Wie schließt Cylib aus Aachen den Lithium-Kreislauf?

Michael Dobler
Autor Dr. Web
Aktualisiert:
5 Min. Lesezeit
Wie schließt Cylib aus Aachen den Lithium-Kreislauf?

Das Aachener Start-up Cylib hat einen industriellen Meilenstein erreicht: Aus alten NMC-Batterien gewinnt das RWTH-Spin-off battery-grade Lithiumcarbonat, das ein internationaler Hersteller bereits für neue Elektroauto-Batterien verbaut. Der Kreislauf ist erstmals geschlossen. Für deutsche Mittelständler entsteht damit eine konkrete Alternative zur chinesischen Verarbeitungs-Kette.

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen

Stellen Sie sich vor, der Lithium-Ionen-Akku Ihres alten E-Autos wird nicht entsorgt, sondern wandert zurück in die Batterie des Nachfolgemodells. Genau diesen Loop hat Cylib aus Aachen im Januar 2026 erstmals industriell geschlossen. Das von Dr. Lilian Schwich, Paul Sabarny und Dr. Gideon Schwich 2022 als RWTH-Aachen-Spin-off gegründete Unternehmen hat in einem Pilotprojekt aus gebrauchten Nickel-Mangan-Kobalt-Batterien battery-grade Lithiumcarbonat produziert, das ein internationaler Batteriehersteller bereits in neuen EV-Batterien verbaut.

Das Wichtigste in Kürze

  • Cylib hat am 29. Januar 2026 erstmals battery-grade Lithiumcarbonat aus alten NMC-Batterien gewonnen
  • Die Recycling-Anlage in Aachen-Rothe Erde verarbeitet täglich rund 500 Kilogramm Batteriematerial
  • Industrieanlage im Chempark Dormagen wird 2026 in Betrieb gehen, jährliche Kapazität: 30.000 Tonnen End-of-Life-Batterien
  • Materialrückgewinnung bei 90 Prozent, davon Lithium- und Graphit-Rückgewinnung wasserbasiert ohne Chemikalien
  • Bundesförderung über 63,4 Millionen Euro für die zweite Ausbaustufe in Dormagen
  • Kapazitätsverdopplung auf 60.000 Tonnen jährlich entspricht 140.000 Elektroauto-Batterien

Wie funktioniert die OLiC-Technologie?

Hellblauer Kristall, grünes Band, gravierter Goldanhänger auf Weiß
OLiC-Prozess: wasserbaiertes Recycling von Lithium und Graphit aus Batterien ohne aggressive Chemikalien

Der Cylib-Prozess heißt OLiC (Optimised Lithium and Graphite Recovery) und ist wasserbasiert. Klassische Recycling-Verfahren setzen entweder auf Pyrometallurgie, bei der das Lithium oft in der Schlacke verloren geht, oder auf Hydrometallurgie mit Schwefelsäure und anderen aggressiven Chemikalien. Cylib hat einen dritten Weg entwickelt. Die geschredderten Batterien, die sogenannte Black Mass, werden zunächst über einen mechanischen Prozess in Bestandteile zerlegt. Lithium und Graphit lassen sich anschließend in Wasser herauslösen, ohne dass Säuren oder Lösungsmittel zum Einsatz kommen. Nickel, Kobalt und Mangan werden über eine angeschlossene hydrometallurgische Stufe gewonnen.

Das Ergebnis: 90 Prozent Materialrückgewinnung über die gesamte Kette, deutlich reduzierter Chemikalieneinsatz und ein um rund 30 Prozent geringerer Treibhausgas-Fußabdruck im Vergleich zu konventionellen Recycling-Methoden. Bei Lithiumhydroxid, der Premium-Form für Hochenergie-Batterien, kooperiert Cylib mit dem belgischen Spezialchemie-Konzern Syensqo. Im Juli 2025 wurde dort erstmals battery-grade Lithiumhydroxid aus gebrauchten NMC- und LFP-Zellen gemeinsam auf einer Produktionslinie gewonnen, ein industrielles Novum.

Was bedeutet die Anlage in Dormagen?

3D-Grafik eines Lithium-Recycling-Kreislaufs mit Batterie, Helm und Dormagen-Flagge
Cylib-Batterie-Recyclinganlage im Chempark Dormagen: Ab 2026 verarbeitet Europas erste Industrieanlage jährlich 30.000 Tonnen Alt-Batterien

Die kommerzielle Produktion im Chempark Dormagen ist das eigentliche Großprojekt. Auf einer Brownfield-Fläche von rund 22.000 Quadratmetern entsteht Europas erste industrielle Cylib-Anlage. Phase eins startet 2026 mit einer jährlichen Recycling-Kapazität von 30.000 Tonnen End-of-Life-Batterien. Etwa 170 Arbeitsplätze entstehen in der Region. Im Dezember 2025 hat das Bundeswirtschaftsministerium 63,4 Millionen Euro Förderung für die zweite Ausbaustufe zugesagt. Damit verdoppelt sich die geplante Gesamtkapazität auf 60.000 Tonnen pro Jahr, was rechnerisch 140.000 Elektroauto-Batterien entspricht.

Die strategische Bedeutung liegt nicht nur in der Tonnage, sondern in der Wertschöpfungs-Logik. Wer 2026 in Europa eine neue EV-Batterie kauft, ist heute fast unvermeidlich auf chinesische Raffinerien angewiesen, weil dort 44 bis 80 Prozent der weltweiten Lithium-Verarbeitung stattfindet. Cylib produziert dieselbe Vorstufe in Deutschland, mit zertifizierter Herkunft, niedrigerem CO2-Fußabdruck und ohne Pekinger Exportkontrollen.

Cylib zeigt, dass deutsche Tiefenforschung in industrielle Souveränität umgewandelt werden kann. Was die RWTH Aachen in zehn Jahren Grundlagenarbeit aufgebaut hat, wird jetzt in Dormagen zu real verarbeiteten Tonnen. Wer als Mittelständler 2026 noch denkt, Recycling sei ein Greenwashing-Thema, hat die Cylib-Bilanz nicht gelesen.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Wer steht hinter Cylib?

Miniaturarbeiter hantieren auf einer übergroßen grauen Li-Ion-Batterie vor weißem Hintergrund
Dr. Lilian Schwich gründete 2022 das Unternehmen mit ihrem Bruder und Paul Sabarny. Sie erhielt 2025 den Nicolaus-August-Otto-Preis für zukunftsweisende Technologie

Die Gründerin und Co-CEO Dr. Lilian Schwich hat zusammen mit ihrem Bruder Dr. Gideon Schwich und Co-CTO Paul Sabarny das Unternehmen 2022 als Ausgründung aus dem RWTH-Aachen-Institut für Metallurgische Prozesstechnik und Metallrecycling (IME) gestartet. Schwich gewann 2025 den Nicolaus-August-Otto-Preis der DEUTZ AG für bahnbrechende Beiträge zu zukunftsweisender Technologie. Inzwischen beschäftigt das Unternehmen über 120 Mitarbeitende.

Die Investoren-Liste liest sich wie ein Who’s Who der europäischen Climate-Tech-Szene. World Fund (Europas führender Climate-Tech-Investor), Porsche Ventures, Bosch Ventures, 10x Founders, VSquared Ventures und Speedinvest. Die jüngste Finanzierungsrunde war die größte für einen europäischen Batterierecycler überhaupt. Strategische Partnerschaften bestehen mit Pure Battery Technologies (Brisbane), Syensqo (Belgien) und einem nicht genannten Top-100-Automobilzulieferer.

Was bedeutet das für deutsche Mittelständler?

Eine Batterie mit deutschem Text und einem goldenen Schlüssel, der oben herausragt
Hersteller von Elektrofahrzeugen sollten beim Einkauf 2026 explizit nach rezykliertem Lithium fragen, um nachhaltige Lieferketten zu sichern

Zunächst die Beschaffung: Wer 2026 eine Flotte von Elektrofahrzeugen anschafft und Wert auf nachhaltige Lieferkette legt, sollte bei den Herstellern explizit nach rezykliertem Lithium-Anteil fragen. Cylib liefert bereits an einen großen Hersteller, weitere Verträge sind in Verhandlung. Die EU-Batterieverordnung schreibt ab 2031 mindestens 6 Prozent rezykliertes Lithium in neuen Batterien vor, ab 2036 sind es 12 Prozent. Cylib ist auf diese Quoten ausgelegt.

Parallel die Standort-Frage: Cylib zeigt, dass Recycling-Wertschöpfung in Deutschland wirtschaftlich funktioniert, wenn die Forschungsbasis, die Förderkulisse und die Investorenlandschaft zusammenspielen. Für Industrieunternehmen mit eigenen Batterie-Anwendungen (Robotik, mobile Arbeitsgeräte, Notstromversorgung) entsteht eine Option zur vertikalen Integration. Schließlich die Lieferketten-Diversifikation: Wer heute nur auf chinesische Vorlieferanten setzt, geht ein Klumpenrisiko ein. Cylib, AMG Lithium in Bitterfeld und das geplante Lionheart-Projekt von Vulcan Energy bilden einen entstehenden deutschen Cluster, der bis 2030 eine relevante Alternative wird.

Mehr Newshunger?

Alte Batterie mit grünem Recyclingsymbol und kleinem Trieb unten auf weißem Grund
Fitbit verzichtet auf Wrist-Display. SAP investiert Milliarde. Fünf Länder kaufen Palantir. Bionik-Robotergreifer kommt 2026
4,5 8 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Michael Dobler
Autor
Ich bin der Herausgeber von Dr. Web. Um praxisfit zu bleiben, unterstütze ich darüber hinaus Kunden bei der digitalen Kundengewinnung und Kundenbindung. Erste eigene Gehversuche im Internet unternahm ich 1999 mit einem Kinomagazin. Nach 15 Jahren in Lohn und Brot, u.a. als Projektmanager für digitale Medien, machte ich mich schließlich Ende 2005 selbständig. Das war die beste berufliche Entscheidung meines Lebens.
847 Artikel veröffentlicht
Alle Artikel

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Newsletter

Mehr solcher Artikel?
Jetzt kostenlos abonnieren.

Jeden Dienstag die besten Artikel aus dem Dr. Web-Magazin direkt in Ihr Postfach – kein Spam, jederzeit abmeldbar.

Einmal pro Woche, kein täglicher Spam
Jederzeit mit einem Klick abmeldbar
DSGVO-konform via Brevo