Programmatic Advertising wächst in Deutschland 2026 um 8,7 Prozent auf rund 8,19 Milliarden Euro. The Trade Desk, die größte unabhängige Einkaufsplattform der Branche, stellt für das dritte Quartal trotzdem zwölf Prozent weniger Umsatz in Aussicht. Das Werbegeld verschwindet nicht, sondern wechselt den Verkaufskanal.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenIm Programmatic Advertising gilt The Trade Desk seit Jahren als Gegenentwurf zu den geschlossenen Werbesystemen von Google, Amazon und Meta. Am 6. August 2026 legte der Konzern die Zahlen zum zweiten Quartal vor. Der Umsatz stieg um drei Prozent auf 622 Millionen Euro, nachbörslich verlor die Aktie rund ein Viertel ihres Werts.
Das Wichtigste in Kürze
- The Trade Desk meldet für das zweite Quartal 2026 einen Umsatz von 622 Millionen Euro, ein Plus von drei Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal.
- Für das dritte Quartal stellt der Konzern mindestens 566 Millionen Euro in Aussicht und liegt damit rund zwölf Prozent unter den 643 Millionen Euro des Vorjahresquartals.
- Das bereinigte EBITDA soll auf rund 139 Millionen Euro sinken, die Marge fiele damit von 34 auf etwa 25 Prozent.
- Der deutsche Markt für Online-Display- und -Videowerbung wächst 2026 auf prognostizierte 8,19 Milliarden Euro, davon werden 6,5 Milliarden Euro programmatisch gehandelt.
Warum wächst der Werbemarkt, während The Trade Desk schrumpft?

Die Plattform kauft Werbeplätze im offenen Internet ein. Genau dieser Vorrat schrumpft, weil immer mehr Anbieter ihre Reichweite nur noch über eigene Nachfrageplattformen verkaufen. Amazon bündelt Einkaufsdaten, exklusive Live-Sport-Rechte und den Werbeplatz in Prime Video zu einem Angebot, an dem ein unabhängiger Einkäufer nicht vorbeikommt. Für Streaming-Anbieter zählt Werbung längst zur zweiten Erlösquelle neben dem Abo, wie sich am Geschäftsmodell Streaming ablesen lässt.
Die Quartalszahlen zeigen den Druck. Der Umsatz kletterte auf 622 Millionen Euro nach 604 Millionen Euro im Vorjahresquartal, der Nettogewinn nach US-GAAP fiel dagegen von 78 auf 56 Millionen Euro.[1] Alle Dollarbeträge sind zum Kurs von 0,87 umgerechnet, Stand 7. August 2026. Die Kundenbindung liegt weiter über 95 Prozent, die Kunden geben pro Kopf also weniger aus.
Die Gegenwehr des Konzerns bestätigt die Diagnose. Netflix hat mit Werbung inzwischen eine zweite Erlösquelle neben dem Abo aufgebaut und verkauft seit diesem Quartal über den Marktplatz von The Trade Desk. Samsung Ads öffnete zugleich die Startbildschirme seiner Fernseher für programmatische Einkäufer.[1] Beide Partner gehören zu den geschlossenen Systemen, gegen die die Plattform einmal angetreten war. Vorstandschef Jeff Green ordnet das Quartal so ein: „Marketer bewegen sich in einem komplexen Umfeld, doch Komplexität steigert den Wert von Entscheidungslogik, Messung und KI.“[1]
Was verrät die Margenprognose über den Preis der Verteidigung?
Für das dritte Quartal nennt The Trade Desk mindestens 566 Millionen Euro Umsatz und rund 139 Millionen Euro bereinigtes EBITDA, was einer Marge von etwa 25 Prozent entspricht.[1] Im zweiten Quartal lag die Marge noch bei 34 Prozent. Neun Prozentpunkte Marge verschwinden damit innerhalb von drei Monaten, ohne dass ein Sondereffekt genannt wird.
Der Umsatzrückgang steht in jeder Schlagzeile, die Margenzahl in keiner. Dabei beziffert gerade diese Kennzahl, was die Verteidigung des Marktanteils kostet. Parallel dazu tauscht der Konzern seine Spitze aus: Nate Olmstead übernimmt als Finanzvorstand, Sarah Gavin verantwortet das Marketing, Kristi Argyilan das Vertriebsgeschäft und Ron Lamprecht die Geschäftsentwicklung.[1] Vier Spitzenpositionen wechseln binnen eines Quartals.
Die deutsche Werbewirtschaft kennt dieses Muster aus anderen Kanälen. Außenwerbung verkauft sich zunehmend über geschlossene Netze mit eigener Vermarktung, wie Deutschlands größter LED-Screen zeigt. Retail Media folgt derselben Logik: Fraport vermarktet den Frankfurter Flughafen als eigenen Werbekanal, statt Inventar in den offenen Handel zu geben.
Wohin die Werbebudgets im Einzelnen wandern
- Unabhängige Einkaufsplattformen bieten auf das Inventar vieler Vermarkter
- Preise und Erfolgsmessung bleiben über Anbietergrenzen hinweg vergleichbar
- Amazon, Netflix und Handelsnetze verkaufen Reichweite über die eigene Plattform
- Einkaufsdaten und Erfolgsmessung bleiben im System des Verkäufers
The Trade Desk holt jetzt Netflix und Samsung Ads auf den eigenen Marktplatz. Genau das zeigt, wie schmal der offene Werbevorrat geworden ist, für den diese Plattform einmal gebaut wurde.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Was bedeutet der Umbruch für Mediaplaner im DACH-Raum?
Der deutsche Markt für Online-Display- und -Videowerbung wächst 2026 laut Prognose des Online-Vermarkterkreises auf rund 8,19 Milliarden Euro, davon werden 6,5 Milliarden Euro programmatisch gehandelt.[2] Der programmatische Anteil steigt von 78 Prozent im Jahr 2025 auf 80 Prozent. Programmatisch heißt allerdings nicht offen: Der Anteil wächst, während sich zugleich entscheidet, über wessen Plattform diese Milliarden laufen.
Brüssel hat auf diese Frage bereits geantwortet. Am 5. September 2025 verhängte die EU-Kommission eine Geldbuße von 2,95 Milliarden Euro gegen Google wegen Selbstbevorzugung im eigenen Werbetechnik-Stack und hielt eine strukturelle Trennung für das einzig wirksame Mittel gegen den Interessenkonflikt.[3] Diese Abhilfe setzt einen funktionsfähigen unabhängigen Markt voraus. Schrumpft der größte unabhängige Einkäufer, verliert das Verfahren einen Teil seines Adressatenkreises.
Für die Mediaplanung im deutschsprachigen Raum lohnen sich deshalb drei Prüfschritte, gleich ob Sie inhouse planen oder mit einer Mediaagentur arbeiten:
- Ermitteln Sie, welcher Anteil Ihres Mediabudgets über offene Marktplätze läuft und welcher über die Nachfrageplattform eines einzelnen Konzerns.
- Verhandeln Sie Einkauf und Erfolgsmessung getrennt. Bei beidem aus einer Hand fehlt später die unabhängige Vergleichsgröße.
- Bauen Sie die eigene Datenbasis aus. First-Party-Tracking bleibt der Bestand, der beim Wechsel der Einkaufsplattform mitgeht.
Kurzfristig ändert sich wenig, die Kampagne des nächsten Quartals läuft weiter. Unter Druck gerät parallel die organische Sichtbarkeit im offenen Web, wie der Absturz des Suchanteils von Baidu vorführt. Für 2027 bleibt deshalb eine unbequeme Frage: Über wie viele unabhängige Wege erreichen Sie Ihre Zielgruppe noch?
Häufige Fragen
Was bedeutet Programmatic Advertising?
Programmatic Advertising bezeichnet den automatisierten Ein- und Verkauf von Werbeplätzen über Software, meist innerhalb von Millisekunden während des Seitenaufbaus. Statt fester Belegungspläne entscheidet eine Auktion oder ein hinterlegter Deal darüber, welche Anzeige ein einzelner Nutzer zu sehen bekommt.
Was ist eine Demand-Side-Platform?
Eine Demand-Side-Platform ist die Einkaufssoftware der Werbetreibenden. Über diese Plattform buchen Marken und Agenturen Werbeplätze bei vielen Vermarktern zugleich, steuern Budgets und Zielgruppen und messen den Erfolg. The Trade Desk ist die größte Plattform dieser Art, die keinem Medienkonzern gehört.
Was sind Walled Gardens in der Onlinewerbung?
Walled Gardens sind geschlossene Werbesysteme, in denen ein Konzern Reichweite, Nutzerdaten und Erfolgsmessung zugleich kontrolliert. Google, Meta und Amazon zählen dazu. Werbekunden buchen dort ausschließlich über die hauseigene Oberfläche, und die Ergebnisse lassen sich nur eingeschränkt mit anderen Kanälen vergleichen.
Was versteht man unter Retail Media?
Retail Media meint Werbeflächen, die Händler und Betreiber großer Publikumsorte selbst vermarkten, etwa im eigenen Onlineshop, in der App oder auf Bildschirmen in der Filiale. Der Reiz für Werbekunden liegt in den Kaufdaten des Betreibers, die außerhalb seines Systems nicht zur Verfügung stehen.
Was bedeutet Connected TV für Werbekunden?
Connected TV bezeichnet Werbung in Streaming-Angeboten auf internetfähigen Fernsehern. Der Werbeplatz wird programmatisch gehandelt, gehört aber meist einer einzelnen Plattform wie Netflix, Amazon oder einem Geräteherstellerersystem. Reichweite und Messung hängen deshalb stärker vom Anbieter ab als in der klassischen Displaywerbung.
Quellen
[1] The Trade Desk: „The Trade Desk Reports Second Quarter 2026 Financial Results“
[2] Online-Vermarkterkreis im Bundesverband Digitale Wirtschaft: OVK-Report 2026/01 vom 26. Februar 2026
[3] Europäische Kommission: „Commission fines Google €2.95 billion over abusive practices in online advertising technology“
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