Mit dem Bestrahlungssystem Accela will Siemens Healthineers manche Behandlungen mehrerer Tumorherde in 60 Sekunden abschließen. Der Konzern stellte das Gerät am 27. September in Boston vor. Die Planungssoftware der Krebssparte Varian rechnet dafür die Dauer am Gerät mit ein. Kaufen können Kliniken das System bislang in keinem Land.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenSiemens Healthineers greift mit Accela den Engpass vieler Krebszentren an: die Zeit am Linearbeschleuniger. Bei der Vorstellung auf dem US-Fachkongress ASTRO sprach Dee Khuntia, medizinischer Chef von Varian, von einem „Technologiesprung, wie ihn unsere Branche nur selten erlebt“.[1]
Das Wichtigste in Kürze
- Accela soll stereotaktische Bestrahlungen in einer einzigen Atempause schaffen, manche Behandlungen mehrerer Herde in 60 Sekunden.
- Eine KI-gestützte Planungssoftware wägt Planqualität gegen Behandlungsdauer ab.
- Das System wartet in den USA auf die FDA-Freigabe und ist derzeit in keinem Markt verkäuflich.
Wie spart Accela Zeit am Patienten?

Accela arbeitet mit einem Verfahren namens NeoArc, das Varian als dynamisch modulierte Bogentherapie (DMAT) bezeichnet. Bei der heute verbreiteten Bogentherapie VMAT kreist der Strahlerkopf um den Patienten, während Lamellen das Strahlenfeld formen. Die Behandlungsdauer ergibt sich dabei erst aus dem fertigen Plan. Ein Fachaufsatz von Varian-Forschern beschreibt den Unterschied:[2] DMAT macht die Dauer zu einer steuerbaren Planungsgröße und rechnet reale Grenzen der Maschine ein, etwa die Beschleunigung des rotierenden Gerätearms.
Planer wählen eine Modulationsstufe zwischen minus drei und plus drei. Negative Werte verkürzen die Bestrahlung, positive erlauben ein feiner geformtes Dosisfeld. Die Hardware liefert das Tempo: Der Gerätearm dreht sich bis zu 2,5-mal pro Minute, die Dosisleistung erreicht bis zu 40 Gy pro Minute.[1] Kurze Bestrahlungen passen in eine einzige Atempause, und die Atmung verschiebt Tumore in Lunge oder Leber währenddessen nicht.
Warum setzt Siemens Healthineers auf Tempo?
Die Strahlentherapie gehört zur Standardbehandlung bei Krebs, entsprechend groß ist der Bedarf. Das Zentrum für Krebsregisterdaten zählte für 2023 in Deutschland 517.800 Neuerkrankungen.[3] Gut die Hälfte aller Krebspatienten erhält laut der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie im Verlauf der Erkrankung eine Bestrahlung.[4] Jede eingesparte Minute am Linearbeschleuniger schafft Platz für weitere Patienten am selben Gerät.
Im Konzern wuchs zuletzt keine Sparte schneller. Im dritten Geschäftsquartal legte der Bereich Precision Therapy, zu dem Varian gehört, vergleichbar um 9,2 % zu, der Gesamtkonzern um 2,8 %.[5] Accela passt zur Linie von Vorstandschef Bernd Montag, der keine eigene KI-Strategie will und KI direkt in Geräte einbauen lässt. Bei Accela sitzt die KI in der Planungssoftware.
Accela verkauft Krebszentren keine schärfere Strahlung, sondern mehr Behandlungen pro Gerät und Tag. Den Beweis für die 60 Sekunden muss Siemens Healthineers im Klinikalltag noch antreten.
Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Von der Forschung in die Klinik
Was bedeutet Accela für Kliniken in Deutschland?
Vorerst ändert sich für Kliniken nichts, denn in den USA steht die 510(k)-Freigabe der FDA noch aus.[1] Für Europa nennt der Konzern keinen Termin, hier braucht das System eine CE-Kennzeichnung nach der EU-Medizinprodukteverordnung. Wie schnell Wettbewerber aufholen können, zeigte die Photon-Counting-CT, bei der GE den europäischen Alleingang von Siemens Healthineers beendete.
Der Fachaufsatz zeigt auch, wo zusätzliche Modulation wenig bringt. Die Varian-Forscher testeten DMAT an einem simulierten, schnelleren Gerät: Bei Kopf-Hals-Tumoren verbesserte mehr Modulation den Plan deutlich, bei der Stereotaxie von Prostata und Lunge nur geringfügig.[2] In diesen Fällen verkürzt das Verfahren vor allem die Behandlung. Für Klinikbetreiber folgen daraus zwei Aufgaben:
- Bei der nächsten Ersatzbeschaffung eines Linearbeschleunigers fragen Sie Hersteller nach Behandlungs- und Planungszeiten je Indikation, nicht nur nach Präzisionswerten.
- Eine Zeitmessung je Behandlung zeigt, ob Lagerung, Bildgebung oder die Bestrahlung selbst die meisten Minuten kostet. Erst diese Werte beziffern, wie viel Kapazität ein schnelleres Gerät bringt.
Quellen
[1] Siemens Healthineers: „Siemens Healthineers stellt Accela vor: Neue Generation der Strahlentherapie“ (27.09.2026)
[2] Journal of Applied Clinical Medical Physics: „Dynamic modulated arc therapy (DMAT): A time-aware, modulation-steered optimization framework for next-generation radiotherapy delivery“ (August 2026)
[3] Zentrum für Krebsregisterdaten im Robert Koch-Institut: „Krebs in Deutschland“ (15. Ausgabe, Dezember 2025)
[4] Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie: „DEGRO-Kongress 2025 in Dresden: Innovationen aus der Strahlentherapie für bessere Behandlungsergebnisse bei Krebs“
[5] Siemens Healthineers: „Siemens Healthineers mit starker Auftragsdynamik; Wachstumserwartung für das Gesamtjahr gesenkt und Ergebnisprognose angehoben“ (31.07.2026)
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