Das Donau-Niedrigwasser stoppt Ungarns Kernkraftwerk Paks, obwohl der Fluss noch genug Kühlwasser führt. Die Saugstutzen der Pumpen liegen inzwischen über dem Wasserspiegel, 2.000 Megawatt fallen dadurch aus. Am Rhein zeigt der Pegel Kaub gerade 29 Zentimeter.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenAm 30. Juli 2026 meldete der Betreiber MVM, dass das Donau-Niedrigwasser binnen 24 bis 72 Stunden alle vier Blöcke in Paks außer Betrieb zwingt. In 44 Betriebsjahren stand die Anlage noch nie komplett still. Ungarn verliert damit knapp die Hälfte seiner Stromerzeugung, mitten in einer Hitzewelle.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Donaupegel bei Paks liegt 28 Zentimeter unter dem bisherigen Rekord aus dem Jahr 2018.
- Die Wassermenge reicht rechnerisch aus, doch die Saugstutzen der Kühlpumpen sitzen über dem aktuellen Wasserstand.
- Rumänien nahm am 28. Juli den Block 1 von Cernavodă vom Netz, Frankreich drosselte acht Reaktoren.
- Der Rheinpegel Kaub stand am 31. Juli bei 29 Zentimetern, vier Zentimeter über dem Rekord vom Oktober 2018.
Woran scheitert die Kühlung in Paks wirklich?

Die vier VVER-440-Blöcke brauchen im Betrieb rund 100 Kubikmeter Donauwasser je Sekunde, und diese Menge führt der Fluss weiterhin. MVM nennt in der Mitteilung vom 30. Juli einen anderen Grund: Die Saugstutzen der Kühlwasserpumpen sitzen höher als der aktuelle, weiter fallende Wasserstand und erfüllen ihre Aufgabe deshalb nicht mehr.[1] Für die abgeschalteten Blöcke genügen 2,5 Kubikmeter je Sekunde, notfalls geliefert von zwölf mobilen Pajtás-Schwimmpumpen.
Zwei Ursachen führt MVM an: den Klimawandel und die Eintiefung des Flussbetts durch Staustufen sowie Kiesentnahmen flussaufwärts. Die Eintiefung wiegt schwerer, weil der Flussboden nicht zurückkommt. Bei gleicher Wasserführung fällt der Pegel Jahr für Jahr etwas tiefer, der nächste Rekord braucht also weniger Dürre als der letzte. Was der Klimawandel Branche für Branche kostet, rechnen Studien seit Jahren vor.
Trifft der Wassermangel nur die Donau?
Nuclearelectrica trennte den Block 1 des rumänischen Kernkraftwerks Cernavodă am Morgen des 28. Juli vom Netz. Vorstandschef Cosmin Ghita begründete den Schritt in der Pflichtmitteilung an die Bukarester Börse mit dem beispiellos niedrigen Donaustand und mit den Dürre-Prozeduren der Anlage.[2] Block 2 blieb nach einer nächtlichen Prüfung am Netz.
Ein zweiter Abschaltgrund hat mit dem Pegel nichts zu tun. Beim Schweizer Kernkraftwerk Beznau greift eine Verfügung des Bundesamts für Energie, sobald die Aare unterhalb der Anlage 25 Grad erreicht; Axpo fuhr beide Blöcke deshalb im Juni auf 50 Prozent herunter.[3] Die Schweiz hat ihr Neubauverbot für Kernkraftwerke gerade gekippt, an dieser Temperaturgrenze ändert der Entscheid nichts.
Zwei Grenzen, zwei Abschaltgründe
Grenze 1: der Pegel
Die Saugstutzen der Kühlwasserpumpen sitzen höher als der Wasserspiegel und saugen deshalb kein Wasser mehr an.
Grenze 2: die Temperatur
Behördliche Auflagen deckeln die Temperatur des eingeleiteten Kühlwassers zum Schutz der Flussfauna.
Nicht die Wassermenge stoppt Paks, sondern die Höhe der Saugstutzen. Solche Auslegungsgrenzen prüft in Deutschland gerade kaum jemand, obwohl der Rhein von Jahr zu Jahr flacher wird.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was bedeutet der Pegelsturz für deutsche Unternehmen?
Am Rhein läuft kein Reaktor mehr, dieselbe Physik trifft aber Kohle- und Gaskraftwerke, deren wasserrechtliche Erlaubnisse Entnahmemenge und Einleittemperatur begrenzen. Der Pegel Kaub stand am Abend des 31. Juli bei 29 Zentimetern, vier Zentimeter über dem Rekord vom 22. Oktober 2018.[4] An derselben Fahrrinne hängt die Kohleversorgung süddeutscher Kraftwerke, und thyssenkrupp hat seine Rheinschifffahrt bereits gestoppt.
Beim Stromeinkauf zählt der gekoppelte europäische Day-Ahead-Markt: Ungarn und Rumänien decken den Ausfall über Importe, und die Preise steigen auch bei den Nachbarn. Vom knappen Angebot profitieren Betreiber steuerbarer Erzeugung, wie zuletzt die angehobene Jahresprognose von RWE zeigt. Wasserabhängig bleiben aber auch die Speicher, etwa das Pumpspeicherwerk der EnBW im Schwarzwald.
Zwei Prüfaufgaben lohnen jetzt. Betriebe mit eigener Wasserentnahme gleichen ihre Genehmigungen gegen die aktuellen Pegel ab, ebenso Rechenzentren mit Verdunstungskühlung. Im Einkauf gehören die Frachtverträge auf den Tisch, denn Kleinwasserzuschläge greifen bei Kaub-Ständen wie in dieser Woche.
Quellen
[1] MVM Paksi Atomerőmű Zrt.: „Szükségessé válik a Paksi Atomerőmű teljes leállítása“ (30. Juli 2026)
[2] Societatea Naţională Nuclearelectrica: „Controlled Shutdown of Unit 1 at the Cernavoda Nuclear Power Plant“, Current Report vom 27. Juli 2026 (PDF)
[3] Axpo: „Kernkraftwerk Beznau reagiert auf hohe Aare-Wassertemperaturen“
[4] Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes: PEGELONLINE, Pegel Kaub am Rhein (Abruf 31. Juli 2026)
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