Temu soll die Ermittler der EU-Kommission bei einer unangekündigten Durchsuchung ausgebremst haben. Brüssel wirft dem chinesischen Online-Marktplatz vor, bei der Razzia in seiner Dubliner Europazentrale zentrale Unterlagen zurückgehalten zu haben, und stützt sich dabei auf das noch junge EU-Instrument gegen wettbewerbsverzerrende Auslandssubventionen.[1] Der Fall macht aus einer Verfahrensfrage ein Signal an jeden europäischen Händler, der gegen staatlich subventionierte Konkurrenz aus China antritt.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Wichtigste in Kürze
- Die EU-Kommission stellte am 31. Juli 2026 vorläufig fest, dass Temu bei einer Durchsuchung nicht aktiv kooperiert hat
- Die Razzia lief vom 2. bis 5. Dezember 2025 in der Zentrale der Tochter WhaleCo in Dublin, im Rahmen einer Subventionsermittlung
- Temu soll Angaben zu Organisation, IT-Systemen und Geschäftsbüchern des EU-Geschäfts verweigert haben; das Unternehmen weist den Vorwurf zurück
- Bei bestätigtem Verstoß drohen Geldbußen bis zu einem Prozent des weltweiten Konzernumsatzes
Was wirft die EU-Kommission Temu vor?

Aktive Mitwirkung ist bei einer Durchsuchung Pflicht, und genau daran soll es Temu gefehlt haben. Laut EU-Kommission lieferte das Unternehmen bei der Razzia vom 2. bis 5. Dezember 2025 keine belastbaren Auskünfte über die Organisation und Steuerung seines EU-Geschäfts, über die eingesetzten IT-Systeme und über die Geschäftsbücher.[1] Ohne diese Unterlagen konnten die Prüfer mögliche Belege für ihre Untersuchung nicht sichten. Temu widerspricht und erklärt, bei der Inspektion vollständig kooperiert und alle Anfragen erfüllt zu haben.
Das Subventionsinstrument dahinter ist neu. Die Foreign Subsidies Regulation gilt seit 2023 und erlaubt der Kommission unangekündigte Durchsuchungen, wenn sie prüft, ob ein Konzern von wettbewerbsverzerrenden Zuschüssen eines Staates außerhalb der EU profitiert. Bei Temu geht es um den Verdacht, dass chinesische Staatshilfen dem Marktplatz Preise erlauben, mit denen europäische Händler nicht mithalten. Die Dubliner Razzia war erst der zweite solche Vorstoß unter der jungen Verordnung.
Welche Strafe droht Temu?
Bis zu ein Prozent des weltweiten Konzernumsatzes darf die Kommission als Geldbuße verhängen, sobald sich die fehlende Mitwirkung bestätigt. PDD Holdings, die Muttergesellschaft von Temu, setzte 2025 rund 431,8 Milliarden Yuan um, nach dem Kurs vom 31. Juli 2026 gut 55,6 Milliarden Euro.[2] Die Obergrenze läge damit rechnerisch bei rund 556 Millionen Euro. Zusätzlich kann Brüssel ein Zwangsgeld von bis zu fünf Prozent des durchschnittlichen Tagesumsatzes für jeden weiteren Tag der Verweigerung ansetzen.
Der zweite Konflikt mit Brüssel läuft parallel. Im Mai 2026 verhängte die Kommission bereits 200 Millionen Euro gegen Temu, weil der Marktplatz die Risiken illegaler Produkte auf seiner Plattform nicht ausreichend prüfte, ein Verstoß gegen den Digital Services Act. Anders als jene Strafe zielt das aktuelle Verfahren nicht auf die Ware, sondern auf das Verhalten im Verfahren selbst. Beide Fälle zeigen, wie eng die EU inzwischen die Aufsicht über die großen Billigplattformen zieht.
Temu kann jede Strafe für illegale Ware einpreisen. Eine Rüge für verweigerte Mitwirkung trifft den Konzern an einer empfindlicheren Stelle, weil sie seine Verhandlungsposition gegenüber Brüssel untergräbt.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Ein neues Werkzeug gegen China-Subventionen
Die Foreign Subsidies Regulation greift dort, wo Zölle nicht reichen. Die Verordnung prüft, ob staatliche Zuschüsse aus Ländern außerhalb der EU den Wettbewerb im Binnenmarkt verzerren, und kam bis zur Temu-Razzia erst einmal in dieser Form zum Einsatz.
Was bedeutet das für europäische Händler?
Der Preisdruck trifft den deutschen Handel direkt. Temu zählt zu den meistgenutzten Shopping-Apps in Deutschland, und jeder Euro, den ein subventionierter Anbieter unter dem Marktpreis anbietet, fehlt dem hiesigen Wettbewerb. Die Foreign Subsidies Regulation ist der erste Hebel, mit dem Brüssel diese Schieflage nicht über Zölle, sondern über das Wettbewerbsrecht angeht. Der Rivale Shein bekommt den härteren Kurs bereits an anderer Stelle zu spüren, beim eigenen Börsengang unter dem Ende der Zollfreigrenze.
Handeln sollten Händler und Marktplatzbetreiber schon jetzt. Händler mit Bezug aus China dokumentieren besser die Herkunft möglicher Subventionen in der Lieferkette, weil die Kommission ihre Prüfungen auf weitere Akteure ausdehnen kann. Betreiber mit EU-Geschäft legen interne Abläufe für eine mögliche Razzia fest, damit eine Auskunftsverweigerung nicht ungewollt zur eigenen Falle wird. Im Preiskampf hilft der Verweis auf Produktsicherheit und Gewährleistung mehr als der Versuch, jeden Cent-Vorteil der Billigimporte zu unterbieten.
FAQ: Die EU-Ermittlungen gegen Temu
Was wirft die EU-Kommission Temu vor?
Die Kommission stellte am 31. Juli 2026 vorläufig fest, dass Temu bei einer Durchsuchung nicht aktiv kooperiert hat. Laut EU gab das Unternehmen keine belastbaren Auskünfte über Organisation, IT-Systeme und Geschäftsbücher seines EU-Geschäfts. Temu weist den Vorwurf zurück und erklärt, vollständig kooperiert zu haben.
Was ist die Foreign Subsidies Regulation?
Die Foreign Subsidies Regulation ist eine EU-Verordnung, die seit 2023 gilt. Die Verordnung erlaubt der Kommission zu prüfen, ob ein Konzern von wettbewerbsverzerrenden Zuschüssen eines Staates außerhalb der EU profitiert, und dafür auch unangekündigte Durchsuchungen anzuordnen. Die Razzia bei Temu war erst der zweite solche Vorstoß.
Welche Strafe droht Temu?
Bestätigt sich die fehlende Mitwirkung, kann die Kommission eine Geldbuße von bis zu einem Prozent des weltweiten Konzernumsatzes verhängen. Beim PDD-Umsatz von 2025 läge die rechnerische Obergrenze bei rund 556 Millionen Euro. Zusätzlich ist ein Zwangsgeld von bis zu fünf Prozent des durchschnittlichen Tagesumsatzes je Tag möglich.
Wann fand die Durchsuchung statt?
Die Ermittler durchsuchten die Räume der Temu-Tochter WhaleCo Technology in Dublin vom 2. bis 5. Dezember 2025. Der Anlass war eine Untersuchung, ob Temu von wettbewerbsverzerrenden Auslandssubventionen profitiert. Die vorläufige Feststellung zur verweigerten Mitwirkung folgte am 31. Juli 2026.
Was bedeutet der Fall für europäische Händler?
Die Foreign Subsidies Regulation ist ein neues Werkzeug gegen staatlich gestützte Billigkonkurrenz aus China. Händler mit Bezug aus China sollten die Herkunft von Subventionen in der Lieferkette dokumentieren. Marktplatzbetreiber mit EU-Geschäft sollten Abläufe für eine mögliche Durchsuchung vorbereiten.
Quellen
[1] Europäische Kommission: „Kommission übermittelt Temu ein Statement of Grounds wegen möglicher Behinderung einer Durchsuchung im Rahmen der Foreign Subsidies Regulation“
[2] PDD Holdings: „PDD Holdings Announces Fourth Quarter 2025 and Fiscal Year 2025 Unaudited Financial Results“
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