Pinduoduo hat in Chinas Planstadt Xiong’an in gut drei Monaten mehr als 5.000 Beschäftigte eingestellt. Die neuen Teams beschriften Trainingsdaten für KI-Modelle und prüfen Händler, Produkte und Werbung der eigenen Plattform. Pinduoduo begann den Ausbau wenige Wochen nach einer Rekordstrafe der chinesischen Marktaufsicht.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenPinduoduo wächst in Xiong’an, der Planstadt gut 100 Kilometer südwestlich von Peking, laut Geek Park schneller als jedes andere Privatunternehmen vor Ort. Mitte Juni traten die ersten 150 Beschäftigten an, am 23. September zählte die Tochtergesellschaft mehr als 5.000.[1] Das Einstellungsziel für das ganze Jahr war damit erreicht.
Das Wichtigste in Kürze
- Pinduoduo gründete die Xiong’an-Tochter Ende Mai 2026 und beschäftigt dort seit dem 23. September mehr als 5.000 Menschen.
- Die Teams beschriften Daten für Suche, Empfehlungen und Videomodelle und kontrollieren Händler, Produkte und Werbung.
- Im April 2026 verhängte die Marktaufsicht SAMR gegen Pinduoduo rund 200 Millionen Euro Strafe wegen Scheinläden für Lebensmittel.
- Die EU-Kommission wirft Temu vor, im Dezember 2025 eine Razzia in Dublin behindert zu haben, Temu bestreitet den Vorwurf.
Was machen 5.000 Beschäftigte von Pinduoduo in Xiong’an?

Zwei Zentren teilen sich die Belegschaft. Das erste bereitet Daten auf, das zweite bietet Herstellern Dienste für Qualitätsprüfung und Compliance an.[1] Die Beschäftigten beschriften Daten für Algorithmen und KI-Modelle, verbessern Suchtreffer und Empfehlungen und liefern Trainingsmaterial für Modelle, die aus Bildern Videos erzeugen. Ein Pilotprojekt namens „virtueller Spiegel“ kennzeichnet Kleidungsstücke so genau, dass Produktbilder realistischer ausfallen und weniger Retouren anfallen sollen.
Plattformkontrolle bildet den zweiten Schwerpunkt. In Xiong’an prüfen Teams Händler und Waren, kontrollieren Inhalte und Werbung und bearbeiten Reklamationen. Maschinen erledigen diese Arbeit nur zum Teil: Ein Modell, das Fälschungen oder erfundene Läden erkennen soll, lernt aus Tausenden Beispielen, die zuvor Menschen geprüft haben. Mit genau dieser Handarbeit hat Scale AI in den USA ein Milliardengeschäft aufgebaut. Pinduoduo holt die Aufgabe ins eigene Haus.
Warum baut Pinduoduo ausgerechnet in Xiong’an?
Der Streit mit der Aufsicht erklärt den Standort besser als jede Kostenrechnung. Am 3. Dezember 2025 eskalierte eine Prüfung der Shanghaier Marktaufsicht in der Pinduoduo-Zentrale zu einem Handgemenge, die Beamten riefen die Polizei.[2] Laut Caixin entließ der Konzern danach mehrere Mitarbeiter seiner Abteilung für Behördenkontakte, gegen einige verhängten die Behörden Verwaltungshaft.
Die Rekordstrafe folgte am 17. April 2026. Die SAMR bestrafte sieben Plattformen wegen 67.604 Online-Läden für Lebensmittel ohne reale Betriebsstätte. Auf Pinduoduo entfielen 1,52 Milliarden Yuan, umgerechnet rund 200 Millionen Euro (EZB-Kurs vom 29. September 2026: 1 Euro = 7,6117 Yuan), der höchste Einzelbetrag im Verfahren.[3] Die neuen Personalkosten treffen einen Konzern, dessen bereinigter Gewinn im zweiten Quartal um 13 Prozent sank.
Staatschef Xi Jinping rief Xiong’an 2017 als Planstadt aus, die Peking Behörden, Hochschulen und Firmenzentralen abnehmen soll. Im Juni schloss Pinduoduo eine strategische Vereinbarung mit der Verwaltung des Gebiets. Die Nachbarstadt Baoding zählt zudem seit Mai 2024 zu den sieben Standorten, die Chinas Nationale Datenbehörde als Stützpunkte für Datenannotation ausgewählt hat.[4] Der Konzern schafft Arbeitsplätze in einem Prestigeprojekt des Staatschefs und stockt zugleich die Händlerkontrolle auf, deren Mängel die Aufsicht im April bestraft hatte.
Pinduoduo begleicht die Rechnung mit Chinas Aufsicht zweimal: mit 200 Millionen Euro Strafe und mit 5.000 Stellen in Xi Jinpings Planstadt. Beschriftete Daten und geprüfte Händler sind die Zahlung, die Peking derzeit am meisten schätzt.
Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was bedeutet das für Händler und Unternehmen in Europa?
Auch in Europa hat jene Dezemberwoche ein Nachspiel. Die EU-Kommission durchsuchte vom 2. bis 5. Dezember 2025 die Dubliner Temu-Gesellschaft WhaleCo und wirft Temu seit dem 31. Juli 2026 vorläufig vor, dabei Auskünfte zu Organisation, IT-Systemen und Geschäftsbüchern verweigert zu haben.[5] Temu weist den Vorwurf zurück.
Zwei Aufgaben ergeben sich für Entscheider in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Händler auf Temu sollten Nachweise zu Produktsicherheit, Herkunft und Anbieterkennzeichnung lückenlos bereithalten, denn Aufseher in Peking und Brüssel verlangen von der Plattform strengere Kontrollen. Firmen, die für eigene KI-Projekte Annotationsdienste einkaufen, sollten den Sitz des Dienstleisters prüfen: Die KI-Verordnung fordert für Hochrisiko-Systeme in Artikel 10 eine dokumentierte Datenaufbereitung, ausdrücklich samt Annotation und Kennzeichnung.[6] Die Weitergabe personenbezogener Daten an Annotationsteams in China gilt nach der DSGVO als Übermittlung in ein Drittland und braucht Standardvertragsklauseln samt Risikoprüfung.
Was ist Xiong’an?
Xiong’an ist eine Planstadt in der Provinz Hebei, gut 100 Kilometer südwestlich von Peking. Staatschef Xi Jinping rief das Projekt 2017 aus, um die Hauptstadt von Behörden, Hochschulen und Firmenzentralen zu entlasten.
Was ist Datenannotation?
Bei der Datenannotation beschriften Menschen Bilder, Texte oder Videos, damit KI-Modelle daraus lernen. Pinduoduo nutzt solche Daten in Xiong’an für Suche, Produktempfehlungen, Videomodelle und die Prüfung von Händlern.
Warum musste Pinduoduo 2026 eine Strafe zahlen?
Chinas Marktaufsicht SAMR bestrafte im April 2026 sieben Plattformen wegen 67.604 Online-Läden für Lebensmittel ohne reale Betriebsstätte. Auf Pinduoduo entfielen 1,52 Milliarden Yuan, rund 200 Millionen Euro, der höchste Einzelbetrag.
Quellen
[1] Geek Park: „Drei Monate, 5.000 Menschen: Pinduoduo baut hier eine neue Geschäftsbasis auf“ (Chinesisch)
[2] Caixin Global: „PDD Fires Government Relations Staff After Fistfight With Regulators“
[4] Provinzregierung Zhejiang: „Nationale Datenbehörde nennt die ersten sieben Pilotstädte für Datenannotation“ (Chinesisch)
[5] EU-Kommission: „Pressemitteilung IP/26/1707 zur Durchsuchung bei Temu“
[6] EUR-Lex: „Verordnung (EU) 2024/1689 zur Festlegung harmonisierter Vorschriften für künstliche Intelligenz“
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