Wacker Chemie hat seinen Anteil am Waferhersteller Siltronic über Nacht auf rund 15 Prozent gedrückt und dabei 171 Millionen Euro gelöst. Jahrzehntelang war der Chemiekonzern der Ankeraktionär hinter dem Münchner Siliziumspezialisten, jetzt bleibt davon eine reine Finanzbeteiligung. Für Europas ohnehin dünne Chip-Lieferkette bedeutet der Rückzug mehr als eine Bilanzbuchung.

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Am Abend des 22. September platzierte Wacker 2,2 Millionen Siltronic-Aktien bei institutionellen Investoren, rund 6,7 Prozent des Grundkapitals. Der Preis von 77,25 Euro je Aktie lag spürbar unter dem Xetra-Schluss von 82,75 Euro, ein Abschlag, wie ihn Käufer bei einem schnellen Bookbuilding verlangen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Wacker senkt den Siltronic-Anteil von rund 21 auf etwa 15 Prozent und löst 171 Millionen Euro.
  • Der Verkauf lief als beschleunigtes Bookbuilding über BofA Securities und die Deutsche Bank.
  • Die zweite Tranche binnen vier Monaten folgt auf 188 Millionen Euro aus dem Mai.
  • Siltronic steckt zugleich im teuren Hochlauf seiner Zwei-Milliarden-Fabrik in Singapur.

Wie groß ist der Ausverkauf wirklich?

Ein Tortendiagramm aus dunklen, glänzenden Scheiben, ein Tortenstück ist separat mit einer Fahne
Wacker reduziert Siltronic-Anteil: Nach Verkauf von 2,1 Millionen Aktien im Mai sinkt die Beteiligung im September unter strategisch wichtige Schwelle

Wacker verkauft in Etappen. Bereits im Mai platzierte der Konzern 2,1 Millionen Aktien zu 89,35 Euro und nahm rund 188 Millionen Euro ein, womit der Anteil damals auf etwa 24 Prozent sank.[1] Mit der September-Tranche rutscht die Beteiligung nun unter jede strategisch bedeutsame Schwelle. Aus dem Mutterkonzern, der Siltronic 1968 gründete und 2015 an die Börse brachte, wird ein Aktionär unter vielen.

Warum trennt sich Wacker gerade jetzt?

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Siltronic schrieb im ersten Halbjahr 130 Millionen Euro Verlust, weil die neue 300-Millimeter-Fabrik in Singapur für rund zwei Milliarden Euro hochfährt, während die Waferpreise außerhalb langfristiger Verträge nachgeben. Ein Konzern, der sich seit dem Kassieren seines Zehn-Milliarden-Ziels an der Kapitalrendite misst, trägt eine kapitalhungrige Randbeteiligung nur ungern mit.

Wacker steckt selbst in der Chemiekrise, streicht Stellen in Burghausen und lenkt Kapital auf Polysilizium und das Kerngeschäft. Der Teilausstieg aus Siltronic liefert Bares ohne neue Schulden und schärft die eigene Renditegeschichte.

Wacker macht Kasse mit einem strategischen Rohstoff, den Europa gerade erst wiederentdeckt. Ohne Kontrolle über die Wafer-Basis verhandelt der Kontinent seine Chip-Souveränität später aus der schwächeren Position.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Wacker verkauft Siltronic in Scheiben
Die September-Platzierung 2026 in Zahlen
171 Mio €
Bruttoerlös der September-Platzierung
6,7 %
des Grundkapitals in einer Nacht platziert
~15 %
verbliebener Wacker-Anteil an Siltronic
77,25 €
Platzierungspreis, 6,6 % unter dem Xetra-Schluss
Mai 2026
2,1 Mio Aktien zu 89,35 €, Anteil sinkt auf rund 24 %
September 2026
2,2 Mio Aktien zu 77,25 €, Anteil sinkt auf rund 15 %

Vom Schutzfall zum Selbstausstieg

2022 stoppte die deutsche Investitionsprüfung die 4,4 Milliarden Euro schwere Übernahme durch GlobalWafers. Heute reduziert der Eigentümer selbst, ganz ohne Veto.

Was bedeutet der Rückzug für Europas Chips?

Vor vier Jahren galt Siltronic als strategisch genug für ein Eingreifen des Staates. 2022 scheiterte die 4,4 Milliarden Euro schwere Übernahme durch den taiwanischen Konkurrenten GlobalWafers, weil das Bundeswirtschaftsministerium die Investitionsprüfung nicht fristgerecht abschloss. Damals schützte Berlin einen Waferhersteller vor dem Verkauf ins Ausland, heute zieht sich der deutsche Eigentümer selbst zurück, ganz ohne Veto.

Silizium-Wafer sind die Grundplatte jedes Chips, und Siltronic ist Europas einziger Hersteller von Weltrang. Während der EU Chips Act Milliarden in Fabriken wie ESMC in Dresden oder Infineon lenkt, bleibt offen, wer die Waferebene langfristig hält. Für Einkäufer und Technologieverantwortliche heißt das, Verträge über Wafer und Vorprodukte breiter abzusichern und einzelne europäische Quellen nicht als selbstverständlich zu behandeln.

Für Wacker ist der Verkauf ein sauberer Schnitt, für die europäische Halbleiterpolitik ein Prüfstein. Chip-Souveränität entsteht nicht erst in den neuen Fabriken, sondern eine Stufe früher, beim Silizium-Wafer.

Quelle

[1] Wacker Chemie AG: „WACKER successfully completes sale of shares in Siltronic“ (Pressemitteilung, 26. Mai 2026)

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