Ein Werkzeug, das fast alles verschenkt und trotzdem Milliarden einsammelt: Canva hat aus dem Wort kostenlos ein Geschäftsmodell gemacht. Wie sich das rechnet, steht selten im Kleingedruckten.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenCanva hat im Juli 2026 seinen KI-Website-Baukasten Code 2.0 für alle Nutzer freigeschaltet und damit die nächste Funktion verschenkt, für die klassische Software-Häuser Geld verlangen. Fast zeitgleich verlegte der australische Grafikdienst seinen Firmensitz in die USA, holte mit Kelly Steckelberg eine Zoom-Veteranin als Finanzchefin und schob sich damit in Position für einen der größten Tech-Börsengänge des Jahrzehnts. Hinter der freundlichen Oberfläche aus Vorlagen und Drag-and-drop steckt ein Erlösmodell, das sich lohnt, gerade weil so viel gratis bleibt. Wir öffnen die Blackbox und legen offen, woraus die Marge wirklich kommt.
Das Wichtigste in Kürze
- Canva erzielte 2025 rund 3,5 Milliarden US-Dollar Umsatz (etwa 3,05 Milliarden Euro) und lag zum Jahresende bei knapp 4 Milliarden US-Dollar wiederkehrendem Umsatz, ein Plus von 43 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
- Von 265 Millionen monatlich aktiven Nutzern zahlen nur gut 31 Millionen. Diese schmale zahlende Minderheit finanziert die kostenlose Mehrheit vollständig mit.
- Der eigentliche Wachstumsmotor ist das Geschäft mit Unternehmen: Der B2B-Bereich wuchs 2025 um rund 100 Prozent auf etwa 500 Millionen US-Dollar wiederkehrenden Umsatz.
- Die Bewertung kletterte im August 2025 auf 42 Milliarden US-Dollar (rund 36,5 Milliarden Euro). Canva schreibt seit acht Jahren in Folge schwarze Zahlen, eine Seltenheit unter Software-Einhörnern.
- Mit dem Zukauf von Affinity und Leonardo.ai sowie einer eigenen KI namens Magic Studio greift der Anbieter das Kerngeschäft von Adobe frontal an.
Ein schneller Selbsttest, bevor wir die Blackbox öffnen
1 Wie viele der 265 Millionen monatlichen Nutzer zahlen bei Canva tatsächlich? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
2 Welcher Bereich wächst bei Canva derzeit am schnellsten? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
3 Wen greift Canva mit den Zukäufen Affinity und Leonardo.ai direkt an? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
4 Was ist bei Canva das eigentliche Rohmaterial für die künstliche Intelligenz? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
5 Was kostet ein Canva-Pro-Abo in Deutschland ungefähr pro Jahr? Aufklappen ↓
Auflösung aufdecken ↓
Wer steckt hinter Canva und wie fing alles an?
Hinter Canva steht ein Ehepaar aus Perth, das den Grafikmarkt für Laien öffnen wollte, und ein früher Kurswechsel vom Schuljahrbuch zur Universalplattform. Melanie Perkins und Cliff Obrecht gründeten das Unternehmen 2013 in Sydney, gemeinsam mit dem früheren Google-Ingenieur Cameron Adams. Der Ursprung liegt jedoch Jahre davor, im Wohnzimmer von Perkins‘ Mutter.
Perkins verkaufte schon mit vierzehn selbstgenähte Schals und unterrichtete später an der University of Western Australia Studierende in Programmen wie Photoshop. Ihr Frust über die steile Lernkurve dieser Profi-Software wurde zur Gründungsidee. 2007 startete sie mit Obrecht das Vorläufer-Unternehmen Fusion Books, einen Online-Baukasten für Schuljahrbücher. Das Geschäft finanzierte sich selbst, wuchs über Australien hinaus und lieferte die entscheidende Erkenntnis: Gestaltung ließ sich radikal vereinfachen, wenn man Vorlagen und Bausteine statt leerer Leinwände anbot.
Der Sprung zum großen Ziel scheiterte zunächst am Geld. Mehr als hundert Investoren lehnten die junge Gründerin ab, bevor der Silicon-Valley-Kapitalgeber Bill Tai anbiss, ein Risikofinanzierer, der Termine gern beim Kitesurfen vergab. Perkins lernte das Kitesurfen, knüpfte über Tais Netzwerk Kontakte und sicherte so die erste ernsthafte Finanzierung. Der Name der neuen Firma verband die Begriffe Leinwand und Kanban, das Versprechen lautete: professionelles Design für alle, ohne Vorkenntnisse.
Technisch trug Cameron Adams die Idee, der als früherer Google-Ingenieur die Gestaltung im Browser überhaupt erst flüssig machte. Sein Beitrag war die stille Voraussetzung dafür, dass Laien ohne Installation und ohne Handbuch loslegen konnten. Diese radikale Vereinfachung war die eigentliche Erfindung, nicht ein einzelnes Werkzeug. Fusion Books hatte bereits bewiesen, dass ein solcher Baukasten profitabel laufen konnte, denn das Jahrbuch-Geschäft finanzierte sich ohne fremdes Kapital selbst. Genau diese Mischung aus einer klaren Mission und einem bereits erprobten Geschäftsmodell überzeugte schließlich die ersten Geldgeber, die zuvor nur die Größe des Marktes bezweifelt hatten.
Von Anfang an setzte das Trio auf ein Gratis-Fundament mit kostenpflichtigen Zusatzfunktionen. Diese Weichenstellung entfernte das heutige Milliardenmodell nur graduell von der ursprünglichen Idee, denn die Grundmechanik blieb dieselbe: möglichst viele Menschen kostenlos gestalten lassen und einen kleinen Teil davon in zahlende Kunden verwandeln. Auch der deutsche Markt zählte früh zu den wichtigen Wachstumsregionen, weil kleine Betriebe und Selbständige hier dieselbe Lücke zwischen teurer Profi-Software und dem eigenen Anspruch spürten.
Wie wurde aus einer Design-App ein 42-Milliarden-Konzern?

Aus der App wurde ein Konzern, weil das Unternehmen den kostenlosen Zugang mit gezielten Zukäufen, einem frühen Firmen-Abo und einer aggressiven KI-Strategie kombinierte. Canva wuchs von einer Nischen-App für Grafiklaien zu einer Plattform mit 265 Millionen monatlichen Nutzern und einer Bewertung von 42 Milliarden US-Dollar. Der Weg dorthin verlief in mehreren klar erkennbaren Etappen.
Die erste Phase war reines Nutzerwachstum. Über kostenlose Vorlagen, eine flache Lernkurve und Mundpropaganda zog die Plattform in wenigen Jahren zweistellige Millionenzahlen an Nutzern an. Der entscheidende strategische Hebel kam jedoch 2019 mit dem ersten Abo für Teams, das den Anbieter aus der Abhängigkeit vom Einzelkunden löste. Ab diesem Punkt ließ sich derselbe Editor an ein einzelnes Grafikbüro ebenso verkaufen wie an einen Konzern mit Zehntausenden Mitarbeitenden.
Die zweite Phase war eine Serie von Übernahmen. Canva kaufte 2021 die Hintergrund-Spezialisten von Kaleido, 2024 den britischen Profi-Software-Hersteller Serif mit seiner Affinity-Suite und im selben Jahr die Bild-KI Leonardo.ai. 2026 folgten der Marketing-Automatisierer Ortto und weitere KI-Startups, die den Sprung vom Design-Werkzeug zur Arbeitsplattform vorbereiteten. Jeder Zukauf schloss eine Lücke im Angebot, statt nur Nutzer einzukaufen.
Parallel dazu füllte eine Reihe großer Finanzierungsrunden die Kriegskasse. Namhafte Kapitalgeber pumpten über die Jahre Hunderte Millionen in das Unternehmen und hoben die Bewertung von Runde zu Runde. Der entscheidende Wendepunkt war weniger ein einzelner Geldsegen als der Moment, in dem die Plattform international zum Standardwerkzeug für schnelle Gestaltung wurde. Von Australien aus expandierte der Anbieter in die USA, nach Europa und in die Schwellenländer, oft getragen von Nutzern, die das Werkzeug im Job entdeckten und privat weiterempfahlen. Aus einem Produkt für den englischsprachigen Raum wurde so binnen weniger Jahre eine Plattform in über hundert Sprachen.
Die dritte Phase ist die Verwandlung in ein Finanzobjekt von Weltrang. Eine Mitarbeiter-Aktienplatzierung hob die Bewertung im August 2025 auf 42 Milliarden US-Dollar, nach 32 Milliarden US-Dollar (rund 27,8 Milliarden Euro) im Oktober 2024. Bemerkenswert ist die Profitabilität: Der Anbieter arbeitet nach eigenen Angaben seit acht Jahren in Folge mit positivem Mittelfluss, während viele Software-Einhörner Verluste anhäufen. Wie der Speicherdienst Dropbox vor seinem Börsengang zeigt Canva, dass ein Freemium-Modell mit genug Reichweite auch ohne Dauerverluste skalieren kann. Diese Kombination aus Größe und schwarzen Zahlen macht den Konzern für Börseninvestoren so attraktiv.
Wie verdient Canva tatsächlich sein Geld?

Canva verdient sein Geld fast vollständig mit Abonnements, die eine kleine zahlende Minderheit für Zusatzfunktionen und Firmenkonten entrichtet, während der Druck- und Datenbereich als margenschwaches Beiwerk und strategische Vorbereitung dient. Rund 31 Millionen zahlende Kunden finanzieren die kostenlose Nutzung der übrigen gut 230 Millionen Menschen. Diese Asymmetrie zwischen zahlender Minderheit und gratis versorgter Mehrheit ist der Schlüssel zur Marge des Unternehmens.
3a: Woher der Umsatz im Kern kommt
Das Fundament ist ein klassisches Software-Abo mit gestaffelten Stufen: ein Gratis-Tarif, das Einzel-Abo Pro, das Team- und Business-Konto sowie maßgeschneiderte Enterprise-Verträge. Der weit überwiegende Teil der rund 3,5 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz stammt aus diesen wiederkehrenden Zahlungen, nicht aus Einmalverkäufen. Die zahlende Quote von etwa zwölf Prozent klingt niedrig, ist bei Freemium-Diensten aber ein Spitzenwert, weil die absolute Nutzerbasis so gewaltig ist.
Innerhalb dieses Abo-Geschäfts verschiebt sich das Gewicht spürbar. Das Geschäft mit Firmenkunden ab 25 Plätzen wuchs 2025 um rund 100 Prozent auf etwa 500 Millionen US-Dollar (rund 435 Millionen Euro) wiederkehrenden Umsatz und macht damit etwa ein Achtel des Gesamtumsatzes aus. Der Einzelnutzer war der Türöffner, doch die Wachstumsmusik spielt im Firmenkonto, wo pro Vertrag Hunderte oder Tausende Lizenzen auf einmal verkauft werden.
Das Tempo dieser Verschiebung lässt sich an einer einzigen Kennzahl ablesen. Der wiederkehrende Umsatz kletterte von 2,8 Milliarden US-Dollar (rund 2,44 Milliarden Euro) Ende 2024 auf knapp 4 Milliarden US-Dollar ein Jahr später, ein Zuwachs von 43 Prozent. Solche Wachstumsraten erreicht ein Anbieter nur, wenn bestehende Kunden mehr ausgeben und zugleich neue hinzukommen. Ebendas leistet das Firmengeschäft, denn eine Abteilung beginnt mit wenigen Lizenzen, überzeugt Nachbarabteilungen und wächst zum konzernweiten Vertrag. Der Grafikdienst muss dafür kaum zusätzliche Vertriebskosten aufwenden, weil sich die Ausbreitung innerhalb der Unternehmen fast von allein vollzieht.
Bemerkenswert ist dabei, wie wenig Canva vom klassischen Verkauf lebt. Große Außendienstheere und langwierige Ausschreibungen fehlen, stattdessen wächst der Umsatz über das Produkt selbst. Zufriedene Nutzer holen den Dienst in ihre Firma, und aus dem kostenlosen Test wird über Monate ein bezahlter Konzernvertrag. Dieses produktgetriebene Wachstum senkt die Vertriebskosten und ist einer der Gründe, warum Canva trotz aggressiver Preise seit Jahren profitabel bleibt.
Etwa zwölf Prozent zahlende Nutzer tragen den gesamten Umsatz. Die Gratis-Mehrheit ist kein Kostenfaktor, sie bildet den Trichter, aus dem sich die zahlende Minderheit immer wieder neu speist.
3b: Welche Erlösströme leicht übersehen werden
Neben dem sichtbaren Abo-Geschäft laufen mehrere kleinere Ströme, die in keiner Werbebotschaft auftauchen. Dazu zählt Canva Print, das gedruckte Visitenkarten, Poster, T-Shirts oder Verpackungen direkt aus dem Editor heraus verkauft. Der Druckbereich verwandelt fertige Entwürfe in physische Bestellungen und verdient an jeder Lieferung mit, ohne selbst Druckmaschinen zu betreiben. Hinzu kommt ein Marktplatz für Fotos, Grafiken und Vorlagen, an dem der Anbieter bei jeder Nutzung eine Provision einbehält.
Ein weiterer, oft übersehener Strom ist das Geschäft mit den Kreativen selbst. Vorlagen-Designer erhalten Tantiemen, wenn ihre Entwürfe genutzt werden. Canva hat dafür einen Fonds von 200 Millionen US-Dollar (rund 174 Millionen Euro) angekündigt, aus dem diese Beteiligungen fließen. Das bindet Tausende Gestalter an die Plattform und füllt zugleich den Vorlagenkatalog, ohne dass der Konzern jeden Entwurf selbst produzieren muss.
Der Druckbereich zeigt exemplarisch, wie beiläufig diese Nebenströme funktionieren. Ein Nutzer gestaltet eine Visitenkarte und bestellt sie mit zwei Klicks als Stapel gedruckter Karten, ausgeliefert über externe Druckpartner. Canva kassiert die Differenz zwischen Endpreis und Produktionskosten, ohne eine einzige Maschine zu besitzen. Dasselbe Muster greift bei kostenpflichtigen Fotos, Videos und Musikstücken, die im Editor angeboten werden. Jeder dieser Käufe ist für sich genommen klein, doch bei Hunderten Millionen aktiver Nutzer summieren sich die Mikrotransaktionen zu einem stabilen Zusatzgeschäft, das die Bindung an die Plattform ganz nebenbei erhöht.
3c: Wie Daten und Algorithmen zur Erlösbasis werden
Als digitales Geschäftsmodell lebt der Anbieter von den Spuren, die seine Nutzer hinterlassen. Jeder hochgeladene Entwurf, jedes Foto und jede Interaktion ist Rohstoff für die Empfehlungs- und KI-Systeme. Milliarden gestalteter Designs bilden die Trainingsbasis für Magic Studio, die hauseigene KI-Suite, die 2025 auf 800 Millionen Nutzungen pro Monat kam. Wer gratis gestaltet, liefert damit unbezahlt das Material, aus dem die teuer verkauften KI-Funktionen entstehen.
Diese Datenbasis ist zugleich ein juristisches Minenfeld. Der Konzern räumte sich in seinen Bedingungen früh das Recht ein, Nutzerinhalte für das Training zu verwenden, und musste nach Protesten nachbessern. Über den Kreativen-Fonds versucht der Anbieter, die Datenlieferanten am Ertrag zu beteiligen und so die Zustimmung zu erkaufen. In der Bilanz taucht dieser Datenwert nicht als eigener Posten auf, obwohl er das eigentliche Fundament der KI-Strategie bildet. Genau hier liegt die stille Quersubvention: Die Gratis-Nutzer zahlen mit ihren Entwürfen, nicht mit Geld.
3d: Wo die Margen auseinanderlaufen
Die Marge verteilt sich höchst ungleich über die Bereiche. Ein Software-Abo verursacht nach der Entwicklung kaum zusätzliche Kosten pro Kunde, weshalb es branchentypisch mit Bruttomargen von deutlich über 80 Prozent arbeitet. Der Druckbereich dagegen ist ein physisches Geschäft mit Papier, Logistik und Rücksendungen und trägt entsprechend dünnere Margen. Als Privatunternehmen weist der Anbieter keine Segmentmargen aus, doch das Grundmuster ist eindeutig: Das digitale Abo finanziert alles andere.
Eben diese Asymmetrie erklärt die Strategie. Jeder Euro, der in ein Enterprise-Abo fließt, ist für den Konzern ungleich wertvoller als ein Euro aus dem Druckgeschäft. Die margenstarke Software subventioniert die margenschwachen Zusatzangebote, die vor allem der Kundenbindung dienen. Ein gedrucktes Plakat verdient wenig, hält den Nutzer aber im Ökosystem und macht den Wechsel zu einem Konkurrenten unwahrscheinlicher.
Diese Rechnung erklärt auch, warum Canva das margenschwache Druckgeschäft trotzdem pflegt. Ein physisches Produkt in der Hand des Kunden verankert die Marke im Alltag und schafft Anlässe, immer wieder zurückzukehren. Der schmale Ertrag pro Druck ist der Preis für eine Kundenbeziehung, die weit über den einzelnen Auftrag hinaus wirkt. Im Zusammenspiel finanziert die fette Software-Marge die dünnen physischen Ränder, und beide zusammen halten den Nutzer enger im System von Canva, als es ein reines Abo je könnte.
3e: Welche Bereiche bewusst wenig einbringen
Manche Angebote existieren gar nicht zum Geldverdienen, ihr eigentlicher Zweck ist der Angriff auf Konkurrenten. Das deutlichste Beispiel ist die Profi-Suite Affinity, die der Anbieter 2026 vollständig kostenlos machte. Ein Werkzeug, für das Serif zuvor Geld verlangte, wird verschenkt, um Adobe die zahlenden Profikunden abzugraben. Der entgangene Umsatz ist eingepreist als Marketingausgabe gegen den größten Rivalen.
Auch die freizügige KI-Nutzung im Gratis-Tarif folgt dieser Logik. Wer die Bild- und Textwerkzeuge kostenlos ausprobiert, gewöhnt sich an die Plattform und wird eher zum zahlenden Kunden. Das Gratis-Angebot ist damit kein Verlustgeschäft, sondern die teuerste und wirksamste Vertriebsmaschine des Konzerns. Die zahlende Minderheit trägt diese Akquisitionskosten mit, ohne es zu merken.
Software-Abo
Branchentypische Bruttomarge digitaler Abos. Nach der Entwicklung kostet jeder weitere Kunde fast nichts.
Canva Print
Physisches Geschäft mit Papier, Versand und Retouren. Bindet Kunden, verdient aber wenig.
Affinity gratis
Bewusst verschenkte Profi-Suite. Der entgangene Umsatz ist eine Waffe gegen Adobe.
3f: Wo Größe zum Selbstläufer wird
Canva profitiert von zwei sich verstärkenden Effekten. Zum einen sinken die Kosten pro Nutzer mit jedem weiteren Konto, weil dieselbe Plattform Millionen bedient. Zum anderen entsteht ein Netzwerkeffekt über den Vorlagen- und Markenkatalog: Je mehr Menschen gestalten, desto reicher wird die gemeinsame Bibliothek. Ein Team, das seine Markenvorlagen einmal angelegt hat, findet in der Plattform einen wachsenden Fundus, den ein Wechsel zunichtemachen würde.
Diese Effekte greifen besonders im Firmengeschäft. Wenn eine Marketingabteilung ihre Logos, Farben und Vorlagen zentral hinterlegt und Hunderte Kollegen darauf zugreifen, wird der Ausstieg teuer und mühsam. Dieser Verankerungseffekt macht die Enterprise-Verträge so stabil und die Umsätze so verlässlich. Ab einer bestimmten Größe wächst der Konzern fast von selbst, weil jeder neue Nutzer den Wert für alle anderen erhöht.
Diese Größenvorteile erklären, warum Canva Funktionen so großzügig verschenken kann. Die Kosten einer weiteren KI-Bildgenerierung oder eines zusätzlichen Gratis-Kontos sind gemessen an der Gesamtplattform verschwindend gering. Was für einen kleinen Anbieter ruinös wäre, ist für Canva ein kalkulierter Anreiz, der die Basis verbreitert und den Netzwerkeffekt weiter anheizt. Je größer die Plattform wird, desto schwerer fällt es Wettbewerbern, mit derselben Freigebigkeit mitzuhalten, ohne selbst in die roten Zahlen zu geraten.
3g: Wie sich das Modell in fünf Jahren verschoben hat
Vor fünf Jahren war der Anbieter vor allem ein Werkzeug für Einzelpersonen und kleine Betriebe. Heute ist er eine Arbeitsplattform mit Textverarbeitung, Tabellen, Websites, Marketing-Automatisierung und einer eigenen KI. Die Erlösbasis hat sich vom Einzel-Abo zum Firmenvertrag und zum KI-gestützten Komplettpaket verschoben. Neu hinzugekommen sind das margenstarke Enterprise-Geschäft und die KI-Funktionen, weggebrochen ist nichts Wesentliches, wohl aber verloren die reinen Design-Funktionen an relativer Bedeutung.
Die strategische Richtung ist unübersehbar. Der Konzern will nicht länger nur Grafiken liefern, sein Anspruch reicht auf die gesamte visuelle Kommunikation eines Unternehmens. Jeder Zukauf und jede neue Funktion zielt darauf, mehr Arbeitszeit der Nutzer in der Plattform zu halten und mehr Abteilungen zu zahlenden Kunden zu machen. Aus dem Design-Tool für alle wird schrittweise das Betriebssystem für die Gestaltung im Unternehmen.
Wie groß ist die Marktmacht von Canva?

Die Marktmacht ist in der Breite gewaltig und in der Tiefe noch begrenzt: Bei einfachen Gestaltungsaufgaben dominiert der Anbieter, im Profisegment bleibt Adobe der Maßstab. Mit 265 Millionen monatlichen Nutzern und rund 95 Prozent der Fortune-500-Unternehmen als Kunden hat der Grafikdienst eine Reichweite, die klassische Kreativsoftware nie erreichte. Diese Zahlen verändern das Kräfteverhältnis der Branche.
Der wichtigste Wettbewerber ist der Kreativ-Riese Adobe, der mit Photoshop, Illustrator und der Express-App das Profisegment beherrscht. Daneben kämpfen Microsoft mit dem Designer, Google und spezialisierte Anbieter wie Figma um Teilmärkte. Canvas Stärke liegt weniger in der Funktionstiefe als in der Zugänglichkeit: Millionen Menschen ohne Designausbildung erledigen hier Aufgaben, für die früher eine Agentur nötig war. Die Zukäufe von Affinity und Leonardo.ai zielen genau darauf, auch die anspruchsvolleren Profikunden zu gewinnen.
Der Wettbewerb mit Figma zeigt, wie unterschiedlich die Fronten verlaufen. Während Figma die Oberfläche für professionelle Produktgestaltung besetzt, zielt Canva auf die breite Masse der Gelegenheitsgestalter in Marketing, Vertrieb und Verwaltung. Dieser Massenmarkt ist das größere Feld, weil dort Millionen Menschen ohne Designausbildung täglich Grafiken brauchen. Adobe wiederum verteidigt das obere Ende mit tiefen Profi-Werkzeugen, sieht sich aber im Einstiegssegment von Canva bedrängt. Der Angriff kommt damit von unten, dort wo die Zahl der potenziellen Nutzer am größten ist.
Zur Marktmacht gehört der Wechselaufwand. Ein Unternehmen, das seine gesamte Markenwelt in der Plattform hinterlegt hat, wechselt nicht leichtfertig. Vorlagen, Freigabeprozesse, Nutzerkonten und Schulungen bilden zusammen eine hohe Hürde, die den Anbieter vor Abwanderung schützt. Für einzelne Nutzer ist der Ausstieg dagegen billig, was den Konzern zwingt, im Massenmarkt ständig mit neuen Gratis-Funktionen zu locken.
Besonders aussagekräftig ist die Durchdringung der größten Konzerne. Dass rund 95 Prozent der Fortune-500-Unternehmen den Dienst nutzen, heißt vor allem eines: Die Plattform ist über einzelne Teams längst ins Haus gelangt, oft ganz ohne großen Vertrag. Aus diesem Fuß in der Tür macht der Anbieter systematisch Konzernverträge, indem er verstreute Gratis- und Kleinkonten zu zentral verwalteten Enterprise-Lizenzen bündelt. Diese Bewegung von unten nach oben ist der eigentliche Grund für das rasante Wachstum im Firmengeschäft. Der Wettbewerb muss dagegen anrennen, obwohl der Herausforderer bereits an Tausenden Schreibtischen sitzt.
Kartellrechtlich steht der Grafikdienst bisher weit weniger im Fokus als die großen Plattformkonzerne. Das liegt an seiner Herkunft und Größe, könnte sich mit dem Börsengang und weiteren Zukäufen aber ändern. Je mehr Nachbarmärkte der Anbieter über Übernahmen erschließt, desto genauer werden Wettbewerbshüter die Marktkonzentration prüfen. Noch profitiert der Konzern vom Ruf des sympathischen Herausforderers, der den Riesen Adobe herausfordert.
Wer ist bei Canva eigentlich das Produkt?

Bei Canva ist die kostenlose Mehrheit gleichzeitig Kundschaft, Werbeträger und Datenlieferant, während die zahlende Minderheit und die Firmenkunden die Rechnung begleichen. Die kostenlose Mehrheit bezahlt nicht mit Geld, ihre Währung sind Reichweite und die eigenen Entwürfe. Diese Rollenverteilung ist der Kern des Freemium-Modells.
Aus Sicht der Wertschöpfung tragen mehrere Gruppen zum Erfolg bei, ohne direkt dafür bezahlt zu werden. Gratis-Nutzer erhöhen die Reichweite, empfehlen die Plattform weiter und liefern mit jedem Upload Trainingsmaterial. Vorlagen-Designer füllen den Katalog gegen anteilige Tantiemen, tragen aber das unternehmerische Risiko allein. Die eigentliche Last der Inhaltsproduktion liegt damit teils außerhalb des Konzerns, bei einer Gemeinschaft von Kreativen und bei den Nutzern selbst.
Die zahlende Kundschaft wiederum zerfällt in zwei sehr unterschiedliche Typen. Der einzelne Pro-Abonnent zahlt einen überschaubaren Jahresbeitrag und bleibt austauschbar. Der Firmenkunde dagegen bindet Hunderte Lizenzen, integriert die Plattform in seine Abläufe und wird so zum stabilsten und lukrativsten Teil des Geschäfts. Für den Konzern ist der Gratis-Nutzer der Rohstoff, der Pro-Abonnent die Ernte und der Enterprise-Kunde die Ernte, die von selbst nachwächst.
Eine dritte Gruppe verdient gesonderte Betrachtung, nämlich die Kreativen, die den Vorlagenkatalog füllen. Sie sind zugleich Lieferant und Aushängeschild, denn ihre Entwürfe locken neue Nutzer an und liefern das Material, an dem sich die zahlende Kundschaft bedient. Für ihre Arbeit erhalten sie anteilige Tantiemen, tragen das Risiko schwankender Nachfrage aber allein. Canva verwandelt so die Kreativität einer weltweiten Gemeinschaft in ein wachsendes Angebot, ohne feste Gehälter zu zahlen. In diesem Dreieck aus Gratis-Nutzern, zahlenden Kunden und liefernden Kreativen liegt die eigentliche Mechanik der Plattform, die weit über ein simples Abo hinausreicht.
Der Gratis-Nutzer ist bei Canva nicht der Beschenkte, er ist das Produkt: Er liefert Reichweite, Empfehlungen und Trainingsdaten. Bezahlt wird die Party von der zahlenden Minderheit und den Firmenkunden.
Was kostet Canva wirklich, und wer trägt die Kosten?

Canva kostet für Privatpersonen wenig und für Unternehmen viel, doch der wahre Preis versteckt sich in der Bindung und in den Zusatzangeboten. Ein Pro-Abo liegt in Deutschland bei rund 12 Euro im Monat oder etwa 110 Euro im Jahr, das Business-Konto bei etwa 17 Euro pro Person und Monat. Diese Listenpreise sind nur der sichtbare Teil der Rechnung.
Der eigentliche Kostenhebel liegt in der Multiplikation. Ein Einzel-Abo klingt günstig, doch im Unternehmen summiert sich der Preis pro Kopf schnell zu fünfstelligen Jahresbeträgen. Hinzu kommen der Druckbereich, kostenpflichtige Vorlagen und Premium-Elemente, die im Gestaltungsfluss beiläufig gekauft werden. Sind erst alle Markenvorlagen in der Plattform hinterlegt, zahlt der Kunde zusätzlich mit dem Aufwand, den ein Wechsel bedeuten würde.
Aufschlussreich ist der Blick auf die Provisionslogik hinter den Kulissen. Beim Druck und beim Verkauf von Vorlagen behält der Anbieter jeweils einen Anteil ein, ähnlich der Take Rate einer Handelsplattform. Der Nutzer zahlt den Endpreis, doch ein Teil davon fließt als Provision an den Betreiber, bevor Druckpartner oder Vorlagen-Designer ihren Anteil erhalten. Diese Zwischenmarge bleibt im Editor unsichtbar, weil der Kauf im Gestaltungsfluss stattfindet und der Preis fertig erscheint. Diese Reibungslosigkeit macht die Nebenströme so ertragreich, denn der Nutzer vergleicht selten, was ein Druck anderswo kosten würde.
| Kostenbestandteil | Wer zahlt | Größenordnung |
|---|---|---|
| Gratis-Tarif | Niemand direkt, finanziert durch zahlende Nutzer | 0 Euro |
| Canva Pro (Einzelperson) | Selbständige, Kreative, Privatpersonen | rund 12 Euro pro Monat |
| Canva Teams und Business | Kleine und mittlere Unternehmen | etwa 17 Euro pro Person und Monat |
| Enterprise | Große Unternehmen und Konzerne | individuell, oft fünf- bis sechsstellig pro Jahr |
| Canva Print | Nutzer, die drucken lassen | pro Bestellung, variabel |
| Premium-Elemente und Vorlagen | Nutzer im Gestaltungsfluss | Kleinbeträge, in Summe relevant |
Auffällig ist die Preisdynamik über die Zeit. Canva hebt die Preise seiner Firmen-Abos regelmäßig an, während der Gratis-Zugang großzügig bleibt. Preissteigerungen treffen also vor allem die gebundenen Firmenkunden, während der Massenmarkt mit immer neuen Gratis-Funktionen bei Laune gehalten wird. Diese Asymmetrie ist kein Zufall, sie folgt logisch aus dem Modell: Wo der Wechsel teuer ist, lässt sich der Preis leichter erhöhen.
Wer profitiert und wer zahlt drauf?

Profitieren tun die Gründer, die Mitarbeitenden mit Anteilen, die Investoren und die produktivsten Kreativen, während Wettbewerber, abhängige Vorlagen-Designer und klassische Agenturen unter Druck geraten. Das Ehepaar Perkins und Obrecht kommt gemeinsam auf ein Vermögen von über 14 Milliarden australischen Dollar (rund 8 Milliarden Euro). Doch die Gewinne verteilen sich breiter, als es diese Schlagzeile vermuten lässt.
Auf der Gewinnerseite stehen zunächst die frühen Kapitalgeber und die Belegschaft. Die Mitarbeiter-Aktienplatzierungen machten zahlreiche Beschäftigte wohlhabend, lange vor einem Börsengang. Auch die produktivsten Vorlagen-Designer verdienen über den Kreativen-Fonds ein verlässliches Zusatzeinkommen. Bemerkenswert ist die soziale Geste der Gründer, die den Großteil ihres Anteils über eine Stiftung verschenken wollen, ein Schritt, der in der Tech-Welt selten ist.
Diese Großzügigkeit hat einen handfesten Kern. Die Gründer kündigten an, den weit überwiegenden Teil ihres Anteils über eine Stiftung für wohltätige Zwecke einzusetzen, ein Versprechen im Wert von mehreren Milliarden. Zugleich stärkt diese Erzählung vom guten Unternehmen die Marke und erleichtert den Zugang zu Talenten und Politik. Für die Belegschaft zählt vor allem der nüchterne Vorteil der Aktienpakete, die viele Beschäftigte an den Wertsteigerungen teilhaben lassen. Ein Börsengang würde diese Papiere in echtes Geld verwandeln und eine neue Welle wohlhabender Mitarbeitender schaffen, ganz wie es andere Tech-Erfolge zuvor vorexerziert haben.
Auf der Verliererseite steht zuerst der große Rivale. Adobe muss zusehen, wie ein Herausforderer seine Einstiegskundschaft abwirbt und mit gratis verschenkter Profi-Software nachlegt. Klassische Grafikagenturen und freiberufliche Designer spüren den Druck, weil viele einfache Aufträge heute intern mit der Plattform erledigt werden. Und die Vorlagen-Designer geraten in eine typische Plattform-Abhängigkeit: Einmal auf die Reichweite des Konzerns angewiesen, akzeptieren sie dessen Konditionen, auch wenn diese sich verschlechtern.
Dieser Plattform-Fluch ähnelt dem Ressourcenfluch ganzer Volkswirtschaften. Beim Eintritt in das Ökosystem lockt zunächst die Reichweite, doch Schritt für Schritt schwindet die Verhandlungsmacht. Die Kreativen liefern den Nachschub an Vorlagen, sind aber ersetzbar, während der Konzern die Spielregeln allein bestimmt. Diese Machtverschiebung von den vielen Zulieferern zur einen Plattform ist das eigentliche Muster hinter dem freundlichen Auftritt.
Canva hat die schlaueste Kasse der Softwarebranche gebaut. Sie verschenkt das Werkzeug an die Massen und verkauft die Ordnung an die Unternehmen. Um zu verstehen, wie moderne Plattformen Geld verdienen, muss man nur zählen, wer hier zahlt und wer bezahlt wird.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
| Gruppe | Rolle im Modell | Bilanz |
|---|---|---|
| Gründer und Investoren | Eigentümer und Kapitalgeber | klare Gewinner, Milliardenvermögen |
| Mitarbeitende mit Anteilen | Belegschaft | Gewinner durch Aktienplatzierungen |
| Produktive Vorlagen-Designer | Zulieferer von Inhalten | Gewinner mit Zusatzeinkommen, aber abhängig |
| Firmenkunden | zahlende Basis | gebunden, tragen Preissteigerungen |
| Adobe und Wettbewerber | Konkurrenz | unter Druck im Einstiegssegment |
| Klassische Agenturen | Marktteilnehmer | Verlierer bei einfachen Aufträgen |
Wie politisch ist Canva?

Canva ist weniger klassisch politisch als die großen Plattformkonzerne, gerät aber über KI-Trainingsdaten, Steuerstruktur und den Umzug in die USA zunehmend in regulatorisch heikles Gebiet. Der Konzern pflegt das Image des sympathischen australischen Herausforderers, doch mit Größe und Börsenambition wächst die politische Angriffsfläche. Drei Felder verdienen besondere Aufmerksamkeit.
Das erste ist der Umgang mit Nutzerinhalten für das KI-Training. Der Anbieter räumte sich das Recht ein, hochgeladene Designs zu verwenden, und musste nach öffentlicher Kritik nachjustieren. Der Kreativen-Fonds von 200 Millionen US-Dollar ist auch ein Instrument, um Streit über Datennutzung und Urheberrechte zu entschärfen. Mit dem EU-Recht rückt zudem die Kennzeichnungspflicht für KI-erzeugte Inhalte in den Blick, die den Konzern in Europa zu mehr Transparenz zwingt.
Klassische Lobbyarbeit betreibt der Anbieter bislang deutlich zurückhaltender als die großen Plattformkonzerne aus dem Silicon Valley. Das liegt an der australischen Herkunft und daran, dass der Grafikdienst lange unter dem Radar der Regulierer wuchs. Mit dem Umzug in die USA und der wachsenden Marktmacht dürfte auch der Aufwand für politische Beziehungen steigen. Hinzu kommt das Selbstbild als zertifiziertes Unternehmen mit sozialem Anspruch, das dem Konzern gegenüber Aufsichtsbehörden einen Vertrauensvorschuss verschafft. Wie belastbar dieser Vorschuss ist, wird sich zeigen, sobald Wettbewerbshüter die nächste Übernahme genauer prüfen.
Das zweite Feld ist die Konzernstruktur. Canva verlegte 2026 seinen Firmensitz in die USA, offiziell zur Vorbereitung des Börsengangs. Solche Sitzverlegungen haben stets auch eine steuerliche Dimension, weil sie beeinflussen, wo Gewinne anfallen und wo sie versteuert werden. Für deutsche und europäische Nutzer stellt sich zugleich die Frage, nach welchem Datenschutzrecht ihre Inhalte künftig behandelt werden.
Das dritte Feld ist der öffentliche Auftritt. Canva positioniert sich als zertifiziertes Unternehmen mit sozialem Anspruch und verweist auf die Stiftungspläne der Gründer. Dieses Framing als guter Riese ist selbst ein politisches Instrument, weil es Regulierern und Öffentlichkeit den Wind aus den Segeln nimmt. Ob die soziale Erzählung dem Druck eines börsennotierten Wachstumszwangs standhält, wird sich erst nach dem Gang an die Börse zeigen. Bislang gelingt der Spagat, weil das Unternehmen aus einer Position der Stärke agiert und keine kurzfristigen Kapitalgeber bedienen muss. Eben dieser Freiraum könnte mit dem ersten öffentlichen Quartalsbericht enden, wenn Analysten und Fonds ihre eigenen Erwartungen an das Wachstum anlegen.
Was könnte Canva zu Fall bringen?

Zu Fall bringen könnten den Anbieter vor allem drei Kräfte: eine KI, die das Vorlagengeschäft entwertet, ein erdrückender Wettbewerb der Tech-Riesen und die Erwartungen eines Börsengangs. Kein einzelnes Risiko ist akut tödlich, doch in Kombination könnten sie das Wachstum abrupt bremsen. Eine nüchterne Risikoanalyse zeigt die Bruchstellen.
Das erste Risiko ist paradoxerweise die eigene Stärke. Wenn generative KI das Erstellen von Grafiken auf einen einzigen Satzbefehl reduziert, verliert der Vorteil aus Vorlagen und Bausteinen an Bedeutung. Ausgerechnet Werkzeuge wie ChatGPT könnten die Einstiegshürde so weit senken, dass die Vorlagenbibliothek zum Auslaufmodell wird. Canva begegnet dem mit eigenen KI-Zukäufen, kämpft damit aber gegen eine Technik, die sein Kerngeschäft potenziell überflüssig macht.
Das zweite Risiko ist der Wettbewerb der Konzerne mit tieferen Taschen. Microsoft, Google und Adobe können KI-Design in ihre bestehenden Pakete einbauen und quersubventionieren. Für sie ist ein Gestaltungswerkzeug nur ein Feature unter vielen, für Canva ist es das ganze Geschäft. In einem Preiskampf gegen Anbieter, die Design verschenken können, weil sie an anderer Stelle verdienen, gerät das Freemium-Modell selbst unter Druck.
Das dritte Risiko liegt in der Börsenambition. Ein Gang an die Börse bringt Transparenzpflichten, Quartalsdruck und Aktionäre, die stetiges Wachstum erwarten. Der bislang selbstbestimmte Kurs des Gründerpaars könnte einem kurzatmigeren Renditedenken weichen. Bleibt das Nutzerwachstum hinter den hohen Erwartungen zurück, könnte die Bewertung von 42 Milliarden US-Dollar rasch als zu optimistisch gelten.
Jenseits dieser drei Hauptrisiken lauern die schwer kalkulierbaren Schwarzen Schwäne. Ein Rechtsstreit über die Nutzung von Trainingsdaten könnte teuer werden, ebenso eine plötzliche Verschärfung der KI-Regulierung in wichtigen Märkten. Und wie bei vielen gründergeführten Unternehmen hängt viel am Führungsduo, dessen Rückzug eine spürbare Lücke hinterlassen würde. Selbst ein Datenskandal rund um die Millionen hochgeladener Entwürfe wäre denkbar und würde das Vertrauen der Nutzer empfindlich treffen. Keines dieser Szenarien ist wahrscheinlich, doch ihre Wirkung wäre so groß, dass sie in keiner ernsthaften Risikobetrachtung fehlen dürfen.
Was bedeutet Canva für deutsche Unternehmer und Verbraucher?

Für deutsche Nutzer ist Canva zugleich ein günstiges Werkzeug, ein Wettbewerber für Agenturen und eine Datenschutzfrage, deren Antwort sich mit dem US-Umzug verschiebt. Selbständige und kleine Betriebe erledigen hier für rund 110 Euro im Jahr Aufgaben, die früher eine Agentur kosteten. Der Nutzen ist real, doch er hat mehrere Kehrseiten.
Für Verbraucher und Kleinunternehmer überwiegt zunächst der praktische Vorteil. Ein Logo, ein Flyer oder ein Social-Media-Beitrag entsteht hier ohne Designkenntnisse und mit geringem Budget. Gerade der deutsche Mittelstand und die vielen Solo-Selbständigen profitieren von der niedrigen Einstiegshürde und den KI-Funktionen. Der Preis dafür ist die Abhängigkeit von einer Plattform, deren Bedingungen und Preise sich jederzeit ändern können.
Für Grafikagenturen und Designbüros ist der Befund ambivalent. Einfache Aufträge wandern zunehmend zum Selbermachen ab, was das untere Preissegment austrocknet. Agenturen sichern ihr Überleben nur noch über Strategie, Markenführung und anspruchsvolle Gestaltung, die ein Vorlagenwerkzeug nicht abdeckt. Zugleich nutzen viele Agenturen die Plattform selbst, um Routineaufgaben schneller zu erledigen, und werden so vom Wettbewerber zum Werkzeugkunden.
Für den deutschen Mittelstand stellt sich damit eine strategische Frage. Das Werkzeug senkt die Kosten für Gestaltung spürbar, macht aber zugleich abhängig von einem ausländischen Anbieter, dessen Preise und Bedingungen sich ändern können. Ein kluger Umgang verbindet den Nutzen der Plattform mit einer bewussten Grenze, etwa indem zentrale Markenwerte auch außerhalb des Dienstes gesichert bleiben. Kleine und mittlere Betriebe sollten den Gratis-Zugang nutzen, den echten Bedarf prüfen und erst dann in bezahlte Konten wechseln. So bleibt der Vorteil erhalten, ohne dass die Abhängigkeit zur Falle wird.
Für alle deutschen Nutzer bleibt der Datenschutz die offene Flanke. Mit der Sitzverlegung in die USA und dem KI-Training an Nutzerinhalten stellen sich Fragen nach der Datenschutz-Grundverordnung neu. Bei sensiblen Entwürfen lohnt die Prüfung, welche Rechte man dem Anbieter einräumt und wie sich das mit europäischen Vorgaben verträgt. Der bequeme Zugang zu professioneller Gestaltung hat einen Preis, der nicht auf der Rechnung steht.
| Rolle | Chance | Empfehlung |
|---|---|---|
| Verbraucher und Selbständige | professionelle Gestaltung für kleines Geld | Gratis-Tarif nutzen, vor dem Abo den echten Bedarf prüfen |
| Kleine und mittlere Unternehmen | schnelle interne Gestaltung ohne Agentur | Markenvorlagen zentral anlegen, Datenschutz vertraglich klären |
| Agenturen und Designbüros | Routine auslagern, auf Strategie fokussieren | eigenes Angebot vom Vorlagenwerkzeug abgrenzen |
| Geschäftspartner und Zulieferer | Reichweite über den Vorlagenmarkt | Abhängigkeit begrenzen, mehrere Kanäle bespielen |
Der Blick auf die kommenden zwölf Monate bietet drei Szenarien. Im optimistischen Fall gelingt der Börsengang, die KI-Funktionen ziehen weitere Firmenkunden an und der Anbieter festigt seine Rolle als günstige Standardsoftware für Gestaltung. Im realistischen Fall wächst der Konzern solide weiter, muss aber im Preiskampf mit den Tech-Riesen Federn lassen und die hohen Erwartungen dämpfen. Im pessimistischen Fall entwertet die freie KI-Konkurrenz das Vorlagengeschäft schneller als gedacht, und die Bewertung gerät unter Druck. Für deutsche Nutzer bleibt in allen drei Fällen der Rat, den Nutzen des Werkzeugs mitzunehmen, ohne sich blind von einer einzigen Plattform abhängig zu machen. Im Alltag mit Canva zählen die gewonnene Zeit und das gesparte Geld, zugleich aber lohnt der wache Blick darauf, dass ein börsennotierter Konzern andere Prioritäten setzen kann als ein unabhängiges Gründerpaar. Die Blackbox ist geöffnet, die Entscheidung über die eigene Abhängigkeit trifft jeder Nutzer selbst.
Glossar: 12 wichtige Fachbegriffe zum Geschäftsmodell von Canva

ARR
ARR steht für Annual Recurring Revenue, den auf ein Jahr hochgerechneten wiederkehrenden Umsatz aus Abonnements. Die Kennzahl zeigt, wie viel Umsatz planbar Jahr für Jahr fließt, und ist bei Software-Diensten der wichtigste Wachstumsmaßstab.
Freemium
Freemium bezeichnet ein Modell, bei dem eine Grundversion kostenlos ist und nur Zusatzfunktionen Geld kosten. Ziel ist es, über die große Gratis-Basis eine kleine, aber wachsende Zahl zahlender Kunden zu gewinnen.
Take Rate
Take Rate ist der Anteil, den eine Plattform von einer über sie abgewickelten Transaktion einbehält. Bei Canva greift dieses Prinzip im Vorlagen- und Elemente-Marktplatz, wo der Anbieter an jeder kostenpflichtigen Nutzung mitverdient.
Lock-in
Lock-in beschreibt die Bindung eines Kunden an ein Produkt, deren Aufhebung mit hohen Wechselkosten verbunden ist. Zentral hinterlegte Markenvorlagen und Freigabeprozesse erzeugen bei Canva genau diesen Effekt.
Netzwerkeffekt
Netzwerkeffekt meint den Zuwachs an Wert, den ein Dienst mit jedem weiteren Nutzer gewinnt. Je mehr Menschen Vorlagen erstellen und teilen, desto reicher wird der gemeinsame Katalog und desto attraktiver die Plattform.
Quersubventionierung
Quersubventionierung liegt vor, wenn ein profitabler Bereich einen bewusst defizitären Bereich finanziert. Das margenstarke Abo-Geschäft von Canva trägt den margenschwachen Druck und die verschenkte Profi-Software.
Bruttomarge
Bruttomarge ist der Anteil des Umsatzes, der nach Abzug der direkten Herstellungskosten übrig bleibt. Digitale Abos erreichen hier Werte von deutlich über 80 Prozent, physische Druckprodukte deutlich weniger.
Enterprise
Enterprise bezeichnet das Geschäft mit großen Unternehmen, die viele Lizenzen zentral verwalten. Dieser Bereich ist bei Canva der am schnellsten wachsende und margenstärkste Teil des Modells.
Magic Studio
Magic Studio ist die hauseigene KI-Suite von Canva, die Texte, Bilder und Layouts automatisch erzeugt. Sie kam 2025 auf rund 800 Millionen Nutzungen pro Monat und ist zentral für die Bindung neuer Kunden.
Freemium-Konversion
Freemium-Konversion beschreibt den Anteil der Gratis-Nutzer, der zu zahlenden Kunden wird. Bei Canva liegt er mit etwa zwölf Prozent hoch, weil die absolute Nutzerbasis riesig ist.
Plattform-Fluch
Plattform-Fluch nennt man die schleichende Abhängigkeit von Zulieferern und Nutzern gegenüber einer dominierenden Plattform. Vorlagen-Designer profitieren zunächst von der Reichweite, verlieren mit der Zeit aber Verhandlungsmacht.
Redomizilierung
Redomizilierung ist die Verlegung des rechtlichen Firmensitzes in ein anderes Land. Canva vollzog sie 2026 in die USA, vor allem zur Vorbereitung eines Börsengangs, mit steuerlichen und rechtlichen Folgen.
Häufige Fragen zum Geschäftsmodell von Canva

Quellen
- Canva – A transformative year for Canva, 2025 in review (Newsroom) – www.canva.com/newsroom/news/canva-2025-wrap – besucht am 11.08.2026
- Canva – More from Canva Create: Canva Offline, Pro Design, Learn Grid und Print Shop (Newsroom) – www.canva.com/newsroom/news/canva-create-2026-launches – besucht am 11.08.2026
- Sacra – Canva revenue, valuation und funding – sacra.com/c/canva – besucht am 11.08.2026
- SaaStr – Canva Crosses 3,3 Billion ARR, 42 Billion Valuation – www.saastr.com – besucht am 11.08.2026
- TechTimes – Canva Signals IPO, 42B Share Sale, US Redomicile – www.techtimes.com – besucht am 11.08.2026
- Startup Daily – Canva earmarks 200 million in royalty payments – www.startupdaily.net – besucht am 11.08.2026
- Australian Financial Review – Young Rich List, Perkins und Obrecht – www.afr.com – besucht am 11.08.2026
- Europäische Zentralbank – Euro-Referenzkurs US-Dollar, 10.08.2026 – www.ecb.europa.eu – besucht am 11.08.2026