Der Online-Broker flatexDEGIRO hat im zweiten Quartal 2026 einen Rekordgewinn gemeldet und die Jahresprognose angehoben. Der Gewinn wächst dabei mehr als doppelt so schnell wie der Umsatz. Hinter dem Sprung steht auch ein neues EU-Verbot, das die Konkurrenz härter trifft als flatexDEGIRO selbst.

drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügen

flatexDEGIRO hat am 22. Juli 2026 das profitabelste Quartal der Firmengeschichte vorgelegt und seine Mittelfristziele ein Jahr früher erreicht als geplant. Interessant ist weniger die Rekordmeldung als die Frage, warum ausgerechnet jetzt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Konzernergebnis im zweiten Quartal 2026 lag bei 61,3 Millionen Euro, ein Plus von 55 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal.
  • Der Umsatz stieg im gleichen Zeitraum nur um 26 Prozent auf 166,5 Millionen Euro, die Kosten sanken sogar leicht.
  • Die Prognose für 2026 sieht nun ein Konzernergebnis von 200 bis 230 Millionen Euro vor, die 2027-Ziele sind damit ein Jahr früher erreicht.
  • Das EU-weite Verbot des Payment for Order Flow gilt seit dem 30. Juni 2026 und trifft vor allem Gratis-Broker.

Warum wächst der Gewinn doppelt so schnell wie der Umsatz?

Alte Kasse mit Bonrolle, Sparschwein oben, Schild „OHNE GRATIS-TRADES“ und Datum
Konzern verdoppelt Gewinn auf 61,3 Mio. Euro durch Provisionen aus 21,9 Mio. Trades und Zinsertrag bei stabilen Kosten

Zwei Ertragsquellen laufen gleichzeitig heiß: Provisionen aus 21,9 Millionen Trades und der Zinsertrag auf Kundengelder. Weil die Kosten dabei nicht steigen, schlägt jeder zusätzliche Euro Umsatz fast ungebremst auf den Gewinn durch.

Operativer Hebel. Das Konzernergebnis ist im zweiten Quartal auf 61,3 Millionen Euro geklettert, nach 39,5 Millionen ein Jahr zuvor.[1] Der Umsatz hat mit 26 Prozent auf 166,5 Millionen Euro deutlich langsamer zugelegt.

Zwei Motoren. Getragen wird das vom Provisions- und vom Zinsgeschäft. Das Netto-Provisionsergebnis ist um 30 Prozent auf 90,1 Millionen Euro gewachsen, weil die Kundschaft 21,9 Millionen Wertpapiergeschäfte abgewickelt und je Trade im Schnitt 4,64 statt 4,39 Euro gezahlt hat.

Zinsgeschäft. Der zweite Motor brachte 50,5 Millionen Euro Netto-Zinsergebnis, ein Fünftel mehr als im Vorjahr, gespeist aus 33 Prozent höheren Kundeneinlagen. Wie stark Zinsen ganze Geschäftsmodelle verändern können, hat zuletzt auch die Immobilienfinanzierung gezeigt.

Sinkende Kosten. Entscheidend ist die dritte Zahl. Die Kosten sind trotz des Wachstums um ein Prozent auf 59,6 Millionen Euro gesunken, und genau diese Schere macht aus 26 Prozent mehr Umsatz 55 Prozent mehr Gewinn.

Was hat das EU-Verbot des Payment for Order Flow damit zu tun?

Seit dem 30. Juni 2026 dürfen Broker in der EU kein Geld mehr dafür nehmen, Kundenaufträge an bestimmte Handelsplätze zu leiten. flatexDEGIRO verdient ohnehin an Gebühren und Zinsen, während reine Gratis-Broker ihr Kerngeschäft umbauen müssen.

Ende der Schonfrist. Zum 30. Juni 2026 ist die deutsche Ausnahme ausgelaufen, mit der Payment for Order Flow hierzulande zwei Jahre länger erlaubt war als im Rest der EU.[2] Deutschland war der einzige Mitgliedsstaat, der diese Schonfrist bei der Aufsicht ESMA angemeldet hatte.

Verstecktes Geschäft. Payment for Order Flow bezeichnet Zahlungen, die ein Broker dafür kassiert, Kundenaufträge an einen bestimmten Market Maker weiterzuleiten. Genau dieses Modell finanziert bei vielen Neobrokern das provisionsfreie Trading.

Zwei Beine. flatexDEGIRO steht auf zwei Ertragssäulen, die das Verbot nicht antastet: echte Provisionen und Zinserträge. Die kostenlosen Rivalen, die lange mit Robinhoods Modell aus den USA verglichen wurden, müssen ihre Erlöse nun auf Gebühren, Abos oder eigene Handelsplätze umstellen.

Das Ende des kostenlosen Wertpapierhandels sortiert den europäischen Brokermarkt neu. Die Anbieter mit echten Gebühren und Zinserträgen gehen daraus gestärkt hervor, die reinen Gratis-Modelle geraten unter Druck.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
flatexDEGIRO: Rekordquartal, das der Umsatz nicht erklärt
Zweites Quartal 2026 und das EU-Verbot, das den Markt sortiert
+55 %
Konzernergebnis im zweiten Quartal 2026, auf 61,3 Millionen Euro
+26 %
Umsatz auf 166,5 Millionen Euro, bei um 1 Prozent gesunkenen Kosten
200 bis 230 Mio. €
angehobene Gewinnprognose 2026, die 2027-Ziele ein Jahr früher
3,66 Mio.
Kundenkonten, 108,3 Milliarden Euro verwahrtes Vermögen
Payment for Order Flow: seit dem 30. Juni 2026 EU-weit verboten. Deutschlands zweijährige Ausnahme ist ausgelaufen, das Modell finanziert vor allem Gratis-Broker, nicht flatexDEGIRO.

Was bedeutet das für Anleger und Entscheider?

Das kostenlose Depot bleibt, doch es wird künftig über Spreads, Zinsmargen oder Abos finanziert statt über den Verkauf von Aufträgen. Ein Preisvergleich zwischen Brokern lohnt sich 2026 besonders.

Versteckte Kosten. Für Privatanleger verschwindet das provisionsfreie Depot nicht, aber seine Finanzierung wandert in weniger sichtbare Posten: in die Geld-Brief-Spanne beim Kauf, in die Zinsmarge auf dem Verrechnungskonto oder in Abogebühren.

Aktienkultur. Der Trend zum eigenverantwortlichen Vermögensaufbau hält an. 3,66 Millionen Kundenkonten und 108,3 Milliarden Euro verwahrtes Vermögen zeigen, dass immer mehr Menschen in Europa selbst anlegen. Selbst klassische Institute öffnen sich diesem Publikum, etwa als die Sparkassen ihren Kunden den Krypto-Handel freischalteten, während sich der Bankensektor im DACH-Raum zugleich neu ordnet.

Klarer Prüfblick. Für Entscheider lohnt der genaue Blick auf die Ertragsquelle des eigenen Brokers oder Zahlungsdienstleisters. Ein Modell, das nur am Zins hängt, schwächelt, sobald die Leitzinsen sinken, und ein Modell, das allein vom Auftragsfluss lebte, ist seit Juni ohnehin Geschichte.

Quellen

[1] flatexDEGIRO SE: „Online broker flatexDEGIRO further expands record results and increases Net Income by 55 Percent“, EQS-News, 22. Juli 2026.

[2] ESMA: „List of EU Member States using the temporary exemption from the PFOF prohibition under the MiFIR review“, 27. März 2024.

Mehr Newshunger?

4,1 14 Bewertungen

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?