Ohne eigene Cloud und eigene Künstliche Intelligenz verliert Europa den Anschluss an die USA und China. Zwei prominente Ökonomen zeichnen ein hartes Bild, sehen für Deutschland aber eine reale Chance. Entscheidend bleibt das Tempo.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenTechnologische Autonomie entscheidet nach Ansicht von Niall Ferguson und Moritz Schularick über Europas wirtschaftliche Zukunft. Der Stanford-Historiker und der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft warnen in der „Süddeutschen Zeitung“ vor einem Abstieg in die Bedeutungslosigkeit. Ihr drastischster Satz lautet: „China und die USA werden Europa aufessen, Stück für Stück.“
Das Wichtigste in Kürze
- Ferguson und Schularick fordern eine eigene europäische Cloud und eigene KI als Bedingung für technologische Autonomie.
- Schularick hält einen Aufkauf von VW durch einen chinesischen Hersteller wie BYD für wahrscheinlich.
- Beide Ökonomen werben für hohe Verteidigungsausgaben als Wachstumsmotor für KI, Robotik und Raumfahrt.
- Trotz der Warnung bleibt ihr Urteil: Der Niedergang der deutschen Industrie lässt sich stoppen.
Warum sieht Europa technologisch alt aus?

Die USA haben Europa nach Fergusons Lesart in den vergangenen zehn Jahren wirtschaftlich weit hinter sich gelassen. Bei Zukunftstechnologien wie Künstlicher Intelligenz spiele der Kontinent kaum eine Rolle. Eine dritte Supermacht neben Washington und Peking werde Europa nur, „wenn es technologische Autonomie erreicht, mit einer eigenen Cloud und eigener KI“, so der Historiker. Den größten blinden Fleck verortet er in Deutschland.
Wie groß ist die Gefahr aus China?

„Die deutsche Wirtschaft hat die Bedrohung durch China völlig unterschätzt“, sagt Ferguson. Schon bald führen die Europäer nach seiner Prognose massenweise chinesische Autos, vor allem Modelle von BYD. Schularick rechnet sogar mit einem Übernahmeszenario: VW werde „wahrscheinlich von einem chinesischen Autohersteller aufgekauft. Etwa von BYD.“ Diese Prognose wirkt zugespitzt, deckt sich aber mit den Verkaufskurven, denn BYD ist in Großbritannien bereits zur meistverkauften Elektromarke aufgestiegen.
Brüsseler Zölle gegen BYD verteidigen das falsche Spielfeld. Europas eigentliche Lücke heißt Cloud und KI, und die schließt kein Strafzoll, sondern nur eigenes Kapital und mehr Tempo.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was sollen Europa und Deutschland jetzt tun?

Als Ausweg skizzieren beide Ökonomen eine harte China-Strategie. Europa solle den Zugang zum Binnenmarkt als Verhandlungsmasse nutzen und chinesischen Herstellern Marktzugang nur gegen lokale Produktion gewähren. „Wir werden China erlauben, hier BYDs zu verkaufen, aber nur, wenn sie in Europa produziert werden, um die Arbeitsplätze zu erhalten“, sagt Schularick. Parallel sollen eigene Cloud-Infrastrukturen und KI-Systeme entstehen, ohne die der Kontinent weiter zurückfällt.
Warum wird Verteidigung zur Wirtschaftspolitik?

Den stärksten Hebel sehen die beiden Forscher an der Schnittstelle von Sicherheit und Wirtschaft. Ausgaben für Verteidigung gelten beiden als Chance, technologisch aufzuholen, weil moderne Wehrtechnik auf KI, Robotik und Raumfahrt aufbaut. „Ohne Technologie gibt es für Europa keine Sicherheit“, sagt Schularick. Ferguson fordert für die Aufrüstung eine „Operation Höchsttempo“, damit die Bevölkerung den wirtschaftlichen Nutzen spürt.
Den Mechanismus haben wir bei Solarzellen und Batteriezellen schon einmal erlebt, wie die Kostenanalyse aus Freiburg zeigt: Europa erforscht die Technik, die Skalierung übernimmt China. Die ausführliche Vorgeschichte des aktuellen Drucks liefert unsere Analyse zum zweiten China-Schock. Für IT- und Industrieentscheider folgt daraus eine nüchterne Aufgabe: digitale Abhängigkeiten heute prüfen, bevor der nächste Lieferengpass die Entscheidung erzwingt. Trotz aller Warnungen bleibt Schularicks Fazit klar: „Der Niedergang der deutschen Industrie lässt sich stoppen.“