Expedia trennt sich von acht Führungskräften aus Produkt und Technik, zwei Wochen nach einem Quartal über der eigenen Prognose. Der Grund im internen Schreiben ist die Taktung der Arbeit: Aufgaben von mehreren Wochen sind zunehmend in Stunden erledigt. An einem solchen Umbau hängt in Deutschland eine Mitbestimmungsfrage, die in Seattle niemand stellt.

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Der KI-Umbau bei Expedia kostet acht Führungskräfte den Posten. Produktchefin Shilpa Ranganathan und Technikchef Ramana Thumu begründen den Schnitt in einem internen Schreiben vom 18. August, das dem Branchendienst GeekWire vorliegt. Fünf weitere Führungskräfte rücken im selben Zug auf.

Das Wichtigste in Kürze

  • Acht Abgänge: Senior Vice President Sachin Singh und sieben Vice Presidents verlassen die Produkt- und Technikorganisation.
  • Begründung: „KI hat radikal verändert, was möglich ist“, heißt es im internen Schreiben von Ranganathan und Thumu.
  • Wachstum im Rücken: Im zweiten Quartal stieg das gebuchte Volumen auf 29,5 Mrd. Euro, der Gewinn auf 764 Mio. Euro.
  • DACH-Unterschied: § 111 BetrVG und § 31 SprAuG verlangen hierzulande eine Beteiligung, bevor ein solcher Umbau greift.

Warum trifft der Umbau die Führungsebene statt der Teams?

Gartenzwerg mit „Urlaub“-Schild vor einem Strukturdiagramm aus Pappe
Die Koordinationsschicht wird zum Engpass: Ein Vice President braucht Tage für Aufgabenverteilung, während KI-Teams in Stunden fertig sind

Die Koordinationsschicht wird zum Engpass, sobald die Arbeit darunter schneller wird. Ein Vice President verteilt Aufgaben zwischen Teams, gleicht Prioritäten ab und trägt Entscheidungen nach oben. Dieser Weg kostet Tage, während ein Entwicklungsteam mit KI-Werkzeugen seinen Teil in Stunden fertig hat.

Expedia zieht daraus zwei Konsequenzen. Datenplattformen und agentische Systeme unterstehen künftig Xavier Amatriain, dem Chief AI and Data Officer. Darunter arbeiten kleinere Einheiten mit klarer Zuständigkeit.

Den Berliner KI-Reiseplaner Layla hatte der Konzern erst Ende Juli gekauft. Der Druck kommt von der Buchungsseite: KI-Assistenten schieben sich zwischen Reisende und Anbieter, ByteDances Doubao kassiert in China bereits 12 Prozent je vermittelter Hotelbuchung.

Wie verbreitet ist der Schnitt in die Führungsebene?

Die Spannen wachsen seit Jahren. Gallup zählt für 2025 im Schnitt 12,1 direkte Berichte je Führungskraft in den USA, ein Jahr zuvor waren es 10,9, bei der ersten Messung 2013 nur 8,2.[2] Weniger Vorgesetzte führen also mehr Leute.

Amazon-Chef Andy Jassy hat den Zusammenhang bereits 2025 offen benannt: Die breite Nutzung von KI werde die Zahl der Beschäftigten in der Verwaltung in den kommenden Jahren senken.[3] Bei Etsy traf der Abbau 220 Stellen, bei BMW die Verwaltung statt der Fertigung. Neu an Expedia ist die Ebene, nämlich acht Positionen aus der zweiten Reihe ohne Abbau in der Breite.

„Wir nutzen KI als Kraftverstärker, um schneller Neues zu entwickeln und effizienter zu arbeiten“, sagte Ariane Gorin, Vorstandschefin von Expedia, bei der Vorlage der Quartalszahlen am 5. August.[1] Die Zahlen stützen den Kurs: 111,5 Millionen gebuchte Zimmernächte und eine angehobene Jahresprognose.

Expedia: der Umbau nach dem Wachstumsquartal
Kennzahlen zum zweiten Quartal 2026 und zur Führungsspanne in den USA
8
Führungskräfte verlassen die Produkt- und Technikorganisation, fünf rücken auf
29,5 Mrd. €
Gebuchtes Volumen im zweiten Quartal, ein Plus von 12 Prozent
764 Mio. €
Quartalsgewinn, gut das Zweieinhalbfache des Vorjahreswerts
16.000
Beschäftigte zum Jahresende 2025, rund die Hälfte davon in der Technik
Direkte Berichte je Führungskraft in den USA
2013, erste Messung 8,2
2024 10,9
2025 12,1

Acht Abgänge nach einem Quartal über Plan haben mit Sparzwang nichts zu tun. Expedia streicht die Ebene, deren Aufgabe das Abstimmen war, weil Abstimmen langsamer geworden ist als Arbeiten.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Was heißt das für Unternehmen im DACH-Raum?

Die Mitbestimmung macht den Unterschied. Eine grundlegende Änderung der Betriebsorganisation gilt nach § 111 BetrVG als Betriebsänderung, über die der Arbeitgeber den Betriebsrat rechtzeitig unterrichten und mit ihm beraten muss, sobald mehr als zwanzig wahlberechtigte Arbeitnehmer beschäftigt sind.[4]

Für die Betroffenen selbst greift ein anderes Verfahren. Vice Presidents zählen hierzulande regelmäßig zu den leitenden Angestellten, für die nicht der Betriebsrat zuständig ist, sondern der Sprecherausschuss. Vor jeder Kündigung eines leitenden Angestellten ist dieses Gremium zu hören, andernfalls bleibt die Kündigung unwirksam.[5]

EnBW senkt den Personalbedarf mit KI ohne betriebsbedingte Kündigungen. Bei Nutanix saß der Betriebsrat beim Stellenabbau mit am Tisch. Zwei Schritte lohnen sich deshalb vor jedem KI-Umbau: die geplante Struktur gegen § 111 BetrVG prüfen und je Position klären, ob ein leitender Angestellter im Sinne von § 5 Abs. 3 BetrVG vorliegt.

Quellen

[1] Expedia Group: „Expedia Group Reports Second Quarter 2026 Results“ (SEC-Formular 8-K, 05.08.2026)

[2] Gallup: „Span of Control: What’s the Optimal Team Size for Managers?“

[3] Amazon: „Some thoughts on Generative AI“ von Andy Jassy

[4] Bundesamt für Justiz: Betriebsverfassungsgesetz, § 111 Betriebsänderungen

[5] Bundesamt für Justiz: Sprecherausschussgesetz, § 31 Personelle Maßnahmen

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