ABB gibt sein Robotikgeschäft an SoftBank ab und steckt den Erlös in Ventiltechnik. Für den britischen Stellantriebs-Hersteller Rotork zahlt der Schweizer Konzern rund 4,8 Milliarden Euro. Hinter dem Tausch steckt eine Margenrechnung, die jeden Anlagenbetreiber angeht.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenRund 4,8 Milliarden Euro für einen Hersteller elektrischer Stellantriebe: ABB hat die Übernahme von Rotork am 16. Juli 2026 angekündigt und bietet den Aktionären 503 Pence in bar je Aktie.[1] Der Aufschlag auf den Dreimonatsschnitt des Kurses liegt damit bei etwa 60 Prozent. Finanziert wird der Kauf im Kern aus dem Verkauf der eigenen Robotiksparte.
Das Wichtigste in Kürze
- ABB zahlt für Rotork einen Unternehmenswert von rund 4,8 Milliarden Euro, das entspricht dem 19,5-Fachen des EBITDA von 2025.
- Rotork hat 2025 etwa 870 Millionen Euro umgesetzt, bei einer bereinigten operativen Marge von 24,6 Prozent.
- Den Kaufpreis deckt ABB unter anderem aus dem Verkauf der Robotiksparte an SoftBank, der rund 4,2 Milliarden Euro netto einbringen soll.
- Der Abschluss ist für das erste Halbjahr 2027 vorgesehen und hängt noch an der Zustimmung der Rotork-Aktionäre.
Warum tauscht ABB Roboter gegen Ventile?

Margendifferenz. Rotork hat 2025 eine bereinigte operative Marge von 24,6 Prozent erreicht und ist zwischen 2022 und 2025 im Schnitt um 8 Prozent jährlich organisch gewachsen. In der Industrierobotik sieht die Rechnung anders aus: Dort haben chinesische Anbieter das Preisniveau über Jahre gedrückt, und Automatisierungstechnik gilt zunehmend als Volumengeschäft.
Installierte Basis. Ein elektrischer Stellantrieb sitzt zwei bis drei Jahrzehnte in einer Raffinerie oder einem Wasserwerk und wird in dieser Zeit gewartet, nachgerüstet und ersetzt. Der Erstverkauf ist deshalb nur der kleinere Teil des Geschäfts, den größeren tragen Service und Ersatzteile über die Lebensdauer der Anlage.
Gegenläufige Wetten. Bemerkenswert ist das Timing, denn andere Industriekonzerne kaufen Robotik gerade zu. Kion hat sich vor wenigen Tagen die Fahrroboter des belgischen Händlers Colruyt gesichert, während Bosch und Schunk gemeinsam an einer Roboterhand arbeiten. ABB verlässt genau dieses Feld.
Was macht die Feldgeräte-Ebene so profitabel?
Regelkreis. ABB beschreibt seine Automatisierung als Schleife aus Messen, Steuern und Handeln. Beim Handeln hat ABB bisher eine Lücke gehabt, denn Ventile und Stellantriebe sind die Stelle, an der eine Steuerungsentscheidung physisch wirksam wird. Rotork liefert genau diese Ebene und erhöht den Umsatz des Automatisierungsbereichs um rund 12 Prozent.
Bewertungsniveau. Das 19,5-Fache des EBITDA und das 5,3-Fache des Umsatzes liegen deutlich über dem, was für klassische Maschinenbauer gezahlt wird. Ähnlich hoch bewertete Zukäufe hat die Branche zuletzt vor allem bei Halbleitern gesehen, etwa als onsemi sechs Milliarden Euro für Synaptics gezahlt hat. Wiederkehrende Serviceerlöse rechtfertigen solche Multiples eher als reine Produktumsätze.
Neue Abnehmer. Zu den Zielmärkten zählt ABB ausdrücklich Rechenzentren, weil die Flüssigkühlung großer KI-Cluster geregelte Kühlkreisläufe mit vielen Stellantrieben braucht. Ein Teil des Wachstums hängt damit an denselben Bauprojekten, die auch Hochtief gerade für Meta hochzieht.
ABB verkauft das Geschäft mit den Schlagzeilen und kauft das Geschäft mit den Ersatzteilen. Für die Marge ist das die klügere Seite des Tauschs.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was ABB abgibt
- ◆ Robotiksparte, verkauft an SoftBank
- ◆ rund 4,2 Mrd. € Nettoerlös zum Abschluss
- ◆ Abschluss im zweiten Halbjahr 2026 geplant
- ◆ Markt mit starkem Preisdruck
Was ABB dazukauft
- ◆ Rotork, rund 870 Mio. € Umsatz 2025
- ◆ 8 % organisches Wachstum pro Jahr, 2022 bis 2025
- ◆ Serviceerlöse über die installierte Basis
- ◆ Kunden in Öl, Gas, Chemie, Wasser und Rechenzentren
Der Zeitplan
Was bedeutet das für Anlagenbetreiber im DACH-Raum?
Lieferantenbindung. Chemieparks, Energieversorger und Wasserwerke in Deutschland, Österreich und der Schweiz kaufen Steuerungstechnik und Feldgeräte bislang oft getrennt ein. Nach dem Zusammenschluss stammen beide Ebenen von einem Anbieter, was Beschaffung vereinfacht und zugleich die Abhängigkeit erhöht.
NIS2-Pflichten. Intelligente Stellantriebe melden Diagnosedaten ins Netz und gehören damit zur Betriebstechnik, die unter die NIS2-Richtlinie fällt. Wasserversorgung und Energie zählen dort zu den besonders wichtigen Sektoren, sodass jedes vernetzte Feldgerät im Risikomanagement und in der Lieferkettenprüfung auftauchen muss.
Konkrete Schritte. Betreiber sollten laufende Rahmenverträge mit Rotork auf Wechselklauseln prüfen, bevor das Geschäft im ersten Halbjahr 2027 abgeschlossen wird. Wo Stellantriebe künftig Diagnosedaten senden, gehört die Netzsegmentierung vorher auf den Prüfstand. Einen Überblick über den Stand der Technik gibt unser Ratgeber Robotik 2026.
Quelle
[1] ABB: „ABB expands automation offering with acquisition of Rotork“ (Medienmitteilung, 16. Juli 2026)
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