Meituan lässt die Lieferuhr künftig anhalten, sobald ein Bote an einer roten Ampel wartet. Chinas größter Essenslieferdienst koppelt dafür die Standortspur seiner Fahrer an die Live-Schaltung der Ampeln und rechnet die Wartezeit aus der Zustellfrist heraus.[1] Hinter der kleinen Funktion steckt der Versuch, den berüchtigten Zeitdruck des eigenen Algorithmus zu entschärfen.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Wichtigste in Kürze
- Meituan startete die Ampel-Pause am 31. Juli 2026 zuerst in Suzhou, mit rund 1.100 Kreuzungen im ersten Schritt
- Standortspur des Boten und Echtzeit-Ampeldaten steuern die Pause, die Wartezeit fließt jeder gleichzeitig getragenen Bestellung zu
- Über 20 Städte, darunter Shanghai, Hangzhou und Chengdu, prüfen den Ausrollplan gerade
- Der Schritt fällt mit der EU-Plattformrichtlinie zusammen, die algorithmisches Management ab Dezember 2026 einhegt
Wie hält Meituan die Uhr an?

Zwei Datenquellen steuern die Pause. Zum einen liest die App die Standortspur des Boten, zum anderen die Echtzeit-Schaltung der Ampel an seiner Kreuzung, in Suzhou geliefert von der örtlichen Polizei. Steht der Fahrer im Rot, zeigt ein KI-Sicherheitsassistent einen Countdown und den Hinweis, die gemessene Wartezeit werde am Ende der Tour auf die Zustellfrist aufgeschlagen.
Mehrfachbestellungen zählen einzeln. Trägt der Bote mehrere Aufträge gleichzeitig, schreibt das System die Sekunden jeder Bestellung gut. So verschwindet der Anreiz, für die Frist über die rote Ampel zu fahren, ohne dass der Fahrer am Ende länger arbeitet. Der Pilot ist zunächst auf den Gusu-Distrikt und den Suzhou Industrial Park begrenzt, Peking und Wuxi laufen im Datentest.
Warum steht der Lieferalgorithmus in der Kritik?
Der Zeitdruck ist das eigentliche Thema. Meituans Zustellalgorithmus verteilt Aufträge in Echtzeit und presst die Lieferfenster so eng, dass eine gehaltene Ampel früher direkt gegen die Frist des Boten lief. Eine vielbeachtete Reportage beschrieb die Fahrer schon 2020 als im System gefangen, weil die Software sie faktisch zu Rotlichtverstößen drängte.
Reform an Reform reiht sich seither. Meituan ersetzt Strafen für verspätete Lieferungen durch ein Punktesystem, das bis Ende 2025 rund 80 Städte erreichte, und meldet Boten nach langen Schichten automatisch ab. Wie stark ein Lieferdienst seine Auslieferung per Algorithmus taktet, zeigt sich bei Meituan im Extrem: Effizienz und Fahrersicherheit hängen an derselben Zeile Code.
Meituan repariert nicht die Ampel, sondern den Anreiz. Solange ein Algorithmus jede Sekunde bestraft, entscheidet seine Programmierung über die Sicherheit auf der Straße, nicht der gute Wille des Boten.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Vom Reizthema zur Regel
In China testet Meituan die menschliche Rücksicht auf den Boten noch freiwillig. In der EU wird die Aufsicht über den Lieferalgorithmus ab dem 2. Dezember 2026 zur Pflicht.
Was bedeutet das für europäische Plattformen?
Algorithmisches Management rückt auch in Europa ins Recht. Die EU-Plattformrichtlinie 2024/2831 verlangt von Lieferdiensten und Fahrdienstvermittlern Transparenz über automatisierte Überwachung, eine menschliche Aufsicht über Zuteilung, Bezahlung und Kontosperren sowie klare Grenzen bei der Datenverarbeitung. Die Mitgliedstaaten müssen sie bis zum 2. Dezember 2026 umsetzen.
Für Lieferando und ähnliche Anbieter heißt das: Was Meituan freiwillig testet, wird hier zur Vorschrift. Deutsche Betreiber sollten jetzt dokumentieren, welche Daten ihr Dispatching auswertet, eine menschliche Kontrollinstanz über automatische Entscheidungen einziehen und die Frage der Scheinselbstständigkeit ihrer Fahrer klären. Der Zusammenschluss von Uber und Delivery Hero erhöht den Handlungsdruck zusätzlich, weil er die Marktmacht weniger großer Plattformen bündelt.
FAQ: Meituans Ampel-Pause
Was ist Meituans Ampel-Pause?
Die Ampel-Pause ist eine Funktion, die Meituan am 31. Juli 2026 gestartet hat. Wartet ein Bote an einer roten Ampel, hält die App die Zustelluhr an und schreibt die Wartezeit am Ende der Tour auf die Lieferfrist gut. So soll der Zeitdruck sinken, der Fahrer bisher zu Rotlichtverstößen drängte.
In welchen Städten läuft die Funktion?
Der Pilot startete in Suzhou, im Gusu-Distrikt und im Suzhou Industrial Park, mit rund 1.100 Kreuzungen. Peking und Wuxi laufen im Datentest. Über 20 weitere Städte, darunter Shanghai, Hangzhou, Chengdu, Nanchang und Lanzhou, prüfen den Ausrollplan und sollen schrittweise folgen.
Wie erkennt Meituan die rote Ampel?
Die Funktion nutzt zwei Datenquellen: die Standortspur des Boten und die Echtzeit-Schaltung der Ampel an seiner Kreuzung. In Suzhou liefert die örtliche Polizei die Ampeldaten. Steht der Fahrer im Rot, zeigt ein KI-Sicherheitsassistent einen Countdown und protokolliert die Wartezeit.
Warum stand Meituans Lieferalgorithmus in der Kritik?
Der Zustellalgorithmus presst die Lieferfenster sehr eng. Eine gehaltene rote Ampel lief früher direkt gegen die Frist des Boten, was ihn zu riskantem Fahren drängte. Eine Reportage beschrieb die Fahrer 2020 als im System gefangen. Seither hat Meituan Strafen durch ein Punktesystem ersetzt.
Was bedeutet das für Lieferdienste in der EU?
Die EU-Plattformrichtlinie 2024/2831 verlangt Transparenz über automatisierte Überwachung und eine menschliche Aufsicht über Zuteilung, Bezahlung und Kontosperren. Die Mitgliedstaaten müssen sie bis zum 2. Dezember 2026 umsetzen. Was Meituan freiwillig testet, wird für Anbieter wie Lieferando zur Pflicht.
Quelle
[1] Meituan: „Meituan testet den Uhr-Stopp an der Ampel und koppelt sich dafür mit Suzhou zusammen“