Die Naturkatastrophen des ersten Halbjahres 2026 haben weltweit rund 98 Milliarden Euro vernichtet, spürbar weniger als in den Jahren zuvor. Genau diese Zahl liest der weltgrößte Rückversicherer nicht als Entwarnung, sondern als Warnung.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDas Wichtigste in Kürze
- Rund 98 Milliarden Euro Gesamtschaden weltweit, davon nur etwa 38 Milliarden Euro versichert.
- Das Doppelbeben in Venezuela am 24. Juni forderte tausende Tote und rund 26 Milliarden Euro Schaden, fast nichts davon abgesichert.
- Die Hälfte der versicherten Schäden stammt aus schweren Unwettern in den USA.
- Munich Re führt das niedrige Niveau auf glückliche Umstände zurück, nicht auf ein nachlassendes Klimarisiko.
Woher kommt die niedrige Schadenssumme?

Die Ereignisse waren nicht schwächer, sie trafen nur schlecht versicherte Regionen. Das teuerste Beben lag in Venezuela, die schwersten Unwetter zogen über dünn besiedeltes US-Land.
Die Standortfrage erklärt die Bilanz besser als die Wucht der Ereignisse. Das teuerste Ereignis, das Beben in Venezuela, richtete rund 26 Milliarden Euro Schaden an. In einem Land mit kaum verbreiteter Katastrophenversicherung war davon weniger als eine Milliarde abgesichert.
Die andere Hälfte der Rechnung liegt in den USA. Etwa die Hälfte aller versicherten Schäden entfiel auf schwere Gewitter und Tornados, deren Aktivität deutlich über dem Durchschnitt lag. Getroffen wurde überwiegend dünn besiedeltes Land, sodass die versicherten Werte begrenzt blieben.
Zwischen Gesamtschaden und versicherter Summe klafft damit eine Deckungslücke von rund 60 Prozent. Diese Lücke, im Fachjargon protection gap, ist die eigentliche Nachricht: Nicht die Natur war milder, die Treffer lagen nur dort, wo wenig versichert ist.
Warum spricht Munich Re von Glück?
Weil die niedrige Bilanz auf günstigen Zufällen beruht, nicht auf einem sinkenden Klimarisiko. Das stärkste Signal der Erderwärmung, die Hitze, schlägt sich kaum in Schadenszahlen nieder.
„Günstige Umstände haben höhere Schäden verhindert, kein Nachlassen des Klimawandels“, ordnet Tobias Grimm, Chef-Geowissenschaftler bei Munich Re, die Zahlen ein.[1] Dasselbe Muster galt schon im ersten Halbjahr 2025.
Das deutlichste Hitzesignal steht ohnehin nicht in der Schadensstatistik. Die Erde hat sich seit dem späten 19. Jahrhundert um 1,4 Grad erwärmt, Europa und Deutschland sogar um rund 3 Grad. Die Zahl der Hitzetage in Deutschland ist von drei bis vier in den 1950er Jahren auf heute rund 13 im Jahr gestiegen. Wie sich diese Hitze über eine Stadt verteilt, bilden Kommunen inzwischen im digitalen Zwilling ab.
Unsichtbar zerstört extreme Hitze selten Gebäude, sie treibt aber Dürren, Ernteausfälle und Gesundheitskosten. Dass ausgerechnet dieses Risiko in den Versicherungszahlen kaum auftaucht, macht die ruhige Halbjahresbilanz trügerisch.
Eine niedrige Schadensbilanz ist kein Sicherheitspolster, sondern eine Verschnaufpause. Diese Ruhe mit sinkendem Risiko zu verwechseln, heißt an der falschen Stelle zu sparen.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was bedeutet das für Unternehmen im DACH-Raum?
Auch deutsche Betriebe tragen ein wachsendes physisches Klimarisiko, das ihre Policen oft nur teilweise abdecken. Rund die Hälfte der Gebäude in Deutschland hat keinen Schutz gegen Elementarschäden wie Hochwasser oder Starkregen.
Die Politik diskutiert eine Pflichtversicherung gegen Elementarschäden, doch bis dahin bleibt die Lücke im eigenen Portfolio. Welche Branchen die Klimakosten am härtesten treffen, zeigt der Blick auf die betroffenen Sektoren.
Unter der CSRD müssen größere Unternehmen physische Klimarisiken im Nachhaltigkeitsbericht ausweisen. Die Halbjahresbilanz liefert dafür belastbare Daten, und Munich Re preist solche Risiken längst in neue Deckungen ein, von KI-Schäden bis zur Naturgefahr.
Für Standorte in Hitze- und Hochwasserlagen lohnt sich bauliche Vorsorge, vom wassersaugenden Quartier bis zur Verschattung. Ähnlich wie bei der Cyberdeckung im Mittelstand gilt: Die Lücke schließt sich nicht von selbst, sie muss bewertet und abgesichert werden.
Der nächste Prüfstein ist die Jahresbilanz. Bis dahin sollten Unternehmen ihren Elementarschutz, ihre physischen Klimarisiken und ihre Hitzevorsorge einmal ehrlich durchrechnen, solange die Statistik noch Ruhe vortäuscht.
Quelle
[1] Munich Re: „Natural disasters: Risk facts and figures“ ↑