Am 27. August legte Marvell Quartalszahlen vor, die fast jedes Ziel übertrafen: Rekordumsatz, ein Rechenzentrumsgeschäft mit 46 Prozent Wachstum und eine angehobene Prognose bis 2028. Am nächsten Morgen stand die Aktie rund sechs Prozent tiefer. Zwischen diesen beiden Fakten liegt die eigentliche Nachricht über den KI-Ausbau.

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen

Das Wichtigste in Kürze

  • Marvell steigerte den Quartalsumsatz auf 2,38 Milliarden Euro, 37 Prozent mehr als vor einem Jahr.
  • Das Rechenzentrumsgeschäft trug 1,89 Milliarden Euro bei und macht inzwischen 79 Prozent des Umsatzes aus.
  • Die Bruttomarge sinkt leicht, weil kundenspezifische KI-Chips weniger einbringen als Standardprodukte.
  • Trotz angehobener Prognose fiel die Aktie um rund sechs Prozent, weil die Erwartungen noch höher lagen.

Was steckt hinter Marvells Rekordquartal?

Ein Pokal in Form eines goldenen Chips auf einem weißen Siegerpodest mit einem Sticker
Marvell verdient 1,89 Milliarden Euro mit Chips für KI-Rechenzentren, 46 Prozent mehr als im Vorjahr. Das Unternehmen liefert Netzwerk-Silizium und Speicher-Controller statt KI-Beschleuniger

Das Rechenzentrum macht fast den ganzen Umsatz: Von 2,38 Milliarden Euro Quartalsumsatz entfielen 1,89 Milliarden auf Chips für KI- und Cloud-Rechenzentren, 46 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.[1] Marvell baut keine KI-Beschleuniger wie Nvidia, sondern die Bausteine daneben: kundenspezifische Chips, Netzwerk-Silizium und Speicher-Controller, die ein Rechenzentrum überhaupt erst zusammenschalten.

Maßgeschneiderte Chips treiben das Wachstum: Amazon, Google und Microsoft lassen ihre KI-Beschleuniger zunehmend selbst entwerfen, statt sie fertig bei Nvidia zu kaufen, und Marvell ist neben Broadcom der wichtigste Auftragsdesigner dafür. Wie viel Kapital dieser Wettlauf bindet, zeigt sich daran, dass Broadcom laut Bloomberg bis zu 87 Milliarden Euro Fremdkapital für Anthropics KI-Chips aufnimmt.

Die Prognose steigt kräftig: Für das laufende Quartal stellt Marvell 2,74 Milliarden Euro in Aussicht, gut 50 Prozent über dem Vorjahr, und hob den Ausblick auf rund 10,4 Milliarden Euro für 2027 und rund 15,7 Milliarden Euro für 2028 an.[1] Alle Beträge sind aus US-Dollar zum Kurs 0,87 umgerechnet, Stand 28. August 2026.

Warum fällt die Aktie trotz Rekordzahlen?

Erwartung als Messlatte: Der Kurs bildet nicht die Zahlen ab, sondern den Abstand zur Erwartung. Nach einem vielbeachteten Chip-Abkommen mit Google hatten Anleger noch mehr eingepreist, und selbst 50 Prozent Wachstum blieben dahinter zurück. Ähnlich lief es bei Nvidia, dessen Rekordquartal mit 83,7 Milliarden Euro Umsatz die Aktie ebenfalls nicht beflügelte.

Die Marge bröckelt genau dort, wo das Wachstum herkommt: Kundenspezifische KI-Chips werfen weniger ab als Marvells Standardware, weshalb die Bruttomarge im laufenden Quartal um fast einen Prozentpunkt auf 57,5 bis 58,5 Prozent sinkt. Je stärker das margenschwächere Geschäft wächst, desto mehr verwässert es den Gewinn je verkauftem Chip.

Ein Klumpenrisiko bleibt: Fast vier Fünftel des Umsatzes hängen an einer Handvoll Hyperscaler, die zugleich ein Interesse daran haben, mehr Chipentwicklung selbst zu übernehmen. Genau diese Rückwärtsintegration zeichnet sich ab, etwa wenn OpenAI mit dem Inferenzchip Jalapeño eigene Hardware gegen Nvidia stellt.

Sobald schon 37 Prozent Wachstum als Enttäuschung gelten, misst der Markt KI-Zulieferer nicht mehr an ihrem Geschäft, sondern an einer Fantasie. Marvell verdient glänzend und wird trotzdem abgestraft, weil seine besten Kunden zugleich seine künftigen Konkurrenten sind.

— Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
Marvells Rekordquartal in Zahlen
Warum starke KI-Chip-Zahlen den Kurs trotzdem nicht stützen
2,38 Mrd. €
Quartalsumsatz, 37 Prozent mehr als vor einem Jahr
1,89 Mrd. €
aus dem Rechenzentrumsgeschäft, 79 Prozent des Umsatzes
2,74 Mrd. €
Umsatzprognose fürs laufende Quartal, rund 50 Prozent über Vorjahr
rund 6 %
Kursverlust am Tag nach den Zahlen
57,5 bis 58,5 Prozent Bruttomarge peilt Marvell fürs laufende Quartal an, fast einen Prozentpunkt weniger als zuletzt, weil kundenspezifische KI-Chips weniger einbringen.

Was bedeutet der KI-Chip-Boom für europäische Entscheider?

Kostenfrage Cloud: Europäische Unternehmen bauen ihre KI-Strategien auf Cloud-Kapazität, deren Preis an genau diesen Chips hängt. Solange Hyperscaler weiter Rekordsummen in Rechenzentren stecken, bleibt Rechenleistung teuer, und ein Teil dieser Kosten landet in den Cloud-Rechnungen deutscher Mittelständler.

Die Bubble-Frage steht im Raum: Dass der Markt selbst glänzende Zahlen abstraft, deutet auf Zweifel an der Dauer des Booms. Investoren wie der Big-Short-Anleger Michael Burry halten die KI-Gewinne für aufgebläht, und Nvidia stoppte gerade ein Finanzierungsmodell, mit dem der Konzern die Nachfrage nach eigenen Chips selbst ankurbelte.

Zwei Schlüsse bleiben für Entscheider: KI-Budgets nicht auf die heutigen Cloud-Preise festschreiben, sondern Spielraum für Schwankungen einplanen. Und beim Aufbau eigener KI-Infrastruktur die Abhängigkeit von wenigen US-Zulieferern mitdenken, die der EU Chips Act zwar mildern soll, vorerst aber nicht auflöst.

Quelle

[1] Marvell Technology: „Marvell Technology, Inc. Reports Second Quarter of Fiscal Year 2027 Financial Results“

Mehr Newshunger?

4,1 19 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?