Im deutschen Einzelhandel ist 2025 so viel Ware verschwunden wie nie zuvor. Die Inventurdifferenzen kletterten auf 5,11 Milliarden Euro, ein Plus von 3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Umsatz wuchs im selben Zeitraum nur um 2 Prozent. Das geht aus der aktuellen Studie des EHI Retail Institute hervor.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDen größten Brocken macht der Diebstahl aus. Auf das Konto von Kundschaft, Mitarbeitenden, Lieferanten und Servicepersonal gehen 4,33 Milliarden Euro. Allein die Kundschaft verantwortet einen Warenverlust von 3,05 Milliarden Euro, womit die Drei-Milliarden-Marke erstmals überschritten ist.
Wer steckt hinter den Milliardenverlusten?

Die Verteilung zeigt ein klares Bild. Auf die Kundschaft entfallen 3,05 Milliarden Euro, auf die eigenen Angestellten 910 Millionen Euro, auf Lieferanten und Servicefirmen 370 Millionen Euro. Die restlichen 780 Millionen Euro stammen aus organisatorischen Mängeln, also Erfassungs-, Buchungs- und Bewertungsfehlern.
Ein Drittel des Diebstahlschadens, rund eine Milliarde Euro, geht auf organisierte und gewerbsmäßige Banden zurück. Diese Tätergruppen bezeichnet das EHI als größte Herausforderung. Dem Staat entgehen durch den gesamten Schwund jährlich etwa 590 Millionen Euro an Umsatzsteuer.
Warum bleiben fast alle Diebstähle unentdeckt?

Die offizielle Statistik bildet das Geschehen kaum ab. Über 98 Prozent der Fälle werden nicht erkannt und damit auch nicht angezeigt. Hochgerechnet bleiben jährlich rund 24,8 Millionen Ladendiebstähle im Wert von je 123 Euro unbemerkt.
Hinzu kommt eine wachsende Anzeigemüdigkeit. Viele Händler verzichten selbst bei erkannten Fällen auf eine Anzeige, weil Verfahren häufig eingestellt werden. Studienautor Frank Horst führt die Zunahme auf zwei Faktoren zurück: den finanziellen Druck durch gestiegene Lebenshaltungskosten und eine aus Sicht des Handels unzureichende Strafverfolgung.
Wenn 98 Prozent der Fälle gar nicht erst auffallen, ist Diebstahl kein Sicherheitsproblem einzelner Filialen mehr, sondern eine strukturelle Lücke in der Warenwirtschaft. Hier entscheidet bessere Datenanalyse mehr als ein weiterer Detektiv am Ausgang.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Was kosten die Sicherheitsmaßnahmen?

Der Schutz wird teurer. Im Schnitt aller Branchen gibt der Handel rund 0,33 Prozent seines Umsatzes für Sicherheitsmaßnahmen aus, von der Warensicherung über Kameraüberwachung bis zu Detektiven und Analysesoftware. Die Ausgaben für Präventionsmaßnahmen stiegen 2025 auf 1,7 Milliarden Euro.
Rechnet man interne Aufwände wie Bestandskontrollen, Schulungen und Datenanalysen hinzu, kommen weitere 1,6 Milliarden Euro zusammen. Die Gesamtkosten der Diebstahlabwehr belaufen sich damit auf rund 3,3 Milliarden Euro pro Jahr. Die Datenbasis der Erhebung bilden 103 Unternehmen mit 21.225 Verkaufsstellen und einem Gesamtumsatz von 116,3 Milliarden Euro.
Dass Diebstahl längst eine eigene Ökonomie bildet, zeigt auch der Blick auf verwandte Bereiche. Wie ein Schwarzmarkt ganze Branchen finanziert, hat die Redaktion in der ökonomischen Anatomie des Fahrraddiebstahls aufgeschlüsselt. Warum schlanke Sortimente und scharfe Prozesse im Handel über die Marge entscheiden, lesen Sie in unserer Analyse zum Aldi-Geschäftsmodell. Und wie sich der stationäre Handel insgesamt unter Druck wandelt, beleuchtet der Beitrag zu Innenstädten im Sog des Online-Handels.