Ein Post-Erdölzeitalter hat in der Stromerzeugung längst begonnen: 1973 kam laut der Internationalen Energieagentur noch jede vierte Kilowattstunde der Welt aus Öl, 2019 nicht einmal jede dreißigste. Motoren, Triebwerke und Kunststofffabriken hängen dagegen bis heute am Öl. Welche Branche sich als nächste davon löst und welche am längsten braucht, zeigt dieser Beitrag Sektor für Sektor.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenSeit den Luftangriffen der USA und Israels auf den Iran am 28. Februar 2026 erlebt der Ölmarkt nach Einschätzung der IEA die größte Versorgungsstörung seiner Geschichte. Am 17. September kostete Diesel in Deutschland laut ADAC im Schnitt 2,471 Euro je Liter, ein Allzeitrekord. Hinter dem Streit über Tankrabatt und Spritpreisdeckel steht eine Grundsatzfrage: ob eine Volkswirtschaft überhaupt ohne Öl auskommen kann und in welcher Reihenfolge der Abschied gelingen würde.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Öl geht so bald nicht aus: Die bekannten Reserven reichen beim heutigen Förderniveau rechnerisch rund 55 Jahre. Über das Ende des Ölzeitalters entscheidet die Nachfrage.
- Die Internationale Energieagentur erwartet den Höhepunkt der weltweiten Ölnachfrage um 2030, die OPEC dagegen bis 2050 einen Anstieg auf 124,1 Millionen Barrel pro Tag.
- Strom, Pkw und Heizung lösen sich zuerst vom Öl, die Chemie zuletzt: 88 Prozent ihres Kohlenstoffs stammten 2020 aus fossilen Quellen.
- Selbst im Netto-null-Szenario der IEA bleibt 2050 knapp ein Viertel des heutigen Ölverbrauchs übrig. Realistisch ist ein Ende des Verbrennens, kein Ende des Öls.
1 Welcher Anteil des weltweiten Stroms kam 1973 aus Öl? Aufklappen ↓
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2 Wie lange reichen die bekannten Ölreserven beim heutigen Förderniveau rechnerisch? Aufklappen ↓
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3 Welche Organisation sieht bis 2050 keinen Höhepunkt der Ölnachfrage? Aufklappen ↓
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4 Welcher Anteil der 2025 in Norwegen neu zugelassenen Pkw fuhr rein elektrisch? Aufklappen ↓
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5 Woher stammte 2020 der größte Teil des Kohlenstoffs in Chemikalien und Kunststoffen? Aufklappen ↓
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Was bedeutet „Post-Erdölzeitalter“ überhaupt?

Ein Post-Erdölzeitalter meint eine Wirtschaft, in der Öl nicht mehr der wichtigste Energieträger ist, nicht eine Welt ohne einen einzigen Tropfen Öl. Ob ein solches Zeitalter erreichbar ist, hängt von der Verwendung ab: Als Brennstoff lässt sich Öl ersetzen, als Werkstoff nur mit großem Aufwand.
Der Begriff lehnt sich an die Namen historischer Epochen an. Die Steinzeit endete nicht mit dem letzten Stein und die Bronzezeit nicht mit dem letzten Kupferbarren. Stein und Bronze blieben im Gebrauch, verloren aber ihre prägende Rolle für Technik, Handel und Macht.
Die bekannteste Fassung dieses Gedankens stammt von Scheich Ahmed Zaki Yamani. Der frühere Ölminister Saudi-Arabiens sagte im Juni 2000 der britischen Zeitung The Telegraph voraus, das Öl werde in dreißig Jahren im Boden bleiben: „Die Steinzeit ging nicht aus Mangel an Steinen zu Ende und das Ölzeitalter wird nicht aus Mangel an Öl enden.“ Ausgerechnet ein Architekt der OPEC-Politik verortete das Ende also bei den Kunden, nicht im Bohrloch.
Von diesem Ende ist die Welt statistisch weit entfernt. Laut dem Statistical Review of World Energy des Energy Institute kam Öl im Jahr 2025 auf einen Anteil von 33,5 Prozent am weltweiten Primärenergieverbrauch und blieb damit der größte einzelne Energieträger. Die Internationale Energieagentur beziffert den Verbrauch für 2025 auf rund 105 Millionen Barrel pro Tag.
Energetisch wäre das Ziel erreicht, sobald Motoren, Heizungen und Kraftwerke ohne Öl laufen. Für die Chemie liegen die Hürden höher, weil Kunststoffe, Fasern und Wirkstoffe eine andere Kohlenstoffquelle bräuchten. Geopolitisch zählt schließlich, ob ein Lieferstopp noch eine Volkswirtschaft lahmlegen kann.
Auf diesen drei Ebenen verläuft der Abschied in sehr unterschiedlichem Tempo. Die Stromerzeugung kommt bis auf einen Rest von unter drei Prozent ohne Öl aus, die Chemie steht noch am Anfang. Die geopolitische Verwundbarkeit sinkt nur so schnell wie der Ölbedarf der langsamsten Sektoren.
Ein Post-Erdölzeitalter beginnt nicht mit dem letzten Barrel, sondern mit dem Machtverlust des Öls als Energieträger. Beim Brennstoff zeichnet sich dieser Machtverlust ab, als Werkstoff bleibt Öl noch lange gefragt.
Warum endet das Ölzeitalter nicht am leeren Bohrloch?

Weil Öl in absehbarer Zeit nicht knapp wird. Die bekannten Reserven reichen beim heutigen Förderniveau rechnerisch noch rund 55 Jahre. Neue Techniken wie das Fracking haben frühere Knappheitsprognosen zudem widerlegt.
Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) beziffert die weltweiten Erdölreserven in ihrer Energiestudie 2025 auf 252 Milliarden Tonnen, Stand Ende 2024. Gefördert wurden im selben Jahr 4,55 Milliarden Tonnen, ein Rekordwert. Die statische Reichweite liegt damit bei rund 55 Jahren. Hinzu kommen Ressourcen von 498 Milliarden Tonnen, die nachgewiesen, aber derzeit nicht wirtschaftlich förderbar sind oder geologisch vermutet werden.
Lange galt Knappheit als wahrscheinlichster Grund für das Ende des Ölzeitalters. Der Geophysiker M. King Hubbert sagte 1956 voraus, die Ölförderung der USA werde um 1970 ihren Gipfel erreichen und danach dauerhaft sinken. Tatsächlich förderten die Vereinigten Staaten 1970 laut der US-Energiebehörde EIA 9,6 Millionen Barrel pro Tag, anschließend ging die Menge über Jahrzehnte zurück. Die These vom Peak Oil schien bestätigt.
Mit dem Fracking, also Horizontalbohrungen und dem hydraulischen Aufbrechen dichter Gesteinsschichten, erschlossen US-Förderfirmen ab Ende der 2000er-Jahre riesige Mengen Schieferöl. 2025 förderten die USA 13,6 Millionen Barrel pro Tag, mehr als je zuvor. Seit 2018 sind die Vereinigten Staaten der größte Ölproduzent der Welt.
Auch die Kosten sprechen gegen ein Ende aus Mangel. Der saudische Staatskonzern Aramco gibt seine durchschnittlichen Förderkosten für 2025 mit umgerechnet rund 3 Euro je Barrel Öläquivalent an, hinzu kamen Investitionen von rund 7 Euro. Ein fallender Ölpreis würde solche Felder zuletzt aus dem Markt drängen, zuerst träfe er die teuren Förderregionen.
Die großen Reserven liegen zudem in wenigen Händen. Laut dem Statistischen Jahrbuch der OPEC entfallen 79,1 Prozent der nachgewiesenen Reserven von weltweit 1.572 Milliarden Barrel auf die Mitgliedsländer des Kartells. Welche Kriege, Grenzziehungen und Verstaatlichungen diese Konzentration begleitet haben, zeichnet unsere Stoffgeschichte zum Erdöl nach.
- 55 Jahre Reserve: 252 Milliarden Tonnen bekannte Vorräte decken die Rekordförderung von 2024 noch Jahrzehnte.
- Peak Oil verschoben: Hubberts Gipfel kam 1970, das Fracking hob die US-Förderung 2025 auf einen Rekord.
- Billige Barrel: Aramco fördert für rund 3 Euro je Barrel, ein Preisverfall träfe zuerst teurere Förderer.
Warum ist bisher kein Energieträger ganz verschwunden?

Weil neue Energieträger die alten bislang ergänzt statt verdrängt haben. Die Welt verfeuert heute mehr Kohle als je zuvor, obwohl Öl und Gas seit über hundert Jahren wachsen. Die Anteile sinken, die absoluten Mengen steigen weiter.
Im Jahr 2025 verfeuerte die Welt laut IEA 8,85 Milliarden Tonnen Kohle, ein neuer Rekord. Am weltweiten Energiemix hat der Brennstoff dagegen nur noch einen Anteil von gut einem Viertel.
Beim Öl zeigt sich dasselbe Muster. 1973 deckte Öl laut Energy Institute 46 Prozent des weltweiten Energiebedarfs, 2025 nur noch ein Drittel. Der Verbrauch hat sich im selben Zeitraum trotzdem fast verdoppelt.
Der französische Historiker Jean-Baptiste Fressoz hat aus diesem Befund eine Streitschrift gemacht. In „Sans transition“, 2024 auch auf Englisch als „More and More and More“ erschienen, beschreibt er die Energiegeschichte als Anhäufung statt als Abfolge. Holz, Kohle und Öl stützten sich gegenseitig: Britische Kohlegruben etwa verschlangen Unmengen an Grubenholz. Eine deutsche Übersetzung liegt bislang nicht vor.
Nach der Rechnung des kanadischen Energieforschers Vaclav Smil hat jeder große Wechsel der Energiebasis 50 bis 60 Jahre gedauert. Die Kohle brauchte rund sechs Jahrzehnte, um ihren Anteil am weltweiten Energiebedarf von 5 Prozent um 1840 auf die Hälfte um 1900 zu steigern.
Nach den Preisschocks von 1973 und 1979 verdrängten Kohle, Atomkraft sowie Gas das Öl allerdings aus den Kraftwerken. Verbrauchsstandards zwangen zugleich die Autohersteller zu sparsameren Motoren. Viele Importländer bauten erstmals eine staatliche Krisenvorsorge mit Notvorräten auf.
| Kennzahl | Ausgangswert | Später |
|---|---|---|
| Anteil von Öl an der weltweiten Stromerzeugung | 24,8 % (1973) | 2,8 % (2019) |
| Jährliches Wachstum des weltweiten Ölverbrauchs | 7,8 % (bis 1973) | 2,2 % (1973 bis 1979) |
| Weltweiter Ölverbrauch in Millionen Barrel pro Tag | 65,2 (1979) | 58,8 (1983) |
| Kraftstoffeffizienz konventioneller Pkw | Stand 1975 | fast verdoppelt (heute) |
| Anteil der Netto-Ölimporte mit staatlicher Krisenvorsorge | unter 1 % (vor 1973) | 99 % (heute) |
Wäre der Ölverbrauch im Tempo der Zeit vor 1973 weitergewachsen, hätte die Welt das Niveau von 2025 laut Energy Institute schon Mitte der 1980er-Jahre erreicht. Nach dem Einbruch ab 1979 dauerte die Erholung dagegen zehn Jahre.
Zwei Ökonomen der Europäischen Zentralbank schöpfen aus dieser Erfahrung Hoffnung für die aktuelle Krise. Krisen könnten die Voraussetzungen für einen strukturellen Wandel schaffen, schrieben die beiden im August 2026 in einem Blogbeitrag über die Lehren der 1970er-Jahre. Aus unserer Sicht stehen die Chancen heute sogar besser als damals, denn Elektroautos und Wärmepumpen sind längst serienreif.
- Addition statt Ablösung: Neue Energieträger kamen bisher hinzu, die alten blieben, wie der Kohlerekord von 2025 zeigt.
- 50 bis 60 Jahre: So lange dauerte laut Vaclav Smil jeder große Wechsel der Energiebasis.
- Kraftwerke als Vorbild: Nach den Ölkrisen sank der Ölanteil am Strom von 24,8 auf 2,8 Prozent, weil Alternativen bereitstanden.
Wann erreicht die weltweite Ölnachfrage ihren Höhepunkt?

Die Internationale Energieagentur erwartet den Höhepunkt um 2030, sofern die Staaten ihre angekündigte Politik umsetzen. Die OPEC sieht dagegen bis 2050 keinen Gipfel. Der Krieg mit dem Iran drückt die Nachfrage 2026 zwar, am langfristigen Trend ändert der Einbruch nach den aktuellen Prognosen wenig.
Für das laufende Jahr rechnet die IEA in ihrem Ölmarktbericht vom September 2026 kriegsbedingt mit einem Rückgang um 2,5 Millionen Barrel pro Tag auf 102,45 Millionen. Die Verluste treffen vor allem Mitteldestillate wie Diesel und Kerosin sowie Rohstoffe für die Petrochemie in Asien. Für 2027 erwartet die Agentur ein Plus von 2,6 Millionen Barrel pro Tag, die Nachfrage erreicht das Vorkriegsniveau von rund 106 Millionen aber erst Ende 2027.
Mittelfristig erwartet die IEA in ihrem Bericht „Oil 2025“ zum Ende des Jahrzehnts ein Plateau bei rund 105,5 Millionen Barrel pro Tag. Elektrofahrzeuge ersetzen demnach bis 2030 täglich 5,4 Millionen Barrel. Beim Öl als Brennstoff könnte der Höhepunkt sogar schon 2027 erreicht sein.
Nach Einschätzung der Agentur legt die Nachfrage künftig fast nur noch in der Petrochemie zu, die ab 2026 zur wichtigsten Quelle zusätzlichen Verbrauchs wird. Im Szenario der angekündigten Politik des World Energy Outlook 2025 steigt der Bedarf an petrochemischen Rohstoffen bis 2035 um 3,3 Millionen Barrel pro Tag, während Pkw 2,6 Millionen Barrel weniger verbrauchen.
Für den Zeitraum bis 2050 enthält der World Energy Outlook drei Szenarien, die weit auseinanderliegen. Im Szenario der angekündigten Politik (STEPS) erreicht die Nachfrage, ohne Biokraftstoffe gerechnet, um 2030 mit rund 102 Millionen Barrel pro Tag ihren Gipfel und sinkt bis 2050 auf 97 Millionen. Ohne neue Politik (CPS) steigt der Verbrauch bis 2050 dagegen auf 113 Millionen Barrel. Auf dem Pfad zu netto null Emissionen schrumpft der Ölverbrauch bis 2050 um 77 Prozent.
Die OPEC widerspricht dieser Sicht deutlich. In ihrem World Oil Outlook 2026 vom Juni erwartet die Organisation einen Anstieg von 105,1 Millionen Barrel pro Tag im Jahr 2025 auf 113,3 Millionen im Jahr 2030 und 124,1 Millionen im Jahr 2050. Die Prognose stammt allerdings von Förderländern, deren Staatshaushalte am Ölverkauf hängen.
Selbst ein Ölkonzern rechnet vorsichtiger als die OPEC. Der britische Konzern bp sieht im Energy Outlook 2025 bei gleichbleibendem Kurs einen Höhepunkt um 2030 bei 103,4 Millionen Barrel pro Tag und einen Rückgang auf 83 Millionen bis 2050. In einem Szenario, in dem die Erderwärmung unter zwei Grad bleibt, fiele der Verbrauch auf 33,8 Millionen Barrel.
Wie schnell der Gipfel kommt, entscheidet sich vor allem in China. Der Benzinverbrauch des Landes erreichte laut IEA bereits 2021 mit 3,8 Millionen Barrel pro Tag seinen Höhepunkt, 2025 blieb der Verbrauch von Benzin und Diesel praktisch unverändert. Der Umstieg auf Elektroautos und E-Lkw hat in China längst Fahrt aufgenommen.
Auch die Kapitalströme deuten auf einen Wendepunkt. Laut dem Bericht World Energy Investment 2026 der IEA fließen in diesem Jahr rund 1,9 Billionen Euro in saubere Energien, aber nur gut 1 Billion Euro in fossile Brennstoffe. Die Investitionen in die Ölförderung sinken das dritte Jahr in Folge auf unter 440 Milliarden Euro. Für Förderländer und Anleger wächst damit das Risiko gestrandeter Vermögenswerte (Stranded Assets), also von Ölfeldern und Anlagen, die sich vor dem Ende ihrer Laufzeit nicht mehr rechnen.
- Szenarien klaffen auseinander: Für 2050 liegen die Werte zwischen 33,8 Millionen Barrel pro Tag bei bp und 124,1 Millionen bei der OPEC.
- Kriegsdelle 2026: Die Nachfrage sinkt um 2,5 Millionen Barrel pro Tag und erreicht das Vorkriegsniveau laut IEA erst Ende 2027 wieder.
- Chemie wächst weiter: Der Rohstoffbedarf der Petrochemie steigt, während Pkw weniger Öl verbrauchen.
- Geld wandert ab: In saubere Energien fließt 2026 fast doppelt so viel Kapital wie in fossile Brennstoffe.
Welche Branchen lösen sich am schnellsten vom Öl?

Am schnellsten gelingt der Abschied dort, wo Strom ohne Öl entsteht oder das Öl direkt ersetzt: in Kraftwerken, bei Pkw und in der Heizung. Lkw folgen mit einigen Jahren Abstand. Flugzeuge und Schiffe hängen dagegen noch Jahrzehnte an flüssigen Kraftstoffen, weil Batterien für lange Strecken zu schwer sind.
Im Verkehr ist der Wechsel bei den Pkw am weitesten fortgeschritten. Laut dem Global EV Outlook 2026 der IEA wurden 2025 weltweit mehr als 20 Millionen Elektroautos verkauft, ein Viertel aller Neuwagen. Mehr als die Hälfte davon entfiel auf China. Die weltweite Elektroflotte sparte 2025 bereits rund 1,7 Millionen Barrel Öl pro Tag ein.
Norwegen zeigt, wie weit der Wechsel gehen kann. Laut dem Verkehrsverband OFV fuhren 95,9 Prozent aller 2025 neu zugelassenen Pkw rein elektrisch, von Januar bis August 2026 sogar 97,8 Prozent. Auf dem Neuwagenmarkt von Westeuropas größtem Ölförderer hat sich das Blatt damit gewendet.
In Deutschland vollzieht sich ein ähnlicher Wandel im Heizungskeller. Laut den Branchenverbänden BDH und BWP wurden 2025 nur noch 22.500 Ölheizungen verkauft, 74 Prozent weniger als im Vorjahr. Wärmepumpen legten dagegen um 55 Prozent auf 299.000 Geräte zu und stellten knapp die Hälfte aller neuen Wärmeerzeuger. Im Bestand arbeiten allerdings noch 4,7 Millionen Ölkessel, wie der Zentralinnungsverband des Schornsteinfegerhandwerks zählt.
Beim Lastwagen beginnt der Umbruch gerade erst. Weltweit fuhren 2025 laut IEA 9 Prozent der neu verkauften Lkw elektrisch, in China bereits 26 Prozent. Für den Ölmarkt wiegt das Segment schwer: Lkw sind nach den Pkw der zweitgrößte Ölverbraucher im Verkehr, noch vor Luft- und Schifffahrt zusammen.
| Sektor | Wichtigste Alternative | Stand 2025 | Abschied vom Öl |
|---|---|---|---|
| Stromerzeugung | Erneuerbare, Gas, Kernkraft | Ölanteil 2,8 % (2019) | bis auf Reste vollzogen |
| Pkw | Elektroauto | jeder vierte Neuwagen ein Elektroauto | in vollem Gang |
| Heizung in Deutschland | Wärmepumpe | 22.500 neue Ölheizungen, 299.000 Wärmepumpen | in vollem Gang, Bestand träge |
| Lkw | E-Lkw | 9 % der neuen Lkw elektrisch | am Anfang |
| Luftfahrt | SAF, E-Fuels | SAF-Anteil 0,6 % | nach 2050 |
| Schifffahrt | synthetische und biogene Kraftstoffe | über 90 % Öl (2024) | offen, globale Regeln vertagt |
| Chemie | Biomasse, Recycling, CO₂ | 88 % fossiler Kohlenstoff (2020) | zuletzt |
Noch weiter zurück liegt die Luftfahrt: Flugzeuge verbrauchen laut IEA rund 7 Millionen Barrel pro Tag, Öl deckte 2024 mehr als 99 Prozent ihres Treibstoffbedarfs. Nachhaltiger Flugkraftstoff, kurz SAF, kam 2025 laut dem Branchenverband IATA auf 0,6 Prozent, rund 1,9 Millionen Tonnen. Die EU schreibt mit ReFuelEU Aviation zwar steigende Quoten vor, 6 Prozent ab 2030 und 70 Prozent ab 2050, doch die Produktion bleibt laut IATA hinter den Erwartungen zurück.
Noch zäher verläuft der Umbau auf See. Schiffe verbrauchen rund 5 Millionen Barrel pro Tag, Öl deckt mehr als 90 Prozent ihres Energiebedarfs. Die Internationale Seeschifffahrts-Organisation IMO vertagte im Oktober 2025 auf einer Sondersitzung die Abstimmung über ihr globales Netto-null-Regelwerk um ein Jahr. Frühestens am 4. Dezember 2026 soll die Sondersitzung weitergehen.
- Strom schlägt Öl: Wo der Elektromotor den Verbrennungsmotor ersetzt oder die Wärmepumpe den Ölkessel, sinkt der Ölbedarf am schnellsten.
- Norwegen als Vorbild: Fast 98 Prozent Elektroanteil bei Neuwagen zeigen, was bei Pkw möglich ist.
- Luft und See hängen nach: SAF deckt 0,6 Prozent des Kerosinbedarfs, die IMO-Regeln für Schiffe sind vertagt.
Das letzte Barrel landet nicht im Tank, sondern im Granulatsilo, denn gut 430 Millionen Tonnen Kunststoff im Jahr brauchen Kohlenstoff als Rohstoff. Mit ihrer Prognose einer steigenden Ölnachfrage bis 2050 liegt die OPEC deshalb ausgerechnet bei der Chemie richtig.
— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Warum hängt die Chemie am längsten am Öl?

Weil die Chemie Öl nicht verbrennt, sondern in ihre Produkte einbaut. Kunststoffe, Fasern, Lacke und Arzneien bestehen aus Kohlenstoffketten. Strom kann Öl in Motoren und Heizungen ersetzen, den Kohlenstoff in diesen Produkten aber nicht.
Die IEA ordnet 15,8 Prozent der weltweiten Ölnachfrage des Jahres 2024 den petrochemischen Rohstoffen zu, bis 2030 steigt der Anteil auf 17,4 Prozent. Zwischen 2019 und 2024 stammten laut der Agentur mehr als 95 Prozent des Nachfragezuwachses aus der Petrochemie.
Wie tief der Rohstoff in Kaugummi, Kleidung und Kopfschmerztablette steckt, zeigt unser Überblick zu Erdöl im Alltag. Allein an Kunststoff stellte die Welt 2024 laut dem Branchenverband Plastics Europe 430,9 Millionen Tonnen her, 89,8 Prozent davon aus fossilen Rohstoffen. Rezyklate kamen auf 9,6 Prozent, biobasierte Kunststoffe auf 0,6 Prozent.
Ein Windrad liefert Strom, aber kein einziges Kohlenstoffatom. Für den Ersatz kommen deshalb nur drei Quellen infrage: Biomasse, recycelter Kunststoff und abgeschiedenes CO₂, das per Carbon Capture and Utilization (CCU) zum Rohstoff wird. Nach Berechnungen des nova-Instituts stammte der Kohlenstoff in Chemikalien und Kunststoffen 2020 zu 88 Prozent aus fossilen Quellen, zu 8 Prozent aus Biomasse, zu 4 Prozent aus Recycling und nur zu 0,03 Prozent aus CO₂.
Die Roadmap Chemie 2050, die DECHEMA und FutureCamp 2019 für den Verband der Chemischen Industrie (VCI) erstellt haben, rechnet den Aufwand für den Umstieg durch. Im Pfad zur Treibhausgasneutralität würde die Branche ihre Grundstoffproduktion auf strombasierte Verfahren umstellen, im Fachjargon Power-to-X. Der Strombedarf der deutschen Chemie stiege dadurch ab Mitte der 2030er-Jahre auf 685 Terawattstunden im Jahr, fast das Dreizehnfache der 54 Terawattstunden von 2018. Ganz Deutschland verbrauchte 2025 laut AG Energiebilanzen 528,4 Terawattstunden Strom.
Bislang bleibt die Basis der deutschen Chemie fossil. Laut VCI setzte die Branche 2024 insgesamt 15,7 Millionen Tonnen Rohstoffe stofflich ein: zu 71 Prozent Erdölprodukte wie Naphtha, zu 13 Prozent Erdgas und zu 15 Prozent nachwachsende Rohstoffe.
Die Alternativen wachsen, aber auf niedrigem Niveau. Der brasilianische Konzern Braskem kann aus Zuckerrohr-Ethanol 260.000 Tonnen Bio-Ethylen im Jahr herstellen. Neste hat im März 2026 im finnischen Porvoo eine Anlage für bis zu 150.000 Tonnen verflüssigten Kunststoffabfall pro Jahr in Betrieb genommen. BASF beziffert den Einsatz recycelter Rohstoffe für 2025 auf 7.200 Tonnen, gerade einmal 0,02 Prozent der gesamten Rohstoffbasis.
Das französische Unternehmen Carbios, das PET-Abfälle mit Enzymen zerlegt, teilte im August 2026 mit, die Finanzierung seines ersten Großwerks bis Ende September nicht abschließen zu können. Der Produktionsstart verschiebt sich damit auf unbestimmte Zeit. Laut einer Projektion der OECD aus dem Jahr 2022 dürfte sich der weltweite Kunststoffverbrauch von 460 Millionen Tonnen im Jahr 2019 bis 2060 auf 1.231 Millionen Tonnen fast verdreifachen. Ein globales UN-Abkommen gegen Plastikmüll fehlt weiterhin, die Verhandlungen in Genf endeten im August 2025 ohne Einigung.
- Rohstoff statt Brennstoff: Die Chemie baut den Kohlenstoff aus dem Öl in ihre Produkte ein, Strom kann ihn nicht ersetzen.
- Drei Auswege: Biomasse, Recycling und CO₂ lieferten 2020 zusammen erst 12 Prozent des Kohlenstoffs.
- Stromhunger: Eine treibhausgasneutrale deutsche Chemie bräuchte mehr Strom, als ganz Deutschland 2025 verbrauchte.
Welche neuen Abhängigkeiten bringt der Abschied vom Öl?

Ein Post-Erdölzeitalter tauscht die Abhängigkeit von wenigen Förderländern gegen die Abhängigkeit von wenigen Verarbeitern. China verarbeitete 2025 laut IEA 70 bis 95 Prozent des weltweiten Lithiums, Kobalts und Graphits.
Über den Außenhandel hält China die Fäden in der Hand. Laut dem Global Critical Minerals Outlook 2026 der IEA hat Peking die Zahl der Zolltarifnummern unter Exportkontrolle seit 2023 verdreifacht. Die im Oktober 2025 angekündigten Beschränkungen für Graphit-Anodenmaterial sind bis November 2026 ausgesetzt. Welche Folgen die Ausfuhrlizenzen für die europäische Autoindustrie haben können, zeigt unsere Stoffgeschichte zum Graphit in der Akku-Anode.
Bräche der Handel mit Batteriegraphit vollständig ein, wäre nach Berechnung der Agentur Produktion außerhalb Chinas im Wert von mehr als 260 Milliarden Euro im Jahr gefährdet. Bei Lithium und Kobalt liegt die Konzentration auf ähnlichem Niveau wie beim Öl, bei Graphit deutlich darüber.
| Rohstoff | Stufe der Lieferkette | Anteil der größten Akteure |
|---|---|---|
| Erdöl | Nachgewiesene Reserven | 79,1 % bei den OPEC-Mitgliedern |
| Lithium | Raffination | 75 % in China |
| Kobalt | Raffination | 75 % in China |
| Batteriegraphit | Verarbeitung | 94 % in China |
Einen Unterschied zum Öl sollten Entscheider trotzdem im Blick behalten. Öl wird verbrannt und muss jeden Tag nachgekauft werden. Das Lithium im Akku bleibt dagegen im Fahrzeug und lässt sich am Ende der Nutzungsdauer zurückgewinnen. Ein Lieferstopp trifft deshalb die Produktion neuer Batterien, nicht die Flotte auf der Straße.
Härter trifft der Wandel die Förderländer. Saudi-Arabien brauchte im Jahr 2025 nach einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds vom Mai desselben Jahres einen Break-even-Ölpreis von umgerechnet rund 81 Euro je Barrel, um den Staatshaushalt auszugleichen. Im Netto-null-Szenario der IEA läge der Ölpreis 2050 bei rund 22 Euro, im Szenario ohne neue Politik bei rund 93 Euro, jeweils in Preisen von 2024. Für einen Petrostaat entscheidet der globale Pfad damit über die eigene Staatsfinanzierung.
Norwegen hat früh vorgesorgt. Der staatliche Pensionsfonds, gespeist aus Öl- und Gaseinnahmen, verwaltete am 30. Juni 2026 umgerechnet rund 2,1 Billionen Euro. Das Land hat seinen Rohstoffreichtum damit in ein weltweit gestreutes Vermögen aus Aktien, Anleihen und Immobilien umgeschichtet.
Der Ökonom Hans-Werner Sinn warnt vor einer anderen Nebenwirkung. In seinem Buch „Das grüne Paradoxon“ von 2008 argumentiert er, dass Förderländer ihr Öl schneller aus dem Boden holen, sobald eine sinkende Nachfrage droht: „Denn wenn die Scheichs den Hahn nicht zudrehen, senken wir mit unserer Sparsamkeit nur den Weltmarktpreis für Öl.“ Billigeres Öl würde dann anderswo zusätzlichen Verbrauch anregen.
Das Post-Erdölzeitalter verlagert die Abhängigkeit vom Bohrloch in die Raffinerien für Batterierohstoffe, die überwiegend in China stehen. Weil ein Akku seine Rohstoffe nicht verbraucht, trifft ein Lieferstopp dort nur die Produktion neuer Batterien, nicht den Betrieb der vorhandenen.
Was bedeutet der Abschied vom Öl für Unternehmen in Deutschland?

Für Unternehmen wandelt sich Öl vom Preisrisiko zum Strukturrisiko. CO₂-Preis, Lieferketten und Materialwahl gewinnen gegenüber dem Barrelpreis an Gewicht. Planbarer wird die Lage für Betriebe, die Fuhrpark, Wärmeversorgung und Verpackung früh umstellen.
Deutschland kauft sein Öl fast komplett im Ausland. Laut AG Energiebilanzen blieb Mineralöl 2025 mit einem Anteil von 36 Prozent am Primärenergieverbrauch der wichtigste Energieträger, Importe deckten 96 Prozent des Bedarfs. Die wichtigsten Lieferländer für Rohöl waren laut Statistischem Bundesamt Norwegen (16,6 Prozent), die USA (16,4 Prozent) und Libyen (13,8 Prozent). Aus dem Nahen Osten stammten nur 6,1 Prozent.
Vor Preisschocks schützt diese Streuung allerdings nicht, denn der Ölpreis bildet sich am Weltmarkt. Die Nordseesorte Brent kostete laut EIA am 27. Februar 2026 umgerechnet knapp 63 Euro je Barrel, am 7. April in der Spitze gut 121 Euro. Bund und Länder haben sich deshalb auf einen Tankrabatt von Anfang Oktober bis Ende Dezember 2026 verständigt, der die Energiesteuer um 14 Cent je Liter senkt. Im Januar 2027 will die Koalition einen Spritpreisdeckel einführen.
Berechenbarer entwickelt sich ein zweiter Kostenblock, der CO₂-Preis. Für 2026 gilt nach dem Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG) ein Preiskorridor von 55 bis 65 Euro je Tonne CO₂, erstmals werden die Zertifikate versteigert. Bei der ersten Auktion am 1. Juli 2026 lag der Preis laut Deutscher Emissionshandelsstelle bei 65 Euro, am oberen Rand. Ab 2028 soll der europäische Emissionshandel ETS 2 den nationalen Preis ablösen.
| Jahr | CO₂-Preis je Tonne | Aufschlag Benzin je Liter | Aufschlag Diesel je Liter |
|---|---|---|---|
| 2021 | 25 € | ca. 7 Cent | ca. 8 Cent |
| 2022 | 30 € | ca. 8,4 Cent | ca. 9,5 Cent |
| 2023 | 30 € | ca. 8,4 Cent | ca. 9,5 Cent |
| 2024 | 45 € | ca. 12,7 Cent | ca. 14,2 Cent |
| 2025 | 55 € | ca. 15,7 Cent | ca. 17,3 Cent |
| 2026 | 55 bis 65 € | 15,7 bis 18,6 Cent | 17,3 bis 20,5 Cent |
Ein Rechenbeispiel zeigt die Größenordnung für einen kleinen Betrieb. Angenommen, fünf Transporter fahren je 25.000 Kilometer im Jahr und verbrauchen 9 Liter Diesel auf 100 Kilometer. Die Flotte bräuchte damit 11.250 Liter im Jahr. Beim oberen ADAC-Wert von 20,5 Cent brutto, also gut 17 Cent netto je Liter, fielen knapp 2.000 Euro reine CO₂-Kosten an, noch vor jeder Ölpreisspitze.
Für Unternehmen ergeben sich daraus vier Handlungsfelder:
- Fuhrpark: Elektrische Pkw und Transporter senken die laufenden Kraftstoffkosten samt CO₂-Aufschlag, die Technik ist serienreif.
- Wärme: Wärmepumpen ersetzen Öl- und Gaskessel in Büros sowie Hallen, der Betrieb wird damit unabhängig vom CO₂-Preis auf Heizöl.
- Material und Verpackung: Rezyklate und biobasierte Kunststoffe verringern die Abhängigkeit vom Rohöl, ihre Verfügbarkeit sollte der Einkauf früh sichern.
- Lieferkette: Herkunft und Verarbeitung von Batterierohstoffen gehören in jede Risikoanalyse, sobald Elektrofahrzeuge oder Stromspeicher im Einsatz sind.
Wir bei Dr. Web halten die Debatte über Tankrabatte für nachrangig. Eine Steuersenkung um 14 Cent je Liter entlastet Pendler und Betriebe für drei Monate, an der Abhängigkeit ändert der Rabatt nichts. Jeder Euro, der in einen elektrischen Transporter oder eine Wärmepumpe fließt, senkt dagegen über Jahre den Ölbedarf.
Als Zeitalter nach dem Verbrennen ist das Post-Erdölzeitalter möglich. In der Stromerzeugung ist der Abschied fast vollzogen, bei Pkw und Heizungen beschleunigt er sich. Als Welt ohne Öl bleibt die Idee dagegen eine Illusion, solange Kunststoffe, Fasern und Arzneien Kohlenstoff brauchen. Yamanis Frist von dreißig Jahren läuft 2030 ab, ungefähr dann, wenn die IEA den Gipfel der Ölnachfrage erwartet.
- Import zu 96 Prozent: Mineralöl bleibt Deutschlands wichtigster Energieträger und kommt fast ganz aus dem Ausland.
- CO₂-Preis planbar: Bis zu 20,5 Cent je Liter Diesel entfallen 2026 allein auf den CO₂-Aufschlag.
- Früh umstellen: Fuhrpark und Wärme bieten den schnellsten Ausstieg, Material und Lieferkette brauchen mehr Vorlauf.
Glossar: 17 wichtige Fachbegriffe zum Post-Erdölzeitalter

Break-even-Ölpreis
Break-even-Ölpreis nennt der Internationale Währungsfonds den Ölpreis, den ein Förderland für einen ausgeglichenen Staatshaushalt braucht. Liegt der Marktpreis darunter, entsteht ein Defizit. Die Kennzahl zeigt, wie verwundbar Petrostaaten gegenüber einer sinkenden Ölnachfrage und fallenden Preisen sind.
Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG)
Brennstoffemissionshandelsgesetz (BEHG) heißt das Gesetz, das seit 2021 einen CO₂-Preis auf Benzin, Diesel, Heizöl und Erdgas in Deutschland festlegt. Unternehmen, die diese Brennstoffe in Verkehr bringen, müssen Zertifikate erwerben und geben die Kosten an Tankstellen und Heizölkunden weiter. Ab 2028 soll der europäische ETS 2 das System ablösen.
Carbon Capture and Utilization (CCU)
Carbon Capture and Utilization (CCU) bezeichnet Verfahren, die Kohlendioxid aus Abgasen oder der Luft abscheiden und als Rohstoff weiterverarbeiten, etwa zu Kunststoff-Vorprodukten oder synthetischen Kraftstoffen. Für die Chemie ist CCU eine von drei Kohlenstoffquellen jenseits des Öls, verlangt aber große Mengen Strom aus erneuerbaren Quellen.
Chemisches Recycling
Chemisches Recycling zerlegt Kunststoffabfälle mit Hitze, Druck oder Lösungsmitteln in ihre molekularen Bausteine, etwa per Pyrolyse zu einem Öl für den Steamcracker. Das Verfahren ergänzt das mechanische Recycling bei gemischten und verschmutzten Abfällen, braucht aber viel Energie und läuft vielerorts erst in Pilot- und Demonstrationsanlagen.
E-Fuels
E-Fuels sind synthetische Kraftstoffe aus Wasserstoff und Kohlendioxid, hergestellt mit Strom aus erneuerbaren Quellen. Chemisch gleichen die Kraftstoffe Benzin, Diesel oder Kerosin und funktionieren in heutigen Motoren und Turbinen. Wegen hoher Umwandlungsverluste gelten E-Fuels nur dort als sinnvoll, wo Batterien ausscheiden, vor allem in der Luft- und Schifffahrt.
ETS 2
ETS 2 heißt der zweite europäische Emissionshandel für Brennstoffe in Gebäuden und im Straßenverkehr. Das System soll 2028 vollständig starten und nationale Modelle wie den deutschen Brennstoffemissionshandel ablösen. Ein Stabilitätsmechanismus gibt zusätzliche Zertifikate frei, sobald der Preis 45 Euro je Tonne in Preisen von 2020 übersteigt.
Grünes Paradoxon
Grünes Paradoxon heißt eine These des Ökonomen Hans-Werner Sinn aus dem Jahr 2008. Kündigen Verbraucherländer eine sinkende Nachfrage an, fördern die Ölstaaten schneller, solange sich das Öl noch verkaufen lässt. Der Preis fällt, der Verbrauch anderswo steigt und die Klimapolitik verfehlt im schlimmsten Fall ihr Ziel.
Millionen Barrel pro Tag (mb/d)
Millionen Barrel pro Tag (mb/d) ist die Standardeinheit des Ölmarkts für Förderung und Verbrauch. Ein Barrel fasst rund 159 Liter. Bei rund 105 Millionen Barrel verbraucht die Welt also knapp 16,7 Milliarden Liter Öl am Tag. Alle großen Prognosen von IEA, OPEC und Ölkonzernen rechnen in dieser Einheit.
Mitteldestillate
Mitteldestillate heißen die Ölprodukte, die in der Raffinerie zwischen Benzin und schwerem Heizöl anfallen, vor allem Diesel, leichtes Heizöl und Kerosin. Lkw, Landmaschinen, Heizungen und Flugzeuge hängen an dieser Produktgruppe. Engpässe bei Mitteldestillaten treiben deshalb besonders schnell die Preise für Transport und Wärme.
Peak Oil
Peak Oil bezeichnet ursprünglich das Fördermaximum, nach dem die Ölproduktion aus geologischen Gründen dauerhaft sinkt. Der Geophysiker M. King Hubbert sagte 1956 einen solchen Gipfel für die USA voraus. Heute bezeichnet der Begriff meist den Nachfragehöhepunkt, also den Zeitpunkt, ab dem die Welt weniger Öl verbraucht.
Petrostaat
Petrostaat nennt die Politikwissenschaft einen Staat, dessen Haushalt, Exporte und Machtgefüge überwiegend von Öleinnahmen abhängen, etwa Saudi-Arabien, Irak oder Venezuela. Für solche Länder bedeutet ein Post-Erdölzeitalter weit mehr als einen Nachfragerückgang, weil fehlende Einnahmen Staatsfinanzen und Gesellschaftsvertrag zugleich unter Druck setzen.
Power-to-X
Power-to-X fasst Verfahren zusammen, die Strom aus erneuerbaren Quellen in Wasserstoff, chemische Grundstoffe, Kraftstoffe oder Wärme umwandeln. Das X steht für das jeweilige Zielprodukt. Für die Chemie eröffnet Power-to-X einen Weg zu Kohlenstoffverbindungen ohne Erdöl, allerdings mit einem enormen Strombedarf.
Schieferöl
Schieferöl ist Erdöl, das in dichtem Gestein festsitzt und erst durch Horizontalbohrungen und hydraulisches Aufbrechen, das Fracking, förderbar wird. Die Technik hat die USA 2018 zum größten Rohölproduzenten der Welt gemacht und die Knappheitsprognosen der klassischen Peak-Oil-These widerlegt.
Stated Policies Scenario (STEPS)
Stated Policies Scenario (STEPS) heißt das Szenario der Internationalen Energieagentur, das nur beschlossene oder konkret angekündigte Politik einrechnet. Im World Energy Outlook 2025 erreicht die Ölnachfrage darin um 2030 ihren Höhepunkt. Daneben rechnet die IEA ein Szenario ohne neue Politik und einen Pfad zu netto null Emissionen.
Statische Reichweite
Statische Reichweite gibt an, wie viele Jahre die heute bekannten und wirtschaftlich förderbaren Reserven bei gleichbleibender Förderung reichen würden. Die Kennzahl ist eine Momentaufnahme, denn neue Funde, höhere Preise und bessere Technik verschieben den Wert laufend. Für Erdöl lag die statische Reichweite Ende 2024 laut BGR bei rund 55 Jahren.
Stranded Assets
Stranded Assets sind Vermögenswerte wie Ölfelder, Raffinerien oder Pipelines, die vor Ende ihrer geplanten Lebensdauer an Wert verlieren, weil Klimapolitik, Technik oder Nachfrage sich ändern. Für Investoren und Förderländer bilden gestrandete Vermögenswerte ein erhebliches Finanzrisiko eines Post-Erdölzeitalters.
Sustainable Aviation Fuel (SAF)
Sustainable Aviation Fuel (SAF) bezeichnet nachhaltigen Flugkraftstoff aus biogenen Reststoffen oder synthetisch aus Strom, Wasser und Kohlendioxid. SAF lässt sich fossilem Kerosin beimischen, ohne Triebwerke umzubauen. Die EU schreibt mit ReFuelEU Aviation steigende Mindestquoten vor, von 2 Prozent im Jahr 2025 bis 70 Prozent im Jahr 2050.
FAQ: Ist ein Post-Erdölzeitalter überhaupt möglich?

Wie lange reicht das Erdöl noch?
Beim heutigen Förderniveau reichen die bekannten Reserven rechnerisch noch rund 55 Jahre. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe beziffert die Reserven auf 252 Milliarden Tonnen, bei einer Förderung von 4,55 Milliarden Tonnen im Jahr 2024. Der Wert ist eine Momentaufnahme, denn neue Funde, höhere Preise und bessere Fördertechnik verschieben die Reichweite laufend.
Was passiert, wenn das Erdöl ausgeht?
Ein plötzliches Ende der Förderung ist nach heutigem Stand nicht zu erwarten, weil die Nachfrage voraussichtlich sinkt, lange bevor die Reserven erschöpft sind. Wird Öl teurer, wechseln zuerst Verkehr und Heizung zu Strom, etwa per Elektroauto oder Wärmepumpe. Als Rohstoff für Kunststoffe, Fasern und Arzneien bliebe Öl am längsten gefragt, bis Biomasse, Recycling und CO₂ genug Kohlenstoff liefern.
Lässt sich Kunststoff ohne Erdöl herstellen?
Ja, Kunststoff lässt sich aus Biomasse, recyceltem Kunststoff oder abgeschiedenem CO₂ herstellen. Braskem gewinnt Polyethylen aus Zuckerrohr, Covestro ersetzt bei Vorprodukten für Schaumstoffe bis zu ein Fünftel des Erdöls durch CO₂. Mengenmäßig bleiben die Alternativen eine Nische: Weltweit stammten 2024 laut Plastics Europe 89,8 Prozent der Kunststoffe aus fossilen Rohstoffen.
Was ersetzt Erdöl in der Zukunft?
Im Verkehr und in der Heizung ersetzt vor allem Strom das Öl, über Elektroautos, E-Lkw und Wärmepumpen. Für Flugzeuge und Schiffe kommen nachhaltige oder synthetische Kraftstoffe infrage. Beide Sorten sind heute noch knapp und teuer. In der Chemie treten Biomasse, Recycling und abgeschiedenes CO₂ als Kohlenstoffquellen an die Stelle des Öls.
Wird Erdöl billiger, wenn die Welt weniger davon braucht?
Langfristig ja, sofern der Verbrauch weltweit sinkt: Im Netto-null-Szenario der IEA fiele der Ölpreis bis 2050 auf umgerechnet rund 22 Euro je Barrel, im Szenario ohne neue Politik läge er bei rund 93 Euro, jeweils in Preisen von 2024. Der Ökonom Hans-Werner Sinn warnt allerdings vor dem grünen Paradoxon: Billigeres Öl könnte anderswo den Verbrauch erhöhen.
Warum ist Öl 2026 so teuer, obwohl die Nachfrage sinkt?
Weil der Krieg mit dem Iran das Angebot stärker gesenkt hat als die Nachfrage. Die IEA erwartet für 2026 einen Rückgang des weltweiten Angebots um 5,7 Millionen Barrel pro Tag, die Nachfrage sinkt nur um 2,5 Millionen. Brent kostete im April in der Spitze umgerechnet gut 121 Euro je Barrel, Diesel erreichte in Deutschland im September einen Rekord von 2,471 Euro je Liter.
Quellen
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Europäische Kommission | ETS2: buildings, road transport and additional sectors | https://climate.ec.europa.eu/areas-action/carbon-markets/ets2-buildings-road-transport-and-additional-sectors_en | besucht am 27.09.2026
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