Der Bund macht den Stromnetzausbau billiger und riskiert damit den nächsten Trassenstreit. Für neue Gleichstromleitungen soll künftig die Freileitung gelten, nicht mehr das teurere Erdkabel. An den Netzentgelten entscheidet sich, wer die Rechnung zahlt und wer verliert.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDer Erdkabelvorrang beim Netzausbau ist Geschichte, sobald das neue Bundesbedarfsplangesetz das Parlament passiert. Am Kurs eines Spezialisten für unterirdische Hochspannungskabel ließ sich in dieser Woche ablesen, wie ernst der Markt den Kurswechsel nimmt.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Bundeskabinett hat am 29. April 2026 den Entwurf beschlossen, der den Erdkabelvorrang für neue Gleichstromtrassen aufhebt.
- Leitungen wie DC42 und DC42plus sollen als Freileitung entstehen, weil das die Investitionskosten senkt.
- Weniger Baukosten bedeuten niedrigere Netzentgelte und damit einen dämpfenden Effekt auf den Strompreis.
- Für den Netzausbau kehrt der alte Konflikt zwischen Kosten und Akzeptanz vor Ort zurück.
Was ändert das neue Netzgesetz?

Freileitung vor Erdkabel: Das Zweite Gesetz zur Änderung des Bundesbedarfsplangesetzes dreht die Rangfolge um.[1] Neue Gleichstromverbindungen sollen grundsätzlich oberirdisch entstehen, darunter die Korridore DC42 und DC42plus von Schleswig-Holstein nach Baden-Württemberg und Bayern.
Ausschlaggebend sind die Kosten. Eine Freileitung ist laut Gesetzesbegründung mindestens doppelt so kosteneffizient wie ein Erdkabel; die Übertragungsnetzbetreiber beziffern die Mehrkosten der Verkabelung sogar auf bis zum Sechsfachen.[2]
Diese Baukosten landen bei allen. Der Netzausbau wird über die Netzentgelte finanziert, und die machen je nach Verbrauch rund ein Viertel des Strompreises aus. Jede eingesparte Milliarde am Boden dämpft so die Rechnung von Industrie und Haushalten.
Warum trifft es Friedrich Vorwerk so hart?
Ein Kurssturz als Votum. Friedrich Vorwerk baut Erdkabel und Pipelines für die Energiewende, und die Aktie hat nach dem Fortschritt des Gesetzes zweistellig verloren. Denselben Konzern hatte diese Redaktion kurz zuvor noch als stillen Profiteur des Netzausbaus beschrieben.
Der Auftragsbestand federt. Berenberg hält an der Kaufempfehlung fest, Kursziel 110 Euro, und nennt die Reaktion übertrieben: Laufende Großprojekte seien zu weit fortgeschritten, die Umstellung dauere Jahre. Das erste Halbjahr 2026 weist 337,3 Millionen Euro Umsatz und einen Auftragsbestand um eine Milliarde Euro aus.
Der Vorrang war ein Friedensangebot. Berlin hatte den Erdkabelvorrang 2015 eingeführt, um den Widerstand gegen die Strommasten von SuedLink zu brechen. Ihn zurückzunehmen spart Geld und weckt genau diesen Protest neu; die Netzbetreiber begrüßen die Kehrtwende, ein Bündnis aus Ländern und Initiativen fordert Nachbesserungen.[2]
Am Boden gebaut spart der Bund Milliarden, doch die Zustimmung vor Ort ist keine Position im Kostenplan.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Der Umbau in Zahlen
Der Punkt für Entscheider: Günstigere Trassen dämpfen künftige Netzentgelte, aber erst nach dem Bau und nur, wenn der Widerstand vor Ort die Freileitungen nicht ausbremst.
Was heißt das für Entscheider?
Die Entlastung kommt später. Der niedrigere Entgeltpfad gilt nur für neue Gleichstromleitungen und wirkt erst, wenn sie gebaut sind. Kurzfristig bleibt der Strompreis, wo er ist.
Netzentgelte gehören in die Planung. Für energieintensive Betriebe ist der Netzanteil ein wachsender Kostenblock, wie sich am Strompreis in der Aluminiumindustrie zeigt. Wer Standort und Strombeschaffung plant, rechnet die erwartete Entgeltentwicklung besser ein als den heutigen Börsenpreis allein.
Der Zeitplan bleibt unsicher. Nach der Sommerpause entscheidet das Parlament, und der Akzeptanzstreit kann Projekte verzögern, so wie beim Streit um die Offshore-Ausbauziele. Bis dahin bleibt der Kurswechsel eine Ansage, kein fertiges Netz.
Quellen
[1] Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: „Entwurf eines Zweiten Gesetzes zur Änderung des Bundesbedarfsplangesetzes“
[2] TransnetBW: „Freileitungsvorrang konsequent umsetzen: Breites Bündnis fordert Nachbesserungen am Bundesbedarfsplangesetz“
Mehr Newshunger?
- Friedrich Vorwerk steigert das Ergebnis um 70 Prozent: der stille Profiteur des Netzausbaus
- 55 statt 70 Gigawatt: EnBW fordert eine Korrektur beim Offshore-Windausbau
- Erst Dänemark, jetzt Schweden: EnBW verkauft sein Ökostromgeschäft im Norden
- Solarstrom ohne Förderung: dm bindet sich zehn Jahre an einen eigenen Solarpark
- Nicht das Fahrzeug ist der Engpass: Mercedes-Benz und ChargePoint übernehmen das Laden am Betriebshof
- Aluminium: Was der Strompreis mit dem Leichtmetall macht