Ein Bienenvolk in Deutschland zählt im Sommer bis zu 60.000 Tiere, und davon gibt es rund 976.400. Auf jede Bürgerin und jeden Bürger kommen damit etwa 470 Bienen, die keine Verfassung kennen, keine Kasse führen und trotzdem in vier von neun Disziplinen besser dastehen als die Bundesrepublik. In einer Disziplin allerdings verliert das Volk so deutlich, dass daraus die eigentliche Geschichte wird.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenNach Ameisen und Ratten tritt in dieser Folge ein „Gegner“ an, der aus der Reihe fällt. Die Honigbiene ist kein Wildtier, sondern ein Nutztier, und ihr Staat gehört juristisch jemandem.
Rund 143.000 Imkerinnen und Imker halten in Deutschland gut 976.000 Völker, die allermeisten davon nebenbei. Der bestorganisierte Staat auf deutschem Boden ist gleichzeitig der einzige, der ohne Entwicklungshilfe zusammenbricht.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Bienenvolk umfasst im Sommer 40.000 bis 60.000 Tiere und schrumpft im Winter planvoll auf rund 10.000. Hochgerechnet leben rund 39 Milliarden Honigbienen in Deutschland.
- Ein Bienenvolk entscheidet per Quorum. Kundschafterinnen werben mit Tänzen für Nistplätze, und die Mehrheit setzt sich ohne Königin und ohne Fraktionszwang durch.
- Ohne Varroabehandlung überlebt kaum ein Volk. Die Milbe verantwortet laut Deutschem Bienenmonitoring bis zu 95 Prozent der Herbst- und Winterverluste.
- Die Bestäubungsleistung von rund zwei Milliarden Euro im Jahr hängt an einer Freizeitbeschäftigung. Nur etwa 500 Berufsimker gibt es im ganzen Land.
Wie groß ist ein Bienenvolk, und wie viele Bienen leben in Deutschland?

Anders als bei den Ratten beginnt dieser Vergleich mit einer angenehmen Überraschung: Die Zahlen sind bekannt. Bienenhaltung ist beim Veterinäramt anzuzeigen, und das Bundeslandwirtschaftsministerium veröffentlicht jedes Jahr eine Versorgungsbilanz für Honig.
Für 2025 weist die Versorgungsbilanz Honig rund 976.400 Bienenvölker aus, knapp vier Prozent weniger als im Vorjahr. Der Rückgang fällt aus dem Rahmen, denn der Bestand ist über zehn Jahre hinweg gewachsen, getragen vom Boom der Hobbyimkerei in den Städten.
Ein Knick nach so langem Wachstum verdient Aufmerksamkeit. Vier Prozent in einem Jahr sind kein Betriebsunfall, sondern der erste sichtbare Bruch in einer Kurve, die lange nur nach oben zeigte.
Ein Bienenvolk besteht im Sommer aus 40.000 bis 60.000 Arbeiterinnen, einer Königin und einigen hundert bis wenigen tausend Drohnen. Rechnet man vorsichtig mit 40.000 Tieren je Volk, ergibt das rund 39 Milliarden Honigbienen und damit etwa 470 Bienen je Einwohner.
Diese Zahl ist eine Modellrechnung, und wir kennzeichnen sie ausdrücklich als solche. Rechnet man mit 60.000 Tieren je Sommervolk, landet man bei knapp 59 Milliarden und damit bei rund 700 Bienen je Kopf.
Die Bandbreite unserer Rechnung liegt also bei fast 50 Prozent. Belastbar ist allein die Zahl der Völker, alles Weitere ist Multiplikation, und so sollte man es auch lesen.
Im Winter kippt die Rechnung. Ein Bienenvolk zieht sich auf rund 10.000 Tiere zusammen, die restliche Bevölkerung stirbt planmäßig ab, aus 39 Milliarden werden knapp zehn. Kein anderer Staat auf deutschem Boden schrumpft jeden Herbst um drei Viertel, ohne dass jemand von einer Krise spräche.
Die gute Datenlage verdankt sich dem Recht. Die Bienenseuchen-Verordnung verpflichtet jeden Halter zur Anzeige beim zuständigen Veterinäramt, unabhängig von der Zahl der Völker. Jedes Bienenvolk hat damit eine Adresse und einen Verantwortlichen.
Der Kontrast zur vorigen Folge ist frappierend. Über die Rattenpopulation weiß die Bundesrepublik fast nichts, über das Bienenvolk fast alles, und der Unterschied liegt nicht in der Biologie, sondern im Eigentum. Gezählt wird, was jemandem gehört.
Wer regiert im Bienenvolk?

Die Königin regiert nicht. Diese Erkenntnis ist alt, sie hat sich nur bis in die Alltagssprache nicht durchgesetzt.
Die Königin eines Bienenvolks legt Eier, bis zu 2.000 am Tag in der Hochsaison, und hält das Volk über Pheromone zusammen. Befehle erteilt sie keine, Vorräte verwaltet sie nicht, und über den Standort des Nestes entscheidet sie ebenfalls nicht.
Regiert wird durch Arbeitsteilung entlang des Lebensalters. Eine junge Arbeiterin putzt zunächst Zellen, versorgt danach als Ammenbiene die Brut, baut Waben, bewacht das Flugloch und wird erst in den letzten Lebenswochen zur Sammlerin.
Der Beruf wechselt also mit dem Alter, nicht mit der Bewerbung. Ein Bienenvolk kennt keine Beförderung, sondern eine Laufbahn, die für alle gleich verläuft.
Die Lebensdauer verteilt sich dabei extrem ungleich. Eine Sommerbiene lebt vier bis sechs Wochen und arbeitet sich buchstäblich zu Tode, eine Winterbiene übersteht mehrere Monate, und die Königin kann mehrere Jahre alt werden.
Ein Bienenvolk besteht also aus Bürgern mit sehr unterschiedlicher Lebenserwartung, ohne dass daraus ein Verteilungskonflikt entstünde. Niemand rechnet nach, wer länger von den Vorräten profitiert.
Die Drohnen fallen aus diesem Muster heraus. Männliche Bienen sammeln nichts, bauen nichts und pflegen nichts, ihre einzige Aufgabe liegt in der Begattung einer jungen Königin auf dem Hochzeitsflug.
Ein Bienenvolk hält sich diese Reserve trotzdem den ganzen Sommer über, obwohl die meisten Drohnen nie zum Zug kommen. Redundanz kostet Futter und wird finanziert, weil der Ausfall teurer käme.
Zusammengehalten wird das Ganze durch chemische Signale und durch Bedarf. Fehlen Sammlerinnen, wechseln jüngere Tiere früher in den Außendienst, fehlt Brutpflege, kehren ältere Tiere zurück.
Diese Beweglichkeit ohne Anweisung ist der Kern des Begriffs Superorganismus. Das Volk verhält sich wie ein einzelnes Lebewesen, in dem die einzelne Biene die Rolle einer Körperzelle spielt.
Die Bundesrepublik löst dieselbe Aufgabe mit Stellenplänen, Tarifverträgen und Zuständigkeitsordnungen. Der Vorteil liegt auf der Hand, denn ein Mensch ist keine Zelle und soll auch keine sein.
Der Preis ist ebenfalls sichtbar. Ein Bienenvolk verschiebt Personal binnen Stunden dorthin, wo es fehlt, und eine deutsche Behörde braucht dafür einen Haushaltstitel.
Wie entscheidet ein Bienenvolk?

An dieser Stelle wird die Biene politisch interessant. Der amerikanische Verhaltensforscher Thomas Seeley hat über Jahrzehnte untersucht, wie ein Schwarm seinen neuen Wohnort wählt, und das Verfahren erinnert an ein Parlament ohne Fraktionszwang.
Sobald ein Schwarm ausgezogen ist, schwärmen mehrere hundert Kundschafterinnen aus und prüfen Baumhöhlen, Mauerspalten und Nistkästen. Jede zurückkehrende Kundschafterin wirbt mit einem Schwänzeltanz für ihren Fund, und die Intensität des Tanzes richtet sich nach der Qualität des Ortes.
Andere Bienen fliegen hin, prüfen selbst und tanzen anschließend ebenfalls, oder eben nicht. Schlechte Vorschläge verlieren an Werbung, gute gewinnen, und am Ende zählt ein Quorum an einem der Kandidatenorte.
Entscheidend ist dabei, dass keine einzelne Biene den Überblick hat. Keine Kundschafterin kennt alle Kandidatenorte, keine vergleicht die Optionen im Kopf, und die Bewertung entsteht ausschließlich aus der Summe der Werbeleistungen.
Trotzdem liefert dieser Mechanismus regelmäßig die beste verfügbare Wahl. Ein Kollektiv aus lauter Uninformierten trifft eine informierte Entscheidung.
Zur Debatte gehört ein Instrument, das in jedem Bundestag fehlen würde: das Stop-Signal. Eine Kundschafterin, die für einen konkurrierenden Ort wirbt, wird von Gegnerinnen mit kurzen Kopfstößen und einem Vibrationssignal zum Schweigen gebracht.
Die Debatte hat also einen eingebauten Abbruchmechanismus, damit sich das Volk nicht ewig zwischen zwei guten Optionen zerreibt. Eine Rednerin, die zu lange wirbt, wird schlicht angerempelt.
Bemerkenswert ist die Rolle der Königin in diesem Verfahren: Sie hat keine. Der Schwarm hängt als Traube an einem Ast, die Königin sitzt in der Mitte, und die Entscheidung über den künftigen Wohnort fällt ohne ihre Beteiligung.
Das Staatsoberhaupt wird mitgenommen, nicht gefragt. Ein Bienenvolk trifft die Entscheidung typischerweise in Stunden bis Tagen, die Bundesrepublik hat für ihre letzten Regierungsbildungen jeweils Wochen bis Monate gebraucht.
Den Vergleich wollen wir nicht überdehnen, denn ein Koalitionsvertrag regelt mehr als eine Baumhöhle. Trotzdem bleibt die Frage, warum ein Insektenkollektiv einen Abbruchmechanismus für endlose Debatten kennt und ein Verfassungsorgan nicht.
Wie kommuniziert ein Bienenvolk?

Die Sprache der Bienen hat einen Nobelpreis eingebracht. Karl von Frisch hat 1973 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin erhalten, unter anderem für die Entschlüsselung des Schwänzeltanzes.
Eine Sammlerin codiert darin zwei Informationen zugleich: die Richtung der Futterquelle als Winkel zum Sonnenstand und die Entfernung über die Dauer des Schwänzellaufs. Kein Formular, keine Zwischeninstanz, keine Rückfrage.
Das Sammelgebiet eines Volkes umfasst nach Angaben des Deutschen Imkerbunds annähernd 50 Quadratkilometer, eine Fläche etwa so groß wie die Kölner Innenstadt. Über dieses Gebiet hinweg funktioniert die Meldung ohne Karte und ohne Adresse.
Wie viel Arbeit dahintersteckt, zeigt eine weitere Rechnung des Imkerbunds. Für 500 Gramm Honig fliegen die Sammlerinnen eines Volkes rund 40.000 Mal aus und legen dabei etwa 120.000 Kilometer zurück, dreimal um die Erde für ein halbes Pfund.
Jeder dieser Flüge beruht auf einer Meldung, die eine andere Biene im Dunkeln des Stocks getanzt hat. Ein Meldesystem, das ohne Licht auskommt, ist selbst in der Verwaltung eine Seltenheit.
Die Bundesrepublik kommuniziert im Bundesanzeiger, in Verwaltungsvorschriften und in Formularen, die eine Fachsprache voraussetzen. Beides ist präzise, nur zahlt der eine Staat mit Trainingsaufwand für seine Bürger und der andere mit gar nichts.
Wie sorgt ein Bienenvolk für den Winter vor?

Die Vorsorge eines Volkes ist gedeckt, und zwar wörtlich. Ein Bienenvolk trägt im Sommer so viel Nektar ein, dass der Wintervorrat je nach Betriebsweise bei etwa 15 bis 20 Kilogramm liegt.
Was der Imker als Honig entnimmt, ersetzt er durch Zuckerlösung. Darin liegt bereits die erste Abhängigkeit dieses Staates von seinem Betreuer, und sie wird nicht die letzte bleiben.
Im Winter bildet das Volk eine Wintertraube. Die Tiere rücken zusammen, zittern mit der Flugmuskulatur und halten den Kern der Traube weit über dem Gefrierpunkt, während außen Frost herrscht.
Die Wintertraube arbeitet mit einer Präzision, die jeden Gebäudetechniker beeindruckt. Am Rand herrschen Temperaturen knapp über der Erfrierungsgrenze, im Kern deutlich mehr, und die Bienen rotieren zwischen innen und außen, damit niemand dauerhaft die kalte Schicht bildet.
Geheizt wird also nur, was überleben muss, und die Rotation verteilt die Last. Ein Bienenvolk kennt keinen ungenutzten Raum, den es mitheizen müsste.
Genau hier beginnt die Abhängigkeit, um die es gleich gehen wird. Ein Volk, dem der Imker den Honig nimmt und Zuckerlösung hinstellt, überwintert auf einem Vorrat, den es geschenkt bekommen hat.
Die Rücklage ist echt, die Quelle nicht. Ein Staat, der seine Reserve gestellt bekommt, ist kein sparsamer Staat, sondern ein versorgter.
Der Vergleich mit der deutschen Alterssicherung fällt hart aus. Das Bienenvolk deckt seine Zukunft mit einem physisch vorhandenen Vorrat, die Bundesrepublik deckt ihre Rentenzusagen im Umlageverfahren mit den Beiträgen der jeweils Erwerbstätigen.
Bei einer Geburtenziffer von 1,32 Kindern je Frau ist das ein Versprechen auf Beitragszahler, die noch nicht geboren sind. Ein Bienenvolk würde einen solchen Winter nicht überstehen, und deshalb legt es Honig an statt Ansprüche.
| Kennzahl | Bienenvolk | Bundesrepublik |
|---|---|---|
| Bestand | rund 976.400 Völker, hochgerechnet rund 39 Mrd. Tiere | 83,5 Mio. Einwohner |
| Größe der Einheit | 40.000 bis 60.000 im Sommer, rund 10.000 im Winter | Durchschnittshaushalt rund 2 Personen |
| Entscheidungsdauer bei einem Umzug | Stunden bis Tage | Wochen bis Monate für eine Regierungsbildung |
| Vorsorge | 15 bis 20 kg Honig, physisch im Stock | Umlageverfahren, Deckung durch künftige Beitragszahler |
| Verluste pro Jahr | rund 15 bis 18 Prozent der Völker im Winter | Sterberate rund 1,2 Prozent der Bevölkerung |
| Überlebensfähigkeit ohne fremde Hilfe | bislang nicht nachgewiesen | gegeben |
Warum überlebt kein Bienenvolk ohne Imker?

Hier verliert die Biene, und zwar deutlich. Die Varroamilbe ist Ende der 1970er Jahre aus Asien eingeschleppt worden und vermehrt sich in der verdeckelten Brut.
Der Parasit schwächt die Larven und überträgt Viren, allen voran das Flügeldeformationsvirus. Laut Deutschem Bienenmonitoring geht der Befall mit Varroa destructor auf bis zu 95 Prozent der Herbst- und Winterverluste zurück.
Die Zahlen dazu liegen offen. Das Deutsche Bienenmonitoring beprobt seit rund zwei Jahrzehnten etwa 1.200 Völker dreimal jährlich, und im Winter 2021/22 haben die Verluste im Schnitt 18,3 Prozent betragen, regional zwischen 8,7 und 32,5 Prozent.
In anderen Jahren bewegt sich der Wert um 15 Prozent. Ein Imker, der die Behandlung ausfallen lässt, verliert seine Völker in aller Regel binnen weniger Jahre.
Behandelt wird überwiegend mit organischen Säuren, meist Ameisensäure im Spätsommer und Oxalsäure im Winter, dazu kommen Betriebsweisen wie das Ausschneiden der Drohnenbrut.
Der Aufwand fällt jedes Jahr an, in jedem Volk, in jeder Imkerei. Eine dauerhafte Lösung gibt es nicht, denn Zuchtprogramme auf Varroatoleranz laufen seit Jahrzehnten und liefern Fortschritte, aber keine Entwarnung.
Hinzu kommt ein neuer Gegner. Die Asiatische Hornisse breitet sich seit 2014 von Frankreich aus über Europa aus und erreicht inzwischen auch Deutschland, wo sie vor den Fluglöchern Sammlerinnen abfängt.
Das Bundeslandwirtschaftsministerium stuft diese Ausbreitung als europäisches Problem ein, das national allein niemand löst. Ein Bienenvolk kämpft damit gegen einen alten und einen neuen Parasiten, und beide Male hängt der Ausgang am Menschen.
Die entscheidende Frage lautet, ob ein Bienenvolk in freier Wildbahn ohne diese Hilfe zurechtkäme. Patrick Kohl, Benjamin Rutschmann und Ingolf Steffan-Dewenter von der Universität Würzburg haben verwilderte Völker in süddeutschen Wäldern kartiert und über mehrere Jahre verfolgt.
Solche Völker gibt es, sie stammen fast alle aus entflogenen Imkerschwärmen, und eine sich selbst erhaltende Population entsteht daraus bislang nicht. Die Wintersterblichkeit ist zu hoch.
Die Weltnaturschutzunion erkennt eine Population erst dann als wild an, wenn sie sich mindestens zehn Jahre ohne menschliche Hilfe hält. Für die Honigbiene in Europa hat diesen Nachweis bis heute niemand erbracht.
Damit steht ein Befund im Raum, den die Imkerei nicht gern hört. Der bestorganisierte Staat unserer Reihe ist ein Dauerempfänger, und ohne die jährliche Behandlung durch seinen Betreuer kollabiert er.
Was leistet ein Bienenvolk wirtschaftlich?

Die Gegenleistung fällt beachtlich aus. Der Deutsche Imkerbund beziffert den volkswirtschaftlichen Nutzen der Bestäubung durch Honigbienen in Deutschland auf rund zwei Milliarden Euro im Jahr.
Beim Honig selbst liegt der Ertrag bei durchschnittlich 39,4 Kilogramm je Volk im Jahr 2025, insgesamt rund 38.600 Tonnen. Ein Rekordwert, begünstigt durch das Wetter.
Der Eigenversorgungsgrad bleibt trotzdem mager. Deutschland hat 2025 etwa 86.700 Tonnen Honig verbraucht und rund 67.700 Tonnen importiert, vor allem aus Argentinien, der Ukraine, Chile und Mexiko.
Selbst im Rekordjahr deckt die heimische Produktion also weniger als die Hälfte des Bedarfs. Beim Grundnahrungsmittel Honig verhält sich die Bundesrepublik damit ähnlich wie bei anderen Gütern, deren Verwundbarkeit wir am Beispiel der Lebensmittelbranche beschrieben haben.
Wirtschaftlich lohnt sich die Sache für die wenigsten. Als Untergrenze für ein tragfähiges Betriebsergebnis gelten in der Branche etwa 30 Völker, und billige Importware drückt zusätzlich auf die Erlöse der Erwerbsimkereien.
Der Nutzen der Bestäubung fließt zudem nicht denen zu, die ihn erzeugen, sondern der Landwirtschaft, dem Obstbau und dem Handel. Eine Leistung ohne Rechnung, erbracht von Menschen, die ihr Hobby selbst bezahlen.
An dieser Stelle gehört ein unbequemer Satz in den Text. Die Honigbiene ist ein Nutztier mit Verband, Marke und Lobby, und ihr Bestand ist stabil.
Die rund 560 Wildbienenarten in Deutschland haben nichts davon. Mehr als die Hälfte von ihnen gilt als ausgestorben oder bestandsgefährdet, obwohl sämtliche Wildbienen nach dem Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützt sind.
Der Schutzstatus gilt ausdrücklich nicht für die domestizierte Honigbiene, die ihn am wenigsten braucht. Ein Naturschutzrecht, das die einzige nicht gefährdete Bienenart ausnimmt, arbeitet immerhin logisch.
Besonders deutlich wird die Verwechslung in den Städten. Bienenkästen auf Firmendächern gelten als Nachweis von Umweltbewusstsein, erscheinen im Nachhaltigkeitsbericht und kosten wenig.
Die Wildbienen, die dieselben Blüten anfliegen, tauchen in keinem Bericht auf. Ihr Schutz verlangt offene Bodenstellen, Totholz und späte Mahd statt eines fotogenen Kastens mit Firmenlogo.
Der populäre Ruf nach Bienenrettung geht deshalb häufig ins Leere. Ein zusätzliches Bienenvolk auf einem Stadtdach rettet keine gefährdete Art, sondern setzt konkurrierende Wildbienen unter zusätzlichen Nahrungsdruck.
Die Rote Liste der Berliner Wildbienen führt eine hohe Honigbienendichte inzwischen ausdrücklich als Gefährdungsfaktor. Gerettet wird also gern die Art, die eine Marketingabteilung hat.
Ein zweiter Blick lohnt sich beim Wachstum des Bestands. Städtische Hobbyimkerei hat die Völkerzahl über Jahre nach oben getrieben, ohne dass dafür eine Nachfrage aus der Landwirtschaft bestanden hätte.
Bestäubt wird trotzdem, und zwar dort, wo die Kästen stehen. Ein wachsender Bienenbestand ist deshalb kein Beleg für ein gesundes Ökosystem, sondern zunächst ein Beleg für ein beliebtes Hobby.
Wer kümmert sich um den Nachwuchs?

Die Antwort ist der eigentliche Schockmoment dieses Vergleichs. Eine Bestäubungsleistung von rund zwei Milliarden Euro hängt an einer Freizeitbeschäftigung.
In Deutschland gibt es etwa 143.000 Imkerinnen und Imker, davon halten 96 Prozent weniger als 25 Völker, und nur rund 500 Menschen betreiben die Imkerei hauptberuflich. Das Durchschnittsalter der Imkerschaft liegt bei etwa 57 Jahren.
Ein Volkswirt würde das eine gefährliche Konzentration nennen. Eine systemrelevante Leistung ruht auf einem Ehrenamt, das niemand bezahlt und das in der öffentlichen Debatte fast nie vorkommt.
Fällt eine Generation von Hobbyimkern aus, verschwindet mit ihr die Betreuung von rund einer Million Völker. Den Rest erledigt die Varroamilbe, und zwar innerhalb weniger Jahre.
Immerhin zeigt die Entwicklung nach oben. Seit rund 2008 steigt die Zahl der Imkerinnen und Imker wieder, der Frauenanteil liegt inzwischen bei über 23 Prozent und wächst weiter.
Die Bewegung ist real, sie ändert nur nichts an der Struktur. Im Schnitt betreut ein Imker rund sieben Völker, und die Pflege einer systemrelevanten Bestäubungsleistung bleibt eine Nebenbeschäftigung.
Die Bundesrepublik hat dasselbe Problem an mehreren Stellen, nur benennt es dort ebenfalls kaum jemand. Feuerwehr, Rettungsdienst, Vereinssport und Katastrophenschutz ruhen in weiten Teilen auf unbezahlter Arbeit von Menschen, deren Altersdurchschnitt steigt.
Wie dünn die Investitionsdecke insgesamt ist, haben wir an den Nettoinvestitionen gezeigt. Deutschland finanziert seine Resilienz zu einem erheblichen Teil aus Feierabenden, und diese Währung lässt sich nicht drucken.
Die Parallele reicht weiter, als es zunächst wirkt. Ein Ehrenamt lässt sich politisch nicht anordnen, sondern nur pflegen, und Pflege kostet Geld, Zeit und Anerkennung.
Genau diese drei Posten stehen in jedem Haushalt zuerst zur Debatte, weil ihr Ausfall nicht sofort auffällt. Die Rechnung kommt erst, sobald niemand mehr da ist, und dann kommt sie in voller Höhe.
Das Bienenvolk selbst kennt dieses Problem nicht. Die Königin legt bis zu 2.000 Eier am Tag, ein Volk ersetzt seine gesamte Sommerbevölkerung mehrfach pro Saison.
Nachwuchs ist im Stock keine Frage der Motivation, sondern der Fütterung. Das Bienenvolk hat den Nachwuchs, und uns fehlen die Betreuer.
Für Unternehmen und Kommunen folgt daraus eine konkrete Aufgabe. Blühflächen anlegen, Mahdtermine verschieben und offene Bodenstellen zulassen hilft den gefährdeten Arten tatsächlich, und all das kostet weniger als ein Kasten samt Patenschaftsvertrag.
Der Effekt taucht nur in keinem Foto auf. Genau darin liegt der Grund, warum die wirksame Maßnahme so selten gewählt wird und die sichtbare so oft.
Wie geht ein Bienenvolk mit seinen Schwachen um?

Zum Schluss die härteste Disziplin, und sie fällt eindeutig aus. Im Spätsommer, sobald die Trachtzeit endet, treiben die Arbeiterinnen die Drohnen aus dem Stock.
Die Männchen haben ihre Funktion erfüllt, sie sammeln nichts, sie pflegen nichts, sie fressen nur. Die Drohnenschlacht endet damit, dass die Drohnen vor dem Flugloch verhungern.
Auch die Königin genießt keinen Bestandsschutz. Lässt ihre Legeleistung nach, ziehen die Arbeiterinnen still eine Nachfolgerin heran und ersetzen sie, ohne Verfahren, ohne Anhörung, ohne Übergangsfrist.
Ein System, das seine eigene Spitze ohne Verfahren austauscht, kennt keine Amtszeit und keine Immunität. Effizient ist das, wünschenswert nicht.
Ein Bienenvolk optimiert kompromisslos auf das Überleben des Kollektivs, und das Einzeltier zählt darin nichts. Die Bundesrepublik hat sich für das Gegenteil entschieden, und dieser Satz ist keine Floskel.
Ein Sozialstaat, der Alte, Kranke und Nutzlose durchfüttert, ist die zivilisatorische Errungenschaft, um die es in dieser ganzen Reihe im Kern geht. Die Ameisen kennen sie nicht, die Ratten kennen sie nicht, und die Bienen erst recht nicht.
Den Vergleich halten wir an dieser Stelle bewusst für unfair, und das ist Absicht. Ein Staat, der niemanden verhungern lässt, zahlt dafür mit Trägheit, Kosten und Streit.
Ein Staat, der seine Drohnen vor die Tür setzt, ist effizient und wäre als Vorbild eine Katastrophe.
Wer gewinnt den Vergleich?

| Disziplin | Sieger | Begründung |
|---|---|---|
| Datenlage über sich selbst | Bundesrepublik | Anzeigepflicht, Versorgungsbilanz, jedes Volk erfasst |
| Organisation und Arbeitsteilung | Bienenvolk | Personal wechselt binnen Stunden, ohne Anweisung |
| Entscheidungsfindung | Bienenvolk | Quorum in Stunden, mit Abbruchmechanismus |
| Kommunikation | Bienenvolk | Ort und Menge in einem Signal, ohne Formular |
| Vorsorge für den Winter | Bienenvolk | Physischer Vorrat statt Umlageversprechen |
| Widerstand gegen Parasiten | Bundesrepublik | Ohne Behandlung kollabiert das Volk |
| Eigenständigkeit | Bundesrepublik | Keine sich selbst erhaltende Wildpopulation nachgewiesen |
| Nachwuchs und Betreuung | unentschieden | Beide Systeme hängen an alternden Ehrenamtlichen |
| Umgang mit den Schwachen | Bundesrepublik | Drohnenschlacht gegen Sozialstaat |
Vier zu vier bei einem Unentschieden. Zufällig derselbe Endstand wie bei der Rattenpopulation, und trotzdem ein völlig anderes Ergebnis, denn die Verteilung ist gespiegelt.
Diese Spiegelung ist der eigentliche Ertrag des Vergleichs. Organisation und Überlebensfähigkeit sind offenbar zwei verschiedene Dinge, und ein System kann in der einen Disziplin brillieren und in der anderen komplett durchfallen.
Die Ratte hat gegen die Bundesrepublik sämtliche Resilienzdisziplinen gewonnen und alle Moraldisziplinen verloren. Das Bienenvolk gewinnt genau umgekehrt: Organisation, Entscheidung, Kommunikation und Vorsorge, also alle Disziplinen des guten Regierens.
Verloren gehen ihm die Disziplinen des Überlebens. Der besser organisierte Staat ist der abhängigere.
Zwei Milliarden Euro Bestäubungsleistung hängen an 143.000 Hobbyimkern mit einem Altersschnitt von 57 Jahren. Ein Unternehmen mit dieser Abhängigkeit von einem einzigen Lieferanten würde von jedem Wirtschaftsprüfer abgemahnt.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Über drei Folgen hinweg ergibt sich damit ein Muster. Der Ameisenstaat hat gezeigt, was Organisation ohne Zentrale leisten kann, die Rattenpopulation hat gezeigt, was Anpassung ohne Moral leistet.
Das Bienenvolk zeigt die dritte Variante: perfekte Organisation, hohe Moralferne und trotzdem völlige Abhängigkeit von einem Betreuer, der jedes Jahr freiwillig antritt.
Damit steht am Ende dieser Folge eine unbequeme Einsicht über uns selbst. Ein perfekt organisiertes Gemeinwesen kann an einer einzigen Milbe scheitern, und ein hervorragend verwaltetes Land kann an einer Altersgruppe hängen, die irgendwann aufhört, sich am Wochenende um die Kästen zu kümmern.
Organisation ersetzt keine Substanz. Ob der Standort Deutschland noch zu retten ist, entscheidet sich auch daran, wie ernst wir die Systeme nehmen, die scheinbar von allein laufen.
Glossar

Superorganismus Ein Verbund von Einzeltieren, der sich wie ein einziges Lebewesen verhält. Beim Bienenvolk übernimmt die einzelne Biene die Funktion einer Körperzelle.
Schwänzeltanz Bewegungsmuster einer Sammlerin, das Richtung und Entfernung einer Futterquelle codiert. Karl von Frisch hat den Code entschlüsselt und dafür 1973 den Nobelpreis erhalten.
Quorum Schwellenwert an zustimmenden Kundschafterinnen, ab dem ein Schwarm einen neuen Nistplatz annimmt. Das Verfahren läuft ohne Beteiligung der Königin.
Varroa destructor Milbe, die sich in der Bienenbrut vermehrt und Viren überträgt. Der Parasit gilt als Hauptursache der Winterverluste in Deutschland.
Wintertraube Kugelförmiger Verbund der Bienen im Winter. Durch Muskelzittern halten die Tiere den Kern der Traube warm, ohne den umgebenden Raum zu heizen.
Drohnenschlacht Ausschluss der männlichen Bienen aus dem Stock am Ende der Trachtzeit. Die Drohnen sterben, weil sie im Winter keine Funktion mehr erfüllen.
FAQ

Wie viele Bienen leben in einem Bienenvolk?
Im Sommer 40.000 bis 60.000 Tiere, im Winter rund 10.000. Dazu kommen eine Königin und einige hundert bis wenige tausend Drohnen, die im Herbst ausgeschlossen werden.
Wie viele Bienenvölker gibt es in Deutschland?
Rund 976.400 Völker im Jahr 2025 laut Versorgungsbilanz des Bundeslandwirtschaftsministeriums, betreut von etwa 143.000 Imkerinnen und Imkern. Gegenüber dem Vorjahr ist der Bestand um knapp vier Prozent gesunken.
Kann ein Bienenvolk ohne Imker überleben?
Nach heutigem Forschungsstand nicht dauerhaft. Verwilderte Völker gibt es, sie stammen aber fast alle aus entflogenen Schwärmen, und eine sich selbst erhaltende Population ist in Deutschland bislang nicht nachgewiesen.
Wer entscheidet in einem Bienenvolk?
Nicht die Königin. Beim Umzug wählen Kundschafterinnen den neuen Nistplatz aus, werben dafür mit Tänzen und setzen sich über ein Quorum durch.
Wie hoch sind die Winterverluste bei Bienen?
Je nach Jahr rund 15 bis 18 Prozent der Völker. Im Winter 2021/22 hat der Durchschnitt bei 18,3 Prozent gelegen, regional zwischen 8,7 und 32,5 Prozent.
Hilft ein eigenes Bienenvolk dem Artenschutz?
Nur begrenzt. Die Honigbiene ist ein Nutztier und nicht gefährdet, gefährdet sind die Wildbienen, und eine hohe Honigbienendichte erhöht deren Nahrungskonkurrenz zusätzlich.
Quellen

- Bundesministerium für Landwirtschaft: Versorgungsbilanz Honig (2025)
- Deutscher Imkerbund: Zahlen, Daten, Fakten zur Imkerei in Deutschland
- Deutsches Bienenmonitoring (DeBiMo), Universität Hohenheim, und Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung
- Kohl, P. L., Rutschmann, B. & Steffan-Dewenter, I. (2022): Population demography of feral honey bee colonies
- Kohl, P. L. & Rutschmann, B. (2018): The neglected bee trees, PeerJ 6:e4602
- Seeley, T. D.: Honeybee Democracy
- Nobelprize.org: Karl von Frisch, Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 1973
- Rote-Liste-Zentrum und Rote Liste der Bienen Deutschlands
- Statistisches Bundesamt: Bevölkerung und Geburtenziffer