Sinkende Strompreise bleiben für den Mittelstand vorerst ein Versprechen auf Zeit. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche rechnet mit spürbarer Entlastung erst in den 2030er Jahren, obwohl das Kabinett gerade eine große Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes beschlossen hat. Schuld sind vor allem alte Förderzusagen, die den Bund bis heute 17 Milliarden Euro im Jahr kosten.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenAm 5. August 2026 dämpfte Reiche in einem dpa-Interview die Hoffnung auf rasche Entlastung. Eine Woche zuvor hatte das Kabinett die EEG-Novelle samt Netzanschlusspaket auf den Weg gebracht.[1] Beide Nachrichten gehören zusammen, denn die Reform richtet den Ökostrom-Ausbau neu aus, senkt die Rechnung von Haushalten und Betrieben aber nicht kurzfristig.
Das Wichtigste in Kürze
- Reiche erwartet spürbar niedrigere Strompreise erst in den 2030er Jahren.
- Alte Förderzusagen kosten den Bund 17 Milliarden Euro im Jahr und wirken lange nach.
- Die EEG-Reform setzt auf Markt und Direktvermarktung statt auf feste Einspeisevergütung.
- Als Preishebel nennt Reiche günstigere Gasimporte, nicht den weiteren Solarausbau.
Warum sinken die Strompreise erst in den 2030ern?

Der Strompreis hängt an mehreren Kostenblöcken, die sich alle nur langsam bewegen. Die Netzentgelte steigen mit dem massiven Ausbau der Leitungen weiter und tragen einen wachsenden Anteil der Rechnung. Dazu kommen die Altlasten aus der Ökostrom-Förderung, die Reiche auf 17 Milliarden Euro im Jahr beziffert, Tendenz steigend. Diese Zusagen laufen über zwanzig Jahre. Die teuersten stammen aus dem frühen Solarboom.
Den Großhandelspreis wiederum bestimmen in vielen Stunden Gaskraftwerke. Solange das teuerste laufende Kraftwerk den Preis setzt, drückt selbst billiger Solarstrom die Börse nur bei viel Sonne im Netz. Sobald die alten Förderverträge auslaufen und neue Leitungen stehen, wirkt die Reform auf der Stromrechnung. Dieser Umbau zieht sich bis in die 2030er Jahre.
Warum setzt Reiche auf Gas statt auf die Sonne?
Solarstrom gilt weltweit als billigste Energiequelle, trotzdem nennt Reiche als Preishebel ausdrücklich günstigere Gasimporte. Der Satz ergibt im Marktdesign Sinn, weil Gas den Grenzpreis setzt und Deutschland für dunkle, windstille Tage gesicherte Leistung braucht. Über das Kraftwerkssicherungsgesetz sollen dafür neue, wasserstofffähige Gaskraftwerke entstehen, für die sich der Bund im Januar mit der EU-Kommission grundsätzlich geeinigt hat.[2]
Das Muster ist bekannt. Schon bei der Stromsteuer versprach die Koalition eine breite Senkung und lieferte sie am Ende nur für Industrie und Landwirtschaft. Die neue EEG-Novelle wiederum beendet die feste Einspeisevergütung und zwingt neue Anlagen in die Direktvermarktung, ein Schnitt, der die Förderkosten erst mit den Jahren senkt.
Der günstigste Strom ist der, den ein Betrieb selbst erzeugt oder langfristig einkauft. Auf die Politik zu warten, kostet den Mittelstand die Jahre bis 2030.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was können Betriebe bis dahin tun?
Auf die 2030er Jahre zu warten, ist für energieintensive Betriebe keine Option. Der schnellste Hebel bleibt der Eigenverbrauch aus einer eigenen Solaranlage, deren Strom keine Netzentgelte und keine Steuern verursacht. Für größere Mengen sichern sich Betriebe über langfristige Stromlieferverträge feste Preise, wie die Drogeriekette dm mit einem eigenen Solarpark vormacht.
Zugleich lohnt der Blick auf die Netzentgelte, deren Reform ab 2026 auch Erzeuger und Speicher einbezieht und lastflexible Betriebe belohnt. Die politische Richtung steht mit dem 80-Prozent-Ziel für 2030 und dem Netzanschlusspaket fest. Die Entlastung auf der Rechnung organisieren Unternehmen bis dahin selbst.
Quellen
[1] Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: „EEG-Novelle und Netzanschlusspaket im Bundeskabinett beschlossen“ (29.07.2026).
[2] Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: „Grundsatzeinigung mit der Europäischen Kommission über Eckpunkte der Kraftwerksstrategie“ (15.01.2026).
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