Die Plattform-Abhängigkeit vieler Unternehmen fällt erst auf, wenn der Anbieter den Stecker zieht. Ein neues Onlineprojekt namens rip.so führt diesen Moment vor Augen, ein digitaler Friedhof für abgeschaltete Messenger, Netzwerke und Browser. Der Blick auf die Gräber lohnt sich für Entscheider, weil er ein Muster freilegt, das jede Wahl zwischen eigenen und gemieteten Kanälen betrifft.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDer Betreiber sammelt Dienste, die einst auf Millionen Desktops liefen und heute nur noch als Erinnerung existieren. ICQ, MSN Messenger und AOL Instant Messenger stehen dort neben Angeboten, die eine Übernahme oder ein Strategiewechsel aus dem Markt drängte.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Projekt rip.so, ein digitaler Friedhof, versammelt abgeschaltete Messenger, soziale Netzwerke und Browser an einem Ort und macht das Tempo des Plattformsterbens sichtbar.
- Google allein beerdigte laut dem Projekt „Killed by Google“ 299 eigene Produkte, darunter 60 Apps und 214 Dienste.
- Microsoft schaltete Skype am 5. Mai 2025 nach 22 Jahren ab, ICQ verstummte 2024 nach 28 Jahren.
- Reichweite allein auf fremden Plattformen aufzubauen bedeutet, deren Sterblichkeit mitzuerben; eine eigene Website samt Domain bleibt dagegen in eigener Hand.
Was ist der digitale Friedhof?

Ein Memorial im Netz. Das Projekt rip.so bezeichnet sich selbst als digitalen Friedhof und ordnet tote Produkte nach Kategorien wie Messenger, soziale Netzwerke und Browser.[1] Jeder Eintrag nennt Geburts- und Sterbejahr, von ICQ (1996 bis 2024) bis zum BlackBerry Messenger (2005 bis 2019).
Wiederkehrendes Muster. Die Sammlung ordnet die Gräber nach Todesursache. Drei Ursachen kehren wieder: Übernahme, Strategiewechsel und schlichte Bedeutungslosigkeit. Genau sie entscheiden mit, ob ein heute genutzter Dienst in fünf Jahren noch läuft.
Woran sterben Plattformen?
Übernahme und Abschaltung. Microsoft kaufte Skype 2011 und stellte den Dienst am 5. Mai 2025 zugunsten von Teams ein, nach 22 Jahren am Markt.[3] Die Nutzer wanderten nicht freiwillig weiter, sondern auf Anweisung des neuen Eigentümers.
Strategiewechsel im Konzern. Google zeigt das Tempo besonders deutlich. Das Projekt „Killed by Google“ zählt 299 abgeschaltete Produkte, darunter Google Reader, das 2013 die Verbreitung von RSS abwürgte.[2] Ein einzelner Konzern entscheidet so über Werkzeuge, die ganze Branchen täglich nutzten.
Langsames Verstummen. Nicht jede Plattform stirbt per Dekret. ICQ lief 28 Jahre, bis der Betreiber den Dienst 2024 einstellte, weil kaum noch jemand die sechsstelligen Nummern nutzte.
Vier Gräber, ein Muster
Gemietet gegen eigen
Fremde Plattform
- Reichweite endet mit der Abschaltung
- Die Regeln setzt allein der Betreiber
- Die Daten liegen bei einem Dritten
Eigene Website
- Domain und Inhalte gehören dem Unternehmen
- Datenexport per DSGVO Artikel 20
- Kein Abschaltrisiko durch Dritte
Warum überlebt die eigene Website das?
Gemietet gegen eigen. Ein Profil auf einer fremden Plattform ist gemieteter Boden, die eigene Website mit eigener Domain gehört dem Unternehmen selbst. Verschwindet die Plattform, verschwindet die dort aufgebaute Reichweite; Domain, Inhalte und Kundendaten bleiben dagegen in eigener Hand.
Das Reader-Beispiel. Der Abschied von Google Reader traf 2013 tausende Publisher, die ihre Leser über den Dienst erreichten und über Nacht ohne Kanal dastanden. Eine eigene Newsletter-Liste hätte diesen Bruch aufgefangen, weil die Adressen dem Absender gehören und nicht dem Plattformbetreiber.
Viele Formen der Bindung. Das Muster reicht über tote Messenger hinaus. Behält eine Suchmaschine den Traffic selbst, verlieren Websites ihre Besucher auch ohne Abschaltung, wie der Fall Google Zero zeigt. Selbst der Browser Firefox hängt am Tropf eines einzigen Geldgebers, wie unsere Analyse zu Mozillas Geschäftsmodell darlegt.
Gemietete Reichweite kostet irgendwann das eigene Geschäft. Die eigene Website bleibt die einzige Adresse im Netz, die kein fremder Konzern über Nacht abschalten kann.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was sollten Entscheider jetzt tun?
Recht auf Datenmitnahme. Die DSGVO gibt in Artikel 20 ein Recht auf Datenübertragbarkeit, das den Export der eigenen Daten aus einem Dienst erzwingt. Der Data Act der EU ergänzt seit September 2025 ein Wechselrecht für Cloud-Dienste, das die Anbieterbindung teurer macht und den Umzug erleichtert.
Eigene Basis zuerst. Eine eigene Domain, eine selbst gehostete Website und eine eigene E-Mail-Liste bilden das Fundament, das keine Übernahme kippt. Fremde Plattformen ergänzen diese Basis, ersetzen sie aber nie.
Bindung nüchtern prüfen. Vor jedem neuen Dienst lohnt die Frage nach Exportformaten, offenen Schnittstellen und einer Ausstiegsklausel. Wie teuer eine feste Bindung wird, zeigt der Vertrag der Bahn zur ICE-1-Softwarepflege bis 2038, der einen einzigen Zulieferer über Jahrzehnte festschreibt.
Quellen
[1] rip.so: „rip.so :: the digital graveyard“
[2] Killed by Google: „Google Graveyard“
[3] Microsoft Support: „Skype wird im Mai 2025 eingestellt“
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