Rund 400.000 Stellen weg, drei Prozent weniger Bruttoinlandsprodukt in drei Jahren, und eine Bundesregierung, die dieses heiße Eisen nicht anfasst. Das sind die Kernbefunde des Policy Briefs „China shock 2.0: The cost of Germany’s complacency“, den das Londoner Centre for European Reform am 20. Mai 2026 veröffentlicht hat. Die Autoren Sander Tordoir und Brad Setser nennen Deutschland ohne Umschweife das Epizentrum des zweiten China-Schocks.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie Zahlen erteilen der Berliner Lieblingserzählung eine klare Absage: Bürokratie und Energiepreise seien gar nicht die Haupttreiber der deutschen Wirtschaftskrise. Laut Bloomberg-Analyse gehen rund 40 Prozent des deutschen Wachstumsausfalls auf verlorene Exportmärkte zurück, weitere 40 Prozent auf den Energiepreisschock von 2022. Bürokratie, EU-Regulierung und alles andere zusammen erklären nur die verbleibenden 20 Prozent. Berlin hat diese Gewichtung jahrelang umgekehrt.
Warum China stärker wird, obwohl der Rest stagniert

Seit der Pandemie sind Chinas Exportvolumina um mehr als 40 Prozent gestiegen, während Importe praktisch stagnieren. Im ersten Quartal 2026 wuchsen sie um weitere 15 Prozent. Drei staatlich verstärkte Mechanismen treiben das an: Der IWF schätzt Chinas Industriesubventionen auf rund 4,4 Prozent des BIP, umgerechnet knapp 700 Milliarden Euro jährlich, erheblich mehr als alle EU-Staaten zusammen für Aufrüstung einplanen. Der Yuan ist nach IWF-Modellen um rund 16 Prozent unterbewertet, die CER-Autoren halten sogar 30 Prozent für realistisch, weil Peking 2022 seine Zahlungsbilanz-Methodik einseitig angepasst hat. Dazu kommt eine strukturell schwache Binnennachfrage: Überschusskapazitäten, die im Inland keine Abnehmer finden, fließen zwangsläufig in den Export.
Das neue Fünfjahresprogramm für 2026 bis 2030 signalisiert keine Kurskorrektur. Technologische Autarkie und Importsubstitution in den verbliebenen Abhängigkeiten stehen ganz oben auf der Agenda Pekings.
Wo drückt der Schuh am stärksten?

China verfügt heute über Produktionskapazitäten für 55 Millionen Fahrzeuge jährlich, rund 65 Prozent der weltweiten Nachfrage. Bei Elektroautos liegen die Kapazitäten bei 25 Millionen Einheiten, der heimische Markt nimmt davon nur die Hälfte ab. Chinesische Pkw-Exporte in die EU stiegen 2025 um 26 Prozent auf knapp 1,2 Millionen Fahrzeuge. Die EU-Strafzölle, die sich nur auf reine Batteriefahrzeuge beziehen, erwiesen sich dabei als Schleusentore: Hybrid-Importe aus China legten um 155 Prozent zu. Wie BYD dieses Prinzip bereits genutzt hat, um in Großbritannien die Marktführerschaft zu übernehmen, zeigt unsere aktuelle Einschätzung zum BYD-Vormarsch.
Im Maschinenbau ist seit Mitte 2025 ein symbolisch bedeutsamer Kipppunkt überschritten: Deutschland kauft inzwischen mehr Investitionsgüter aus China, als es dorthin exportiert. Goldman Sachs schätzt, dass Chinas Exportoffensive das deutsche Wachstum bis 2029 jährlich um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte drückt. Das französische Planungsamt warnt, dass mittelfristig bis zu 70 Prozent der deutschen Industrieproduktion gefährdet sein könnten.
Auf Besserung zu warten bedeutet, stillschweigend eine schleichende Deindustrialisierung zu akzeptieren. Das betrifft nicht nur Wolfsburg und Stuttgart, sondern den gesamten deutschen Mittelstand.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was Brüssel fordert und warum Berlin bremst

Die CER-Autoren fordern eine Eskalation auf mehreren Ebenen. Zunächst sollte die EU bestehende Anti-Subventionsverfahren auf Hybridfahrzeuge ausweiten, da Produktionsstrukturen und Subventionsregimes weitgehend identisch mit denen für Elektroautos sind. Für systemischere Verzerrungen, also Währungsunterbewertung und staatlich erzwungene Überkapazitäten, plädieren sie für ein europäisches Pendant zu Section 301 des US-Handelsgesetzes: ein Instrument, das sektorweit agieren kann, ohne jeden Produktnachweis einzeln zu führen. Der in Brüssel diskutierte Industrial Accelerator Act mit Buy-European-Regeln geht in die richtige Richtung, bleibt aber nach CER-Einschätzung noch zu weich.
Berlin blockiert beides. Deutschland hat EU-Zölle auf chinesische Elektroautos zuletzt abgelehnt und treibt eine Aufweichung des Industrial Accelerator Act voran, um die Chinaproduktion eigener Konzerne zu schützen. Frankreich verteidigt deutsche Industrieinteressen in der G7 und in Brüssel derzeit entschiedener als die Bundesregierung selbst.
Dass Chinas Kontrolle über Seltene Erden, Permanentmagnete und Gallium keine abstrakte Drohkulisse ist, demonstrierte Peking 2025 mit einem neuen Exportkontrollregime als Reaktion auf US-Zölle. Wie digitale Technologien deutschen Industrieunternehmen helfen können, Lieferkettenabhängigkeiten zumindest teilweise zu reduzieren, beleuchtet unser Hintergrundartikel zu Digitalen Zwillingen in der deutschen Industrie. Den Hardware-Kontext zu globalen Chip-Engpässen, die Chinas Strategie direkt berühren, liefert unser Bericht zur Speicherchip-Knappheit 2026.
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