Amazon zieht vier eigene KI-Modelle aus dem Verkehr. Betroffen sind ausgerechnet die Spitzenmodelle, mit denen der Konzern gegen OpenAI und Google antreten wollte. Die Abschalttermine stehen längst öffentlich in der AWS-Dokumentation.
drweb.de als bevorzugte Quelle auf Google hinzufügenQualitätsgeprüfte Inhalte direkt in Google News & DiscoverJetzt hinzufügenAmazon Nova Premier, das stärkste hauseigene KI-Modell des Konzerns, endet am 14. September 2026. Zwischen der allgemeinen Freigabe und dem Abschalttermin liegen damit gut sechzehn Monate. Business Insider hat den Strategiewechsel zuerst berichtet, die Termine dazu hat AWS aber schon im März in seiner eigenen Modell-Dokumentation hinterlegt.[1]
Das Wichtigste in Kürze
- Nova Premier und die erste Fassung von Nova Sonic enden am 14. September 2026, Nova Canvas und Nova Reel am 30. September 2026.
- Seit März stehen die vier Modelle im Status „Legacy“: kein Fine-Tuning mehr, keine neuen Kunden, und nach 15 Tagen ohne Nutzung kann der Zugang wegfallen.
- Amazon hat Anthropic bis zu 28,7 Milliarden Euro zugesagt und verdient über Bedrock am Verkauf von Claude mehr als an den eigenen Modellen.
- Nova Canvas und Nova Reel laufen auch in der EU-Region Irland, Nova Sonic in Stockholm. Die Migration übernimmt AWS nicht.
Welche Nova-Modelle beendet AWS?

AWS hat vier Nova-Modelle als „Legacy“ eingestuft: Nova Premier, Nova Sonic in der Version 1.0, Nova Canvas und Nova Reel. Die ersten beiden enden am 14. September 2026, die beiden Medienmodelle am 30. September 2026.
Sechzehn Monate Marktzeit. Nova Premier ist am 30. April 2025 allgemein verfügbar geworden, als größtes Modell der Familie mit einer Million Token Kontextfenster.[2] Am 13. März 2026 hat AWS es auf „Legacy“ gesetzt, keine elf Monate später.
Auffälliges Muster. Aussortiert werden das teuerste Sprachmodell, das Videomodell Reel und das Bildmodell Canvas. Erhalten bleiben Nova 2 Lite, Nova 2 Sonic und der Baukasten Nova Forge, mit dem Kunden eigene Modelle trainieren. Amazon behält also das billige Massengeschäft und die Werkzeugschicht und räumt das Premiumsegment.
Warum verdient AWS an Claude mehr als an Nova?
Amazon hält eine Beteiligung an Anthropic und vermietet dem Unternehmen zugleich Rechenkapazität. Beide Erlösquellen wachsen, wenn Claude sich durchsetzt. Ein starkes Nova würde die eigene Beteiligung dagegen kannibalisieren.
Doppelte Rendite. Rund 8 Milliarden US-Dollar hat Amazon bereits in Anthropic gesteckt, im April 2026 sind laut CNBC bis zu 25 Milliarden Dollar dazugekommen. Zusammen sind das rund 28,7 Milliarden Euro (Kurs 0,87, Stand 28. Juli 2026). Anthropic wiederum hat zugesagt, über zehn Jahre mehr als 87 Milliarden Euro für AWS-Technik auszugeben.
Sichtbar in der Bilanz. Im ersten Quartal 2026 hat allein die Neubewertung der Anthropic-Beteiligung rund 14,6 Milliarden Euro zum Nettoergebnis beigetragen. Gegen diesen Effekt kommt kein Nova-Modell an, das im selben Bedrock-Katalog gegen Claude antritt. Microsoft bewegt sich genau andersherum und ersetzt zugekaufte Modelle durch eigene.
Personeller Vorlauf. Der Rückzug kommt nicht aus dem Nichts. KI-Chef Rohit Prasad hat den Konzern Ende 2025 verlassen, AGI-Lab-Leiter David Luan im Februar 2026. Im Juli hat Amazon dann Stellen in der AGI-Einheit gestrichen. Die verbliebene Frontier-Forschung führt jetzt der Robotikforscher Pieter Abbeel, das nächste Spitzenmodell soll zur re:Invent kommen. Wie viel Kapital parallel in fremde Modelle fließt, zeigt auch die AMD-Beteiligung an Anthropic.
Amazon verliert das Modellrennen nicht, sondern steigt aus einem Rennen aus, an dem es als Vermieter und Anteilseigner ohnehin mitverdient. Das ist keine Niederlage, das ist Arithmetik.
— Markus Seyfferth, Chefredakteur Dr. Web
Vier hauseigene KI-Modelle enden im September 2026, während Amazons Zusagen an Anthropic wachsen.
Der Fahrplan bei AWS
Nova Canvas und Nova Reel laufen in Irland (eu-west-1), Nova Sonic in Stockholm (eu-north-1). Europäische Deployments sind also direkt betroffen.
Kein neues Fine-Tuning, keine neuen Provisioned-Throughput-Endpunkte, keine Neukunden. Nach 15 Tagen ohne Aufruf kann der Zugang entfallen.
Was müssen europäische AWS-Kunden jetzt tun?
Nova Canvas und Nova Reel laufen auch in der Region Irland, Nova Sonic in Stockholm. Produktive EU-Deployments müssen bis zum 14. beziehungsweise 30. September auf ein aktives Modell umziehen, denn AWS migriert nichts automatisch.
Die stille Falle. Der Status „Legacy“ ist mehr als eine Vorwarnung. Neue Fine-Tuning-Jobs und neue Provisioned-Throughput-Endpunkte lassen sich seit März nicht mehr anlegen, und nach 15 Tagen ohne Aufruf kann AWS den Zugang entziehen.[1] Testumgebungen und saisonale Workloads trifft das zuerst, weil sie genau diese Pausen haben.
Regulatorische Überschneidung. Am 2. August greifen die Transparenzpflichten aus Artikel 50 der KI-Verordnung. Betroffen sind genau die generativen Medienmodelle Canvas und Reel, die vier Wochen später enden. Die Kennzeichnungspflicht für bereits erzeugte Inhalte bleibt beim Betreiber, auch wenn das erzeugende Modell verschwunden ist.
Ausweichrouten. Innerhalb von Bedrock ist Claude der naheliegende Nachfolger, zumal Anthropic mit Opus 5 auf den Preis zielt. Für Teams, die Datenhaltung und Anbieterbindung ohnehin neu bewerten, bietet Hetzners Inferenz-API auf europäischen Servern eine Alternative.
Konkret heißt das: In der Bedrock-Konsole alle Modell-IDs auflisten, die mit amazon.nova-premier, amazon.nova-sonic-v1:0, amazon.nova-canvas oder amazon.nova-reel beginnen, jede Fundstelle einem Nachfolgemodell zuordnen und die Umstellung vor Anfang September testen. Bei nur sporadisch genutzten Modellen bleibt der Zugang außerdem nur erhalten, solange die Anwendung sie regelmäßig anspricht.
Quellen
[1] Amazon Web Services: „Model lifecycle“ (Amazon Bedrock User Guide)
[2] Amazon Web Services: „Amazon Nova Premier, our most capable model for complex tasks and teacher for model distillation“
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