Reis: Grundnahrung für die halbe Welt
Reis ernährt mehr Menschen als jedes andere Lebensmittel, und trotzdem entscheidet über seinen Preis oft ein einziges Land. Ein knappes Jahr nach dem Preissturz zieht der Weltmarkt gerade wieder an. Der Grund liegt weniger auf den Feldern als in Teheran.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenDie Weltmarktpreise für Reis sind Anfang 2026 auf den höchsten Stand seit August 2025 geklettert, nachdem sie Ende 2024 noch auf ein Achtjahrestief gefallen waren. Für Milliarden Menschen ist das Getreide die tägliche Kalorienbasis, für Deutschland ein Importgut aus dem Po-Tal und aus Asien. Wer verstehen will, warum ein Sack Reis politischer ist als ein Fass Öl, muss bei einem Grashalm im chinesischen Flusstal anfangen.
Das Wichtigste in Kürze
- Reis ernährt rund die Hälfte der Weltbevölkerung und liefert in Asien den Großteil der täglichen Kalorien.
- Indien und China erzeugen zusammen mehr als die Hälfte der weltweiten Ernte, doch nur Indien tritt als großer Exporteur auf und bestimmt fast 40 Prozent des Welthandels.
- Indiens Exportstopp von 2023 trieb die Preise auf den höchsten Stand seit 2008, die Aufhebung Ende 2024 ließ sie um rund 35 Prozent abstürzen.
- Der Nassreisanbau verursacht etwa zehn Prozent der menschengemachten Methan-Emissionen und verbraucht 2.000 bis 5.000 Liter Wasser je Kilogramm.
- Deutschland baut keinen eigenen Reis an und deckt seinen Verbrauch von rund 6,2 Kilogramm pro Kopf komplett über Importe, allen voran aus Italien.
Angeberwissen in fünf Fragen
1 Wo wurde Reis zuerst domestiziert? Aufklappen ↓
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2 Welches Land ist heute der größte Reisexporteur der Welt? Aufklappen ↓
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3 Wie viel Wasser braucht ein Kilogramm Nassreis ungefähr? Aufklappen ↓
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4 Was befeuerte 1943 die Hungersnot in Bengalen? Aufklappen ↓
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5 Welchen Anteil an den menschengemachten Methan-Emissionen verursacht der Reisanbau etwa? Aufklappen ↓
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Was ist Reis und wie entsteht er?

Reis ist ein Süßgras, dessen Körner den Menschen seit über 10.000 Jahren ernähren, und die Kulturpflanze entstand aus wildem Sammelgetreide im Tal des Jangtse. Botanisch heißt der asiatische Reis Oryza sativa, ein enger Verwandter von Weizen und Gerste, der jedoch einen entscheidenden Trick beherrscht: Er wächst mit den Wurzeln unter Wasser.
Genau diese Fähigkeit hat den Reis groß gemacht. Die meisten Kulturpflanzen ersticken auf gefluteten Feldern, weil den Wurzeln der Sauerstoff ausgeht. Reis dagegen leitet Luft über hohle Kanäle im Halm bis zu den Wurzeln und übersteht so die Überschwemmung, die konkurrierendes Unkraut ertränkt. Das überflutete Feld ist damit weniger eine Marotte der Bauern als eine biologische Waffe gegen Beikräuter.
Archäologische Funde aus China belegen, dass Menschen dort schon vor 8.200 bis 13.500 Jahren Wildreis gesammelt und gegessen haben. Die eigentliche Domestikation liegt nach heutigem Forschungsstand rund 9.000 bis 13.500 Jahre zurück. Die zwei großen Unterarten haben sich erst später getrennt, vor etwa 3.900 Jahren: Indica gedeiht in den Tropen Süd- und Südostasiens, Japonica bevorzugt die gemäßigten Zonen Ostasiens.
Der Anbau selbst ist eine Geduldsprobe. Vom Aussäen bis zur Ernte vergehen je nach Sorte drei bis sechs Monate, oft in mühsamer Handarbeit im knietiefen Schlamm. In den großen Anbaugebieten Asiens sind zwei, örtlich sogar drei Ernten im Jahr möglich, weil das warme Klima kaum Pausen erzwingt. Ähnlich wie Weizen über Krieg und Frieden entscheidet, hängt an dieser Ernte die Stabilität ganzer Weltregionen.
Reserven im klassischen Sinn kennt Reis nicht, denn er wächst jedes Jahr nach. Die eigentliche Grenze ist das Wasser: Ein Kilogramm Nassreis verschlingt 2.000 bis 5.000 Liter, mehr als fast jedes andere Grundnahrungsmittel. Wo Grundwasser sinkt und Flüsse versiegen, gerät deshalb auch der Reis unter Druck, lange bevor ein Feld sichtbar vertrocknet.
Wer entdeckte den Reis und wie begann der Anbau?

Reis reiste von China aus über Handelswege nach Indien, in den Nahen Osten und schließlich nach Europa, wo ihn arabische Herrscher im Mittelalter nach Spanien brachten. Die frühe Geschichte des Korns ist damit auch eine Geschichte der ersten Globalisierung, lange vor Containerschiffen und Terminbörsen.
Aus dem chinesischen Kernland verbreitete sich der Anbau über Jahrtausende nach Südostasien und Indien, wo Reis zur Grundlage ganzer Hochkulturen wurde. Über die Handelsrouten der Antike gelangte das Korn bis nach Persien und ans Mittelmeer. Alexanders Feldzüge machten die Griechen mit dem Reis bekannt, doch ein Massenprodukt wurde er im Westen zunächst nicht.
Den entscheidenden Schub in Europa brachten die Mauren. Ab dem achten Jahrhundert legten sie im heutigen Spanien Bewässerungssysteme an, in denen Reis prächtig gedieh, die Grundlage des späteren Paella-Landes rund um Valencia. Im 15. Jahrhundert nahmen italienische Grundherren den Anbau in der Po-Ebene auf, dem Kernland des europäischen Risottoreises bis heute.
Eine dunklere Wendung nahm die Geschichte in Nordamerika. In den Sümpfen von South Carolina entstand ab dem späten 17. Jahrhundert mit dem Carolina Gold eine hochprofitable Reiswirtschaft, die vollständig auf der Arbeit versklavter Menschen aus Westafrika beruhte. Deren mitgebrachtes Anbauwissen machte die Plantagen erst möglich, ein früher Beleg dafür, dass Reis und Macht selten weit auseinanderliegen.
Parallel entwickelte sich in Westafrika mit Oryza glaberrima eine eigene, unabhängig domestizierte Reisart. Sie zeigt, dass der Mensch das Korn nicht nur einmal gezähmt hat, sondern gleich mehrfach auf verschiedenen Kontinenten. Der Reis war also nie das Eigentum einer einzigen Kultur.
Wie hat Reis die Weltkarte verändert?

Reis hat Kolonialreiche geformt, Hungersnöte mit ausgelöst und dient bis heute als politisches Druckmittel, weil er für Milliarden Menschen nicht ersetzbar ist. Kaum ein Rohstoff verbindet Ernährung und Macht so eng, denn die Kontrolle über den Reis sichert zugleich die Ruhe im Land.
Unter kolonialer Herrschaft wurden ganze Landstriche zu Reiskammern umgebaut. Das britische Burma stieg im 19. Jahrhundert zum größten Reisexporteur der Welt auf, das Irrawaddy-Delta lieferte Getreide für die halbe Region. Auch im französischen Indochina rund um den Mekong entstand eine Exportwirtschaft, die weniger die einheimische Ernährung als die Kassen der Kolonialmächte bediente.
Wie brutal diese Logik kippen konnte, zeigte die Hungersnot in Bengalen von 1943. Nachdem Japan das benachbarte Burma besetzt hatte, fielen die gewohnten Reisimporte weg. Die britische Verwaltung ließ aus Angst vor einer Invasion Boote und Reisvorräte an der Küste zerstören. Bis zu vier Millionen Menschen starben, während Britisch-Indien in den ersten Monaten des Jahres noch über 70.000 Tonnen Reis ausführte.
Nach dem Krieg drehte die Wissenschaft den Spieß um. Am International Rice Research Institute auf den Philippinen entstand 1966 die Hochertragssorte IR8, oft „Wunderreis“ genannt. Sie vervielfachte die Erträge und half, in Indien und Indonesien drohende Hungerkatastrophen abzuwenden. Die Grüne Revolution machte Asien vom Hungerkontinent zum Selbstversorger, um den Preis wachsender Abhängigkeit von Dünger, Bewässerung und wenigen Saatgutlinien.
Heute ist Reis eine Waffe im Werkzeugkasten der Diplomatie. Als Indien im Sommer 2023 die Ausfuhr von normalem weißem Reis stoppte, schnellten die Weltmarktpreise auf den höchsten Stand seit 2008. Getroffen wurden vor allem einkommensschwache Länder südlich der Sahara, für die Indien der wichtigste Lieferant ist. Ähnlich wie beim Kaffee die Frage entscheidet, wer beim Preisverfall kassiert, hängt am Reis die Macht, ganze Kontinente satt oder hungrig zu halten.
Thailand, Vietnam und Pakistan folgen als Exporteure mit Abstand. Fällt Indien als Lieferant aus, wie beim Exportstopp 2023, finden die Importländer südlich der Sahara kaum gleichwertigen Ersatz. Ein einziges Land bewegt so den Teller von Milliarden Menschen.
Warum ist Reis für die Weltwirtschaft so wichtig?

Reis ernährt rund die Hälfte der Menschheit, und der Weltmarkt hängt an wenigen Exporteuren, weil die großen Erzeuger ihre Ernte fast vollständig selbst verbrauchen. Diese Kombination aus riesigem Bedarf und schmalem Handel macht das Getreide besonders anfällig für politische Schocks.
Die Zahlen sind gewaltig. Für 2025/26 schätzt die US-Agrarbehörde USDA die Welternte auf rund 541 Millionen Tonnen geschälten Reis, einen Rekord. Indien führt die Erzeuger mit etwa 152 Millionen Tonnen an, China folgt mit rund 146 Millionen Tonnen. Zusammen stehen die beiden Riesen für mehr als die Hälfte der globalen Produktion.
Entscheidend ist jedoch, wie wenig davon gehandelt wird. Nur rund 55 bis 60 Millionen Tonnen überqueren jährlich eine Grenze, gut ein Zehntel der Ernte. China verzehrt seinen Reis nahezu komplett im eigenen Land, weshalb ausgerechnet der zweitgrößte Produzent im Export kaum auftaucht. Den Welthandel dominiert stattdessen Indien mit fast 40 Prozent, gefolgt von Thailand, Vietnam und Pakistan.
Auf der Nachfrageseite stehen die Importländer unter Dauerdruck. Die Philippinen führten zuletzt rund 4,6 Millionen Tonnen ein, Nigeria etwa zwei Millionen Tonnen. Für viele Staaten südlich der Sahara ist Reis längst zum Grundnahrungsmittel geworden, ohne dass die eigene Ernte mithält. Gehandelt wird fast alles in US-Dollar, was die Preise für ärmere Länder zusätzlich vom Wechselkurs abhängig macht.
Deutschland spielt in diesem Spiel nur eine kleine Rolle, ist aber voll auf Importe angewiesen. Der Pro-Kopf-Verbrauch liegt bei rund 6,2 Kilogramm im Jahr, in Asien erreicht er örtlich das Zwanzigfache. Für einen indonesischen oder vietnamesischen Haushalt steht mit dem Reispreis die halbe Ernährung auf dem Spiel, nicht bloß eine Beilage.
In welchen Produkten steckt Reis und was verschwindet ohne ihn?

Reis steckt nicht nur im Kochtopf, sondern in Babybrei, Kosmetikpuder, Bierbrauereien, Papier und sogar in Beton, doch unersetzbar ist er vor allem als glutenfreie Basis und als Kalorienlieferant Asiens. Das Korn taucht an Stellen auf, an denen kaum jemand danach sucht.
In der Küche reicht die Spanne weit über die gekochte Beilage hinaus. Aus Reis entstehen Reismehl, Reisnudeln, Reispapier, japanisches Mochi, Reismilch und Reissirup. Sake und viele asiatische Spirituosen werden aus Reis vergoren, ebenso ein Teil des glutenfreien Biers. Für Säuglinge ist Reisbrei oft die erste feste Nahrung überhaupt.
Jenseits des Tellers arbeitet vor allem die Reisstärke. Sie bindet Tabletten in der Pharmaindustrie, mattiert Gesichtspuder in der Kosmetik und steift Papier und Textilien. Reiskleie liefert ein hochwertiges Speiseöl, und die harten Spelzen, ein Abfallprodukt der Schälmühlen, dienen als Brennstoff, als Dämmmaterial und als Quelle für Siliziumdioxid, das sogar Beton fester macht.
Der zweite Teil ist unbequemer: Was fiele bei einem Lieferausfall wirklich weg? Für viele industrielle Zwecke ließe sich Reis durch andere Stärkequellen wie Mais oder Kartoffeln ersetzen, oft mit Aufpreis oder Qualitätsverlust. Sake ohne Reis ist dagegen schlicht kein Sake mehr.
Die eigentliche Kipp-Logik liegt woanders. Für Menschen mit Zöliakie ist Reismehl eine der wenigen sicheren, glutenfreien Grundlagen für Brot und Nudeln. Und für rund die Hälfte der Weltbevölkerung gibt keine andere Pflanze denselben Kaloriengrundstock her. Fällt der Reis dort aus, ersetzt kein Mais und keine Kartoffel die tägliche Schüssel.
Für Stärke, Öl und Brennstoff finden sich Ersatzquellen wie Mais oder Kartoffeln, meist mit Aufpreis. Unersetzbar bleibt Reis dort, wo er zählt: als glutenfreie Basis für Zöliakie-Betroffene und als tägliche Kalorienschüssel für rund die Hälfte der Menschheit.
Wie setzt sich der Preis für ein Kilo Reis zusammen?

Vom Ladenpreis eines Kilos Reis bleibt nur ein Viertel bei den Erzeugern, den Rest schlucken Schälen, Verpacken, Transport, Handel und Steuer. Der Rohstoff selbst ist erstaunlich billig, teuer wird der Reis erst auf dem Weg ins Supermarktregal.
Im Laden kostet ein Kilogramm Standardreis in Deutschland grob zwei Euro, Basmati und Spezialsorten deutlich mehr. Der eigentliche Rohreis ab Feld macht davon nur einen kleinen Teil aus. Die Weltmarktnotierung für Rohreis lag Anfang 2026 bei rund 13 US-Dollar je hundert Pfund, ein Bruchteil des Endpreises im Regal.
Zwischen Feld und Tüte liegt eine ganze Kette. Zunächst trennen Schälmühlen die harten Spelzen ab und polieren das Korn, ein Schritt, der Energie und Maschinen kostet. Danach folgen Verpackung, Qualitätskontrolle und die lange Reise per Schiff und Lkw, oft über Tausende Kilometer aus Italien oder Asien.
Am Ende greifen Handel und Staat zu. Die Handelsspanne von Groß- und Einzelhandel ist der größte Einzelposten, dazu kommen in Deutschland sieben Prozent Mehrwertsteuer auf das Grundnahrungsmittel. Als grobe Faustregel für ein Standardpaket lässt sich rechnen: rund ein Viertel Erzeuger, ein Viertel Verarbeitung und Verpackung, etwa ein Siebtel Transport, knapp ein Drittel Handel und sieben Prozent Steuer.
Wichtig ist dabei die Asymmetrie. Steigt der Weltmarktpreis, kommt das im Regal oft schnell an. Fällt er wieder, wie nach der Aufhebung von Indiens Exportstopp Ende 2024, geben die Ketten die Entlastung meist zögerlicher weiter. Für Verbraucher wirkt der Reispreis deshalb wie eine Einbahnstraße nach oben.
Wer verdient an Reis und wer zahlt drauf?

An Reis verdienen exportstarke Nationen, große Mühlen und Zwischenhändler, während Kleinbauern, Importländer und Verbraucher bei jedem Preissprung draufzahlen. Anders als bei Öl macht Reisreichtum kein Land märchenhaft reich, doch Reisabhängigkeit kann ein Land jederzeit erpressbar machen.
Auf der Gewinnerseite stehen zunächst die Exporteure. Indien nutzt seine Ernte gleich doppelt: als Devisenquelle und als innenpolitisches Ventil, weil billiger Reis die eigene Bevölkerung ruhig hält. Große Schälmühlen und internationale Agrarhändler verdienen an jeder Tonne, die zwischen Kontinenten wandert, gerade in Zeiten hoher Preise.
Die Verlierer sind oft die, die den Reis erzeugen. Millionen Kleinbauern in Asien bewirtschaften winzige Parzellen mit hauchdünnen Margen und tragen zugleich das volle Wetter- und Preisrisiko. Steigt der Weltmarktpreis, profitieren vor allem Händler und Verarbeiter, während der Bauer im Schlamm sein Einkommen kaum wachsen sieht.
Ein Ressourcenfluch im klassischen Sinn droht dem Reis nicht, wohl aber ein stiller Kostenfluch. In Indiens Kornkammer Punjab pumpen Bauern mit subventioniertem Strom so viel Grundwasser hoch, dass die Pegel dramatisch sinken. Der billige Reis von heute wird mit dem Wasser von morgen bezahlt, eine Rechnung, die erst später fällig wird.
Reis ist der einzige Rohstoff, bei dem ein Land verhungern kann, obwohl die Speicher voll sind. Über die Ernte entscheidet die Natur, über den Hunger entscheidet die Politik.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Ein Blick auf zwei Länder zeigt die Spannweite. Vietnam hat sich binnen einer Generation vom Importeur zum drittgrößten Exporteur hochgearbeitet und daraus echten Wohlstand gezogen. Viele Staaten südlich der Sahara dagegen sind tief in die Importabhängigkeit gerutscht und stehen bei jedem indischen Exportstopp mit leeren Händen da.
Wie mächtig ist die Reis-Lobby?

Die Reis-Lobby tritt selten als lauter Verband auf, wirkt aber über gigantische Subventionen, weil kaum eine Regierung Asiens den Reispreis dem freien Markt überlassen kann. Reis ist zu politisch, um ihn den Kräften von Angebot und Nachfrage zu überlassen.
Am deutlichsten zeigt sich das in Indien. Der Staat garantiert Mindestpreise, kauft riesige Mengen auf und verteilt subventionierten Reis über ein öffentliches System an hunderte Millionen Menschen. Dazu kommen Beihilfen für Dünger und faktisch kostenloser Strom für die Bewässerung. Kein indischer Politiker rührt an diesem Gefüge, ohne Massenproteste zu riskieren.
Auch anderswo fließt viel Geld. Die Vereinigten Staaten stützen ihre vergleichsweise kleine Reisbranche über die Agrargesetze mit Direktzahlungen. In Thailand kostete ein politisch motiviertes Aufkaufprogramm zwischen 2011 und 2014 Milliarden und endete in einem Korruptionsskandal, der bis vor Gericht reichte.
Die Europäische Union schützt ihre Erzeuger im Po-Tal und in Spanien mit Zöllen und Schutzklauseln. 2019 führte Brüssel wieder Abgaben auf Indica-Reis aus Kambodscha und Myanmar ein, um die europäischen Bauern vor Billigimporten abzuschirmen. Der Reismarkt ist damit fast überall ein staatlich gemanagter Markt, nicht bloß ein Handelsplatz.
Das gemeinsame Muster ist die Rahmung als Ernährungssicherheit. Solange Reis als nationale Überlebensfrage gilt, lassen sich Subventionen politisch mühelos verteidigen. Die Kehrseite: Wasserverschwendung, Überproduktion und Fehlanreize werden über Jahrzehnte einzementiert, weil niemand den Anfang mit dem Abbau machen will.
Wie kommen wir vom klimaschädlichen Nassreis los?

Ganz ohne Reis geht kein Ausstieg, wohl aber ohne den überfluteten Nassreisanbau, der mit sparsamerer Bewässerung, robusteren Sorten und weniger Verschwendung deutlich klimafreundlicher werden kann. Das Ziel ist nicht weniger Reis, sondern Reis mit kleinerem Fußabdruck.
Zunächst zur Dimension des Problems. Der Nassreisanbau verursacht rund zehn Prozent der menschengemachten Methan-Emissionen, weil unter der Wasserdecke sauerstoffzehrende Bakterien das starke Treibhausgas bilden. Global entspricht der Ausstoß der Reisfelder ungefähr dem des gesamten Weltluftverkehrs, bei einem Wasserverbrauch von 2.000 bis 5.000 Litern je Kilogramm.
Der vielversprechendste Hebel ist die Bewässerung. Beim Verfahren der wechselnden Bewässerung, im Fachjargon Alternate Wetting and Drying, lässt man das Feld zwischendurch trockenfallen. Das unterbricht die Methanbildung spürbar und spart zugleich viel Wasser, ohne den Ertrag stark zu drücken. Ähnlich zielt die Frage, wem der wichtigste Rohstoff der Welt gehört, auf denselben Kern: Wasser ist die eigentliche Währung des Reisanbaus.
Dazu kommt die Züchtung. Fluttolerante Sorten überstehen wochenlange Überschwemmungen, dürre- und hitzefeste Linien sichern die Ernte im Klimawandel. Trockenreis wächst ganz ohne stehendes Wasser, kämpft aber noch mit Unkraut und geringeren Erträgen, weshalb er den Nassreis bisher nicht breit verdrängt hat.
Ein letzter Punkt ist die Verschwendung. Statt Reisstroh nach der Ernte auf dem Feld zu verbrennen, was in Nordindien den Smog über Delhi mit anheizt, lässt sich das Stroh als Baustoff, Futter oder Energieträger nutzen. Indien wirbt zudem für alte Hirsen als klimafreundlichere Ergänzung. Ein kompletter Abschied vom Reis bleibt für Milliarden Menschen dennoch Illusion.
Was bedeutet die neue Preisrunde für Deutschland?

Für Deutschland bedeutet die anziehende Preisrunde vor allem teureren Import-Reis, denn das Land baut selbst keinen Reis an und bezieht alles aus dem Ausland. Der Auslöser sitzt diesmal nicht auf den Feldern, sondern an den Tankstellen der Erzeugerländer.
Der Aufhänger ist eine Kette aus dem Nahen Osten. Weil der Krieg um den Iran die Energiepreise treibt, werden Dünger und Treibstoff in Asien teurer. Bauern schränken daraufhin ihre Pflanzungen ein, und die USDA rechnet für 2026/27 mit sinkender Produktion, Rekordverbrauch und schrumpfenden Lagern. Nach dem Achtjahrestief von Ende 2024 klettern die Notierungen deshalb wieder auf den höchsten Stand seit August 2025.
Deutschland spürt das direkt im Regal, wenn auch gedämpft. Rund 6,2 Kilogramm Reis verzehrt jeder Einwohner im Jahr, insgesamt etwa 581.000 Tonnen, allesamt importiert. Wichtigstes Herkunftsland ist Italien mit Rund- und Mittelkornreis, gefolgt von Spanien, mit Indien als erstem großen asiatischen Lieferanten auf Rang vier.
Für Verbraucher bleibt Reis auch bei steigenden Preisen ein günstiges Grundnahrungsmittel, ein Aufschlag von einigen Cent je Paket tut kaum weh. Härter trifft der Aufschlag die verarbeitende Lebensmittelindustrie, etwa Hersteller von Fertiggerichten, glutenfreien Produkten oder Reiswaffeln, deren Rohstoffkosten unmittelbar mitziehen.
Drei Szenarien zeichnen sich für die kommenden Monate ab. Im optimistischen Fall entspannen gute Monsunregen und offene indische Grenzen den Markt, die Preise geben nach. Realistisch bleiben die Notierungen fest, aber ohne Panik. Im pessimistischen Fall treffen ein neues indisches Exportverbot, Wetterschäden und der teure Treibstoff zusammen, dann droht ein Preissprung wie 2023. Unternehmen sichern sich am besten früh über Kontrakte und breitere Lieferantenlisten ab, Verbraucher greifen bei Standardsorten statt teurem Basmati zu.
Glossar: 12 wichtige Fachbegriffe rund um Reis

Alternate Wetting and Drying
Alternate Wetting and Drying (AWD) bezeichnet eine wassersparende Anbaumethode, bei der Reisfelder zwischen den Bewässerungen gezielt trockenfallen. Das Verfahren senkt die Methanbildung und den Wasserverbrauch deutlich und gilt als einer der wichtigsten Hebel für klimafreundlicheren Reis.
Basmati
Basmati ist eine hochpreisige Langkornreissorte aus dem indischen Subkontinent, geschätzt für ihr Aroma und die lockere Körnung. Anders als Standardreis blieb Basmati bei Indiens Exportbeschränkungen 2023 meist ausgenommen, weil er vor allem in wohlhabendere Länder verkauft wird.
Denial Policy
Denial Policy nennt man die britische Politik von 1942, bei der in Bengalen aus Angst vor einer japanischen Invasion Boote und Reisvorräte zerstört wurden. Die Maßnahme gilt als ein Auslöser der Hungersnot von 1943 mit Millionen Toten.
Grüne Revolution
Grüne Revolution beschreibt die Ertragssteigerung in der Landwirtschaft der 1960er und 1970er Jahre durch Hochertragssorten, Dünger und Bewässerung. Beim Reis stand die Sorte IR8 im Zentrum, die Asien vom Hungerkontinent zum Selbstversorger machte.
Indica
Indica ist eine der beiden großen Unterarten des Kulturreises, angepasst an tropisches Klima und vor allem in Süd- und Südostasien verbreitet. Die meisten langkörnigen, körnig kochenden Reissorten gehören zu dieser Gruppe.
IR8
IR8 war die 1966 am International Rice Research Institute gezüchtete Hochertragssorte, oft „Wunderreis“ genannt. Sie vervielfachte die Erträge und half, in Indien und Indonesien drohende Hungersnöte abzuwenden.
Japonica
Japonica ist die zweite große Reis-Unterart, angepasst an gemäßigtere Zonen Ostasiens und typisch für den klebrigeren Rund- und Mittelkornreis. In Europa gehört der Risotto- und Sushireis zu dieser Gruppe.
Nassreisanbau
Nassreisanbau bezeichnet den Anbau auf überfluteten Feldern, den sogenannten Paddys. Die Wasserdecke unterdrückt Unkraut, führt aber zu hohem Wasserverbrauch und zur Bildung des Treibhausgases Methan.
Oryza sativa
Oryza sativa ist der botanische Name des asiatischen Kulturreises, der weltweit den Markt beherrscht. Daneben existiert mit Oryza glaberrima eine eigenständig in Westafrika domestizierte Reisart.
Paddy
Paddy steht sowohl für das überflutete Reisfeld als auch für den ungeschälten Rohreis direkt nach der Ernte. Erst in der Schälmühle wird aus dem Paddy der handelsübliche weiße oder braune Reis.
Parboiled
Parboiled bezeichnet Reis, der vor dem Schälen mit Wasserdampf behandelt wird, wodurch Nährstoffe ins Korn wandern. Der Reis wird dadurch lockerer und lagerfähiger, ein in Deutschland weit verbreiteter Standardtyp.
Public Distribution System
Public Distribution System (PDS) ist Indiens staatliches Verteilnetz, das subventionierten Reis und Weizen an hunderte Millionen Menschen abgibt. Das System erklärt, warum Indien Ernten hortet und den Export notfalls stoppt, um die eigene Versorgung zu sichern.
FAQ: Reis: Grundnahrung für die halbe Welt

Warum ist Reis so wichtig für die Welternährung?
Reis liefert für rund die Hälfte der Weltbevölkerung die tägliche Kalorienbasis, in Asien stammt der Großteil der Nahrungsenergie aus dem Korn. Weil die großen Erzeuger fast alles selbst verbrauchen, hängt der Welthandel an wenigen Exporteuren und reagiert empfindlich auf politische Schocks.
Welches Land produziert am meisten Reis?
Indien ist mit rund 152 Millionen Tonnen der größte Reisproduzent, dicht gefolgt von China mit etwa 146 Millionen Tonnen. Zusammen erzeugen beide mehr als die Hälfte der Welternte, doch China verbraucht seinen Reis fast vollständig im eigenen Land und tritt kaum als Exporteur auf.
Warum ist Reis 2026 wieder teurer geworden?
Höhere Energie-, Dünger- und Treibstoffkosten infolge des Iran-Kriegs lassen asiatische Bauern weniger anbauen, weshalb die USDA für 2026/27 sinkende Produktion und Lager erwartet. Die Preise klettern damit vom Achtjahrestief Ende 2024 wieder auf den höchsten Stand seit August 2025.
Woher bezieht Deutschland seinen Reis?
Deutschland baut keinen eigenen Reis an und importiert alles, wichtigstes Herkunftsland ist Italien, gefolgt von Spanien. Das erste große asiatische Lieferland ist Indien auf Rang vier. Pro Kopf verzehrt Deutschland rund 6,2 Kilogramm Reis im Jahr, insgesamt etwa 581.000 Tonnen.
Ist Reisanbau schlecht für das Klima?
Der überflutete Nassreisanbau verursacht rund zehn Prozent der menschengemachten Methan-Emissionen und braucht 2.000 bis 5.000 Liter Wasser je Kilogramm. Sparsamere Bewässerung wie Alternate Wetting and Drying und robustere Sorten können den Fußabdruck deutlich senken.
Warum hat Indien 2023 den Reisexport gestoppt?
Indien stoppte 2023 die Ausfuhr von normalem weißem Reis, um die eigene Versorgung zu sichern und die Inlandspreise zu dämpfen. Weil das Land fast 40 Prozent des Welthandels stellt, stiegen die globalen Preise auf den höchsten Stand seit 2008. Ende 2024 hob Indien den Stopp wieder auf.
Quellen
USDA Foreign Agricultural Service | Grain: World Markets and Trade, Reisdaten 2025/26 | https://www.fas.usda.gov/data/grain-world-markets-and-trade | besucht am 15.07.2026
USDA Economic Research Service | India’s export restrictions expected to reduce global rice trade | https://www.ers.usda.gov/data-products/charts-of-note | besucht am 15.07.2026
IFPRI | India’s export restrictions on rice continue to disrupt global markets, supplies and prices | https://www.ifpri.org/blog/indias-export-restrictions-rice-continue-disrupt-global-markets-supplies-and-prices/ | besucht am 15.07.2026
International Rice Research Institute (IRRI) | The rice variety IR8 and the Green Revolution | https://www.irri.org | besucht am 15.07.2026
Pflanzenforschung.de | Reis, die Wiege der menschlichen Zivilisation | https://www.pflanzenforschung.de/de/pflanzenwissen/journal/reis-die-wiege-der-menschlichen-zivilisation-kultivieru-10522 | besucht am 15.07.2026
EWS Schönau, Energiewende-Magazin | Reis essen Klima auf, Methan aus dem Nassreisanbau | https://www.ews-schoenau.de/energiewende-magazin/zur-sache/reis-essen-klima-auf/ | besucht am 15.07.2026
Statista | Wichtigste Lieferländer von Reis nach Deutschland und Pro-Kopf-Verbrauch | https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1457706/umfrage/lieferlaender-reis-deutschland/ | besucht am 15.07.2026
documenta 14, South Magazine | So viele Hunger, die Hungersnot in Bengalen 1943 bis 1944 | https://www.documenta14.de/de/south/888_so_viele_hunger_die_hungersnot_in_bengalen_1943_1944 | besucht am 15.07.2026