eBay und drei frühere Spitzenmanager zahlen zusammen 48,5 Millionen Euro an das Ehepaar, das Beschäftigte des Konzerns 2019 mit lebenden Kakerlaken und einer blutigen Schweinemaske überzogen haben. Dahinter steht eine unbequeme Organisationsfrage: Was passiert, wenn eine Sicherheitsabteilung eine Bemerkung des Vorstandschefs wörtlich nimmt?

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Der Vergleich zwischen eBay und dem Ehepaar Steiner steht seit dem 27. Juli 2026 fest, sieben Jahre nach den ersten Lieferungen.[1] David und Ina Steiner betreiben EcommerceBytes, einen Fachbrief über den Online-Handel, und hatten kritisch über den Marktplatz berichtet. Die Antwort ist per Post gekommen, in Sendungen mit lebenden Insekten, einem Trauerkranz und einem Buch über den Tod des Ehepartners.

Das Wichtigste in Kürze

  • eBay und drei Ex-Manager zahlen 48,5 Millionen Euro (55,7 Millionen US-Dollar, Kurs 0,87 zum 28. Juli 2026), davon 42,4 Millionen Euro als Entschädigung.
  • Sechs eBay-Beschäftigte und ein Auftragnehmer wurden strafrechtlich verurteilt, die Konzernstrafe des US-Justizministeriums beträgt 2,6 Millionen Euro.
  • Der Vergleich enthält keine Verschwiegenheitsklausel, die Steiners dürfen weiter über den Fall sprechen.
  • In Deutschland deckelt § 30 OWiG die Unternehmensgeldbuße bei 10 Millionen Euro, ein Regierungsentwurf will auf 40 Millionen anheben.

Wie wird aus einer Sicherheitsabteilung eine Stalking-Einheit?

Ein Karton, beschriftet als Retoure, mit Schabe und Quittung über 48,5 Mio Euro
eBay-Chef Wenig schrieb 2024 in Strafakte über Kritikerin Steiner „take her down“, Kommunikationschef Wymer ergänzte „Whatever. It takes.“ Director Baugh führte dies aus

Den Eskalationsweg zeigt die Kommunikation, die 2024 in der Strafakte aufgetaucht ist. Der damalige eBay-Chef Devin Wenig hat über Ina Steiner „take her down“ geschrieben, Kommunikationschef Steve Wymer hat ein „Whatever. It takes.“ nachgeschoben. Übersetzt in Aufträge ist diese Wortwahl bei James Baugh gelandet, dem Senior Director für Safety & Security.

Weisungskette ohne Bremse: Baugh hat eine Abteilung mit eigenen Ermittlungs- und Überwachungsfähigkeiten geführt, die an die Kommunikationsabteilung berichtet hat. Genau dort fehlt die Kontrollinstanz. Eine Einheit an der Pressestelle statt an Recht oder Compliance hat niemanden über sich, dessen Aufgabe das Stoppen einer Anweisung wäre.

Baugh wurde zu 57 Monaten Haft verurteilt.[2] Devin Wenig wurde nie angeklagt und bestreitet, von den Einzelheiten gewusst zu haben; die Kampagne sei ohne sein Wissen gelaufen. Aus dem Vergleich zahlt er dennoch 1,7 Millionen Euro Entschädigung plus 870.000 Euro an eine Organisation für Pressefreiheit.

Ist der Fall ein Einzelfall?

Das Muster ist älter als eBay. Hewlett-Packard hat 2006 Ermittler beauftragt, die sich am Telefon als Journalisten ausgegeben haben, um an deren Verbindungsdaten zu kommen; am Ende standen eine Anklage in Kalifornien und der Rücktritt der Verwaltungsratsvorsitzenden. Auch Meta geht juristisch gegen frühere Beschäftigte vor, wie Mark Zuckerbergs Vorgehen gegen Whistleblower zeigt.

Vergleich statt Urteil: Große US-Plattformen kaufen sich aus solchen Verfahren frei, bevor ein Gericht Tatsachen feststellt. Amazon hat der US-Handelsbehörde FTC 2,18 Milliarden Euro für die erschwerte Prime-Kündigung gezahlt und steht wegen Preisabsprachen vor Gericht. eBay steht ohnehin unter Beobachtung, seit sich GameStop 9,8 Prozent am Konzern gesichert hat.

eBay-Stalking-Vergleich: die Rechnung nach sieben Jahren
Alle Beträge in Euro, umgerechnet zum Kurs 0,87 (Stand 28. Juli 2026).
48,5 Mio.
Gesamtvolumen des Vergleichs
eBay und drei frühere Manager gemeinsam, entspricht 55,7 Mio. US-Dollar.
42,4 Mio.
Entschädigung für das Ehepaar
Davon 40,2 Mio. Euro von eBay selbst, der Rest von den Ex-Managern.
6,1 Mio.
Zusätzliche Spendenzusagen
An gemeinnützige Organisationen, ein Teil davon für Pressefreiheit.
2,6 Mio.
Strafe für den Konzern
Das US-Justizministerium hat 3 Mio. US-Dollar verhängt, das gesetzliche Maximum.

Was der gleiche Fall in Deutschland kosten würde

USA

  • Kein Deckel für zivilrechtliche Vergleiche, die Summe verhandeln die Parteien.
  • 2,6 Mio. Euro Konzernstrafe im Strafverfahren, ausgeschöpftes Maximum.
  • Sieben Verurteilte: sechs Beschäftigte und ein Auftragnehmer.

Deutschland

  • 10 Mio. Euro Höchstbetrag der Unternehmensgeldbuße nach § 30 OWiG.
  • 40 Mio. Euro sieht ein Regierungsentwurf vom Mai 2026 künftig vor.
  • Kein Strafschadensersatz: Geldentschädigungen für Persönlichkeitsrechte bleiben sechsstellig.
  • § 238 StGB trifft seit der Reform 2021 auch Cyberstalking, aber nur die handelnden Personen.
Ihre Prüffrage: An welche Abteilung berichtet Ihre Sicherheits- oder Ermittlungsfunktion? Hängt diese Linie an der Kommunikation statt an Recht oder Compliance, fehlt genau die Instanz, die eine Anweisung stoppen könnte.

Ein Konzern, der seine Sicherheitsabteilung an die Pressestelle hängt, baut sich eine Waffe ohne Sicherung. Die 48,5 Millionen Euro sind der Preis dafür, dass im Vorstand niemand diese Konstruktion je hinterfragt hat.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was würde der Fall in Deutschland kosten?

Deutlich weniger. Cyberstalking ist seit der Reform vom 1. Oktober 2021 klarer strafbar: § 238 StGB verlangt nur noch wiederholtes Nachstellen und eine „nicht unerhebliche“ Beeinträchtigung der Lebensgestaltung, digitale Tatformen stehen ausdrücklich im Gesetz. Die Strafe trifft allerdings die handelnden Personen, nicht den Arbeitgeber.

Der Bußgeld-Deckel begrenzt die Konzernhaftung. Ein Unternehmen haftet in Deutschland über § 30 OWiG, mit einer Obergrenze von 10 Millionen Euro für vorsätzliche Straftaten.[3] Ein Regierungsentwurf vom Mai 2026 will auf 40 Millionen anheben. Selbst dann bliebe der Rahmen unter dem, was eBay allein an Entschädigung zahlt, denn das deutsche Zivilrecht kennt keinen Strafschadensersatz, und Geldentschädigungen für Persönlichkeitsrechtsverletzungen enden im sechsstelligen Bereich. Einordnung liefert unser Überblick zum Medienrecht für Geschäftsführer und Webverantwortliche.

Die praktische Konsequenz liegt in der Organisation, nicht im Strafgesetzbuch. Prüfen Sie, an wen Ihre Sicherheits- oder Ermittlungsfunktion berichtet, und ziehen Sie diese Linie zu Recht oder Compliance statt zur Kommunikation. Halten Sie zusätzlich fest, welche Reaktion auf kritische Berichterstattung zulässig ist, bevor jemand eine Chefbemerkung als Auftrag liest.

Quellen

[1] EcommerceBytes: „eBay and Execs Settle Cyberstalking Case for $55.7 Million in Compensation and Charitable Commitments“

[2] US-Justizministerium, Staatsanwaltschaft Massachusetts: „Final Defendant in eBay Cyberstalking Case Sentenced“

[3] Bundesamt für Justiz: „§ 30 OWiG: Geldbuße gegen juristische Personen und Personenvereinigungen“

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