Der Handelskrieg mit China trifft Europa an einer Stelle, die lange als sicher galt: dem industriellen Kern. 359 Milliarden Euro Handelsdefizit, ein frischer chinesischer Fünfjahresplan mit klarem Zielkatalog und eine Handelswaffe, die Brüssel seit über zwei Jahren scharf, aber ungenutzt im Schrank verschlossen hält. Die Ausgangslage ist leider ungemütlicher als die Sonntagsreden vom starken Europa.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDer Handelskrieg mit China verläuft anders als klassische Zollkonflikte. Deutsche Werke schließen, Zulieferketten wandern ab. Peking hat im Frühjahr 2026 einen Fünfjahresplan verabschiedet, der genau die Branchen ins Visier nimmt, von denen der deutsche Mittelstand lebt. Die eigentliche Frage lautet nicht, ob Europa verliert, sondern was dem Kontinent an Handlungsmacht noch bleibt.
Das Wichtigste in Kürze
- Chinas 15. Fünfjahresplan verschiebt den Fokus von E-Mobilität und Solar hin zu Halbleitern, Künstlicher Intelligenz, Robotik und Biotechnologie. Getroffen wird damit das Kerngeschäft des deutschen Mittelstands: Maschinenbau, Chemie, Medizintechnik.
- Die Erosion ist belegt. Die deutsche Industrie hat 2025 rund 124.000 Stellen abgebaut, seit 2019 etwa 266.000. Ein großer Teil davon ist hausgemacht, nicht allein chinesischer Druck.
- Die EU hätte Hebel: einen Binnenmarkt mit rund 450 Millionen Konsumenten, die Handelsbazooka gegen wirtschaftlichen Zwang und die Regulierungsmacht des größten Absatzmarkts der Welt. Genutzt hat Brüssel davon bisher fast nichts.
- China ist keine Naturgewalt. Immobilienkrise im vierten Jahr, Jugendarbeitslosigkeit um 17 Prozent, Deflation und eine schrumpfende Bevölkerung setzen dem Aufstieg enge Grenzen.
1 Auf welche Branchen konzentriert Chinas 15. Fünfjahresplan die staatliche Förderung? Aufklappen ↓
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2 Wie viele Industriearbeitsplätze hat die deutsche Industrie 2025 abgebaut? Aufklappen ↓
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3 Wie hoch war das Handelsdefizit der EU mit China im Jahr 2025? Aufklappen ↓
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4 Was gilt für die EU-Handelsbazooka, das Anti-Coercion-Instrument? Aufklappen ↓
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5 Welche Strukturprobleme belasten Chinas Wirtschaft derzeit besonders? Aufklappen ↓
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Was nimmt China im 15. Fünfjahresplan ins Visier?

Chinas 15. Fünfjahresplan bündelt die staatliche Förderung auf Halbleiter, Künstliche Intelligenz, Quanteninformatik, Robotik, Raumfahrt und Biotechnologie. Traditionelle Sektoren wie Stahl, Chemie und Maschinenbau sollen technologisch aufsteigen, nicht mehr nur wachsen. Der Nationale Volkskongress hat den Plan am 12. März 2026 beschlossen. Als Leitmotiv zieht sich technologische Eigenständigkeit durch das gesamte Dokument.
Die Verschiebung gegenüber dem Vorgängerplan fällt deutlich aus. E-Mobilität und erneuerbare Energien standen im 14. Plan im Zentrum, tauchen jetzt aber nur noch am Rand auf. Die Erklärung liefert die Außenwirtschaftsagentur GTAI: Die alten Ziele sind weitgehend erreicht, deshalb rücken nun die nächsten Technologiestufen nach vorn. Aus Skalierung wird Spitzentechnik.
Hinter dem Kurswechsel steht Geld. Peking will die Ausgaben für Forschung und Entwicklung jährlich um rund sieben Prozent steigern, schneller als die Gesamtwirtschaft wächst. Für Sparten wie Werkzeugmaschinen und Industrieautomation, in denen deutsche Hersteller bisher den Ton angeben, entsteht damit ein staatlich befeuerter Herausforderer mit langem Atem. Der Wettbewerb verlagert sich vom Jahresabschluss auf die Dekade.
Für deutsche Unternehmen liegt die Brisanz im Detail. Halbleiter, Robotik, Maschinenbau und Medizintechnik bilden das industrielle Rückgrat der Bundesrepublik. Genau dort will China die eigene Wertschöpfung nach oben treiben. Die österreichische Wirtschaftskammer WKO fasst den Kurs so zusammen: weg von der Werkbank, hin zur Technologieführerschaft.
Wer glaubt, das sei ein neuer Anspruch, verkennt die historische Tiefe. Über weite Strecken der letzten zwei Jahrtausende war China die größte Volkswirtschaft der Welt, wie unsere Analyse zeigt, warum Chinas Aufstieg keine Premiere, sondern eine Rückkehr ist. Der aktuelle Plan setzt diese lange Linie mit staatlicher Konsequenz fort. Die Zeithorizonte unterscheiden sich fundamental von westlichen Wahlperioden.
| Feld | 14. Fünfjahresplan (2021–2025) | 15. Fünfjahresplan (2026–2030) |
|---|---|---|
| Leitmotiv | Skalierung, grüne Transformation | Technologische Eigenständigkeit, Sicherheit |
| Prioritäre Branchen | E-Mobilität, Solar, Batterien | Halbleiter, KI, Quanten, Robotik, Biotech |
| Traditionelle Industrie | Kapazitätsaufbau | Technologische Modernisierung |
| Wachstumsziel | „etwa 5 Prozent“ | 4,5 bis 5 Prozent (niedrigstes seit 1991) |
| Angriffsfläche für Deutschland | Massenprodukte, Autos | Maschinenbau, Chemie, Medizintechnik |
Die Botschaft an den deutschen Mittelstand fällt unbequem aus. Der Wettbewerb verlagert sich vom Preis auf die Technologie, also auf jenes Feld, das lange als uneinholbarer Vorsprung galt. Eine Angriffsfläche verschwindet nicht, sie verschiebt sich nur nach oben.
Anteil Chinas an den EU-Einfuhren strategischer Vorprodukte. Der blaue Rest verteilt sich auf alle übrigen Herkunftsländer.
Wie stark erodiert die deutsche Industrie wirklich?

Die deutsche Industrie hat 2025 rund 124.000 Arbeitsplätze abgebaut, fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Seit 2019 sind etwa 266.000 Industriejobs verschwunden, also jeder zwanzigste. Ein erheblicher Teil davon ist hausgemacht, nicht aus China importiert. Die Zahlen stammen aus einer Analyse der Prüfungsgesellschaft EY auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamts.
Am härtesten hat 2025 die Automobilbranche gelitten. Allein auf Autohersteller und Zulieferer entfielen rund 50.000 der gestrichenen Stellen. Ende des Jahres arbeiteten noch etwa 5,38 Millionen Menschen in Industriebetrieben mit mindestens 50 Beschäftigten, ein Minus von 2,3 Prozent binnen zwölf Monaten. Der Rückgang beschleunigt sich, statt sich zu stabilisieren.
Parallel klettern die Insolvenzen. Nach EY-Angaben ist die Zahl der Industrieinsolvenzen 2025 um zwölf Prozent auf knapp 1.650 Fälle gestiegen, den höchsten Stand seit zwölf Jahren. Hinter jeder Insolvenz stehen Beschäftigte, Zulieferer und kommunale Steuereinnahmen. Ein einzelner Industriearbeitsplatz trägt nach gängiger Schätzung mehrere weitere in Logistik, Handwerk und Handel.
Die Aussichten für 2026 trüben das Bild zusätzlich. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall rechnet allein in der Metall- und Elektroindustrie mit dem Verlust von bis zu 150.000 Stellen im laufenden Jahr. Preisgünstige chinesische Konkurrenz in Maschinenbau und Elektrotechnik verschärft den Druck auf Margen, die ohnehin schmal geworden sind. Ein Standort bricht nicht über Nacht weg, sondern in Etappen.
An dieser Stelle lohnt die ehrliche Trennung. China ist ein Faktor, aber längst nicht der einzige. Hohe Energiekosten, ausufernde Bürokratie und eine wachsende Zahl mittelständischer Betriebe ohne Nachfolger drücken ebenso auf die Substanz. Was der Verlust eines Standorts konkret für eine ganze Region bedeutet, haben wir am Beispiel einer Werksschließung und ihrer Folgen für eine Region durchgerechnet. Die Wurzeln der Krise liegen zu einem guten Teil im Inland.
Diese Unterscheidung ist kein akademisches Detail. Die gesamte Erosion allein China zuzuschreiben verschleiert die selbstverschuldeten Anteile und macht Standortpolitik zur bequemen Nebensache. Den chinesischen Druck kleinzureden wäre umgekehrt töricht. Beide Diagnosen zusammen ergeben erst das vollständige Bild.
Welche Karten hätte die EU gegen China?

Die EU verfügt über drei starke Hebel: einen Binnenmarkt mit rund 450 Millionen Konsumenten, das Anti-Coercion-Instrument gegen wirtschaftlichen Zwang und ihre Regulierungsmacht als weltgrößter Absatzmarkt. Ausgespielt hat Brüssel bisher fast keinen davon. Die Lücke zwischen theoretischer Stärke und praktischer Handlungsstarre prägt die europäische China-Politik.
Der wirtschaftliche Ausgangspunkt fällt schonungslos aus. Nach Eurostat-Daten hat die EU 2025 chinesische Waren im Wert von 559,4 Milliarden Euro eingeführt, ein Anstieg um 89 Prozent seit 2015. Das Handelsdefizit lag bei 359,8 Milliarden Euro. Während die Ausfuhren nach China um 6,5 Prozent zurückgingen, legten die Einfuhren weiter zu. Die Schieflage wächst, statt sich zu schließen.
Europa führt weit mehr aus China ein, als es dorthin ausführt. Die Differenz ist das Handelsdefizit.
Besonders heikel wird die Lage bei strategischen Vorprodukten. Ein Bericht des Forschungsdienstes des Europäischen Parlaments beziffert den chinesischen Anteil an den EU-Importen von Seltenerd-Magneten auf 98 Prozent. Bei Solarmodulen liegt der Wert ähnlich hoch, bei Lithium-Ionen-Batterien für Elektroautos bei 88 Prozent. Diese Magnete stecken in Elektromotoren, Windrädern und Waffensystemen. Eine Abhängigkeit dieser Größenordnung ist eine offene Flanke.
Dagegen steht die erste echte Karte: der Binnenmarkt. Kein Exporteur der Welt verzichtet freiwillig auf 450 Millionen kaufkräftige Kunden. Marktzugang, öffentliche Beschaffung und Produktstandards sind Instrumente, mit denen die EU Bedingungen diktieren könnte, statt sie hinzunehmen. Der sogenannte Brüssel-Effekt beschreibt genau diese Macht, globale Regeln über den eigenen Markt zu setzen.
Die zweite Karte trägt einen martialischen Spitznamen. Das Anti-Coercion-Instrument, in Brüssel Handelsbazooka genannt, ist seit dem 27. Dezember 2023 in Kraft. Der Mechanismus erlaubt Zölle, Beschränkungen bei öffentlichen Aufträgen und Lizenzsperren, sobald ein Drittstaat wirtschaftlichen Druck ausübt. Entworfen wurde die Waffe nach Chinas Importboykott gegen Litauen. Abgefeuert hat die EU diese Waffe bis heute kein einziges Mal.
Der Grund liegt im europäischen Maschinenraum. Der Einsatz braucht eine qualifizierte Mehrheit der 27 Mitgliedstaaten. Diese Mehrheit steht selten sicher. Einzelne Regierungen mit engen Pekinger Geschäftsbeziehungen bremsen, andere fürchten Vergeltung gegen die eigene Exportwirtschaft. Eine Waffe wirkt nur, sofern der Gegner an ihren Einsatz glaubt. Genau diese Drohkulisse fehlt der Bazooka.
Die dritte Karte betrifft das eigene Kapital. Der Investitionsbestand der EU in China hat 2023 fast 232 Milliarden Euro erreicht, ein Hebel, der in beide Richtungen wirkt. Europäische Konzerne mit eigenen Werken in China scheuen die Konfrontation und bremsen damit die europäische Handelspolitik von innen. Die enge Verflechtung schützt vor dem harten Bruch und lähmt zugleich die Gegenwehr.
Ein Beispiel zeigt, dass Brüssel durchaus handeln kann. 2024 hat die Kommission Ausgleichszölle auf chinesische Elektroautos verhängt, nachdem eine Untersuchung unfaire Subventionen festgestellt hatte. Der Schritt hat gewirkt und zugleich Gegenreaktionen provoziert. Handlungsfähigkeit besteht also. Der Mangel liegt nicht am Instrument, sondern am politischen Willen zur Geschlossenheit.
Europa hat gegen China die Karten eines Weltmarkts und spielt sie wie ein Verein, in dem 27 Vorstände zugleich Veto haben. Der 15. Fünfjahresplan denkt in Jahrzehnten, Brüssel bis zur nächsten Ratssitzung.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Wo liegen Chinas eigene Schwächen?

Chinas Aufstieg trägt tiefe Risse: eine Immobilienkrise im vierten Jahr, Jugendarbeitslosigkeit um 17 Prozent, hartnäckige Deflation und eine schrumpfende Bevölkerung. Das Wachstumsziel von 4,5 bis 5 Prozent ist das niedrigste seit 1991. Die Erzählung von der unaufhaltsamen Übermacht hält der Datenlage nicht stand.
Am schwersten wiegt der Immobiliensektor. Analysten von Goldman Sachs beziffern den Preisverfall auf rund 20 Prozent binnen vier Jahren und erwarten den Tiefpunkt erst gegen 2027. Weite Teile der städtischen Mittelschicht hatten ihr Vermögen in Wohnungen gebunden. Mit den Preisen schmilzt das Vertrauen. Ohne Vertrauen bleibt der Konsum schwach.
Die Wurzel dieser Krise liegt in einer eigenen Entscheidung. Mit den 2021 eingeführten Kreditregeln, den Three Red Lines, hat Peking hoch verschuldeten Bauträgern abrupt die Refinanzierung erschwert und eine Kettenreaktion an Pleiten ausgelöst. Bemerkenswert zurückhaltend fällt seither die geldpolitische Reaktion aus, anders als in vergleichbaren westlichen Krisen. Diese Vorsicht verlängert die Talsohle über Jahre.
Auf dem Arbeitsmarkt spitzt sich die Lage zu. Das Berliner China-Institut Merics beziffert die Jugendarbeitslosigkeit auf rund 17 Prozent. Im Sommer 2026 drängen mehr als zwölf Millionen frische Hochschulabsolventen auf den Markt, während die Volkswirtschaft zuletzt weniger als elf Millionen neue Stellen pro Jahr geschaffen hat. Das Institut der deutschen Wirtschaft warnt zugleich vor einer schrumpfenden Bevölkerung, die bis zum Ende des Jahrhunderts auf einen Bruchteil sinken könnte.
Hinzu kommt ein hausgemachtes Paradox. China vereint nach WKO-Angaben rund 30 Prozent der weltweiten Industrieproduktion auf sich, steuert aber nur etwa 18 Prozent zur globalen Wirtschaftsleistung bei. Diese Lücke deutet auf massive Überkapazitäten hin. Wohin also mit der überschüssigen Ware? Peking drückt die Überkapazität in den Export. Genau dieser Druck heizt den Handelskonflikt mit Europa erst richtig an.
Die Schwächen mindern die Bedrohung nicht, verändern aber ihren Charakter. Ein selbstsicherer Aufsteiger verhandelt anders als ein Riese unter Deflationsdruck, der Absatzmärkte dringend braucht. Genau hier läge europäischer Verhandlungsspielraum, sofern der Kontinent ihn zu nutzen wüsste.
Wird China 2035 die führende Weltmacht?

Ob China 2035 die führende Weltmacht stellt, hängt an drei offenen Variablen: der eigenen Reformfähigkeit, dem Zusammenhalt Europas und dem Verhältnis zu den USA. Ein Automatismus zugunsten Pekings besteht nicht, ein Selbstläufer für den Westen ebenso wenig. Seriöse Prognosen arbeiten mit Szenarien, nicht mit Gewissheiten.
Angenommen, China löst seine Binnenprobleme und Europa bleibt zerstritten: Dann verschiebt sich das Zentrum der Weltwirtschaft weiter nach Osten. Die EU sänke zum Zulieferer und Absatzmarkt herab. Angenommen dagegen, Peking versinkt in Deflation und Schuldenlast, während Brüssel seine Instrumente endlich koordiniert: Dann entstünde ein zähes Gleichgewicht statt einer klaren Hierarchie. Beide Pfade sind denkbar.
Die pessimistische Lesart hat prominente Fürsprecher. Manche Beobachter sehen Europa bereits als strukturellen Verlierer der neuen Blockbildung, eingeklemmt zwischen amerikanischer Härte und chinesischer Übermacht. Ob dieser Befund zutrifft, haben wir in unserer Analyse zur Frage geprüft, ob Europa im geopolitischen Machtspiel der sichere Verlierer ist. Die Antwort fiel differenzierter aus als der Alarmismus mancher Debatte.
Entscheidend bleibt der europäische Faktor, weil nur er im eigenen Einfluss liegt. Peking wird seinen Fünfjahresplan umsetzen, unabhängig von Brüsseler Debatten. Die USA folgen ihrer eigenen Logik. Der einzige Hebel, den Europa vollständig kontrolliert, ist die Entscheidung, als Block zu handeln oder als 27 Einzelinteressen zu zerfasern.
Damit steht am Ende keine Prophezeiung, sondern eine Wahl. Der Handelskrieg mit China ist nicht gewonnen und nicht verloren, sondern offen. Existenziell bedrohlich wird die Lage erst dann, sobald Europa seine vorhandenen Karten weiter liegen lässt und die Erosion der eigenen Industrie als unabänderliches Schicksal hinnimmt. Die Zeit dafür läuft, schneller als der nächste Fünfjahresplan vermuten lässt.
Glossar

Anti-Coercion-Instrument
Handelspolitisches Abwehrinstrument der EU, seit Dezember 2023 in Kraft und umgangssprachlich Handelsbazooka genannt. Der Mechanismus erlaubt Gegenmaßnahmen wie Zölle oder Lizenzsperren, sobald ein Drittstaat wirtschaftlichen Zwang ausübt. Der Einsatz setzt eine qualifizierte Mehrheit der Mitgliedstaaten voraus.
Brüssel-Effekt
Bezeichnung für die Fähigkeit der EU, über den Zugang zum eigenen Binnenmarkt weltweit geltende Standards durchzusetzen. Unternehmen richten ihre Produkte nach den EU-Regeln, um den größten Absatzmarkt der Welt nicht zu verlieren.
Deflation
Anhaltender Rückgang des allgemeinen Preisniveaus. Deflation gilt als gefährlich, weil Verbraucher Käufe aufschieben und Unternehmen Investitionen zurückstellen. China durchlief 2025 eine solche Phase fallender Preise.
Deindustrialisierung
Struktureller Bedeutungsverlust der Industrie an Wertschöpfung und Beschäftigung einer Volkswirtschaft. In Deutschland zeigt sich der Prozess an sinkenden Beschäftigtenzahlen im Verarbeitenden Gewerbe und steigenden Insolvenzen.
Fünfjahresplan
Zentrales Steuerungsinstrument der chinesischen Wirtschafts- und Industriepolitik. Der Plan legt für fünf Jahre Förderschwerpunkte und verbindliche Ziele fest und gibt Provinzen sowie Unternehmen die politische Richtung vor.
Handelsbilanzdefizit
Zustand, in dem ein Wirtschaftsraum mehr Waren einführt als ausführt. Das Defizit der EU gegenüber China lag 2025 bei 359,8 Milliarden Euro und spiegelt die einseitige Abhängigkeit von chinesischen Importen.
Lieferkettenresilienz
Widerstandsfähigkeit von Beschaffungsketten gegen Störungen wie Exportstopps oder politischen Druck. Der 15. Fünfjahresplan macht Resilienz zum Kernziel, um Abhängigkeiten von westlicher Technologie zu senken.
Nationaler Volkskongress
Formal höchstes Staatsorgan Chinas, das jährlich in Peking tagt und die Fünfjahrespläne beschließt. Der Kongress verabschiedete den 15. Plan am 12. März 2026.
Qualifizierte Mehrheit
Abstimmungsregel im EU-Rat, die für viele Beschlüsse die Zustimmung von 55 Prozent der Staaten mit mindestens 65 Prozent der Bevölkerung verlangt. Die Hürde bremst den Einsatz scharfer Handelsinstrumente gegen China.
Seltene Erden
Gruppe von 17 Metallen, die für Magnete, Akkus und Halbleiter unverzichtbar sind. China dominiert Förderung und Verarbeitung und liefert rund 98 Prozent der von der EU importierten Seltenerd-Magnete.
Technologische Souveränität
Fähigkeit eines Landes, Schlüsseltechnologien eigenständig zu entwickeln und zu produzieren. Der Begriff bildet das Leitmotiv des 15. Fünfjahresplans und richtet sich gegen Abhängigkeiten von den USA und Europa.
Überkapazität
Produktionsvermögen, das die Nachfrage übersteigt. Chinas industrielle Überkapazitäten in Schlüsselbranchen erzeugen Preisdruck auf dem Weltmarkt und belasten europäische Wettbewerber.
Zulieferindustrie
Betriebe, die Bauteile und Vorprodukte für Endhersteller fertigen, etwa in der Automobilbranche. Die deutsche Zulieferindustrie gehört zu den am stärksten von Standortverlagerungen und Insolvenzen betroffenen Bereichen.
FAQ: Kann die EU im Handelskrieg mit China bestehen?

Was ist Chinas 15. Fünfjahresplan?
Der 15. Fünfjahresplan ist Chinas wirtschaftspolitischer Fahrplan für 2026 bis 2030, verabschiedet am 12. März 2026. Der Plan bündelt die staatliche Förderung auf Halbleiter, Künstliche Intelligenz, Robotik und Biotechnologie und macht technologische Eigenständigkeit zum Leitmotiv. Traditionelle Industrien wie Stahl und Chemie sollen technologisch aufsteigen statt nur zu wachsen.
Wie hoch ist das Handelsdefizit der EU mit China?
Das Handelsdefizit der EU mit China lag 2025 bei 359,8 Milliarden Euro. Die EU führte chinesische Waren im Wert von 559,4 Milliarden Euro ein, ein Anstieg um 89 Prozent seit 2015, während die Ausfuhren nach China zurückgingen. Die Zahlen stammen vom EU-Statistikamt Eurostat.
Was ist die EU-Handelsbazooka?
Die Handelsbazooka ist der Spitzname für das Anti-Coercion-Instrument der EU, seit Dezember 2023 in Kraft. Der Mechanismus erlaubt Zölle und Lizenzsperren gegen Staaten, die wirtschaftlichen Druck ausüben. Zum Einsatz kam das Instrument bisher kein einziges Mal. Der Einsatz erfordert eine qualifizierte Mehrheit der 27 Mitgliedstaaten, die selten zustande kommt.
Warum verliert Deutschland Industriearbeitsplätze?
Deutschland verliert Industriejobs aus mehreren Gründen zugleich: hohe Energiekosten, ausufernde Bürokratie, fehlende Nachfolger im Mittelstand und wachsender Wettbewerb aus China. 2025 fielen rund 124.000 Stellen weg, seit 2019 etwa 266.000. Ein erheblicher Teil der Erosion ist hausgemacht, nicht allein importiert.
Bei welchen Rohstoffen ist Europa von China abhängig?
Europa ist besonders bei Seltenerd-Magneten abhängig: 98 Prozent stammen aus China. Ähnlich hoch liegt der chinesische Anteil bei Solarmodulen, bei Batterien für Elektroautos rund 88 Prozent. Diese Vorprodukte stecken in Motoren, Windrädern und Waffensystemen. Die Zahlen nennt der Forschungsdienst des Europäischen Parlaments.
Kann die EU den Handelskrieg mit China gewinnen?
Ob die EU den Handelskrieg mit China besteht, hängt vor allem von ihrer eigenen Geschlossenheit ab. Der Binnenmarkt mit 450 Millionen Konsumenten und die vorhandenen Handelsinstrumente geben Europa reale Hebel, sofern die 27 Mitgliedstaaten gemeinsam handeln. Chinas eigene Schwächen, von der Immobilienkrise bis zur Deflation, schaffen zusätzlichen Verhandlungsspielraum.
Quellen
- Eurostat | EU-China-Handel 2025, Importe und Handelsdefizit | https://ec.europa.eu/eurostat | besucht am 29.07.2026
- EY | Umsatzrückgänge und Arbeitsplatzabbau in der deutschen Industrie, Industriebarometer Q4 2025 | https://www.ey.com/de_de/newsroom/2026/02/ey-industriebarometer-q4-2025 | besucht am 29.07.2026
- GTAI | Chinas neuer Fünfjahresplan zielt auf technologische Souveränität | https://www.gtai.de/de/trade/china/wirtschaftsumfeld/chinas-neuer-fuenfjahresplan-1978692 | besucht am 29.07.2026
- WKO | Chinas 15. Fünfjahresplan 2026–2030 | https://www.wko.at/aussenwirtschaft/china-fuenfjahresplan | besucht am 29.07.2026
- Merics | China im Jahr 2026 | https://merics.org/de/merics-briefs/china-im-jahr-2026 | besucht am 29.07.2026
- Institut der deutschen Wirtschaft | Chinas Arbeitsmarkt zwischen demografischem Wandel und Jugendarbeitslosigkeit | https://www.iwkoeln.de/studien/gero-kunath-zwischen-demografischem-wandel-und-jugendarbeitslosigkeit.html | besucht am 29.07.2026
- Goldman Sachs | Analyse zum chinesischen Immobilienmarkt | https://www.goldmansachs.com | besucht am 29.07.2026
- Europäisches Parlament, Forschungsdienst (EPRS) | Abhängigkeit der EU von China bei kritischen Rohstoffen | https://www.europarl.europa.eu/thinktank/de/home.html | besucht am 29.07.2026
- Rat der EU (Consilium) | Handel zwischen der EU und China, Zahlen und Fakten | https://www.consilium.europa.eu/de/infographics/eu-china-trade/ | besucht am 29.07.2026