Evonik hat das Übernahmeangebot von BASF laut Financial Times als zu niedrig abgelehnt. BASF bot rund 22,15 Euro je Aktie, für alle Aktien zusammen 10,3 Milliarden Euro. Den Ausschlag gibt am Ende trotzdem nicht der Essener Vorstand, sondern die RAG-Stiftung mit 44 Prozent der Aktien.

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen

Die Übernahme von Evonik durch BASF bleibt damit vorerst in der Sondierung stecken. Nach dem Bericht der Financial Times reicht die Bewertung dem Evonik-Vorstand nicht, um formelle Verhandlungen aufzunehmen oder BASF eine Due-Diligence-Prüfung zu erlauben. Am 25. September hatte BASF lediglich Sondierungen mit Evonik und der RAG-Stiftung bestätigt.[1]

Das Wichtigste in Kürze

  • BASF bot laut Financial Times rund 22,15 Euro je Evonik-Aktie, etwa 28 Prozent mehr als der Kurs vor den ersten Berichten.
  • Die RAG-Stiftung hält rund 44 Prozent, in ihrem Kuratorium sitzen unter anderen Hendrik Wüst und IGBCE-Chef Michael Vassiliadis.
  • Kauft BASF das Stiftungspaket, muss der Konzern allen übrigen Aktionären ein Pflichtangebot machen.

Warum verweigert Evonik den Blick in die Bücher?

Grauer Ordner mit orangefarbener Schleife, Anhänger „Kein Einblick“ und Becherglas „Geheime Soße“
Evonik-Vorstand lehnt ab und signalisiert damit Preiserwartung. BASF fehlen Vertragseinsichten für verbindliches Angebot

Mit dem Nein setzt der Evonik-Vorstand vor allem ein Preissignal. Ohne Einblick in Verträge, Pensionslasten und Standortrisiken kann BASF kein verbindliches Angebot kalkulieren. Das Übernahmegesetz lässt dem Vorstand dafür derzeit freie Hand: Erst sobald BASF die Entscheidung zu einem Angebot veröffentlicht, darf der Vorstand nichts mehr unternehmen, was den Erfolg der Offerte verhindern könnte.[2]

Strittig ist die Bewertung. Mit rund 14 Milliarden Euro einschließlich Schulden bietet BASF gut das Siebenfache des bereinigten EBITDA von 1,9 Milliarden Euro aus dem Jahr 2025. Die Ertragsbasis stammt aus einem Krisenjahr: Evonik schließt bis 2027 die Werke in Bitterfeld und Hamburg und streicht zusätzlich 3.200 Stellen. Die Einsparungen aus diesem Umbau enthält das Ergebnis von 2025 noch nicht.

Warum führt jeder Weg über die RAG-Stiftung?

Die Stiftung hält rund 44 Prozent an Evonik und bezahlt mit der Dividende einen Großteil der Ewigkeitslasten des Steinkohlebergbaus. Über dieses Aktienpaket kann BASF am Vorstand vorbei zum Ziel kommen. Ab 30 Prozent der Stimmrechte erlangt ein Käufer die Kontrolle und muss allen übrigen Aktionären ein Pflichtangebot unterbreiten.[3] Der Preis dieses Angebots darf nicht unter dem liegen, was BASF der Stiftung zahlt.

Politisches Gewicht bekommt die Entscheidung durch das Kuratorium der Stiftung. Kraft Amtes sitzen dort NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst, Saarlands Ministerpräsidentin Anke Rehlinger, Finanzminister Lars Klingbeil, Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und IGBCE-Chef Michael Vassiliadis, dazu unter anderen Evoniks Gesamtbetriebsratschef Martin Albers. Das Gremium bestellt den Stiftungsvorstand.[4]

NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur verlangt laut Börsen-Zeitung, jede Lösung müsse Investitionen und Arbeitsplätze in Nordrhein-Westfalen sichern. Vassiliadis sieht „offene und kritische Fragen“ und fordert Investitionszusagen, denn beide Konzerne bauen bereits Personal ab. BASF beschäftigt in Ludwigshafen erstmals seit 1954 weniger als 30.000 Menschen.

Das Nein aus Essen gilt dem Preis, nicht dem Käufer. Entschieden wird am Ende bei einer Stiftung, in deren Kuratorium Ministerpräsident, Gewerkschaftschef und Evoniks Betriebsratschef am selben Tisch sitzen.

— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Evonik, BASF und die RAG-Stiftung
Angebot, Bewertung und die Schwelle für ein Pflichtangebot
22,15 €
je Evonik-Aktie bot BASF laut Financial Times, rund 28 Prozent über dem Kurs vor den ersten Berichten
10,3 Mrd. €
wäre das Angebot laut Financial Times für alle Evonik-Aktien wert
rund 14 Mrd. €
Unternehmenswert einschließlich Schulden laut Financial Times, gut das Siebenfache des bereinigten EBITDA von 2025
44 %
der Evonik-Aktien hält die RAG-Stiftung, deren Kuratorium mit Politik und IGBCE besetzt ist
30 %
der Stimmrechte: Ab dieser Schwelle muss ein Käufer allen Aktionären ein Pflichtangebot machen

Was zeigt der Fall AkzoNobel?

Ein Nein ohne Gespräche kann einen Bieter vertreiben. Der US-Lackhersteller PPG legte AkzoNobel 2017 drei Offerten vor, zuletzt 96,75 Euro je Aktie. Der niederländische Konzern verweigerte Verhandlungen, im Juni 2017 gab PPG auf. AkzoNobel hatte allerdings einen breit gestreuten Aktionärskreis, Evonik hat mit der Stiftung einen Ankeraktionär, mit dem BASF direkt verhandeln kann. Wie stark der Staat bei solchen Geschäften mitredet, zeigt die Commerzbank: Dort stellt Berlin der UniCredit Bedingungen, statt die Übernahme zu blockieren.

Bis zu einem verbindlichen Angebot ändert sich an Lieferverträgen nichts. Prüfen Sie trotzdem jetzt, ob Ihre Rahmenverträge mit Evonik eine Change-of-Control-Klausel enthalten, die bei einem Eigentümerwechsel Nachverhandlungen oder eine Sonderkündigung erlaubt. Beziehen Sie Additive oder Spezialkunststoffe heute von beiden Konzernen, verlieren Sie bei einer Fusion eine Ausweichquelle. Ein dritter Lieferant gehört deshalb schon jetzt auf die Liste.

Quellen

[1] BASF: „BASF bestätigt Sondierungen zu einer möglichen Übernahme von Evonik“ (25.09.2026)

[2] Bundesministerium der Justiz: „§ 33 WpÜG: Handlungen des Vorstands der Zielgesellschaft“

[3] Bundesministerium der Justiz: „§ 35 WpÜG: Verpflichtung zur Veröffentlichung und zur Abgabe eines Angebots“

[4] RAG-Stiftung: „Das Kuratorium“

Mehr Newshunger?

4,1 20 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?