Die Rattenpopulation in Deutschland umfasst nach der obersten kursierenden Schätzung 300 Millionen Tiere. Nachgezählt hat sie niemand, denn eine amtliche Statistik existiert nicht. Beide Bevölkerungen teilen sich dieselbe Fläche, dieselbe Kanalisation und dieselben Essensreste, und in mindestens vier von neun Disziplinen steht die Bundesrepublik schlechter da als das Tier, das sie bekämpft.

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Zwei Bevölkerungen leben auf demselben Staatsgebiet. Die eine zählt 83,5 Millionen Menschen, verfügt über ein Grundgesetz, sechzehn Landesparlamente, ein Sozialversicherungssystem und eine Bundesartenschutzverordnung. Die andere kennt keine Verfassung, keine Kasse und keinen einzigen Beschluss, und nutzt trotzdem seit rund 300 Jahren durchgehend die Infrastruktur der ersten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Rattenpopulation in Deutschland wird auf 150 bis 300 Millionen Tiere geschätzt. Belastbare Zahlen liegen nicht vor, weil niemand zählt.
  • Wanderratten helfen einander reziprok. Die Berner Verhaltensforschung hat gezeigt, dass die Tiere ihre Entscheidung ausschließlich an der letzten Begegnung ausrichten.
  • Im Nordwesten Deutschlands sind Wanderratten gegen fünf Rodentizid-Wirkstoffe resistent. Die staatliche Antwort besteht bisher aus stärkeren Giften.
  • Das Habitat der Ratte ist ein Bauwerk der Bundesrepublik: 594.335 Kilometer Kanal, davon knapp ein Fünftel sanierungsbedürftig, bei einer Sanierungsrate von rund einem Prozent pro Jahr.

Rattenland?

Wissenstest
Rattenpopulation gegen Bundesrepublik
10 Fragen aus dem Artikel. Wählen Sie Ihre Antwort, dann decken Sie die Lösung auf.
1 Wie viele Ratten leben nach der höchsten kursierenden Schätzung in Deutschland? Aufklappen ↓
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Richtig: C. Der Deutsche Schädlingsbekämpfer-Verband nennt rund 300 Millionen Tiere, andere Schätzungen liegen bei 150 bis 200 Millionen. Eine amtliche Zählung existiert nicht.
2 Welche Rattenart dominiert heute in Deutschland? Aufklappen ↓
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Richtig: B. Die Wanderratte (Rattus norvegicus) hat die Hausratte weitgehend verdrängt. Die Hausratte gilt in Deutschland inzwischen als selten.
3 Wie groß ist ein übliches Rattenrudel? Aufklappen ↓
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Richtig: B. Das LAVES beziffert die übliche Rudelgröße auf über 20 Tiere, in Einzelfällen 60 und in Ausnahmen mehr als 200. Fremde Tiere ohne den richtigen Gruppengeruch werden angegriffen.
4 Woran richten Wanderratten ihre Hilfsbereitschaft aus? Aufklappen ↓
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Richtig: B. Manon Schweinfurth hat an der Universität Bern gezeigt, dass Ratten allein die letzte Begegnung heranziehen. Frühere Begegnungen fallen aus der Rechnung.
5 Warum entwickeln Ratten gegen Antikoagulanzien keine Köderscheu? Aufklappen ↓
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Richtig: A. Das Umweltbundesamt beschreibt die Verzögerung als Kern des Wirkprinzips. Das Tier verknüpft den Köder nicht mit der Vergiftung.
6 Gegen wie viele Rodentizid-Wirkstoffe sind Wanderratten im Nordwesten resistent? Aufklappen ↓
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Richtig: C. Dokumentiert sind Resistenzen gegen Warfarin, Chlorphacinon, Coumatetralyl, Bromadiolon und Difenacoum. Ursache sind Mutationen im VKORC1-Gen.
7 Wie viele Nachkommen bringt ein Rattenweibchen im Freiland grob pro Jahr hervor? Aufklappen ↓
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Richtig: B. Das LAVES rechnet theoretisch mit 1.512 Tieren über drei Folgegenerationen und schätzt den realen Wert auf grob 500. Die Geschlechtsreife tritt nach etwa drei Monaten ein.
8 Wie groß ist das öffentliche Abwasserkanalnetz in Deutschland? Aufklappen ↓
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Richtig: C. Das Statistische Bundesamt beziffert das Netz auf 594.335 Kilometer, der Wiederbeschaffungswert liegt bei rund einer Billion Euro. Saniert wird davon etwa ein Prozent im Jahr.
9 Wie steht die Wanderratte im deutschen Artenschutzrecht? Aufklappen ↓
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Richtig: B. Die Bundesartenschutzverordnung stellt zunächst alle Säugetiere unter Schutz und nimmt in Anlage 1 die Wanderratte, die Hausratte und die Hausmaus ausdrücklich aus.
10 Wie viele Leptospirosefälle registriert das Robert Koch-Institut pro Jahr? Aufklappen ↓
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Richtig: B. Seit dem Jahr 2000 liegt die Zahl zwischen 37 und 166 Fällen jährlich. Betroffen sind vor allem Kanalarbeiter und Landwirte. Das Risiko ist real, aber klein und berufsbezogen.

Wie groß ist die Rattenpopulation in Deutschland wirklich?

Eine Wanderratte steht auf weißem Untergrund neben einem kleinen orangen Aktenordner
Die Bundesrepublik hat keine verlässlichen Zahlen über die Katzenbestände in Deutschland, nur verschiedene Schätzungen

Eine ehrliche Antwort beginnt mit einem Eingeständnis: Niemand weiß es. Die Bundesrepublik führt ein Melderegister, einen Zensus, eine Steuer-Identifikationsnummer und eine Statistik über die durchschnittliche Wohnfläche je Person. Für das zweitgrößte Säugetierkollektiv auf ihrem Territorium besitzt sie keine einzige belastbare Zahl.

Was kursiert, sind Schätzungen mit sehr unterschiedlicher Herkunft. Der gängige Korridor liegt bei 150 bis 200 Millionen Wanderratten, der Deutsche Schädlingsbekämpfer-Verband nennt rund 300 Millionen. Umgerechnet wären das drei bis vier Tiere je Einwohner. Diese Zahl wird gern zitiert, und sie stammt von einem Verband, dessen Mitglieder von der Bekämpfung leben. Damit ist sie nicht automatisch falsch, aber sie verdient die gleiche Skepsis wie jede andere Zahl, die ein Interesse transportiert.

Zur Genauigkeit gehört die Artenfrage. In Deutschland leben zwei Rattenarten, und die Rattenpopulation besteht heute fast vollständig aus der Wanderratte (Rattus norvegicus). Die Hausratte (Rattus rattus), über Jahrhunderte die häufigere Art, ist von der größeren und durchsetzungsfähigeren Verwandten verdrängt worden und gilt in Deutschland als selten. Die Wanderratte stammt aus den Steppen Asiens, hat Mitteleuropa im 18. Jahrhundert erreicht, wiegt 100 bis 500 Gramm und misst 18 bis 28 Zentimeter ohne Schwanz. Ein Tier also, das kleiner ist als eine Hauskatze und das die Bundesrepublik seit rund 300 Jahren nicht mehr losgeworden ist.

Die Rattenpopulation entzieht sich der Zählung aus einem simplen Grund: Die Tiere leben unterirdisch, nachtaktiv und in Gruppen, die sich in ihrem Bau kaum beobachten lassen. Das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit beschreibt die Wanderratte als Kulturfolger mit einem Aktionsradius von meist unter hundert Metern um das Nest. Eine Hochrechnung müsste also Bau für Bau erfolgen, quer durch 594.335 Kilometer Kanal und durch jeden Komposthaufen der Republik.

Wir halten die Spanne für das eigentlich Interessante. Ein Faktor zwei zwischen der niedrigsten und der höchsten Schätzung bedeutet, dass die Bundesrepublik über die Größe einer Bevölkerung auf ihrem Boden nicht einmal die Größenordnung sicher kennt. Bei der Zahl der Wildschweine, der Wölfe und der Feldhamster ist die Datenlage ungleich besser, denn dort gibt es Jagdstatistiken und Monitoringprogramme. Für die Rattenpopulation gibt es Giftköder und Bauchgefühl.

Der Kontrast fällt umso härter aus, als die Bundesrepublik ihre eigene Größe mit erheblichem Aufwand nachschärft. Der Zensus 2022 hat die amtliche Einwohnerzahl korrigiert, und das Statistische Bundesamt hat daraufhin sogar die Geburtenziffern der Vorjahre neu berechnet, um Nachkommastellen zu bereinigen. Bei der zweiten Bevölkerung des Landes bewegt sich dieselbe Verwaltung in einer Spanne von 150 Millionen Tieren. Ein Staat, der seine Statistik so ernst nimmt, sollte diese Blindstelle wenigstens benennen.

Lesetipp: Ameisenstaat 🐜 gegen Bundesrepublik

Wie ist die Rattenpopulation organisiert?

Drei Ratten stehen nebeneinander auf weißem Grund; links ein kleines Nest
Rudel von über 20 Tieren, in Ausnahmefällen mehr als 200: Der Gruppengeruch entscheidet über Zugehörigkeit.

Die Rattenpopulation lebt in Gruppen, und diese Gruppen sind kein Staat. Das LAVES beziffert die übliche Rudelgröße auf über 20 Tiere, in Einzelfällen auf 60 und in Ausnahmen auf mehr als 200. Innerhalb dieser Gruppe existiert eine Rangordnung, ein gemeinsamer Gruppengeruch und ein Revier. Fremde Tiere ohne den richtigen Geruch werden angegriffen, häufig getötet.

Ein zentrales Organ fehlt. Keine Ratte entscheidet für alle, keine Ratte verwaltet Vorräte für den Winter, kein Gremium beschließt einen Umzug. Die Biologin Kaylee Byers hat die Rattenpopulation von Vancouver kartiert und dabei festgestellt, dass die Tiere nicht eine Stadtgesellschaft bilden, sondern viele kleine Clans, deren Mitglieder sich selten weiter als hundert Meter vom Bau entfernen. Zwei Straßenzüge weiter lebt bereits eine andere Gesellschaft, mit anderem Geruch und ohne jede Koordination.

Das Ergebnis ist eine radikale Form der Subsidiarität. Jede Entscheidung fällt dort, wo sie wirkt, und niemand wartet auf eine übergeordnete Ebene. Die Bundesrepublik kennt das Prinzip ebenfalls, hat es aber mit sechzehn Landesregierungen, einem Bundesrat, einem Vermittlungsausschuss und über 10.000 Gemeinden so ausgestaltet, dass eine Entscheidung durchschnittlich mehrere Instanzen durchläuft, bevor sie irgendwo ankommt. Die Rattenpopulation zahlt für ihre Dezentralität einen anderen Preis: Sie kann nichts Großes bauen, nichts Langfristiges planen und keine Katastrophe überregional abwehren.

Zur Organisation gehört ein zweites Merkmal, das in der Bekämpfung eine große Rolle spielt: die Neophobie. Wanderratten meiden neue Objekte in ihrem Revier über einen längeren Zeitraum, bevor sie sich vorsichtig annähern. Eine frisch aufgestellte Köderstation gilt der Gruppe zunächst als Bedrohung, nicht als Angebot. Diese eingebaute Skepsis gegenüber allem Neuen ist der Grund, warum eine Bekämpfung Geduld verlangt und warum schnelle Erfolge in aller Regel keine sind.

Die Bundesrepublik kennt dieselbe Reaktion, nur unter anderem Namen. Neue Verfahren, neue Software, neue Rechtsformen werden misstrauisch beäugt und erst nach Jahren angenommen. Der Unterschied liegt im Ausgang: Die Rattenpopulation prüft das neue Objekt und frisst am Ende davon, die Verwaltung prüft es und richtet einen Arbeitskreis ein.

Eine Überlegenheit der Nager lässt sich daraus nicht ableiten, jedenfalls nicht ohne Zusatz. Eine Rattenkolonie hat noch nie eine Kläranlage gebaut, ein Impfprogramm organisiert oder ein Deichsystem unterhalten. Dezentralität ist schnell und begrenzt, Zentralität ist langsam und lernfähig. Beide Systeme bezahlen ihre Stärke mit derselben Schwäche.

Kennt die Rattenpopulation einen Sozialstaat?

Zwei braune Ratten auf weißem Grund; eine putzt die andere. Daneben Futter mit blauer Pille
Hilfe nach der letzten Begegnung: Ein Sozialsystem ohne Kasse und ohne Anspruch auf Vorleistung.

An dieser Stelle wird das Bild vom Kanalvieh unbrauchbar. Wanderratten sind hochsoziale Tiere, sie putzen einander das Fell, sie teilen Futter, und sie tun das nach einer erkennbaren Regel. Die Verhaltensökologie der Universität Bern hat um Michael Taborsky über Jahre die Reziprozität dieser Tiere untersucht, und die Ergebnisse sind für ein Nagetier bemerkenswert.

Manon Schweinfurth hat gezeigt, dass Ratten ihre Hilfsbereitschaft an der jeweils letzten Begegnung ausrichten. Hat die Partnerratte gestern Futter beschafft, wird ihr heute geholfen. Frühere Begegnungen fallen aus der Rechnung heraus, egal ob kooperativ oder nicht. Karin Schneeberger, Gregory Röder und Taborsky haben 2020 in PLOS Biology nachgewiesen, dass die Tiere sogar den Hunger eines Artgenossen riechen und hungrigen Partnern schneller helfen als satten. Eine Berner Studie unter Erstautor Sacha Engelhardt hat 2024 ergänzt, dass eine Ratte, die von einer anderen aus einer Röhre befreit wurde, anschließend eher mit ihrer Befreierin kooperiert als mit einem unbeteiligten Tier.

Noch weiter geht ein Befund von Nina Gerber, ebenfalls an der Ethologischen Station Hasli entstanden. Die Tiere geben beim Helfen offenbar einen Geruch ab, der andere Ratten ihrerseits kooperativ stimmt. Ein chemisches Signal für Hilfsbereitschaft also, verteilt in der Luft eines Kanalbaus, ohne Vertrag und ohne Bescheid.

Die Rattenpopulation betreibt damit ein Sozialsystem ohne Kasse, ohne Beitragssatz und ohne Rentenformel. Der Preis dafür ist hart. Ein Tier ohne Gegenleistung bekommt nichts, und ein altes, schwaches Tier fällt aus dem System heraus, sobald es nicht mehr liefern kann. Eine Rattengruppe kennt keine Erwerbsminderungsrente und keinen Pflegegrad.

Die Bundesrepublik hat den umgekehrten Weg gewählt, und das aus guten Gründen. Ein Sozialstaat, der Leistung und Gegenleistung entkoppelt, schützt genau die Menschen, die im Rattensystem sterben würden. Nur hat diese Entkopplung eine Bedingung: Die Deckung muss stimmen. Genau daran hapert es. Die Ratte vertraut ausschließlich der letzten Begegnung, die Bundesrepublik vertraut einem Versprechen über vierzig Jahre. Von beiden Haltungen ist die zweite die zivilisiertere und die riskantere.

Warum verliert die Bundesrepublik den Giftkrieg?

Schwarzer Kunststoffkoffer mit orangefarbenem Warnhinweis „GEFAHR! KÖDERBOX GESCHLOSSEN“
Fünf Wirkstoffe wirken im Nordwesten Deutschlands nicht mehr zuverlässig.

Die staatliche Antwort auf die Rattenpopulation heißt Antikoagulanz, und die Bilanz dieser Antwort fällt ernüchternd aus. Blutgerinnungshemmer werden seit den 1950er Jahren als Fraßköder ausgelegt, und ihr Trick ist die Verzögerung. Das Umweltbundesamt beschreibt den Mechanismus nüchtern: Die tödliche Wirkung tritt erst drei bis sieben Tage nach der Aufnahme ein, deshalb bringt das Tier die Vergiftung nicht mit dem Köder in Verbindung und entwickelt keine Köderscheu.

Die Rechnung ist nicht aufgegangen. Bereits in den 1950er Jahren traten die ersten Resistenzen auf, und sie sind genetisch bedingt. Die Arbeiten von Hans-Joachim Pelz und Simone Rost haben die Ursache in Mutationen des VKORC1-Gens lokalisiert, also an exakt der Stelle, an der das Gift angreift. Bei Wanderratten im Nordwesten Deutschlands sind heute Resistenzen gegen Warfarin, Chlorphacinon, Coumatetralyl, Bromadiolon und Difenacoum dokumentiert. Fünf Wirkstoffe, ein Gebiet, eine Population, die weiterlebt.

Die Reaktion des Systems folgt einem Muster, das aus der Antibiotikadebatte bekannt ist: höhere Dosis, härterer Wirkstoff. In den Resistenzgebieten müssen die toxischeren Substanzen Brodifacoum, Flocoumafen oder Difethialon eingesetzt werden. Diese Stoffe der zweiten Generation bauen sich in der Umwelt und im Körper nur langsam ab. Das Umweltbundesamt weist Rückstände in Eulen, Füchsen, Singvögeln und sogar in Fischen nach und sucht inzwischen aktiv nach Alternativen, weil alle acht zugelassenen Wirkstoffe als reproduktionstoxisch eingestuft sind.

In der Europäischen Union sind acht antikoagulante Wirkstoffe zugelassen, drei der ersten und fünf der zweiten Generation. Mehr Munition gibt es nicht. Jeder verlorene Wirkstoff verkleinert also ein Arsenal, das sich nicht ohne Weiteres nachfüllen lässt, denn eine Neuzulassung durchläuft ein europäisches Verfahren mit Risikobewertung, Umweltprüfung und nationaler Umsetzung.

Damit steht die Bundesrepublik in einem Wettrüsten, das sie nicht gewinnen kann. Die Rattenpopulation aktualisiert ihr Betriebssystem alle drei Monate, denn so schnell ist die nächste Generation geschlechtsreif. Der Staat aktualisiert seines im Rhythmus europäischer Zulassungsverfahren. Ein Gift braucht Jahre bis zur Genehmigung, eine Resistenz braucht ein paar Winter.

Wie schnell erholt sich die Rattenpopulation nach einem Schock?

Ein Weibchen, ein Jahr, rund 500 Nachkommen

Die Rattenpopulation ersetzt Vorsorge durch Menge. Die Bundesrepublik ersetzt Menge durch Vorsorge.

Die Kaskade eines einzigen Wurfs
6 bis 8
Junge pro Wurf, nach rund drei Wochen selbstständig
104
eigene Nachkommen im Jahr, rein rechnerisch
1.512
Tiere über drei Folgegenerationen, theoretischer Höchstwert
rund 500
Kinder und Enkel unter realen Freilandbedingungen (LAVES-Schätzung)
Zwei Bevölkerungen, zwei Antworten auf denselben Schock
rund 500
Nachkommen je Weibchen und Jahr
1,32
Kinder je Frau (2025), 654.241 Geburten, niedrigster Stand der Nachkriegszeit
Eine hohe Reproduktionsrate ist keine Leistung, sondern eine Antwort auf hohe Sterblichkeit. Eine Wanderratte in der Stadt lebt selten länger als ein Jahr. Die Bundesrepublik fängt Schocks über Institutionen, Kapital und Zuwanderung ab, und diese Rechnung geht nur so lange auf, wie die Vorsorge finanziert bleibt.

Hier liegt die eigentliche Waffe. Das LAVES rechnet vor, was ein einziges Weibchen leisten kann: rechnerisch 104 eigene Nachkommen im Jahr, und über drei Folgegenerationen hinweg summiert sich die Verwandtschaft auf 1.512 Tiere. Unter Freilandbedingungen bleibt davon deutlich weniger übrig, die Behörde schätzt grob 500. Auch diese Zahl beschreibt eine Population, die einen Einbruch von 80 Prozent innerhalb einer Saison ausgleicht.

Der Motor dieser Erholung ist die Geschwindigkeit. Junge Ratten sind nach rund drei Wochen selbstständig und nach etwa drei Monaten geschlechtsreif. In der Stadt wird kaum ein Tier älter als ein Jahr, und genau deshalb ist die Reproduktionsrate kein Luxus, sondern die Voraussetzung des Überlebens. Die Rattenpopulation hat keine Rücklagen, sie hat Nachwuchs.

Die Bundesrepublik hat den umgekehrten Bestand. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lag die zusammengefasste Geburtenziffer 2025 bei 1,32 Kindern je Frau, und mit 654.241 Geburten ist die Zahl auf den niedrigsten Stand der Nachkriegszeit gefallen. Ein Volk, das sich rechnerisch pro Generation um rund ein Drittel verkleinert, kann Schocks nicht durch Nachwuchs auffangen, sondern nur durch Institutionen, Kapital und Zuwanderung. Alle drei Puffer sind politisch umkämpft, und keiner von ihnen wirkt in drei Monaten.

Der Vergleich hat allerdings eine Grenze, die wir offen benennen. Eine hohe Reproduktionsrate ist keine Leistung, sondern eine Antwort auf hohe Sterblichkeit. Eine Wanderratte in der Stadt lebt selten länger als ein Jahr, viele Jungtiere überleben die ersten Wochen nicht, und Fressfeinde, Gift und Konkurrenz halten die Population unten. Die Rattenpopulation ersetzt Vorsorge durch Menge. Die Bundesrepublik ersetzt Menge durch Vorsorge, und diese Rechnung geht nur so lange auf, wie die Vorsorge finanziert bleibt.

KennzahlRattenpopulationBundesrepublik
Bestand150 bis 300 Mio. (Schätzung)83,5 Mio. (Ende 2025, Destatis)
Nachwuchs je Weibchen und Jahrrund 500 (Freiland, LAVES)1,32 Kinder je Frau (2025)
Zeit bis zur Geschlechtsreiferund 3 Monaterund 30 Jahre bis zum ersten Kind
Lebenserwartungunter 1 Jahr (urban)78,8 Jahre (Männer), 83,4 Jahre (Frauen)
Zentrale VerwaltungkeineBund, 16 Länder, über 10.000 Gemeinden
Datenlage über die eigene Größekeinevollständig

Wem gehört das Kanalnetz?

Die Sanierungsschere im Kanalnetz

Das Habitat der Ratte ist ein Bauwerk der Bundesrepublik. Gepflegt wird es langsamer, als es verfällt.

18 %
kurz- bis mittelfristig sanierungsbedürftig
1,1 %
Sanierungsrate pro Jahr
rund 40
Jahre Durchschnittsalter der Rohre
Zustand des Netzes
Mängelfrei27 %
Sanierungsbedürftig18 %
Tatsächlich saniert pro Jahr1,1 %
Modellrechnung: Wie weit die Schere aufgeht
rund 60 Jahre
veranschlagte Nutzungsdauer eines Kanals
rund 90 Jahre
Dauer für einen kompletten Durchlauf durch das Netz bei 1,1 % Sanierung pro Jahr
Die Reinvestitionsquote liegt bei rund 0,4 Prozent im Jahr. Ein Privathaushalt, der sein Haus in diesem Tempo pflegt, streicht alle 250 Jahre die Fassade. Modellrechnung auf Basis der DWA-Kanalumfrage, keine amtliche Prognose.

Das Habitat der Rattenpopulation ist ein Bauwerk der Bundesrepublik. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes betreibt Deutschland ein Abwasserkanalnetz von 594.335 Kilometern, an das 97 Prozent der Bevölkerung angeschlossen sind. Die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall beziffert den Wiederbeschaffungswert dieser unsichtbaren Infrastruktur auf rund eine Billion Euro. Gebaut hat das der Mensch, bewohnt wird es von der Rattenpopulation.

Der Zustand dieses Bauwerks entscheidet darüber, wie leicht die Rattenpopulation nach oben kommt. Nach der DWA-Kanalumfrage weisen gut 18 Prozent der Haltungen Schäden auf, die kurz- bis mittelfristig saniert werden müssen. Ein gutes Viertel gilt als mängelfrei. Das Durchschnittsalter liegt bei knapp 40 Jahren, und saniert wird derzeit rund ein Prozent des Netzes pro Jahr.

An dieser Stelle lohnt eine Modellrechnung, und wir kennzeichnen sie ausdrücklich als solche. Bei einer Sanierungsrate von 1,1 Prozent im Jahr dauert ein vollständiger Durchlauf durch das Netz rechnerisch rund 90 Jahre. Die durchschnittliche Nutzungsdauer eines Kanals veranschlagt die Branche mit etwa 60 Jahren. Beide Zahlen zusammen ergeben eine Schere, die sich nicht schließt, sondern öffnet. Jeder Riss in einer Rohrwand ist für eine Wanderratte eine Tür, und die Tiere passen durch jede Öffnung, durch die ihr Kopf passt.

Geld fließt durchaus. Der Verband kommunaler Unternehmen beziffert die jährlichen Ausgaben für Erhalt und Erneuerung der Abwasserinfrastruktur auf mehr als vier Milliarden Euro. Gemessen an einem Anlagevermögen von rund einer Billion Euro entspricht das einer Reinvestitionsquote von etwa 0,4 Prozent im Jahr. Ein Privathaushalt, der sein Haus in diesem Tempo instand hält, streicht alle 250 Jahre die Fassade.

Zum Schadensbild gehört ein Detail, das die Rattenpopulation direkt betrifft. Ein Drittel der betrieblichen Schäden an Abwasserkanälen geht laut DWA auf Wurzeleinwuchs zurück, dazu kommen Ablagerungen und anhaftende Stoffe. Jede dieser Stellen ist eine Unebenheit, an der sich Nahrung sammelt, und jede Fuge, die sich öffnet, ist ein Zugang zum Erdreich darüber. Die Faustregel unter Schädlingsbekämpfern lautet, dass eine Wanderratte überall dort durchkommt, wo ihr Kopf durchpasst.

Hinzu kommen die privaten Leitungen. Die DWA schätzt die Grundstücksentwässerungsanlagen in Deutschland auf rund 1,1 Millionen Kilometer, also auf fast das Doppelte des öffentlichen Netzes, und stellt zugleich fest, dass über deren Zustand wenig bekannt ist. Ein Staat, der die Hälfte seiner Rohre kennt und die andere Hälfte nicht, führt einen Abwehrkampf mit verbundenen Augen. Wie teuer eine ernst gemeinte Sanierung wird, haben wir am Beispiel eines einzigen Quartiers durchgerechnet.

Wer füttert die Rattenpopulation?

Umgekippte grüne Bio-Tonne vor weißem Hintergrund, aus der Lebensmittelabfälle quellen
Bekämpfung und Fütterung bezahlt derselbe Haushalt.

Die Nahrungsgrundlage der Rattenpopulation ist kein Naturprodukt, sondern eine Dienstleistung. Der US-Nagetierforscher Bobby Corrigan bringt es auf den Punkt: Der Kern des Problems sind Menschen und ihr Umgang mit Abfall. Ein nicht geleerter Mülleimer ist für die Tiere ein gedeckter Tisch, und dieselbe Logik gilt für Essensreste, die durch die Toilette in die Kanalisation gespült werden, für offene Komposthaufen und für ausgestreutes Vogelfutter.

Die Rechnung ist unangenehm einfach. Deutschland finanziert die Bekämpfung der Ratte über kommunale Gebühren und Schädlingsbekämpfer, und Deutschland finanziert zugleich ihre Ernährung über weggeworfene Lebensmittel. Beide Kostenblöcke trägt derselbe Haushalt. Ohne die Fütterung wäre die Bekämpfung zur Hälfte überflüssig.

Am deutlichsten wird die Selbstsabotage bei der Toilette. Speisereste, die durch das Klo verschwinden, landen exakt dort, wo die Rattenpopulation wohnt, und liefern ihr eine warme, wettergeschützte Nahrungsquelle mitten im Winter. Feuchttücher, die dasselbe Rohr passieren, verstopfen es zusätzlich und schaffen genau die Ablagerungen, an denen sich Futter sammelt. Ein einzelner Haushalt richtet damit wenig an, mehrere Millionen Haushalte betreiben eine flächendeckende Fütterungsanlage.

Die Kommunen halten in ihren Satzungen dagegen, meist mit einer Anzeigepflicht bei Rattenbefall und mit der Pflicht des Grundstückseigentümers, die Bekämpfung zu dulden oder zu veranlassen. Diese Regelungen sind sinnvoll und werden schwach durchgesetzt, weil die Ordnungsämter dünn besetzt sind. Eine Vorschrift ohne Kontrolle ist eine Empfehlung mit Paragrafennummer.

Rechtlich hat die Bundesrepublik einen bemerkenswerten Weg gewählt. Die Bundesartenschutzverordnung stellt zunächst alle Säugetiere unter besonderen Schutz und nimmt dann in Anlage 1 ausdrücklich die Wanderratte, die Hausratte und die Hausmaus davon aus. Der Staat hat also eine Bevölkerung auf seinem Gebiet per Verordnung schutzlos gestellt, sie aber nie aus dem Land bekommen. Parallel hat er die Bekämpfung stark reguliert: Der Einsatz von Antikoagulanzien ohne festgestellten Befall ist seit 2014 grundsätzlich untersagt, und die stärkeren Wirkstoffe dürfen ausschließlich Sachkundige ausbringen.

Diese Regulierung ist richtig, weil sie Eulen, Füchse und Kinder schützt. Die Nebenwirkung wird nur selten ausgesprochen. Der professionelle Kampf gegen die Rattenpopulation ist damit teurer und langsamer geworden, während die Fütterung durch Abfall unverändert kostenlos weiterläuft. Ein Kompost im Reihenhausgarten schlägt jede Köderstation.

Aus dieser Asymmetrie folgt eine unbequeme Prioritätenfrage. Jeder Euro in die Vermeidung von Nahrung wirkt auf die gesamte Rattenpopulation eines Viertels, jeder Euro in Gift wirkt auf die Tiere, die den Köder annehmen und ihn vertragen. Kommunen, die ihre Mülllogistik ordnen, Kanäle spülen und Speisereste konsequent aus der Toilette heraushalten, arbeiten an der Ursache. Kommunen, die stattdessen die Zahl der Köderstationen erhöhen, arbeiten am Symptom und bezahlen dafür in jeder Saison neu.

Wie gefährlich ist die Rattenpopulation wirklich?

Blutproberöhrchen und Schnellteststreifen liegen parallel nebeneinander auf weißem Grund
37 bis 166 Leptospirosefälle im Jahr: Das Risiko ist real, aber klein und berufsbezogen.

Die Angst vor der Rattenpopulation ist älter als jede Statistik, und sie ist teilweise berechtigt. Das LAVES nennt rund 120 Infektionskrankheiten, die Ratten übertragen können, darunter Salmonellen, Leptospirose und Fleckfieber. Die Rattenpopulation nagt Kabel an, verunreinigt Lebensmittel und beschädigt Bausubstanz. Schädlingsbekämpfer veranschlagen rund 2.000 Kotballen je Tier und Monat, und ein Befall im Keller riecht, bevor man ihn sieht.

Die realen Fallzahlen erzählen allerdings eine nüchternere Geschichte. Das Robert Koch-Institut hat seit dem Jahr 2000 pro Jahr zwischen 37 und 166 Leptospirosefälle in Deutschland registriert, wobei mehr als drei Viertel der Infektionen im Inland erworben wurden und von einer Dunkelziffer auszugehen ist. Besonders betroffen sind Kanalarbeiter, Landwirte und Beschäftigte im Veterinärwesen, also genau die Berufsgruppen mit direktem Kontakt zu Nagerurin.

Zwischen 300 Millionen Tieren und 166 Krankheitsfällen im schlechtesten Jahr klafft eine Lücke, die man ehrlich benennen sollte. Die Rattenpopulation ist in Deutschland kein Seuchenrisiko im historischen Sinn, sondern ein Hygiene- und Sachschadenproblem mit einem kleinen, klar umrissenen Infektionsrisiko für bestimmte Berufe. Panik ist unbegründet, Gleichgültigkeit trotzdem falsch, denn genau diese Lücke ist das Verdienst der Kanalisation, der Müllabfuhr und der Trinkwasserhygiene.

Ein weit verbreiteter Vorwurf gegen die Ratte hält der Forschung ohnehin nur bedingt stand. Katharine Dean und Kollegen vom Centre for Ecological and Evolutionary Synthesis in Oslo haben 2018 in PNAS ein Modell vorgelegt, nach dem die Pestwellen der Zweiten Pandemie in Europa besser durch menschliche Ektoparasiten wie Kleiderläuse und Menschenflöhe erklärt werden als durch Ratten und ihre Flöhe. Andere Forschergruppen haben der Studie methodische Schwächen vorgehalten, und die Debatte ist bis heute nicht abgeschlossen. Für unseren Zusammenhang genügt der schwächere Satz: Die Rolle der Ratte beim Schwarzen Tod gilt nicht mehr als gesichert, und ein Teil des kulturellen Abscheus vor dem Tier steht auf wackeligem Fundament.

Sauber trennen sollte man auch beim Hantavirus. Die in Deutschland gemeldeten Fälle gehen ganz überwiegend auf die Rötelmaus zurück, nicht auf die Wanderratte. Ein Erregerspektrum von rund 120 Krankheiten beschreibt, was ein Tier übertragen kann, nicht was es hierzulande tatsächlich überträgt. Diesen Unterschied blenden Meldungen über die angebliche Rattenplage regelmäßig aus, und wir halten das für schlechten Journalismus.

Das Risiko wächst dort, wo diese drei Systeme nachlassen. Eine Stadt, die Mülleimer seltener leert und Kanäle langsamer saniert, verschiebt die Rattenpopulation nach oben und das Infektionsrisiko mit ihr. Der Zusammenhang zwischen dem Zustand von Lieferketten, Hygiene und Versorgungssicherheit ist kein theoretischer, wie die Verwundbarkeit der Lebensmittelbranche zeigt.

Wer gewinnt den Vergleich?

Rattenpopulation gegen Bundesrepublik

Neun Disziplinen, zwei Bevölkerungen, ein Staatsgebiet.

Datenlage über sich selbstZensus gegen einen Schätzkorridor von Faktor zwei
Bundesrepublik
OrganisationRadikale Subsidiarität gegen langsame Lernfähigkeit
Unentschieden
SozialsystemReziprozität lässt Schwache sterben
Bundesrepublik
Deckung des SozialsystemsKeine Kasse kann leerlaufen, die es nicht gibt
Rattenpopulation
Anpassung an Gift und DruckFünf Wirkstoffresistenzen im Nordwesten
Rattenpopulation
Erholung nach einem SchockRund 500 Nachkommen gegen 1,32 Kinder je Frau
Rattenpopulation
Infrastruktur594.335 Kilometer Kanal, gebaut vom Menschen
Bundesrepublik
Pflege dieser InfrastrukturEin Prozent Sanierung im Jahr reicht nicht
Rattenpopulation
Moral und RechtKein Rudel kennt Rechtsstaat und Fürsorge
Bundesrepublik
Die Sortierung zählt mehr als der Punktestand. Alle vier Siege der Rattenpopulation betreffen das Überstehen eines Schocks. Alle vier Siege der Bundesrepublik betreffen das anständige Organisieren einer Gesellschaft. Resilienz ohne Moral ist kein Vorbild, Moral ohne Resilienz ist kein Schutz.

Neun Disziplinen, zwei Bevölkerungen, ein Territorium. Die Bilanz fällt in beide Richtungen unbequem aus.

DisziplinSiegerBegründung
Datenlage über sich selbstBundesrepublikZensus gegen Schätzkorridor von Faktor zwei
OrganisationunentschiedenRadikale Subsidiarität gegen langsame Lernfähigkeit
SozialsystemBundesrepublikReziprozität lässt Schwache sterben
Deckung des SozialsystemsRattenpopulationKeine Kasse kann leerlaufen, die es nicht gibt
Anpassung an Gift und DruckRattenpopulationFünf Wirkstoffresistenzen im Nordwesten
Erholung nach einem SchockRattenpopulationRund 500 Nachkommen gegen 1,32 Kinder je Frau
InfrastrukturBundesrepublik594.335 Kilometer Kanal, gebaut vom Menschen
Pflege dieser InfrastrukturRattenpopulationEin Prozent Sanierung im Jahr reicht nicht
Moral und RechtBundesrepublikKein Rudel kennt Rechtsstaat und Fürsorge

Vier zu vier bei einem Unentschieden. Ein Ergebnis, das die Bundesrepublik nicht beruhigen sollte, denn die Sortierung der Siege ist aufschlussreicher als ihre Zahl.

Alle vier Erfolge der Rattenpopulation betreffen die Fähigkeit, einen Schock zu überstehen: Anpassung an Gift, Erholung nach Verlusten, Deckung des eigenen Sozialsystems, Zustand der bewohnten Substanz. Genau dort hat Deutschland seine Puffer in den vergangenen zwei Jahrzehnten abgebaut, meist ohne Beschluss und fast immer aus Sparzwang. Alle vier Erfolge der Bundesrepublik betreffen dagegen die Fähigkeit, eine Gesellschaft anständig zu organisieren, also Wissen, Fürsorge, Recht und Baukunst. Diese Fähigkeiten sind das Wertvollste, was das Land besitzt, und sie sind nichts mehr wert, sobald das System darunter wegbricht. Resilienz ohne Moral ist kein Vorbild. Moral ohne Resilienz ist kein Schutz.

Die Rattenpopulation lebt in einem Netz, das wir gebaut haben und zu einem Prozent im Jahr sanieren. Das ist kein Ungezieferproblem, das ist ein Substanzproblem mit Fell.

— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web

Die unangenehmste Erkenntnis liegt nicht im Vergleich, sondern in der Kopplung. Die Rattenpopulation wächst genau dort, wo der Staat seine Infrastruktur verfallen lässt und seinen Abfall schlecht verwaltet. Die Rattenpopulation ist also kein Gegner, sondern ein Messinstrument. Steigende Rattenzahlen in einer Stadt sind ein Indikator für Sanierungsstau, Müllmanagement und Personaldecke im Ordnungsamt, und sie lassen sich schwerer wegdiskutieren als jede Kennzahl im Haushaltsplan. Wir schlagen deshalb einen Perspektivwechsel vor. Die Rattenpopulation eines Stadtviertels taugt als Kennziffer für den Zustand der Verwaltung, ähnlich wie die Zahl der Schlaglöcher oder die Wartezeit im Bürgeramt, nur ehrlicher, weil sie sich nicht schönrechnen lässt. Ein Tier, das seit 300 Jahren nichts anderes tut, als unsere Fehler zu verwerten, ist der zuverlässigste Rechnungsprüfer, den dieses Land nie bestellt hat. Ob der Standort Deutschland noch zu retten ist, entscheidet sich unter anderem in Rohren, die niemand sieht.

Glossar

Ein aufgeschlagenes, leeres Buch mit cremefarbenen Seiten und hellblauem Leseband auf weißem Grund
Sechs Begriffe, die den Vergleich tragen.

Antikoagulanz Blutgerinnungshemmender Wirkstoff in Rattengift. Die Wirkung setzt erst nach Tagen ein, damit das Tier den Zusammenhang zum Köder nicht herstellt.

Kulturfolger Tierart, die den menschlichen Siedlungsraum aktiv nutzt, weil dort Nahrung und Unterschlupf verlässlicher zur Verfügung stehen als in der freien Landschaft.

Reziprozität Gegenseitigkeit als Verhaltensregel. Hilfe wird gewährt, weil zuvor Hilfe empfangen wurde, nicht aus Verwandtschaft oder Zwang.

Rodentizid Biozid zur Bekämpfung von Nagetieren, in der EU über die Biozid-Verordnung zugelassen und in Deutschland nur nach festgestelltem Befall einsetzbar.

VKORC1 Gen, das den Angriffspunkt der Antikoagulanzien im Stoffwechsel codiert. Mutationen an dieser Stelle machen Ratten gegen das Gift unempfindlich.

Wiederbeschaffungswert Betrag, der aufzuwenden wäre, um ein bestehendes Bauwerk heute neu zu errichten. Für das deutsche Abwassernetz liegt er bei rund einer Billion Euro.

FAQ

Ein dreidimensionales, glänzendes, oranges Fragezeichen auf weißem Hintergrund
Die sechs Fragen, die Leser zu Ratten am häufigsten stellen.

Wie viele Ratten leben in Deutschland?
Eine amtliche Zählung existiert nicht. Die gängigen Schätzungen reichen von 150 bis 200 Millionen Wanderratten bis zu rund 300 Millionen, letztere Zahl stammt vom Deutschen Schädlingsbekämpfer-Verband.

Wächst die Rattenpopulation in deutschen Städten?
Belastbare Zeitreihen fehlen. Fachleute führen wachsende Befallsmeldungen vor allem auf Essensreste in der Kanalisation, offene Abfälle und den Sanierungsstau im Kanalnetz zurück.

Sind Ratten in Deutschland gegen Gift resistent?
Ja. Bei Wanderratten im Nordwesten Deutschlands sind Resistenzen gegen Warfarin, Chlorphacinon, Coumatetralyl, Bromadiolon und Difenacoum dokumentiert. In diesen Gebieten müssen stärkere Wirkstoffe eingesetzt werden.

Wie gefährlich sind Ratten für den Menschen?
Ratten können rund 120 Infektionskrankheiten übertragen. Das Robert Koch-Institut registriert allerdings nur zwischen 37 und 166 Leptospirosefälle pro Jahr, betroffen sind vor allem Kanalarbeiter und Landwirte.

Darf ich Rattengift selbst auslegen?
Nur eingeschränkt. Der Einsatz von Antikoagulanzien ohne festgestellten Befall ist seit 2014 untersagt, und die stärkeren Wirkstoffe der zweiten Generation dürfen ausschließlich Sachkundige ausbringen.

Wie schnell vermehren sich Ratten?
Junge Tiere sind nach rund drei Wochen selbstständig und nach etwa drei Monaten geschlechtsreif. Ein Weibchen bringt es unter Freilandbedingungen auf grob 500 Nachkommen und Enkel im Jahr.

Quellen

Ein Stapel Broschüren und Berichte auf weißem Hintergrund, teilweise blau, mit einem „FREIGEGEBEN“-Stempel
Alle Zahlen dieses Artikels stammen aus Primärquellen.
  • Niedersächsisches Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES): Die Wanderratte
  • Umweltbundesamt: Rodentizide, Biozidprodukte, sowie „Auf der Suche nach umweltfreundlicherem Rattengift“
  • Schneeberger K., Röder G., Taborsky M. (2020): The smell of hunger. PLOS Biology 18(3)
  • Universität Bern, Media Relations: Empathie und Kooperation bei Ratten (2024), Ratten helfen Artgenossen (2020)
  • Statistisches Bundesamt: Öffentliche Abwasserentsorgung, Geburtenziffer 2025
  • Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA): Zustand der Kanalisation in Deutschland
  • Robert Koch-Institut: RKI-Ratgeber Leptospirose
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