Bernd Montag, Chef von Siemens Healthineers, hält eine eigene KI-Strategie für überflüssig. Der DAX-Konzern verbaut künstliche Intelligenz stattdessen direkt in Geräten und Klinikabläufen, von der schnelleren CT-Befundung bis zum Simulator für Wartezeiten. Für Entscheider steht damit eine unbequeme Frage im Raum: Ersetzt das Strategiepapier am Ende die eigentliche Arbeit?
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenAuf die Frage nach der KI-Strategie seines Konzerns antwortet Bernd Montag mit einem klaren Nein. Der Vorstandschef von Siemens Healthineers begreift künstliche Intelligenz nicht als eigenes Vorhaben, sondern als Werkzeug, das längst in jedem Gerät und jeder Software steckt. Genau diese Haltung verändert, wie ein Unternehmen KI überhaupt einführt.
Das Wichtigste in Kürze
- Siemens-Healthineers-Chef Bernd Montag hält ein separates KI-Strategiepapier für verzichtbar.
- Der Konzern verbaut KI direkt in Radiologie-Geräte, in die Befundung und in die Simulation von Klinikabläufen.
- In Pilotprojekten sank die Befundungszeit für Thorax-CTs um bis zu 25 Prozent.
- Für den Mittelstand zählt weniger die KI-Strategie als die Frage, wo KI im Tagesgeschäft ankommt.
Warum verzichtet Siemens Healthineers auf eine KI-Strategie?

Eine KI-Strategie behandelt künstliche Intelligenz als abgegrenztes Projekt mit eigenem Budget und eigenem Verantwortlichen. Genau diese Trennung hält Montag für den Denkfehler. Ein ausgelagertes KI-Ressort riskiert eine Zweiteilung: hier das Tagesgeschäft, dort die Zukunftsabteilung, die selten in der Fläche ankommt.
Für Montag ist künstliche Intelligenz ein Querschnittswerkzeug wie Elektrizität oder Software, kein Geschäftsfeld für sich. Ein eigenes Strategiepapier wäre so sinnvoll wie eine Stromstrategie: Nötig war die Elektrifizierung selbst, kein Konzept über sie.
Wo die KI im Konzern längst arbeitet
Wie ernst der Konzern das meint, zeigt die Radiologie. Siemens Healthineers bietet KI-Dienste an, die klinisch relevante Beobachtungen zusammenfassen und den Ärzten die Vorarbeit abnehmen.[1] In Pilotprojekten annotierten Radiologen Thorax-CTs bis zu 25 Prozent schneller, bei mindestens 16 Prozent geringerer kognitiver Belastung und gleicher Genauigkeit.
Auch der Klinikbetrieb selbst läuft über KI. Ein hauseigener Betriebs-Zwilling simuliert Szenarien und schlägt Wege vor, um Wartezeiten und Untersuchungsdauern zu senken. Finanziert wird der KI-Ausbau aus einem soliden Kerngeschäft: Im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026 wuchs der vergleichbare Umsatz um 2,8 Prozent, die bereinigte EBIT-Marge lag bei 19,1 Prozent.[2]
Eine KI-Strategie auf Hochglanzpapier beruhigt den Aufsichtsrat, verändert aber keine einzige Kennzahl. Sobald die Technik im Gerät und im Tagesgeschäft ankommt, wird aus der Ankündigung ein Ergebnis.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was der Verzicht für den Mittelstand bedeutet
Für deutsche Entscheider ist die Debatte mehr als eine Personalie. Viele Unternehmen haben in den vergangenen zwei Jahren KI-Strategien beschlossen, ohne dass die Technik im Betrieb ankam. RTL macht KI ausdrücklich zur Chefsache und beruft einen eigenen Berater, während Siemens die Verbindung von Automatisierung, Software und KI gleich in eine neue Organisationseinheit gießt.
Der Verzicht auf ein Strategiesilo entbindet niemanden von den Regeln. Medizinische KI gilt unter dem EU AI Act meist als Hochrisiko, dessen strengste Pflichten gestaffelt bis 2027 greifen. Transparenz, menschliche Aufsicht und Dokumentation bleiben Pflicht, ganz gleich, ob ein Konzern seine KI im Produkt verankert oder in einem Papier verwaltet. Wie tief solche Modernisierung reicht, zeigt Knorr-Bremse, das seine gesamte Unternehmens-IT an einen Dienstleister übergibt.
Praktisch heißt das für Sie: Prüfen Sie nicht, ob ein KI-Strategiepapier existiert, sondern an welcher Stelle im Tagesgeschäft KI messbar Zeit oder Kosten spart. Klären Sie zugleich früh, welche Anwendung unter die Hochrisiko-Regeln des EU AI Act fällt.
FAQ: KI-Strategie bei Siemens Healthineers
Was ist eine KI-Strategie?
Eine KI-Strategie ist ein unternehmensweiter Plan dafür, wo und wie künstliche Intelligenz eingesetzt wird, samt Zielen, Budget und Verantwortlichkeiten. Kritiker halten ein separates Strategiepapier für überflüssig, sobald KI ohnehin in jedes Produkt und jeden Prozess einzieht.
Braucht jedes Unternehmen eine eigene KI-Strategie?
Nicht zwingend. Wichtiger als ein Strategiepapier ist, dass künstliche Intelligenz in konkrete Produkte, Abläufe und Entscheidungen einzieht. Ein eigenes KI-Ressort kann helfen, verleitet aber dazu, KI als Sonderprojekt zu behandeln statt als Werkzeug im Tagesgeschäft.
Was schreibt der EU AI Act für den KI-Einsatz vor?
Der EU AI Act stuft KI-Anwendungen nach Risiko ein und knüpft daran Pflichten. Medizinische KI gilt meist als Hochrisiko, die strengsten Vorgaben greifen gestaffelt bis 2027. Betreiber müssen für Transparenz, menschliche Aufsicht und Dokumentation sorgen, unabhängig von einer KI-Strategie.
Wie setzt Siemens Healthineers künstliche Intelligenz ein?
Siemens Healthineers verbaut KI direkt in Geräte und Dienste, etwa zur schnelleren Befundung in der Radiologie und zur Simulation von Klinikabläufen. In Pilotprojekten annotierten Radiologen Thorax-CTs bis zu 25 Prozent schneller, bei gleicher klinischer Genauigkeit.
Quellen
[1] Siemens Healthineers: „KI-gestützte Dienstleistungen für die Radiologie“
[2] Siemens Healthineers: „Quartalsmitteilung, drittes Quartal Geschäftsjahr 2026“