Ein Seecontainer verlässt den Hamburger Hafen, wird auf einen Zug verladen und erreicht München nicht. Früher endete die Spur genau hier, irgendwo zwischen Verladung und Ziel. Hapag-Lloyd ortet inzwischen rund zwei Millionen Container in Echtzeit und lässt bei einer Störung neuerdings eine KI den Ausweg vorschlagen.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie Reederei verbindet die Positionsdaten ihrer Flotte jetzt mit dem SAP-System, das den Frachtfluss abwickelt. Verpasst eine Ladung den Bahnanschluss, empfiehlt die Software selbst den Umstieg auf den Lkw und nennt die zusätzliche Fahrzeit. Damit rückt die Lieferkette in dieselbe Liga wie andere Branchen, die zunehmend auf künstliche Intelligenz setzen.
Das Wichtigste in Kürze
- Hapag-Lloyd hat rund zwei Millionen Container mit Funkmodulen ausgerüstet, etwa 90 % der Trockencontainer-Flotte.
- An Land meldet jeder Container seine Position alle 15 Minuten, auf See alle sechs Stunden.
- Neu ist die KI-Funktion: Bei Verzögerungen schlägt das System einen anderen Verkehrsträger samt neuer Ankunftszeit vor.
- Für deutsche Verlader senkt die durchgehende Sichtbarkeit Pufferbestände und liefert Belege für die Lieferkettensorgfalt.
Was macht Hapag-Lloyd jetzt anders?

Von der Ortung zur Handlung: Die reine Standortverfolgung läuft bei der Reederei seit Jahren. Jeder der rund zwei Millionen vernetzten Container meldet an Land alle 15 Minuten seine Position, auf See alle sechs Stunden.[1] Diese Daten füllen bisher vor allem ein Dashboard.
Die KI greift ein: Hapag-Lloyd hat die Positionsdaten in das SAP-System eingebettet, das den gesamten Transport steuert. Verpasst ein Schiff den Zuganschluss, prüft die KI-Schicht Joule automatisch, ob ein Lkw die Ladung übernehmen kann, und schätzt die zusätzliche Fahrzeit.[2] Aus einer Ortsmeldung wird so eine Handlungsempfehlung.
Warum ist die Sichtbarkeit erst der Anfang?
Ein alter Wettlauf: Vernetzte Container sind keine Erfindung von 2026. Marktführer Maersk bestückte bereits 2015 rund 270.000 Kühlcontainer mit Sensoren und rüstete später auch Trockencontainer nach. Die gesamte Linienschifffahrt hat seither aufgeholt, die reine Sichtbarkeit ist zur Pflichtübung geworden.
Der eigentliche Bruch: Zwischen einer Positionsmeldung und einer Entscheidung klaffte lange eine Lücke. Karsten Schmidt, Product Owner bei Hapag-Lloyd, beschreibt diese Lücke so: „Wir wussten, wann ein Container auf ein Schiff geladen wurde oder wann er den Hamburger Hafen verließ. Kam er aber nicht wie geplant in München an, hatten wir keine Möglichkeit herauszufinden, was mit ihm geschehen war.“[2] Denselben Weg vom vernetzten Gerät zur Datenplattform gehen gerade Liebherr mit seinen Baumaschinen und Bosch mit den Fuhrparks von Handwerksbetrieben.
Echtzeit-Daten hatten viele Reedereien. Den Unterschied macht, dass Hapag-Lloyd die Entscheidung gleich mitliefert, statt sie allein dem Disponenten zu überlassen.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Bisher: reine Ortung
Der Container meldet seine Position. Bei einer Störung sah der Verlader das Problem, aber nicht den Ausweg.
Jetzt: Empfehlung
Die Plattform schlägt selbst die Alternative vor: einen anderen Verkehrsträger samt neuer Ankunftszeit.
Was bedeutet das für deutsche Verlader?
Importeure gewinnen verlässlichere Ankunftszeiten und können Pufferbestände senken. Zugleich liefert die lückenlose Ortung Belege für die Sorgfaltspflichten nach dem Lieferkettengesetz.
Weniger Puffer, mehr Nachweis: An verlässlichen Ankunftszeiten hängt in der deutschen Industrie mit ihrer Just-in-time-Fertigung viel. Eine dynamische Prognose, die Verzögerungen früh meldet, senkt teure Sicherheitsbestände und die Liege- und Standgelder für blockierte Container. Das Lieferkettengesetz verlangt zudem Nachweise über den Warenweg, die eine durchgehende Ortung liefert.
Jetzt zu prüfen: Verlader sollten von ihren Reedereien echte Ereignisdaten und dynamische Ankunftszeiten einfordern, nicht nur den Buchungsstatus. Wie stark die Branche auf Automatisierung setzt, zeigen autonome Lkw von Daimler Truck ebenso wie KI-Agenten, die im Handel schon selbst bezahlen. Dass sich die höheren Frachtraten für die Reederei auszahlen, zeigte zuletzt die angehobene Jahresprognose.
Die Technik steht. Den Vorsprung holen die Betriebe heraus, die die Ankunftsdaten in ihre Disposition ziehen, statt sie als nettes Extra zu behandeln.
Quellen
[1] Hapag-Lloyd: „Live Position“, Echtzeit-Ortung der Container-Flotte
[2] SAP: „Connecting Cargo: Live Positioning Streamlining Supply Chains“
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