
Ist die KI-Euphorie schon wieder vorbei?

Markus Seyfferth
Autor Dr. WebJahrelang lautete die unausgesprochene Regel in der KI-Branche: erst beeindrucken, dann irgendwie Geld verdienen. Diese Woche ist die Rechnung dafür aufgemacht worden.
Waren Sie schon in dieser Situation? Ein neues KI-Produkt erscheint, alle staunen, die Presse überschlägt sich, Millionen laden die App herunter. Sechs Monate später ist es weg. Genau das ist Sora passiert. OpenAI hat am 24. März seine Videoplattform eingestellt. Fidji Simo, OpenAIs Produktchefin, hat das intern auf den Punkt gebracht: „We cannot miss this moment because we are distracted by side quests.“ Sora war ein side quest. Und ein teurer: täglich mehr als 13 Mio. Euro Betriebskosten, 1,8 Mio. Euro Gesamteinnahmen in der gesamten Laufzeit. Das ist keine Wachstumsschwäche. Das ist ein Geschäftsmodell, das nie existiert hat.
Das Wichtigste in Kürze
- OpenAI stellt Sora, alle Video-Features in ChatGPT und die geplante 1-Mrd.-USD-Disney-Partnerschaft gleichzeitig ein
- Codex-Limits wurden still von 2x auf 0,5x gesenkt, ohne offizielle Ankündigung
- Microsoft mietete das 700-MW-Rechenzentrum in Abilene, Texas, das Oracle und OpenAI wegen Finanzierungsstreitigkeiten aufgaben
- Chinesische Modelle wie MiniMax M2.7 und Xiaomi MiMo-V2-Pro liefern vergleichbare Leistung zu einem Bruchteil westlicher Preise
Wer hat die letzten drei Jahre eigentlich bezahlt?
Die Antwort lautet: Investoren. Deren Geduld endet gerade. OpenAI bereitet sich auf einen Börsengang vor, CFO Sarah Friar hat öffentlich gesagt, das Unternehmen müsse börsenreif werden. Produkte, die nicht skalierbar verdienen, werden gestrichen. Dabei hat OpenAI zuletzt 23 Mrd. Euro annualisierten Jahresumsatz gemeldet und plant, die Belegschaft bis Ende 2026 auf 8.000 Mitarbeiter zu verdoppeln. Sora passte in diese Gleichung nicht mehr hinein.
Dabei steckt hinter Soras Abschaltung eine Pointe, die in der Berichterstattung untergeht: Sora war nie wirklich ein Video-Tool. Das Modell hat gelernt, wie physikalische Realität funktioniert. Wie Objekte fallen. Wie Licht sich bricht. Wie sich Menschen bewegen. Das Video war der sichtbare Output, nicht der eigentliche Kern. Bill Peebles, Leiter des Sora-Teams, hat die neue Mission so beschrieben: Systeme zu bauen, die die Welt verstehen, indem sie beliebige Umgebungen hochgenau simulieren. Genau diese Fähigkeit ist für Robotik-Training wertvoll. Statt einen Roboter in der echten Welt lernen zu lassen, trainiert man ihn in simulierten Umgebungen. Der Schritt von Sora zur Robotik ist kein Trost-Pivot. Er ist strategisch begründet.
Das ist der eigentliche Einschnitt dieser Woche. Nicht ein einzelnes abgeschaltetes Produkt, sondern das Ende einer Denkweise. Drei Jahre lang galt: Wer am lautesten staunen lässt, gewinnt. Jetzt gilt: Wer den Strom bezahlt, gewinnt.
Und da kommt Microsoft ins Bild. Das Rechenzentrum in Abilene, Texas, das Oracle und OpenAI wegen Finanzierungsstreitigkeiten aufgaben, hat Microsoft umgehend gemietet. 700 Megawatt Kapazität, direkt neben dem gemeinsamen Stargate-Campus der beiden. Auf der Chip-Ebene läuft dasselbe Spiel: Tesla, SpaceX und xAI bauen mit Terafab ein eigenes Halbleiterwerk für bis zu 21,5 Mrd. Euro. Microsoft braucht das Modell-Rennen nicht zu gewinnen. Microsoft vermietet die Schaufeln an alle, die Gold suchen.
Was das für Ihren Coding-Stack heute bedeutet

OpenAI bündelt seine verbliebenen Produkte jetzt in einer einzigen Desktop-Superapp, die Codex, den Atlas-Browser und ChatGPT zusammenführt. Das Ziel laut Simo: „Our opportunity now is to take those 900 million users and turn them into high-compute users.“ Anders gesagt: OpenAI will mit seinen treuesten Nutzern mehr Geld verdienen. Die stillen Limit-Senkungen bei Codex von 2x auf 0,5x in dieser Woche passen genau in dieses Bild. Zuckerberg geht gerade denselben Weg und baut KI-Agenten, die Hierarchieebenen überspringen sollen. Alle großen Player konsolidieren gleichzeitig.
Während OpenAI seine Produktlinie verschlankt, haben chinesische Labore in denselben Wochen ihre Angebote ausgebaut. MiniMax M2.7 (erschienen 18. März) erreicht auf Coding-Benchmarks Werte auf Augenhöhe mit GPT-5.3-Codex. Der Preis liegt bei 0,30 USD pro 1 Mio. Input-Token, sechzehnmal günstiger als vergleichbare westliche Modelle. Xiaomi MiMo-V2-Pro bietet 1 Billion Parameter, 1 Mio. Token Kontext und kostet 1 USD pro 1 Mio. Input-Token. GLM-5 von z.ai ist MIT-lizenziert, vollständig auf Huawei-Chips trainiert und liefert die höchsten SWE-Bench-Werte unter den chinesischen Frontier-Modellen. Warum Hardware-Unabhängigkeit dabei zunehmend zählt, zeigt der KI-Boom unter geopolitischem Druck.
Das ist keine Benchmark-Debatte. Das ist ein Preisargument, das in jeder IT-Budgetplanung auftaucht, sobald die Codex-Limits weiter fallen. Aggregatoren wie OpenRouter und Vercel machen den Wechsel heute möglich, ohne den bestehenden Workflow aufzugeben. OpenAI hat mit GPT-5.4 zuletzt gezeigt, wohin die Reise geht: Modelle, die Menschen bei echten Desktop-Aufgaben übertreffen. Die chinesische Konkurrenz holt auf diesem Weg monatlich auf.
Wer seinen Coding-Stack heute auf einen einzigen Anbieter setzt, kauft sich eine Abhängigkeit, die sich dieser Anbieter zunehmend vergolden lässt. Die Frage ist nicht, ob man irgendwann wechseln will. Die Frage ist, ob man bereit ist, wenn der nächste stille Limit-Cut kommt.
Quellen
OpenAI Sora Farewell Post: x.com/soraofficialapp
Microsoft to rent Texas data center: bloomberg.com/news/articles/2026-03-24/microsoft-to-rent-texas-data-center
new-minimax-m2-7-proprietary-ai-model-is-self-evolving
Xiaomi MiMo-V2-Pro – venturebeat.com/technology/xiaomi-stuns-with-new-mimo-v2-pro-llm-nearing-gpt-5-2-opus-4-6-performance
Chinese frontier models compared – maniac.ai/blog/chinese-frontier-models-compared-glm5-minimax-kimi-qwen
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