Eric Schmidt rät Europa, Kampfdrohnen aus der Ukraine in Lizenz nachzubauen und die Rüstungsbudgets in neue Systeme umzulenken. Im Economist-Interview in Kiew verglich der frühere Google-Chef die meisten europäischen Armeen mit Beschäftigungsprogrammen. Schmidts eigene Drohnenfirma Swift Beat produziert Abfangdrohnen für die ukrainische Armee.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie Ukrainer bekämen eine gute Lizenzgebühr, die Europäer bauten die Systeme zum doppelten ukrainischen Preis: So rechnete Eric Schmidt im Gespräch mit Economist-Chefredakteurin Zanny Minton Beddoes vor.[1] Seit dem 2. Oktober steht die volle Fassung des in Kiew aufgezeichneten Interviews mit 38 Minuten Länge auf Youtube.
Das Wichtigste in Kürze
- Schmidt zählt fünf russische Fortschritte auf, gegen die die Ukraine ohne Geld und Fertigungshilfe aus dem Westen kaum bestehen könne.
- Die meisten europäischen Armeen funktionieren laut Schmidt wie Beschäftigungsprogramme und kaufen die falschen Waffen.
- Schmidt hat nach eigener Aussage in ukrainische Drohnenfirmen investiert, Swift Beat fertigt seit 2025 für das ukrainische Militär.
- Eine Pause in der KI-Entwicklung hält Schmidt für ausgeschlossen, weil sich ein solcher Stopp nicht überprüfen lasse.
Was empfiehlt Schmidt Europas Armeen?

Für die meisten europäischen Länder fällt Schmidts Befund hart aus: Die Streitkräfte dort funktionierten wie Beschäftigungsprogramme und bauten die falschen Dinge. Die Regierungen sollten ihre Budgets behalten oder sogar erhöhen, mit dem Geld aber wirksamere Systeme kaufen. Bei der Raketenabwehr sieht Schmidt ein großes Problem, weil Patriot-Abfangraketen nicht in ausreichender Zahl verfügbar seien.[1]
Den Lizenzbau hält Schmidt für das wahrscheinlichste Szenario. Jede europäische Regierung, mit der er spreche, lobe die ukrainischen Ideen und verlange zugleich eine Fertigung im eigenen Land. Für Deutschland und Großbritannien rechnete der 71-Jährige vor, dass bei einer Umstellung auf Drohnen, Raketen und KI-gestützte Zielerfassung jeder Soldat seinen Posten behielte, nur mit neuer Aufgabe.[1]
Warum spricht Schmidt in eigener Sache?
Der Ratgeber ist zugleich Anbieter. Im Juli 2025 unterzeichnete Schmidt als Chef von Swift Beat in Dänemark ein Memorandum mit dem ukrainischen Verteidigungsministerium über die Serienfertigung unbemannter Systeme.[2] Im Interview erwähnte Schmidt seine Beteiligungen an ukrainischen Drohnenfirmen selbst und warb offen dafür, Europas Wehretats in seine Architektur und in die Firmen der neuen Drohnenkriegsführung zu lenken.[1] Seit März 2025 führt der frühere Google-Chef außerdem den Raketenbauer Relativity Space.
Eine ähnliche Doppelrolle zeigt sich in Washington. Dort soll Anduril-Gründer Palmer Luckey für das Pentagon ermitteln, welche Waffen dem US-Militär fehlen, obwohl seine Firma selbst Drohnen und Marschflugkörper verkauft. Beide Männer beraten Regierungen in Fragen, an deren Antwort ihre eigenen Unternehmen verdienen.
- Lizenzbau: ukrainische Drohnentechnik übernehmen und zum doppelten Preis in Europa fertigen
- Budgets: Wehretats halten oder erhöhen, das Geld aber in neue Systeme stecken
- Raketenabwehr: Europa fehlen Patriot-Abfangraketen in ausreichender Zahl
- KI: keine Pause, stattdessen Verträge zwischen den USA und China
- Swift Beat: eigene Drohnenfirma, Memorandum mit der Ukraine seit 3. Juli 2025
- Ukrainische Firmen: Beteiligungen an Drohnenherstellern, im Interview selbst genannt
- Relativity Space: Vorstandschef des Raketenbauers seit März 2025
- RaketenangriffeGegen ballistische Raketen fehlt der Ukraine eine wirksame Abwehr
- Shahed-DrohnenMehr als die Hälfte fliegt inzwischen mit Strahltriebwerk
- SatellitennetzRasswet soll Starlink ersetzen und ist laut Schmidt etwa ein Jahr entfernt
- MobilmachungBerichten zufolge erwägt Russland eine große Einberufungswelle
- GleitbombenEinzeln gelenkte Bomben halten die Frontlinie fest
Schmidts Rechnung, ukrainische Technik in Lizenz zum doppelten Preis zu bauen, klingt ehrlicher als jeder Rüstungsprospekt. Europäische Beschaffer sollten trotzdem im Blick behalten, dass der Ratgeber an diesen Lizenzen selbst mitverdienen kann.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Warum hält Schmidt eine KI-Pause für ausgeschlossen?
„Wir werden keine Pause einlegen“, sagte Schmidt über die KI-Entwicklung in den USA.[1] Das amerikanische Anreizsystem arbeite gegen eine Pause. Überprüfen ließe sich ein Stillstand ohnehin nicht: Kontrolleure müssten geheime, auch militärische Labore betreten und Code lesen, den längst Computer schreiben. Statt einer Pause schlägt Schmidt Verträge zwischen den USA und China vor, zuerst über eine Regel gegen Überraschungen, danach über Cyberangriffe.
Neu ist die Position nicht. Im März 2025 veröffentlichte Schmidt mit Dan Hendrycks und Alexandr Wang das Abschreckungsmodell MAIM (Mutual Assured AI Malfunction): Strebt ein Staat einseitig nach KI-Vorherrschaft, sabotieren seine Rivalen das Projekt.[3] OpenAI-Chef Sam Altman zeigte sich dagegen im September offen für eine langsamere Entwicklung der Spitzenmodelle, sofern die Konkurrenz mitzieht.
Was bedeutet der Vorstoß für Unternehmen im DACH-Raum?
Den Drohnenmarkt betreten deutsche Industriefirmen bereits. Schaeffler fertigt mit dem französischen Hersteller Delair ab November 2026 bis zu 100 Kampf- und Abfangdrohnen am Tag, allerdings in Frankreich. Im Unterallgäu baut Helsings Tochter Grob Aircraft zwei Prototypen des unbemannten Kampfflugzeugs CA-1.
Schmidts Grundregel, nach der ein Mensch an jeder militärischen Entscheidung beteiligt sein muss, findet im EU-Recht keinen Anker. Die KI-Verordnung gilt nicht für Systeme, die ausschließlich militärischen Zwecken dienen.[4] Für Entscheider in Industrie und Mittelstand folgt daraus:
- Prüfen Sie gerne, ob Ihre Fertigung Bauteile in Großserie liefern kann, denn Lizenzbau verlangt Stückzahlen statt Prototypen.
- Klären Sie früh mit der Rechtsabteilung, welche Exportkontroll- und Dual-Use-Regeln für Komponenten gelten, die in Drohnen für die Ukraine eingebaut werden.
FAQ: Eric Schmidt rät Europa, ukrainische Drohnen in Lizenz zu bauen
Wer ist Eric Schmidt?
Eric Schmidt führte Google von 2001 bis 2011 als Vorstandschef und war danach Executive Chairman von Google und Alphabet. Seit März 2025 leitet Schmidt den Raketenbauer Relativity Space, zudem ist er Chef der Drohnenfirma Swift Beat, die mit dem ukrainischen Militär zusammenarbeitet.
Was ist Swift Beat?
Swift Beat ist ein US-Unternehmen, das KI-gestützte Drohnen für Aufklärung, Angriff und Drohnenabwehr entwickelt. Am 3. Juli 2025 unterzeichnete Firmenchef Eric Schmidt in Dänemark ein Memorandum mit dem ukrainischen Verteidigungsministerium über die Serienfertigung unbemannter Systeme.
Was bedeutet MAIM?
MAIM steht für Mutual Assured AI Malfunction, ein Abschreckungsmodell aus dem Papier „Superintelligence Strategy“ von Dan Hendrycks, Eric Schmidt und Alexandr Wang aus dem Jahr 2025. Strebt ein Staat einseitig nach KI-Vorherrschaft, sabotieren Rivalen das Projekt, ähnlich der nuklearen Abschreckung.
Gilt die EU-KI-Verordnung für militärische KI?
Nein. Die KI-Verordnung (EU) 2024/1689 gilt laut Artikel 2 Absatz 3 nicht für KI-Systeme, die ausschließlich für militärische Zwecke, Verteidigung oder nationale Sicherheit eingesetzt werden. Regeln für KI in Waffensystemen setzen die Mitgliedstaaten und internationale Abkommen.
Was bedeutet Lizenzbau bei Rüstungsgütern?
Beim Lizenzbau fertigt ein Unternehmen ein fremd entwickeltes Produkt und zahlt dafür eine Gebühr an den Rechteinhaber. Eric Schmidt schlägt vor, dass europäische Firmen ukrainische Drohnen so nachbauen, nach seiner Rechnung zum doppelten ukrainischen Preis.
Quellen
[1] The Economist (Youtube): „“Russia and Ukraine are inventing the future of war”: former Google CEO Eric Schmidt“
[2] Verteidigungsministerium der Ukraine (X): „Memorandum mit Swift Beat CEO Eric Schmidt“, 3. Juli 2025
[3] Dan Hendrycks, Eric Schmidt, Alexandr Wang: „Superintelligence Strategy: Expert Version“
[4] EUR-Lex: „Verordnung (EU) 2024/1689 über künstliche Intelligenz“, Artikel 2 Absatz 3
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