Beim Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz in Kiew unterschrieben Diehl Defence, Hensoldt und Quantum Systems Rüstungsverträge mit der Ukraine. Präsident Wolodymyr Selenskyj bezifferte alle Vereinbarungen auf mehr als 8,5 Milliarden Euro. Wie schnell Iris-T-Raketen und Abfangdrohnen an der Front ankommen, hängt an der Fertigung in Deutschland und der Ukraine.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie Rüstungsverträge mit der Ukraine entstanden unter Luftalarm. Während Merz am Sonntag mit Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und einer Unternehmensdelegation in Kiew war, heulten nach Angaben des ZDF rund ein Dutzend Mal die Sirenen, eine russische Rakete traf eine Brücke über den Dnipro. „Wenn Russland nicht gestoppt wird, richtet sich seine Kriegsmaschinerie früher oder später gegen uns“, sagte der Kanzler nach seiner Ankunft.[1]
Das Wichtigste in Kürze
- Diehl Defence liefert der Ukraine Tausende Iris-T-Luftabwehrraketen samt weiteren Startgeräten, mit Hensoldt vereinbarte Kiew einen Vertrag über Satellitentechnik.
- Quantum Systems entwickelt Abfangdrohnen gegen russische Jet-Drohnen weiter und baut sie in der Ukraine. Verfügbar sein sollen sie im Winter 2026/27.
- Die Bundesregierung gibt 1 Mrd. € Militärhilfe frei und stellt 350 Mio. € für das ukrainische Energienetz bereit.
- Selenskyj nennt für alle Vereinbarungen mehr als 8,5 Mrd. €, in deutschen Regierungskreisen war von 6,5 Mrd. € die Rede.
Was haben Diehl, Hensoldt und Quantum Systems unterschrieben?

Der größte Posten betrifft die Luftabwehr. Das ukrainische Verteidigungsministerium vereinbarte mit Diehl Defence die Lieferung von Tausenden Iris-T-Raketen und zusätzlichen Startgeräten. Mit dem börsennotierten Sensorhersteller Hensoldt schloss Kiew nach Angaben der ukrainischen Regierung einen Vertrag über Satellitentechnik. Bereits im Mai 2024 hatte Hensoldt sechs zusätzliche TRML-4D-Radare für die ukrainische Luftverteidigung angekündigt.[2] Für Boeings autonome Kampfdrohne liefert das Unternehmen die Sensorik.
Der bayerische Drohnenbauer Quantum Systems soll Abfangdrohnen gegen russische Drohnen mit Strahltriebwerk weiterentwickeln und nach Unternehmensangaben in der Ukraine bauen. Bisher trifft nach Selenskyjs Angaben der beste ukrainische Abfänger, die Bars, nur rund 30 % seiner Ziele. Ein neues deutsch-ukrainisches Modell namens SPYS bestand laut Selenskyj gerade seine Tests. Im August meldete Quantum Systems mit Porsche einen Geschwindigkeitsrekord für Elektrodrohnen.
Hinzu kommen kleinere Kooperationen: ARX Robotics arbeitet mit dem ukrainischen Hersteller Roboneers an unbemannten Landfahrzeugen, deutsche und ukrainische Firmen wollen gemeinsam 155-Millimeter-Artilleriegranaten fertigen. Siemens Energy sowie die Netzbetreiber 50Hertz und Amprion helfen, das beschädigte Stromnetz instand zu setzen.
Warum lässt Deutschland Waffen in der Ukraine bauen?
Die Kostenrechnung der Luftabwehr hat sich verschoben. Russland schickt Schwärme vergleichsweise billiger Drohnen, eine Luftabwehrrakete kostet ein Vielfaches ihres Ziels. Mit Abfangdrohnen schrumpft dieses Missverhältnis. Je näher die Fertigung an der Front liegt, desto schneller fließen Erfahrungen aus dem Einsatz in die nächste Baureihe.
Merz nennt die Partnerschaft keine Einbahnstraße: „Deutsche und ukrainische Unternehmen entwickeln gemeinsam Technologien, von denen beide Länder profitieren.“[1] Ex-Google-Chef Eric Schmidt riet Europa vor wenigen Tagen, ukrainische Drohnen in Lizenz zu bauen. Auch Schaeffler drängt ins Geschäft und plant mit dem französischen Hersteller Delair 100 Kampfdrohnen am Tag.
Der Engpass liegt in den Werken. Diehl steckte nach Unternehmensangaben 1,5 Mrd. € in den Ausbau und will 2.000 Iris-T-Raketen im Jahr bauen, für Ende 2025 waren 800 bis 1.000 geplant. Im saarländischen Nonnweiler nahm der Hersteller dafür ein neues Fertigungsgebäude in Betrieb. Weil Entwickler fehlen, verleiht ZF Fachkräfte an Diehl Defence.
Das Geld für die Ukraine steht bereit. Über das Tempo entscheiden jetzt Fabrikhallen und Fachkräfte in Deutschland.
Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Iris-T-Raketen: wie Diehl die Fertigung hochfährt
Was bedeuten die Verträge für Zulieferer im Mittelstand?
Ein Teil der Milliarde Militärhilfe finanziert die Serienfertigung der Abfangdrohnen. Das Geld landet also bei Herstellern in Deutschland und der Ukraine und über deren Bestellungen bei Zulieferern aus Elektronik, Sensorik, Antriebs- und Batterietechnik. Deutz baut bereits Hybridantriebe für Bodenroboter, die Telekom bietet KRITIS-Betreibern eine gemeinsame Drohnenerkennung an. Vor einem ersten Rüstungsauftrag lohnen zwei Prüfungen:
- Klären Sie, ob Ihre Bauteile als Güter mit doppeltem Verwendungszweck unter die EU-Dual-Use-Verordnung fallen.[3] Gehen solche Teile selbst in die Ukraine, etwa an das dortige Werk eines deutschen Systemherstellers, brauchen Sie eine Ausfuhrgenehmigung des BAFA.
- Sprechen Sie früh mit Hausbank und Kreditversicherer, denn deren Nachhaltigkeitsrichtlinien schließen Rüstungsgeschäfte teils aus oder verlangen Einzelprüfungen.
Als nächster Gradmesser gilt der Winter. Bis dahin sollen die ersten Abfangdrohnen aus dem Quantum-Vertrag bei der ukrainischen Armee sein, und Diehl muss zeigen, dass die neue Fertigung in Nonnweiler den Takt hält.
Quellen
[1] Bundesregierung: „Auf unsere Hilfe könnt ihr weiter zählen“: Bundeskanzler Merz in Kyjiw (04.10.2026)
[2] Hensoldt: HENSOLDT delivers further high-performance radars to Ukraine (03.05.2024)
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