Jeden Monat überweist der Bund mehr als zehn Milliarden Euro an die Rentenkasse, und die Summe wächst schneller als fast alles andere im Haushalt. Die gesetzliche Rente sollte sich aus Beiträgen tragen. Inzwischen ist sie zu einem Teil ein steuerfinanziertes Dauergeschäft geworden. Schuld daran ist eine Zahl, die seit fünfzig Jahren in dieselbe Richtung zeigt: die Geburtenrate.

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Das Wichtigste in Kürze

  • Das Umlageverfahren kennt keinen Kapitalstock. Die Beiträge der Arbeitenden fließen sofort an die heutigen Rentner, finanziert wird also nicht aus Erspartem, sondern aus dem laufenden Lohn der nächsten Generation.
  • Kamen 1962 noch sechs Beitragszahler auf einen Altersrentner, sind es heute rund zwei. Ab 2030 fällt der Wert nach Prognosen der Deutschen Rentenversicherung erstmals unter zwei.
  • Die Geburtenrate liegt 2024 bei 1,35 Kindern je Frau. Für die reine Bestandserhaltung wären 2,1 nötig, dieser Wert wurde zuletzt Anfang der 1970er Jahre erreicht.
  • Der Bundeszuschuss zur Rentenversicherung beträgt im Etat 2026 rund 127,8 Milliarden Euro und bindet damit fast ein Drittel des Bundeshaushalts.
  • Ohne diesen Steuerzuschuss müsste der Beitragssatz statt bei 18,6 schon heute bei 24 bis 25 Prozent liegen.

Wie funktioniert die Umlagerente wirklich?

Sanduhr mit Euromünzen, Minifiguren und Anhänger vor weißem Hintergrund
Das deutsche Rentensystem funktioniert nach dem Umlageverfahren: Die Beiträge der Arbeitenden finanzieren direkt die Renten der Rentner, nicht ein persönliches Sparkonto

Viele Beitragszahler stellen sich ihr Rentenkonto wie ein Sparbuch vor, auf dem sich über vierzig Jahre ein Vermögen ansammelt. Diese Vorstellung ist falsch. Die deutsche Rente funktioniert seit der großen Reform von 1957 nach dem Umlageverfahren, und das bedeutet etwas grundlegend anderes.

Im Umlageverfahren zahlt die arbeitende Generation Beiträge, und diese Beiträge wandern nicht auf ein persönliches Konto, sondern fließen umgehend an die heutigen Rentner. Einen Kapitalstock, aus dessen Zinsen und Erträgen die Auszahlungen kämen, gibt es nicht. Wer heute einzahlt, erwirbt lediglich ein Versprechen: dass die nachfolgende Generation später dasselbe für ihn tun wird. Dieses Versprechen trägt den Namen Generationenvertrag.

Konrad Adenauer setzte 1957 auf genau diese Konstruktion und versprach zugleich, die Renten dynamisch an die Lohnentwicklung zu koppeln. Der Schritt war politisch ein Triumph und sicherte ihm die absolute Mehrheit. Ökonomisch hatte die Konstruktion einen eingebauten Haken, auf den schon damals Fachleute hinwiesen: Sie braucht dauerhaft genügend Nachwuchs.

Der spätere Nobelpreisträger Paul Samuelson beschrieb 1967 nüchtern, unter welcher Bedingung ein solches System trägt. Funktionieren tut es reibungslos, solange immer mehr Kinder geboren werden und die Einkommen steigen. Fällt einer der beiden Faktoren weg, gerät die Mechanik ins Stocken. Genau dieser Fall ist in Deutschland seit einem halben Jahrhundert eingetreten.

Die Nähe zum Schneeballsystem ist deshalb keine bloße Polemik, sondern eine strukturelle Beobachtung. Beide Modelle zahlen Bestandsteilnehmer aus den Einzahlungen neuer Teilnehmer, beide reagieren empfindlich, sobald das Verhältnis kippt. Wo die Parallele endet und wo der entscheidende Unterschied liegt, haben wir in der Analyse zur Frage, ob die gesetzliche Rente ein Schneeballsystem ist, ausführlich seziert. Kurz gefasst: Der Generationenvertrag ist transparent, demokratisch kontrolliert und gesetzlich anpassbar, ein Betrugssystem ist er nicht. Anfällig für die Demografie bleibt das Verfahren trotzdem.

Warum bekommen die Deutschen zu wenige Kinder?

In diesem Foto sehen wir ein hölzernes Babybett, das vor einem neutralen weißen Hintergrund steht
1,35 Kinder je Frau: Seit Anfang der 1970er Jahre unterschreitet Deutschland das Bestandserhaltungsniveau von 2,1.

Die Zahl, an der alles hängt, heißt zusammengefasste Geburtenziffer. Sie gibt an, wie viele Kinder eine Frau im Laufe ihres Lebens bekäme, blieben die Geburtenverhältnisse des betrachteten Jahres konstant. Für eine Bevölkerung, die sich selbst ersetzt, braucht es einen Wert von 2,1. Deutschland unterschreitet diese Marke seit über fünfzig Jahren.

Der Blick in die lange Reihe macht das Ausmaß sichtbar. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lag die Geburtenrate bei rund 4,2 Kindern je Frau. Der Babyboom der Nachkriegszeit erreichte 1964 mit 1,36 Millionen Neugeborenen seinen Höhepunkt. Danach fiel die Ziffer steil, und ab Mitte der 1970er Jahre stellte sich jener Zustand ein, der bis heute anhält: zu wenige Kinder, um die Elterngeneration zu ersetzen.

JahrZusammengefasste Geburtenziffer (Kinder je Frau)
um 1901rund 4,2
1964 (Babyboom)rund 2,5 (höchste Geburtenzahl: 1,36 Mio.)
1975 (West)1,45
1990 bis 2010um 1,4 (Stagnation)
20161,59 (höchster Wert seit 1972)
20211,58 (Corona-Sondereffekt)
20231,38
20241,35

Das Statistische Bundesamt verzeichnete 2024 insgesamt 677.117 Neugeborene, den niedrigsten Wert seit 2013. Die Daten der Behörde zeigen zudem, dass der kurze Aufschwung der Jahre 2011 bis 2016, als die Ziffer dank verbesserter Familienpolitik und Zuwanderung von 1,39 auf 1,60 stieg, nur eine Episode war. Seit 2017 sinkt der Wert wieder, unterbrochen allein vom Corona-Jahr 2021.

Hinter dem nüchternen Rückgang steckt ein tiefer Wertewandel der Lebensläufe. Das Demografieportal des Bundes führt den Rückgang seit den 1970er Jahren auf die Verbreitung von Verhütungsmitteln und einen umfassenden Wandel zurück, in dem Familie zu einer Option unter vielen wurde. Parallel stieg das Alter bei der ersten Geburt. Mütter waren 1991 im Schnitt 27,9 Jahre alt, 2024 lag das Durchschnittsalter bei der Geburt bei 31,8 Jahren.

Wer ein Kind großzieht, trägt einen erheblichen Teil dieser Last allein. Eine Mittelschichtsfamilie gibt bis zur Volljährigkeit, je nach Rechnung, weit über 150.000 Euro aus, mit Kita, Wohnraum und entgangenem Einkommen kommen schnell 250.000 Euro zusammen. Welche Rolle der Sozialstaat bei dieser Umverteilung spielt, ordnet unser Vergleich der verschiedenen Wirtschaftssysteme und ihrer sozialen Sicherung ein. Die Pointe für das Rentensystem behalten wir für ein späteres Kapitel.

Wie alt wird Deutschland?

Turm aus Holzblöcken mit Helm oben und der Zahl 46,8 unten
Medianalter 46,8 Jahre: Die Altersstruktur kippt von der Pyramide zur kopflastigen Urnenform.

Niedrige Geburtenzahlen sind nur die eine Hälfte der Gleichung. Die andere heißt steigende Lebenserwartung. Beide zusammen verschieben den Altersaufbau der Bevölkerung von der klassischen Pyramide hin zu einer Form, die das Statistische Bundesamt mit einer Urne vergleicht: unten schmal, in der Mitte breit, oben erstaunlich stabil.

Das Medianalter misst diese Alterung am deutlichsten. Es teilt die Bevölkerung in zwei gleich große Hälften. Lag der Wert in der jungen Bundesrepublik der 1950er Jahre noch deutlich niedriger, erreichte er 2024 nach Angaben des Statistischen Bundesamts 46,8 Jahre. Damit gehört Deutschland zu den ältesten Gesellschaften der Welt, im internationalen Vergleich rangiert die Republik auf einem der vorderen Plätze.

Auch die Gesamtbevölkerung beginnt zu schrumpfen, trotz Zuwanderung. Zum Jahresende 2025 lebten nach erster Schätzung der Statistiker rund 83,5 Millionen Menschen in Deutschland, etwa 100.000 weniger als ein Jahr zuvor. Zwischen 2011 und 2024 war die Einwohnerzahl mit Ausnahme des Corona-Jahres 2020 jedes Jahr gewachsen, allein getragen von Migration. Diese Stütze schwächt sich nun ab.

Für die Rentenkasse zählt aber weniger die reine Lebenserwartung als die Dauer, über die eine Rente gezahlt wird. Und die hat sich dramatisch verlängert. Zwischen 1960 und 2010 stieg die durchschnittliche Rentenbezugsdauer von 9,9 auf 18,5 Jahre. Bei Frauen wuchs sie im selben Zeitraum von 10,6 auf 20,9 Jahre, bei Männern von 9,6 auf 16,2 Jahre. Eine Rente, die fast doppelt so lange läuft wie früher, kostet bei gleichem Monatsbetrag fast das Doppelte.

Die Mathematik des Generationenvertrags ist gnadenlos: Bei 1,35 Kindern je Frau und einer Rentenbezugsdauer von 18 Jahren kann die Rente nur über den Steuerzuschuss im Gleichgewicht bleiben. Wer das verschweigt, verkauft den Beitragszahlern eine Sicherheit, die das Umlageverfahren rechnerisch nicht mehr hergibt.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Wie kippt das Zahlenverhältnis?

Zwei Handwerker und ein Senior auf Wippe im 2-zu-1-Verhältnis, alles weißer Hintergrund
Von sechs auf zwei: 1962 trugen sechs Beitragszahler einen Rentner, heute sind es nur noch rund zwei.

Die entscheidende Kennzahl des Umlageverfahrens ist das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentnern. Solange viele Einzahler wenige Empfänger tragen, läuft das System rund. Sobald sich die Relation verschiebt, gerät die Finanzierung unter Druck. Genau das geschieht seit Jahrzehnten in stetiger Bewegung.

Das Demografieportal des Bundes dokumentiert den Verfall dieser Relation in einer eindrücklichen Reihe. 1962 kamen in Westdeutschland auf einen Altersrentner noch sechs aktiv Versicherte. 1973 mussten vier Beitragszahler eine Rente finanzieren, 1988 waren es drei. Heute stehen einem Altersrentner nur noch rund zwei Beitragszahler gegenüber.

JahrBeitragszahler je Altersrentner
19626,0
19734,0
19883,0
2022rund 2,0
2030 (Prognose)1,95
2035 (Prognose)1,78
2040 (Prognose)1,75

Bemerkenswert ist, dass die Zahl der Beitragszahler dabei sogar gewachsen ist, zuletzt auf 39,9 Millionen aktiv Versicherte. Das Problem liegt nicht bei den Einzahlern, sondern beim noch schnelleren Wachstum der Empfängerseite: 2022 zählte die Rentenversicherung rund 18,6 Millionen Altersrentner. Nach den Prognosen der Deutschen Rentenversicherung fällt der Wert ab 2030 erstmals unter zwei und sinkt bis 2040 auf etwa 1,75.

Eine zweite, breiter angelegte Kennzahl bestätigt das Bild: der Altenquotient. Er setzt die Menschen im Rentenalter ins Verhältnis zu hundert Menschen im erwerbsfähigen Alter. Das Statistische Bundesamt verzeichnet hier den vielleicht steilsten Anstieg der gesamten Demografiedebatte.

JahrAltenquotient (Ab-65-Jährige je 100 im Erwerbsalter 20–64)
195016
197927
199124
2010rund 34
202439
2040 (Prognose)43 bis 50

Im Jahr 1950 standen 16 Menschen im Rentenalter hundert Erwerbsfähigen gegenüber, 2024 waren es bereits 39. Der Übergang der geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge in den Ruhestand treibt den Wert nach der 16. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung mindestens bis Mitte der 2030er Jahre weiter nach oben. Besonders hart trifft die Entwicklung den Osten: In Sachsen-Anhalt erreichte der Altenquotient 2024 bereits 52.

Was kostet die Rente den Steuerzahler?

Ein Geldsack (DEUTSCHER STAAT) schüttet Geld in ein Sparschwein (RENTENSPARSCHWEIN)
Fast jeder dritte Euro des Bundes stützt die Rente: 127,8 Milliarden Euro fließen 2026 in die Rentenkasse.

An diesem Punkt kommt der Staat ins Spiel, und zwar mit gewaltigen Summen. Weil die Beiträge die Ausgaben längst nicht mehr decken, schießt der Bund jedes Jahr einen wachsenden Betrag aus Steuermitteln zu. Dieser Bundeszuschuss ist keine Randnotiz, sondern eine tragende Säule der Rentenfinanzierung.

Die Größenordnung ist schwer zu fassen. Nach dem Haushaltsentwurf 2026 fließen allein an die Rentenversicherung rund 127,84 Milliarden Euro, gegenüber 122,5 Milliarden im Jahr 2025. Der gesamte Etat des Bundesarbeitsministeriums, der größte Einzelposten des Bundeshaushalts, steigt damit auf 197,4 Milliarden Euro, und der Zuwachs resultiert fast vollständig aus steigenden Rentenzuschüssen.

Setzt man den Zuschuss ins Verhältnis zum Gesamthaushalt, wird die Dimension greifbar. Nach Berechnungen, die der Wirtschaftsdienst zusammenträgt, beträgt der Bundeszuschuss bereits über 109 Milliarden Euro und beansprucht damit rund 30 Prozent des gesamten Bundeshaushalts. Fast jeder dritte Euro, den der Bund ausgibt, stützt also die Rente.

Wie sehr das System am Tropf des Steuerzahlers hängt, zeigt eine einfache Gegenrechnung. Insgesamt erhielten 2024 rund 22,3 Millionen Menschen Leistungen von etwa 402,5 Milliarden Euro aus gesetzlicher, privater und betrieblicher Rente. Ohne den Bundeszuschuss müsste der Beitragssatz nach gängigen Berechnungen nicht bei 18,6, sondern bei 24 bis 25 Prozent liegen. Die Differenz von gut sechs Prozentpunkten ist exakt das Maß, in dem die Rente zum Zuschussgeschäft geworden ist.

Haben Sie sich schon gefragt, warum diese 30-Prozent-Marke im Wahlkampf so selten fällt? Eine Kürzung des Zuschusses träfe sofort entweder die Rentenhöhe oder den Beitragssatz, und beide Hebel sind politisch verbrannt. Also wächst der steuerfinanzierte Anteil weiter, Jahr für Jahr, weitgehend geräuschlos.

Warum machen die neuen Rentenpläne es schlimmer?

3D-Bild eines Reglers auf 48, durch Vorhängeschloss gesichert, mit Text „bis 2031“
Festgeklemmt bei 48 Prozent: Die verlängerte Haltelinie garantiert das Niveau, nicht die Finanzierung.

Vor diesem Hintergrund müsste eine Reform die Lasten gerechter zwischen den Generationen verteilen. Die jüngsten Beschlüsse tun überwiegend das Gegenteil. Mit dem Rentenpaket 2025 hat die Bundesregierung die Haltelinie von 48 Prozent beim Rentenniveau bis 2031 verlängert, ein Versprechen mit hohem Preisschild.

Das Rentenniveau beschreibt, wie hoch die Rente nach 45 Beitragsjahren im Verhältnis zum Durchschnittslohn ausfällt. Die Haltelinie garantiert, dass dieser Wert nicht unter 48 Prozent rutscht. Garantiert wird damit aber nur das Niveau, nicht die Finanzierung. Die Lücke schließen erneut Beitragszahler und Steuerzahler.

Was das konkret bedeutet, zeigt der Beitragssatz. Im Rentenversicherungsbericht 2025 hat die Bundesregierung erstmals offen eingeräumt, dass der Satz ab 2028 steigt. Interne Modellrechnungen der Deutschen Rentenversicherung deuten schon für 2028 auf 19,9 Prozent, für 2029 auf 20,0 Prozent und für die Mitte der 2030er Jahre auf bis zu 21,1 Prozent. Politisch akzeptiert ist im Reformrahmen sogar ein Anstieg auf bis zu 22,3 Prozent.

Obendrauf kommt die ausgeweitete Mütterrente. Diese Maßnahme kostet nach Berechnungen, die der Wirtschaftsdienst referiert, jährlich rund fünf Milliarden Euro und belastet damit zusätzlich die erwerbsaktive Generation. Die Ökonomen des Fachblatts urteilen unmissverständlich, dass die aktuellen Reformen in die falsche Richtung gehen, weil sie die demografiebedingten Lasten zuungunsten der jüngeren Jahrgänge verschieben.

Man könnte einwenden, das sei Schwarzmalerei. Die Zahlen sehen das anders. Eine Generation, die wenige Kinder bekommen hat, sichert sich per Gesetz ein Rentenniveau, dessen Rechnung die kleinere Folgegeneration begleichen soll. Die Rentenkommission der Bundesregierung hat ihre Vorschläge zwar vorgelegt, doch die strukturelle Schieflage löst kein Paket, das gleichzeitig Niveau, Beitrag und Eintrittsalter schonen will.

Rechnet sich ein Kind für das System?

Eine Waage mit Eurobündeln links und einem Schnuller rechts, beide mit Etiketten
Rund 200.000 Euro privat, null Gegenwert im Beitragsrecht: Das Umlageverfahren honoriert Kindererziehung nicht.

Hier schließt sich der Kreis zur Geburtenrate, und hier liegt der eigentliche Konstruktionsfehler des Umlageverfahrens. Das System lebt von Kindern, honoriert ihre Aufzucht aber nicht. Wer Nachwuchs großzieht, liefert dem Generationenvertrag seine künftigen Beitragszahler und trägt die Kosten dafür weitgehend privat.

Ein Rechenbeispiel verdeutlicht die Schieflage. Angenommen, eine Familie zieht ein Kind groß und wendet dafür über achtzehn Jahre rund 200.000 Euro auf. Dieses Kind zahlt später vier Jahrzehnte lang Rentenbeiträge und finanziert damit die Renten einer ganzen Generation mit. Wer dagegen kinderlos bleibt, zahlt während des Erwerbslebens dieselben Beiträge und erwirbt dieselben Ansprüche, ohne die Aufzuchtkosten getragen zu haben.

Der Ökonom Hans-Werner Sinn hat dieses Ungleichgewicht früh benannt. Im Umlageverfahren erbringt die Kindererziehung eine Leistung für das Kollektiv, die individuell nicht vergolten wird. Das Äquivalenzprinzip, nach dem Leistung und Gegenleistung sich entsprechen sollten, ist an dieser Stelle außer Kraft gesetzt. Beiträge bemessen sich am Lohn, nicht am Beitrag zur nächsten Beitragszahlergeneration.

Daraus folgt eine unbequeme Einsicht. Das niedrige Geburtenniveau ist nicht nur eine äußere Bedrohung des Rentensystems, sondern teilweise dessen eigenes Produkt. Solange Kinder im Beitragsrecht keine Rolle spielen, fehlt dem System ein Anreiz, die eigene Grundlage zu sichern. Die Rente sägt am demografischen Ast, auf dem sie sitzt.

Welche Stellschrauben bleiben?

Graue Box mit drei Wippschaltern, zwei mit Klebeband, daneben eine Figur in Tracht
Drei Hebel, zwei verbrannt: Beitrag, Niveau und Eintrittsalter sind die einzigen echten Stellschrauben.

Sachlogisch hat das System nur drei große Hebel, und keiner davon ist bequem. Der Wirtschaftsdienst bringt die Lage auf eine klare Formel: Entweder zahlen die Erwerbstätigen mehr, oder die Rentner bekommen weniger, oder die Last wird zwischen beiden geteilt. Ein vierter Weg, dauerhaft höhere Steuerzuschüsse, verlagert das Problem nur in den allgemeinen Haushalt.

Der erste Hebel ist der Beitragssatz. Höhere Beiträge belasten Arbeitnehmer und Arbeitgeber direkt und schwächen die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. Der zweite Hebel ist das Rentenniveau. Sinkende Renten treffen eine wachsende, wahlentscheidende Gruppe und sind politisch kaum durchsetzbar. Der dritte Hebel ist das Renteneintrittsalter, gekoppelt an die steigende Lebenserwartung.

Andere Länder zeigen, dass sich die Mechanik anders justieren lässt. Schweden koppelt die Rentenanpassung über eine Formel automatisch an die wirtschaftliche und demografische Entwicklung und gerät dadurch seltener in offene Schieflage. Die Schweiz und die Niederlande ergänzen die Umlage seit Langem um eine kapitalgedeckte Säule, in der Versicherte tatsächlich einen Kapitalstock ansparen. Deutschland hat diesen zweiten Pfeiler lange vernachlässigt.

Auch die Rentenkommission denkt inzwischen in diese Richtung. Diskutiert werden eine stärkere Kopplung der Anpassung an die Demografie, ein langsam steigendes Eintrittsalter und langfristig eine Erwerbstätigenversicherung, in die auch Selbstständige, Beamte und Abgeordnete einzahlen. Jede dieser Optionen verteilt die Last neu, keine schafft sie ab.

Für Sie als Beitragszahler folgt daraus eine nüchterne Konsequenz. Die gesetzliche Rente wird nicht verschwinden, aber ihr Versprechen schrumpft relativ zum Lohn, und der steuerfinanzierte Anteil wächst. Eine ergänzende private oder betriebliche Vorsorge ist deshalb keine Panikreaktion, sondern eine rationale Antwort auf eine Demografie, die sich für die nächsten Jahrzehnte bereits in den Geburtenzahlen von gestern abzeichnet.

Glossar: 15 wichtige Fachbegriffe zur Rente und Demografie

Grünes Sparschwein mit Brille und grauem Strickbart vor weißem Hintergrund
Der Altenquotient misst das Verhältnis von Rentnern zu hundert Erwerbstätigen. In Deutschland stieg er von 16 (1950) auf 39 (2024)

Altenquotient

Altenquotient bezeichnet das Verhältnis der Menschen im Rentenalter zu hundert Menschen im erwerbsfähigen Alter. Der Wert dient als grobes Maß dafür, wie viele potenzielle Rentenbezieher von der erwerbsfähigen Bevölkerung mitgetragen werden müssen. In Deutschland stieg er von 16 im Jahr 1950 auf 39 im Jahr 2024.

Äquivalenzprinzip

Äquivalenzprinzip meint den Grundsatz, dass Leistung und Gegenleistung einander entsprechen. In der Rentenversicherung bemessen sich Ansprüche an den eingezahlten Beiträgen. Die Kindererziehung, die dem Umlageverfahren künftige Beitragszahler liefert, bleibt nach diesem Prinzip weitgehend unberücksichtigt.

Beitragssatz

Beitragssatz ist der Prozentsatz des Bruttolohns, der in die gesetzliche Rentenversicherung fließt. Arbeitnehmer und Arbeitgeber teilen ihn sich. Seit 2018 liegt er stabil bei 18,6 Prozent, soll nach Modellrechnungen ab 2028 aber spürbar steigen.

Bestandserhaltungsniveau

Bestandserhaltungsniveau beschreibt die Geburtenrate, bei der eine Bevölkerung sich ohne Zuwanderung selbst ersetzt. Der Wert liegt bei 2,1 Kindern je Frau. Deutschland unterschreitet diese Schwelle seit Anfang der 1970er Jahre durchgehend.

Bundeszuschuss

Bundeszuschuss bezeichnet die Steuermittel, die der Bund jährlich an die Rentenversicherung überweist, um Beitragslücken und versicherungsfremde Leistungen zu decken. Im Etat 2026 sind dafür rund 127,8 Milliarden Euro vorgesehen, fast ein Drittel des Bundeshaushalts.

Entgeltpunkt

Entgeltpunkt ist die Recheneinheit der gesetzlichen Rente. Wer ein Jahr lang den Durchschnittslohn aller Versicherten verdient, erhält einen Entgeltpunkt. Multipliziert mit dem aktuellen Rentenwert ergibt sich daraus die monatliche Rente.

Erwerbstätigenversicherung

Erwerbstätigenversicherung bezeichnet das Modell, alle Erwerbstätigen in die gesetzliche Rente einzubeziehen, also auch Selbstständige, Beamte und Abgeordnete. Befürworter erhoffen sich eine breitere Finanzierungsbasis, Kritiker verweisen auf später entstehende zusätzliche Rentenansprüche.

Generationenvertrag

Generationenvertrag ist die bildhafte Bezeichnung für das Umlageverfahren. Die arbeitende Generation finanziert die Renten der heutigen Rentner und erwirbt im Gegenzug Ansprüche gegenüber der nachfolgenden Generation. Ein schriftlicher Vertrag existiert nicht, die Bindung beruht auf Gesetz und Konvention.

Haltelinie

Haltelinie meint die gesetzliche Untergrenze, unter die das Rentenniveau nicht fallen darf. Aktuell liegt sie bei 48 Prozent und wurde mit dem Rentenpaket 2025 bis 2031 verlängert. Die Garantie betrifft das Niveau, nicht die Finanzierung.

Kapitaldeckung

Kapitaldeckung bezeichnet ein Vorsorgemodell, bei dem Beiträge angespart und am Kapitalmarkt angelegt werden. Im Alter wird der angesparte Kapitalstock samt Erträgen verzehrt. Die Schweiz und die Niederlande nutzen dieses Verfahren als Ergänzung zur Umlage.

Medianalter

Medianalter teilt eine Bevölkerung in zwei gleich große Hälften, von denen eine jünger und eine älter ist. Als Maß für die Alterung gilt es aussagekräftiger als das Durchschnittsalter. In Deutschland lag es 2024 bei 46,8 Jahren.

Nachhaltigkeitsfaktor

Nachhaltigkeitsfaktor ist ein Bestandteil der Rentenanpassungsformel. Er bildet die Veränderung des Verhältnisses von Beitragszahlern zu Rentnern ab und dämpft die jährliche Rentenerhöhung, sobald sich die Relation verschlechtert. Eingeführt wurde er 2004.

Rentenniveau

Rentenniveau gibt an, wie hoch die Rente nach 45 Beitragsjahren mit Durchschnittsverdienst im Verhältnis zum aktuellen Durchschnittslohn ausfällt. Sinkt der Wert, verlieren Rentner gegenüber den Erwerbstätigen an Kaufkraft. Aktuell ist er bei 48 Prozent abgesichert.

Umlageverfahren

Umlageverfahren bezeichnet die Finanzierungsform, bei der laufende Beiträge sofort als Renten ausgezahlt werden, ohne dass ein Kapitalstock gebildet wird. Die Tragfähigkeit hängt vom Verhältnis zwischen Einzahlern und Empfängern ab. Deutschland nutzt es seit 1957.

Zusammengefasste Geburtenziffer

Zusammengefasste Geburtenziffer gibt an, wie viele Kinder eine Frau im Laufe ihres Lebens bekäme, blieben die altersspezifischen Geburtenhäufigkeiten eines Jahres konstant. Die Kennzahl ist unabhängig von der Altersstruktur und dient dem Vergleich über Zeit und Regionen. 2024 lag sie bei 1,35.

FAQ: Funktioniert die Rente ohne genug Kinder noch?

Holz-Spardose als Haus mit Euro-Münzen, Schaukelgestell und Aufschrift
Gesetzliche Rente bleibt garantiert, aber mit sinkendem Rentenniveau und steigendem Steuerzuschuss. Private Vorsorge empfohlen

Ist die gesetzliche Rente sicher?

Die gesetzliche Rente verschwindet nicht, weil sie gesetzlich garantiert und politisch abgesichert ist. Ihr Versprechen schrumpft jedoch relativ zum Lohn, und der steuerfinanzierte Anteil wächst. Eine ergänzende private oder betriebliche Vorsorge gilt deshalb als sinnvoll, um die wachsende Lücke abzufedern.

Warum reicht die Geburtenrate für die Rente nicht aus?

Das Umlageverfahren braucht genügend Beitragszahler, um die Renten der älteren Generation zu finanzieren. Bei 1,35 Kindern je Frau ersetzt jede Generation sich nur zu etwa zwei Dritteln. Für die reine Bestandserhaltung wären 2,1 Kinder je Frau nötig, ein Wert, den Deutschland seit über fünfzig Jahren unterschreitet.

Wie viele Beitragszahler finanzieren einen Rentner?

Aktuell stehen einem Altersrentner rund zwei Beitragszahler gegenüber. 1962 waren es noch sechs. Nach den Prognosen der Deutschen Rentenversicherung sinkt der Wert ab 2030 erstmals unter zwei und stagniert danach bei etwa 1,75.

Wie hoch ist der Steuerzuschuss zur Rente?

Im Bundeshaushalt 2026 sind allein für die Leistungen an die Rentenversicherung rund 127,8 Milliarden Euro vorgesehen. Insgesamt beansprucht der Bundeszuschuss zur Rente bereits über 109 Milliarden Euro und damit etwa 30 Prozent des gesamten Bundeshaushalts.

Warum steigt der Rentenbeitrag ab 2028?

Die Bundesregierung hält das Rentenniveau bis 2031 bei 48 Prozent. Weil gleichzeitig immer mehr Rentner immer länger Rente beziehen, reichen die Beiträge nicht. Modellrechnungen der Deutschen Rentenversicherung erwarten deshalb einen Anstieg des Beitragssatzes auf 19,9 Prozent ab 2028 und bis zu 21,1 Prozent Mitte der 2030er Jahre.

Wäre ein kapitalgedecktes System besser?

Ein kapitalgedecktes System spart Beiträge an und legt sie am Kapitalmarkt an, wie es die Schweiz und die Niederlande als Ergänzung praktizieren. Es ist weniger anfällig für die Demografie, dafür abhängig von der Kapitalmarktentwicklung. Ein abrupter Umstieg ist nicht möglich, weil die heutige Beitragsgeneration sonst doppelt zahlen müsste, für die alten Renten und für den eigenen Kapitalstock.

Quellen

Statistisches Bundesamt | Geburten in Deutschland | https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Geburten/_inhalt.html | besucht am 27.06.2026

Statistisches Bundesamt | Geburtenverhalten im Wandel | https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Demografischer-Wandel/Aspekte/demografie-geburten.html | besucht am 27.06.2026

Demografieportal des Bundes | Geburtenrate | https://www.demografie-portal.de/DE/Fakten/geburtenrate.html | besucht am 27.06.2026

Demografieportal des Bundes | Beitragszahler je Altersrentner | https://www.demografie-portal.de/DE/Fakten/altersrentner-beitragszahler.html | besucht am 27.06.2026

Statistisches Bundesamt | Bevölkerung im Erwerbsalter sowie Seniorinnen und Senioren (Altenquotient) | https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Demografischer-Wandel/Aspekte/demografie-altenquotient.html | besucht am 27.06.2026

Statistisches Bundesamt | Rente im Fokus | https://www.destatis.de/DE/Im-Fokus/Rente/_inhalt.html | besucht am 27.06.2026

Statistisches Bundesamt | Künftige Bevölkerungsentwicklung | https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Bevoelkerungsvorausberechnung/_inhalt.html | besucht am 27.06.2026

Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung | Medianalter der Bevölkerung 1950 bis 2070 | https://www.bib.bund.de/DE/Fakten/Fakt/B20-Medianalter-Bevoelkerung-1950-Vorausberechnung.html | besucht am 27.06.2026

Deutscher Bundestag | Etat 2026: 7 Milliarden Euro mehr für Arbeit und Soziales | https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1105602 | besucht am 27.06.2026

Wirtschaftsdienst | Mit ausgewogenen Reformen das Rentensystem stabilisieren | https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2026/heft/2/beitrag/mit-ausgewogenen-reformen-das-rentensystem-stabilisieren.html | besucht am 27.06.2026

Bundesministerium für Arbeit und Soziales | Bundeskabinett beschließt Rentenanpassung 2026 | https://www.bmas.de/DE/Service/Presse/Pressemitteilungen/2026/bundeskabinett-beschliesst-rentenanpassung-2026.html | besucht am 27.06.2026

Deutsche Rentenversicherung | Rentnerquotient und Prognose | https://rentenupdate.drv-bund.de/DE/1_Archiv/Archiv/2023/02_Wie_stark_wird_Deutschland_altern.html | besucht am 27.06.2026

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