnam mit +84.
Die drei Gebietszonen verweisen weiterhin auf ns.enum.org.uk und ns6.icb.co.uk. Nominet führt enum.org.uk bis zum 21. April 2027, danach entscheidet eine Verlängerung darüber, ob die Zone erneut zu haben ist. Verweise ins Leere sind im Netz keine Randerscheinung, von 657.607 geprüften Links aus dem alten Web laden nur noch 23,3 Prozent.
Unbemerkt bleibt ein solcher Zugang lange. Ein offener Gastzugang ließ 17 Monate lang einen Fremden in Salesforce- und ServiceNow-Portalen mitlesen.
Ein Nameserver ohne Eigentümer bleibt ein offener Schlüssel, solange die Delegation im Elternverzeichnis stehen bleibt. Über den nächsten Inhaber entscheidet dann der Kalender der Domainverlängerung.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Delegationen unterhalb von e164.arpa und der Preis einer freien Nameserver-Domain
Was folgt daraus für DNS-Betreiber im DACH-Raum?
§ 28 Absatz 1 Nummer 2 BSIG zählt Top-Level-Domain-Registries und DNS-Diensteanbieter größenunabhängig zu den besonders wichtigen Einrichtungen. § 30 Absatz 2 Nummer 4 verlangt von ihnen Sicherheit in der Lieferkette einschließlich der Beziehungen zu unmittelbaren Diensteanbietern.[4]
Die deutsche Zone 9.4.e164.arpa liegt seit 2006 bei DENIC und läuft über enum1 bis enum3.denic.de. Groß ist der Bestand nicht. Im Dezember 2025 zählte DENIC 71 ENUM-Domains nach 80 im Jahr davor, die Registrierung bieten 51 von 280 Mitgliedern an, Domains verwalten tatsächlich fünf.[2] Österreich betreibt +43 über kernnetz.at, für die Schweiz existiert keine Delegation.
Der praktische Auftrag reicht über ENUM hinaus. Betreiber prüfen für jede eigene Zone, ob alle eingetragenen Nameserver-Namen zu Domains gehören, die das Unternehmen selbst hält und verlängert. Einträge ausgelaufener Dienstleister gehören im Elternverzeichnis gestrichen, nicht nur in der eigenen Zonendatei. Dasselbe Versäumnis kennt die Mailwelt, wo 68,4 Prozent der Domains ohne wirksame DMARC-Richtlinie laufen. Die Begriffe dazu erklärt unser Cybersecurity-Glossar.
FAQ: Verwaiste DNS-Delegation: 200.000 Rufnummern von Diego Garcia und Ascension im Log
Was ist eine ENUM-Domain?
Eine ENUM-Domain bildet eine Telefonnummer im Domain Name System ab. Die Ziffern der Rufnummer stehen dafür in umgekehrter Reihenfolge, durch Punkte getrennt, vor der Endung .e164.arpa. Ein NAPTR-Eintrag unter dieser Domain nennt die Adressen, über die Anruf, Fax oder E-Mail laufen sollen.
Wird meine deutsche Rufnummer über e164.arpa verarbeitet?
Nur, sofern jemand die passende ENUM-Domain registriert hat. DENIC verwaltet den deutschen Zweig 9.4.e164.arpa seit 2006, im Dezember 2025 waren dort 71 ENUM-Domains eingetragen. Registrieren darf eine Nummer ausschließlich deren Inhaber, ein Namenskonflikt wie bei .de-Domains entsteht deshalb nicht.
Was bedeutet lame delegation?
Von einer lame delegation spricht die Fachwelt, sobald die Elternzone auf einen Nameserver verweist, der für die Zone keine Auskunft mehr gibt. Häufigste Ursachen sind ein gelöschter Hostname, ein abgeschalteter Server oder eine abgelaufene Domain hinter dem Servernamen.
Wie prüfe ich, ob meine Nameserver-Einträge noch stimmen?
Fragen Sie die NS-Einträge Ihrer Zone direkt beim übergeordneten Server ab, etwa mit dig +norec NS ihre-zone.de gegen den Nameserver der Registry. Danach lösen Sie jeden zurückgemeldeten Hostnamen einzeln auf und prüfen im Whois, ob die zugehörige Domain Ihrem Unternehmen gehört und wann sie abläuft.
Wer verwaltet e164.arpa?
Die Wurzelzone e164.arpa liegt beim RIPE NCC in Amsterdam. Über die Delegation der einzelnen Ländervorwahlen entscheidet ein Gremium der Internationalen Fernmeldeunion. Die darunterliegenden Zweige verwalten nationale Registries, den deutschen Zweig 9.4.e164.arpa betreut DENIC.
Quellen
[1] lina: „I accidentally logged hundreds of thousands of phone calls to military bases“
[2] DENIC eG: „ENUM-Jahresbericht 2025“
[3] Infoblox Threat Intel: „Who Knew? Domain Hijacking is So Easy“
[4] Bundesamt für Justiz: „§ 28 BSIG, Besonders wichtige Einrichtungen und wichtige Einrichtungen“
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