Shervin Korangy wechselt aus dem Aufsichtsrat von Fresenius Medical Care an die Spitze des Dialysekonzerns und löst Helen Giza vorzeitig ab. Gründe für Gizas Abgang nennt das Unternehmen nicht. Entschieden hat ein Aufsichtsrat, dessen Vorsitzender zugleich den größten Aktionär führt.

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Fünf Tage liegen bei Fresenius Medical Care zwischen der Ankündigung und dem Amtsantritt des neuen Chefs. Am 7. Oktober teilte der Dax-Konzern aus Bad Homburg mit, dass der 51-jährige Korangy am 12. Oktober den Vorstandsvorsitz übernimmt.[1] Die Aktie schloss am selben Tag fast sieben Prozent unter dem Schlusskurs des Vortags.

Das Wichtigste in Kürze

  • Helen Giza verlässt Fresenius Medical Care mit Ablauf des 11. Oktober, nach vier Jahren als Vorstandschefin und drei Jahren als Finanzvorständin.
  • Nachfolger Shervin Korangy saß seit 2023 im Aufsichtsrat und führte zuvor den Augenchirurgie-Spezialisten BVI Medical.
  • Aufsichtsratschef Michael Sen leitet zugleich Fresenius, das noch rund 25 Prozent der Aktien hält und seinen Anteil schrittweise abbaut.
  • Korangy legte sein Aufsichtsratsmandat nieder, weil das Aktiengesetz beide Ämter zugleich ausschließt.

Warum wechselt Fresenius Medical Care jetzt die Spitze?

Weisse Trillerpfeife mit orangem Band, Armbinde und Anhänger
Fresenius Medical Care wechselt den Konzernchef nach erfolgreichem Sparprogramm FME25+, das die Kostenbasis um 1,2 Milliarden Euro senkte

Offiziell begründet der Konzern den Wechsel mit dem Ende einer Phase. Unter Giza senkte Fresenius Medical Care mit dem Programm FME25+ die Kostenbasis um rund 1,2 Milliarden Euro, straffte die Organisation und vereinfachte Abläufe.[1] Im zweiten Quartal stieg das bereinigte operative Ergebnis gegenüber dem Vorjahresquartal um 23 Prozent, während der Umsatz nur um ein Prozent zulegte. Aufsichtsratschef Michael Sen sagt: „Die Transformation der vergangenen Jahre hat ihre Ziele weitgehend erreicht, und die nächste Wachstumsphase wird von einem anderen Führungsprofil profitieren.“[1]

Sen führt zugleich den Gesundheitskonzern Fresenius, der seine Beteiligung seit der Entkonsolidierung 2023 als Finanzinvestition behandelt. Von damals 32,2 Prozent hat Fresenius den Anteil auf etwa 25 Prozent abgebaut, zuletzt im August mit dem Verkauf von 7,8 Millionen Aktien für rund 300 Millionen Euro.[2] Für den größten Aktionär zählt deshalb auch, zu welchem Kurs er die restlichen Papiere verkaufen kann.

In die letzten Wochen von Gizas Amtszeit fielen der Hackerangriff vom 22. September und der Rückzug aus Teilen des China-Geschäfts mit rund 110 Millionen Euro Sonderkosten. Einen Zusammenhang mit dem Chefwechsel stellt Fresenius Medical Care nicht her.

Was bringt Shervin Korangy mit?

Korangy führte von 2017 bis Januar 2026 den US-Medizintechnikhersteller BVI Medical und baute ihn zu einem Spezialisten für Augenchirurgie aus, dessen Produkte fast 90 Länder erreichen. Danach beriet er BVI und den Finanzinvestor TPG Capital. Bei Novartis leitete er unter anderem die Konzernfinanzierung, seine Laufbahn begann er mit mehr als 14 Jahren beim Finanzinvestor Blackstone.[1]

Sen hebt ausdrücklich Korangys Erfahrung in der Kapitalallokation hervor, also bei der Frage, wohin das Geld eines Konzerns fließt. Ein ähnliches Signal sendete im August Qiagen: Der Diagnostikkonzern holte mitten in einer strategischen Prüfung einen Chef mit Erfahrung im Firmenverkauf. Ob Fresenius Medical Care den Zuschnitt des Konzerns ändern will, lässt der Aufsichtsrat offen. Anfang November legt Korangy voraussichtlich seine ersten Quartalszahlen vor.

Fresenius Medical Care: der Chefwechsel in Zahlen
Was der neue Vorstandschef vorfindet und wie viel Fresenius noch hält
12.10.2026
übernimmt Shervin Korangy den Vorstandsvorsitz
1,2 Mrd. €
niedriger ist die Kostenbasis nach dem Sparprogramm FME25+
fast 110.000
Beschäftigte zählt Fresenius Medical Care weltweit
7 Jahre
saß Helen Giza im Vorstand, drei als Finanzvorständin und vier als Vorstandschefin
So schrumpft der Anteil von Fresenius
2023
32,2 Prozent hält Fresenius bei der Entkonsolidierung und führt den Anteil seitdem als Finanzbeteiligung
März 2025
rund 28,6 Prozent bleiben nach einer Platzierung mit rund 1,1 Mrd. Euro Bruttoerlös
Aug. 2026
etwa 25 Prozent bleiben nach dem Verkauf von 7,8 Mio. Aktien für rund 300 Mio. Euro

Bei Fresenius Medical Care bestimmt ein Aufsichtsratschef den neuen Kurs, dessen Konzern die Beteiligung Stück für Stück verkauft.

Michael Dobler, Herausgeber Dr. Web
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Darf ein Aufsichtsrat einfach in den Vorstand wechseln?

Nach dem Aktiengesetz darf niemand zugleich im Aufsichtsrat und im Vorstand derselben Gesellschaft sitzen. Erlaubt ist nur, ein Aufsichtsratsmitglied für höchstens ein Jahr als Stellvertreter in den Vorstand zu entsenden.[3] Diesen Weg ging Thyssenkrupp 2019, als Aufsichtsratschefin Martina Merz übergangsweise den Vorstandsvorsitz übernahm. Korangy legte sein Mandat dagegen ganz nieder, seinen Platz soll Ann Custin per gerichtlicher Bestellung einnehmen.[1]

Für Aufsichtsräte zeigt der Fall, wie schnell eine Nachfolge aus dem eigenen Gremium gelingt: Der Kandidat kennt Zahlen und Strategie schon aus den Sitzungen. Der Preis dafür: Das Gremium kontrolliert künftig einen früheren Kollegen, der die bisherige Strategie selbst mit abgesegnet hat. Als Lieferant oder Klinikpartner von Fresenius Medical Care lesen Sie die Novemberzahlen am besten mit einer Frage im Kopf: Will der neue Chef Sparten verkaufen oder Firmen zukaufen?

Quellen

[1] Fresenius Medical Care: „Shervin J. Korangy appointed CEO of Fresenius Medical Care to lead the next phase of strategic development and long-term profitable growth“ (07.10.2026)

[2] Fresenius: „Fresenius verkauft 7,8 Millionen Fresenius Medical Care-Aktien im Wert von rund 300 Millionen Euro“ (20.08.2026)

[3] Aktiengesetz: § 105 Unvereinbarkeit der Zugehörigkeit zum Vorstand und zum Aufsichtsrat

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