Amazon verhandelt laut Wall Street Journal über den Kauf des KI-Start-ups Decart, im Gespräch sind rund 6,1 Milliarden Euro. Decarts Software verteilt KI-Modelle auf Chips verschiedener Hersteller, darunter Amazons eigene Trainium-Prozessoren. Für Cloud-Kunden hinge der Wechsel zwischen Nvidia und Trainium dann an einem Werkzeug aus Amazons Hand.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenZwei Monate nach Anthropic verhandelt nun Amazon mit Decart. Das Wall Street Journal berichtet unter Berufung auf Eingeweihte von einem Preis um 7 Milliarden US-Dollar, umgerechnet rund 6,1 Milliarden Euro (0,87 Euro je US-Dollar, Stand 12. Oktober 2026).[1] Ein Abschluss sei in den kommenden Tagen möglich, sofern die Gespräche nicht scheitern und kein weiterer Bieter auftaucht. Öffentlich bestätigt haben weder Amazon noch Decart die Verhandlungen.
Das Wichtigste in Kürze
- Amazon verhandelt laut Wall Street Journal über den Kauf von Decart für rund 6,1 Milliarden Euro, unterschrieben ist noch nichts.
- Anthropic hatte im August über rund 5,2 Milliarden Euro verhandelt und sich im September nach der Prüfung der Bücher zurückgezogen.
- Decarts Software passt KI-Modelle an Nvidia-GPUs, Google-TPUs und Amazons Trainium-Chips an.
- In Deutschland kann ein Kaufpreis über 400 Millionen Euro eine Fusionskontrolle auslösen, auch bei kleinem Umsatz des gekauften Start-ups.
Was kauft Amazon mit Decart?

Das 2023 gegründete Start-up aus San Francisco verkauft vor allem eine Übersetzungsschicht für KI-Hardware. Die Software optimiert neuronale Netze für einen bestimmten Prozessor, Decart nennt dafür wenige Wochen statt mehrerer Monate Handarbeit. Unternehmen verschieben Training und Inferenz damit auf andere Chips, sobald ein Hersteller nicht liefert oder zu teuer wird. Dazu kommen die Weltmodelle Lucy für Echtzeit-Videobearbeitung und Oasis für simulierte Umgebungen, in denen Roboter und autonome Fahrzeuge trainieren.
Anthropic, an dem Amazon mit Milliardenbeträgen beteiligt ist, verhandelte im August über rund 5,2 Milliarden Euro und zog sich im September nach der Due-Diligence-Prüfung zurück. Warum das KI-Labor ausstieg, ist öffentlich nicht bekannt. Im Mai bewerteten Investoren um Radical Ventures Decart noch mit knapp 3,5 Milliarden Euro, der verhandelte Preis läge rund drei Viertel darüber.
Warum zahlt Amazon für Chip-Neutralität?
Nvidias Vorsprung beruht zu einem großen Teil auf Wechselkosten: Rechenkerne für KI-Modelle sind gegen die Programmierschicht CUDA geschrieben, jeder Umzug auf andere Hardware verlangt Anpassungsarbeit. Genau diese Arbeit nimmt Decart seinen Kunden ab. Für Amazon zählt diese Entlastung doppelt, weil AWS mit Trainium3 einen eigenen Trainingschip gegen Nvidias Grafikprozessoren stellt. Laut Wall Street Journal bekam Decart schon 2025 frühen Zugang zu diesem Chip.
Qualcomm zahlte im Juli rund 3,4 Milliarden Euro für den Compiler-Hersteller Modular, Amazon sicherte sich im September Inferenz-Chips von Qualcomm im Wert von bis zu 52 Milliarden Euro. Die großen Käufer von KI-Hardware bauen sich damit Auswege aus der Nvidia-Abhängigkeit. Nach Angaben der israelischen Wirtschaftszeitung Calcalist stand bei Decart anfangs ausgerechnet Nvidia selbst kurz vor einem Kauf.
Eine Software für den Wechsel zwischen Chipherstellern bleibt nur so neutral wie ihr Eigentümer.
Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was bedeutet der Deal für Unternehmen in Deutschland?
Kartellrechtlich greift in Deutschland die Transaktionswertschwelle: Liegt der Kaufpreis über 400 Millionen Euro und ist das gekaufte Unternehmen in erheblichem Umfang im Inland tätig, prüft das Bundeskartellamt auch Übernahmen von Start-ups mit kleinem Umsatz.[2] Ob Decart diese Inlandsschwelle erreicht, ist offen. Mit Einwänden aus Europa hat Amazon Erfahrung: Den Kauf des Saugroboterherstellers iRobot gab der Konzern im Januar 2024 nach Bedenken der EU-Kommission auf.
Für Unternehmen, die KI-Modelle bei AWS betreiben, gehörte das Werkzeug für die Portabilität ihrer Modelle nach einem Abschluss dem eigenen Cloud-Anbieter. Rückendeckung liefert der EU Data Act: Cloud-Anbieter müssen den Wechsel zu einem anderen Anbieter ermöglichen und dürfen ab dem 12. Januar 2027 dafür keine Wechselentgelte mehr verlangen.[3] Für IT-Verantwortliche folgen daraus konkrete Aufgaben:
- Eine Bestandsaufnahme zeigt, welche KI-Anwendungen heute an einen einzigen Chiptyp gebunden sind und was ein Umzug kosten würde.
- Neue KI-Verträge mit Cloud-Anbietern sollten Exportformate und Wechselfristen für Modelle und Daten festschreiben.
- Nach einem Abschluss lohnt der Blick darauf, ob Amazon in Decarts Software Nvidia- und Google-Chips weiter unterstützt.
Quellen
3 Quellen anzeigenQuellen ausblenden
- The Wall Street JournalAmazon in Talks to Buy AI Startup Decart for Around $7 Billion
- Bundesministerium der JustizGesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen, § 35 Geltungsbereich der Zusammenschlusskontrolle
- EUR-LexVerordnung (EU) 2023/2854 (Data Act), Artikel 23 bis 29
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